Agri-Business auf Reformkurs

Die Agrar- und Lebensmittelindustrie in Kasachstan hat sich zu einem der führenden Wirtschaftszweige entwickelt. Im letzten Jahr wurde eine der größten Getreideernten in der postsowjetischen Geschichte eingebracht. Dennoch gibt es einiges aufzuholen.

Von Alexander Stel und Dr. Julian Ries

Kasachstan, © Lena1964 via pixabay

Der Erfolg der kasachischen Landwirtschaft darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es immer noch viele Herausforderungen bei der Lagerung und Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte gibt. Nach offiziellen Angaben des kasachischen Landwirtschaftsministeriums sind es jährlich bis zu 40 Prozent der Gesamternte (Getreide, Obst und Gemüse), die durch unsachgemäße Ernte, unsachgemäßen Transport und schlechte Lagerung verderben – noch bevor sie den Verbraucher erreichen. Hauptprobleme stellen nach wie vor die schlechte Finanzausstattung, die Überalterung landwirtschaftlicher Geräte, die Schwäche der verarbeitenden Industrie und das Fehlen moderner Kühl-, Lager- und Verpackungstechnik dar.
Um das Potenzial der Landwirtschaft besser zu nutzen, beschloss die kasachische Regierung 2015 eine weitreichende Privatisierung der Landwirtschaft. Zur Förderung von Wettbewerb, Effizienz, Produktivität und Umsätzen auf dem Binnenmarkt soll bis 2021 der Anteil des öffentlichen Sektors in der Landwirtschaft von 70 Prozent auf 15 Prozent gesenkt werden. Im Januar 2016 wurde hierfür bereits eine Liste von zirka 783 zu privatisierenden staatlichen Unternehmen veröffentlicht. So wird der Kauf von staatlichen Unternehmensanteilen unter anderem auch für ausländische Investoren möglich. Viele landwirtschaftliche Kooperativen sollen so zu marktwirtschaftlichen Genossenschaften oder Betrieben umgebaut werden.

Reformprogramme für die Agrar- und Ernährungswirtschaft
Im Zuge des Reformprogrammes „Kasachstan 2050“, dessen erklärtes Ziel es ist, bis zum Jahr 2050 zu den 30 am weitesten entwickelten Ländern der Welt zu gehören, wurde im Jahr 2013 das Programm „Agrobusiness 2020“ und im Jahr 2017 das auf der Basis von „Agrobusiness 2020“ erarbeitete neue Programm für die Entwicklung der Agrar- und Ernährungswirtschaft verabschiedet. Im Rahmen dieser Programme wurden neue Fördermechanismen und -instrumente geschaffen. So ist etwa die Kompensation eines Teils der Investitionskosten vorgesehen. Dadurch sollen Investitionen zur Einrichtung neuer und Modernisierung bestehender Produktionskapazitäten unterstützt werden. Zudem will die Regierung die Kosten von Verarbeitungsbetrieben für den Ankauf landwirtschaftlicher Rohstoffe subventionieren, um die Selbstkosten zu reduzieren und die Konkurrenzfähigkeit fertiger Produkte zu steigern. Hierfür sollen den Produzenten Garantien oder Kreditversicherungen bereitgestellt werden. Verfügt der Produzent über keine Sicherungsmittel, wird ihm dennoch ermöglicht, ein Darlehen aufzunehmen. Dadurch soll der Zugang zur Finanzierung gesichert werden.
Das neue Programm widmet sich unter anderem ausdrücklich der Steigerung und Diversifizierung der landwirtschaftlichen Produktion mit dem Schwerpunkt auf besonders gefragte Produkte sowie die Produktion und den Export von verarbeiteten landwirtschaftlichen Produkten und erklärt diese zur höchsten Priorität. Größtes Hindernis für die Entwicklung ist bislang ein Mangel an günstigen Krediten. Im Rahmen dieses Programms soll für Produzenten nun der Zugang zu Krediten, vor allem zu langfristigen, sichergestellt werden. Es sieht zudem die Entwicklung landwirtschaftlicher Kooperationen und die Einbindung von Kleinstbetrieben in die Warenproduktion vor, denn diese produzieren die Hälfte des Produkts der Landwirtschaft. Dafür sollen unter anderem die Möglichkeiten zur Gründung von Dienstleistungs-Bezugsgenossenschaften genutzt und auch die Infrastruktur für die Erstverarbeitung, Lagerung und Vermarktung der Produkte entwickelt werden. Zudem zielt es darauf, die zutage getretenen Mängel des Programms „Agrobusiness 2020“ im System der staatlichen Subventionierung in der Agrar- und Ernährungsindustrie zu identifizieren und ineffiziente Subventionsmaßnahmen zu beseitigen.

Chancen für deutsche Hersteller
Trotz der volkwirtschaftlichen Bedeutung bleiben sowohl der landwirtschaftliche als auch der Nahrungsmittelsektor noch hinter ihrem Potenzial zurück. Durch die Verteuerung von Importwaren wegen der Abwertung der kasachischen Währung dürften die Verbraucher in Zukunft nach heimischen Produkten greifen. Dies bietet Chancen speziell für Hersteller von landwirtschaftlichen und Nahrungsmittelmaschinen, insbesondere deutsche. Der Sektor profitiert jedoch bereits jetzt von Gegenmaßnahmen der Regierung und speziell von der vermehrten Bereitstellung subventionierter Kredite durch staatliche Förderagenturen.

Alexander Stel ist Rechtsanwalt und Dr. Julian Ries ist Rechtsanwalt und Wirtschaftsmediator bei Integrites.

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