Polnische Fernreisen unter ungünstigem Stern

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Die Polen gehören in Europa zu denjenigen, die für Fernreisen das meiste Geld ausgeben. Allerdings ist der Markt für Reiseveranstalter nicht sonderlich solide. Im internationalen Wettbewerb mit anderen Standorten kommt das Land kaum voran.

Von Sebastian Becker

Wohl selten hat ein Bankrott in Polen ein so großes Echo erzeugt: Vor knapp anderthalb Jahren musste der Reiseveranstalter Alfa Star plötzlich die Zahlungsunfähigkeit anmelden, sodass das Unternehmen seine Kunden nicht mehr bedienen konnte. Tausende von Urlaubsgästen saßen auf einmal in Ägypten, Tunesien, Bulgarien und Griechenland fest und konnten nur unter erheblichen Schwierigkeiten wieder nach Hause zurückkehren.
Alfa Star galt jahrelang als einer der größten polnischen Ägypten-Veranstalter. Und ganze zwölf Monate zuvor hatte der Dienstleister noch Umsätze von rund 200 Millionen Zloty (50 Mio. EUR) und Gewinne von 640.000 Zloty (150.000 EUR) ausgewiesen, sodass diese Insolvenz tatsächlich wie ein Blitz aus heiterem Himmel gekommen war. Die relativ unsichere Sicherheitslage in den arabischen Ländern, die zu schlagartigen Buchungsausfällen führen könne, sei eine Ursache gewesen, mutmaßt das polnische Regionalportal Echodnia. „Dazu haben mehrere Gründe geführt“, sagte hingegen eine Sprecherin vieldeutig.

Fast alle Unternehmen, die Insolvenz angemeldet haben, standen schon vorher auf dem Index.

Jetzt hat in der zentralpolnischen Stadt Radom, wo die Firma ihren Hauptsitz hat, ein wahrer Massenprozess gegen die Verantwortlichen begonnen. Das Gericht wird insgesamt 1.500 Urlaubsgäste anhören, die Reisen bei Alfa Star gebucht hatten. Aber auch Mitglieder der Führungsriege sowie Vertragspartner des Unternehmens sollen in den kommenden sechs Monaten zu den Vorgängen befragt werden.

Fernreisen sind liebste Freizeitbeschäftigung
Dieser Fall wirbelt deswegen so viel Staub im Land auf, weil Reisen zu den wichtigsten Freizeitgestaltungen der Polen zählen. Das Lebensniveau mag zwar bei einem aktuellen Bruttomonatslohn von etwa 4.400 Zloty (rund 1.000 EUR) für westliche Verhältnisse immer noch karg sein. Doch leisten sich die polnischen Konsumenten trotzdem die Fernreise, den Pauschalurlaub oder zumindest den Wochenendausflug an die einheimische Ostsee. In Zahlen liest sich das so: 14 Prozent der Ausgaben, die die Polen insgesamt planen, sind für Reisen bestimmt. Das geht aus dem „European Sommer Barometer 2016“ hervor, das der internationale Finanzdienstleister Ferratum hat erstellen lassen. Die Osteuropäer gehören damit zur Spitzengruppe in Europa. Nur die Bulgaren (17%), die Litauer (16%) und die Schweden (15%) liegen vor ihnen.

Besonders kleine Unternehmen machen Schulden
So werden Informationen zu den Finanzen und zur geschäftlichen Entwicklung der Reiseveranstalter immer mit riesigem Interesse verfolgt. Die konservative Tageszeitung Rzeczpospolita erstellt sogar im regelmäßigen Turnus eine Tabelle von den mehr als 30 polnischen Anbietern und bewertet die finanzielle und geschäftliche Situation der Unternehmen – ähnlich wie die US-Ratingagenturen die Kreditwürdigkeit von Ländern beurteilen. Und die ständigen Berichte des polnischen Landesschuldenregisters (Krajowy Rejestr Dlugow, KRD), die die Höhe der Verbindlichkeiten der Reisebranche auflisten, finden sich in der Berichterstattung der einheimischen Medien ganz oben.
Die gesamten Schulden der Reiseunternehmen sind nach aktuellen Zahlen des KRD bis Ende März 2017 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 2 Millionen Zloty (500.000 EUR) auf 14,8 Millionen Zloty (3,5 Mio. EUR) geklettert. Die gesamten Umsätze der Branche liegen bei etwa 5 Milliarden Zloty (1,2 Mrd. EUR). Darüber hinaus liegen Nettogewinne bei weit mehr als 100 Millionen Zloty (24 Mio. EUR). Itaka, Rainbow und TUI Poland sind die drei größten Anbieter, die rund 70 Prozent der Gesamtumsätze des Marktes generieren. Sie steuern auch einen Großteil zu den Nettogewinnen bei. Es gibt viele kleinere Akteure, die kaum rentabel wirtschaften. Da ihre finanzielle Decke nur sehr dünn ist, stehen sie besonders unter Druck.
„Die Gesamtschulden der Reisebranche, die im Register stehen, mag zwar nicht hoch sein, doch bedeutet das nicht, dass man die Verbindlichkeiten vernachlässigen sollte“, mahnte Adam Lacki, der Vorstandsvorsitzende des KRD, im Gespräch mit der polnischen Nachrichtenagentur PAP. „Fast alle Unternehmen, die in den vergangenen Jahren Insolvenz angemeldet haben, waren bei uns schon ganz lange vorher auf dem Index“, sagte der KRD-Chef. Seinen Aussagen zufolge befanden sich darunter Unternehmen aus allen Kategorien – die großen Firmen genauso wie diejenigen, die nur ein paar Millionen Zloty Umsatz pro Jahr verzeichnen.

Polen, einer der größten Mörkte in Ostmitteleuropa, ist im internationen Vergleich touristisch nur wenig entwickelt. Bei vielen wichtigen Kriterien wie geschäftlichem Umfeld oder Sicherheit liegt es auf den hinteren Plätzen – weit hinter der Konkurrenz

Tourismus in Polen: Umkämpftes Terrain
So ist die Branche für Reiseanbieter in Polen ein schwieriges Terrain, das immer wieder für negative Überraschungen sorgen kann. Darüber hinaus kommt der gesamte Touristikstandort Polen zu Hause nur wenig voran, wo es darum geht, sich im internationalen Wettbewerb attraktiv zu machen. Grundsätzlich erwirtschaftet die Branche pro Jahr gerade einmal zwischen fünf und sechs Prozent am Bruttoinlandsprodukt (BIP). Damit liegt sie weit hinter dem EU-Durchschnitt, der rund zehn Prozent beträgt. Zusätzlich befindet sich Land auf dem „T&T Competitiveness Index 2017“ des Schweizer Ökonomie Forums lediglich auf dem 46. von 136 Plätzen. Polen hat sich somit in der aktuellen Studie gegenüber dem Vorjahr insgesamt kaum bewegt. Diese Stiftung für Politik und Wirtschaft erstellt jedes Jahr ein geschäftliches Barometer über die Touristikbranche, das die Wettbewerbsfähigkeit der einzelnen Standorte misst.

Standortfaktoren Gesundheit und Fachkräfte
Dabei werden unterschiedliche Kriterien bewertet wie die Sicherheitslage, die gesundheitlichen Bedingungen, die Verfügbarkeit von ausgebildeten Arbeitskräften oder die Infrastruktur. Immerhin bewerten die Fachleute die gesundheitlichen Bedingungen in Polen relativ gut: In dieser Kategorie liegt das Land auf dem 28. Rang. Sehr ungünstig schneidet der Standort ab, wenn es um die Flughäfen geht. Hier nehmen die Polen nur den 70. Rang ein. Von den ost- und mitteleuropäischen Ländern aus der Region liegen Tschechen (39. Platz), Russland (43.) und Bulgarien (45.) vor den Polen.
„Die Branche dürfte sich im laufenden Jahr sowie 2018 gut entwickeln“, zeigte sich der Vorstandsvorsitzende der Polnischen Kammer für Tourismus, Marek Ciechanowski, optimistisch – allen Problemen zum Trotz. „Wir sehen ja jetzt schon, wie die Verkäufe der Reisen für den Sommer 2017 immer stärker werden“, freute sich der Branchenvertreter.

Grafiken: Grafik Quelle: T&T Competitiveness Index 2017,