China: Auf Traditionen besinnen und für Neues offener werden

Hongkong bleibt einer der wirtschaftlich dynamischsten Plätze in der Welt. Für die Zukunft reicht es aber nicht aus, nur auf alte Vorteile zu bauen. Hongkong und die Hongkonger müssen sich auch neu erfinden und neue Wege gehen, ohne Traditionen über Bord zu werfen.

Von Peter Tichauer

Bunte Fähnchen in Hongkongs Stadtbild als Hinweis auf das bevorstehende Handover-Jubiläum © Peter Tichauer
Bunte Fähnchen in Hongkongs Stadtbild als Hinweis auf das bevorstehende Handover-Jubiläum © Peter Tichauer

Auf das bevorstehende Jubiläum weisen Anfang Mai eigentlich nur die bunten Fähnchen an den Laternenmasten hin. Am 1. Juli begeht Hongkong den 20. Jahrestag der Rückübertragung der Souveränität über die ehemalige britische Kronkolonie an China. Um es gleich vorweg zu nehmen: Vor zwei Jahrzehnten gab es nicht wenige, die ein Sterben der Stadt prophezeiten. Gestorben ist die Stadt nicht. Und sie konnte sich passabel durch die Stürme der globalen Wirtschaft in den vergangenen Jahren manövrieren, gerade weil sie das chinesische Hinterland im Rücken hatte. Freilich, es gab Jahre, da die Wirtschaft um die vier Prozent gewachsen ist, eine Größenordnung, die von den Hongkonger Wirtschaftsplanern noch immer als das Normale angesehen wird. Die Zeiten scheinen erst einmal vorbei zu sein. In den vergangenen Jahren ist der Zuwachs des Bruttoinlandproduktes kontinuierlich zurückgegangen: 2,8 Prozent waren es 2014, 2015 dann vier Zehntel Prozentpunkte weniger und im vergangenen Jahr „nur“ noch 1,9 Prozent. Ähnlich sieht es beim Warenumschlag aus, einem Rückgrat der Hongkonger Wirtschaft. 2015 ging das Handelsvolumen um drei Prozent zurück, im vergangenen Jahr um 0,7 Prozent. Auch beim Dienstleistungshandel musste 2016 im Jahresvergleich ein Minus von 1,4 Prozent hingenommen werden. Immerhin gehen die Ökonomen beim Hong Kong Trade Development Council davon aus, dass die Wirtschaft in diesem Jahr um zwei bis drei Prozent wachsen könnte und auch im Handel geben die Zahlen für das erste Quartal dieses Jahres Hoffnung: Sowohl die Exporte als auch die Importe sind gegenüber dem Vergleichszeitraum 2016 gestiegen – um 10,3 beziehungsweise 10,7 Prozent. Der jüngst leicht anziehenden Konjunktur in China sei Dank.

Neue Dynamik braucht die Stadt

Dennoch ist in Hongkong immer öfter, vor allem von ausländischen Beobachtern zu hören, die Stadt trete auf der Stelle und habe die Zeichen der Zeit nicht erkannt, ja drohe in der Entwicklung hinter den großen chinesischen Städten zurückzubleiben. Das sagt beispielsweise der Delegierte der Deutschen Wirtschaft in Hongkong, Wolfgang Niedermark, und verweist darauf, dass in der Stadt nach wie vor nach altem Muster gebaut werde. Von ökologischem Bauen mit zeitgemäßen Formen der Gebäudedämmung kaum eine Spur. Die Analystin beim Hong Kong Trade Development Council, Alice Tsang, macht es am smarten Alltag fest, der auf dem Festland schon zur Normalität gehört, in Hongkong aber noch in den Kinderschuhen steckt. Die Jüngeren holten auf, meint sie, die Älteren hielten aber am Gewohnten fest. Da gleicht Hongkong ein wenig Deutschland. Alice Tsang versucht eine Erklärung und verweist auf das dichte Netz von Banken und Geldautomaten, was Zahlen via Mobiltelefon überflüssig mache. Außerdem sei Hongkong vor Jahrzehnten mit der Octopus-Karte Vorreiter im smarten Zahlen gewesen. Als elektronisches Zahlungsmittel für den Nahverkehr eingeführt, ist sie heute universell einsetzbar, gerade in den kleinen Geschäften und Imbissen. „Die Karte haben wir immer dabei, mit ihr können wir all das machen, was die Chinesen über WeChat-Pay erledigen.“ Sie macht einen Unterschied zwischen Hongkong und China aus. In China würden Ideen geboren und umgesetzt. Die regulatorischen Rahmenbedingungen folgten später. Anders in Hongkong. Hier müssten erst die Regularien verabschiedet werden, ehe etwas neues eingeführt werden könne. Für mobiles Zahlen gibt es sie bisher nicht.

Aufgrund der Dichte des Einzelhandels habe auch der Online-Handel in Hongkong längst nicht die Bedeutung wie auf dem Festland. Alice Tsang meint, das Hongkonger Volumen liege vielleicht bei ein bis zwei Prozent dessen, was die Chinesen auf dem Festland realisieren. „Aber wir holen auf.“

Hongkongs Taxi-Zunft hat eine starke Lobby. Die alten roten Karossen werden als Tradition betrachtet, die es zu bewahren gilt. Zukunftsweisend ist das nicht. © iStock PamelaJoeMcFarlane
Hongkongs Taxi-Zunft hat eine starke Lobby. Die alten roten Karossen werden als Tradition betrachtet, die es zu bewahren gilt. Zukunftsweisend ist das nicht. © iStock PamelaJoeMcFarlane

Wolfgang Niedermark erwähnt noch die Taxen. Altgedient knattern sie ohne moderne Sicherheitstechnik die steilen Straßen hinab. Wer sich auf den Weg über die Grenze in das eine knappe Fahrstunde entfernte Shenzhen begibt, sieht ein ganz anderes Bild: Armaden von Elektro-Taxen aus dem dortigen BYD-Werk. Vielleicht nicht so bequem wie ein Tesla, aber umweltfreundlich und damit wegweisend. Dabei sei Hongkong ein Vorreiter in Sachen E-Mobilität, meint Wolfgang Niedermark und verweist auf die 8.000 Tesla, die auf den Straßen unterwegs sind. Die Hongkonger Taxen sind auch Henry Steiner ein Dorn im Auge. Die Hongkonger glaubten, sie seien eine gute alte Tradition, die es zu bewahren gelte. In Wirklichkeit habe die Taxi-Innung eine der stärksten Lobby-Organisationen bei der Regierung und das Festhalten an den alten und nicht mehr zeitgemäßen Karossen sei für die Stagnation symbolisch. Stagnation eher im Denken.

Henry Steiner, Grafikdesigner österreichischer Abstammung, gehört zum erlauchten Kreis der seit Jahrzehnten in Hongkong lebenden und arbeitenden Damen und Herren, zumeist mit ausländischen Wurzeln, die die Stiftung „Vision 2047“ (dem Jahr, bis zu dem der Vertrag über die Rückübertragung Hongkongs an China läuft) gegründet haben. Laut Geschäftsführerin Elaine Pickering „kein Think-Tank im eigentlichen Sinne“. „Vision 2047“ hat sich die Aufgabe gestellt, das Verständnis für Hongkong zu stärken, die Entwicklungen in der Stadt zu begleiten und vielleicht hier und da auch bei den Entscheidungsträgern Gehör zu finden, Entscheidungen zu beeinflussen. Im Gespräch mit den Mitgliedern wird deutlich, dass ihnen die Zukunft der Stadt, die sich immer mehr verändert, am Herzen liegt. Hongkong müsse sich auf seine alten Stärken besinnen, aber für Neues noch offener werden. Vor allem machen sie sich Gedanken, wie die Zukunft der Stadt aussehen kann. Henry Steiner glaubt jedenfalls nicht, dass sie nur darin bestehen könne, Offshore-Service-Zentrum für China zu sein und „mit immer mehr Zement Geld zu machen“. Professionalität müsse in allen Bereichen wieder Einzug halten. Die Stadt habe an Energie verloren, die in Shanghai oder Shenzhen, in Singapur oder Seoul auf Schritt und Tritt zu spüren sei.

Licht nicht unter den Scheffel stellen

Das bleibt freilich nicht ohne Widerspruch. Sarah Monks, Mitglied von „Vision 2047“ meint beispielsweise, dass die Hongkonger manchmal gar nicht wüssten, wie gut Hongkong eigentlich dastehe. Mit der Einschätzung, dass ihnen das alte Selbstbewusstsein verlorengegangen ist, steht sie nicht allein da. Fakt ist, dass die Hongkonger lange der Überzeugung waren, ihren Landsleuten vom Festland überlegen zu sein. Festzustellen, dass dies längst nicht mehr der Fall ist, scheint für sie zunehmend zu einem Problem zu werden. Dabei wirbt Hongkong als offene Stadt seit Jahren um die besten Talente aus der ganzen Welt. Dass darunter auch Landsleute vom chinesischen Festland sind, ist mehr als selbstverständlich. Die Hongkonger sollten weniger über die Furcht nachdenken, durch Zugezogene vom Festland überfremdet zu werden, sondern diese natürliche Konkurrenz als Ansporn betrachten. Hongkonger und Festlandchinesen müssen gemeinsam die heutigen Herausforderungen anpacken. Es gebe genug Gemeinsamkeiten, mehr als Differenzen, erklärt Mark Michelson, der früher bei InvestHK gearbeitet hat. Dorothy Chan, eine der Jüngeren im Vision-2047-Kreis, verweist auf ein Prob­lem: Die Jugend wolle doch eigentlich keine fertigen Lösungen, sondern selbst Initiative ergreifen. Erschreckend sei aber, dass die 18- bis 30-Jährigen einer jüngsten Befragung zufolge eher in sich gekehrt seien, weil sie meinten, nichts ändern zu können.

Dass sich die Regierung in wirtschaftliche Entscheidungen nicht einmischt, ist ein altes Prinzip Hongkongs. Es wird nach wie vor hochgehalten. Freilich gibt es auch aus der Hongkonger Regierung Initiativen, bestimmte Wirtschaftsbereiche zu entwickeln. Vor Jahren war dies beispielsweise die Umwelttechnik. Bei genauerem Hinschauen ist aus vielen dieser Initiativen nicht viel geworden. Hochgepuscht und dann im Sande verlaufen. Vielleicht sind es ja die Initiativen aus Peking, die Hongkong neuen Schwung verleihen werden. So wird auch bei „Vision 2047“ die Seidenstraßeninitiative als gute Chance für Hongkonger Unternehmen gesehen. In das Großprojekt könne Hongkong einbringen, was die Stadt groß gemacht habe. Worte wie Governance fallen oder Management-Know-how für das entstehende Eisenbahnsystem. Entlang der Seidenstraße Standards zu setzen, da seien Hongkonger Erfahrungen gefragt. Schön wäre es gewesen, wenn die Asiatische Infrastrukturbank mit ihrem Hauptsitz nach Hongkong gekommen wäre, sind sich die Damen und Herrn von „Vision 2047“ einig. Zur Debatte stand das jedoch nie.

Für Pessimismus über Hongkongs Zukunft gibt es wenig Grund. Die Stadt hat eine gute Basis und ihre Stärke besteht darin, dem Markt zu folgen und nicht auf Weisungen von oben zu warten. © iStock zorazhuang
Für Pessimismus über Hongkongs Zukunft gibt es wenig Grund. Die Stadt hat eine gute Basis und ihre Stärke besteht darin, dem Markt zu folgen und nicht auf Weisungen von oben zu warten. © iStock zorazhuang

Hongkong quo vadis?

Die große Frage bleibt aber, wohin Hongkongs Weg führen wird. Reicht es aus, sich auf die durchaus nicht zu unterschätzenden und immer wieder betonten Vorzüge der Stadt zu berufen: das westliche Rechtssystem, die Meinungsfreiheit, den  starken Finanz-, Dienstleistungs- und Handelssektor? Klar ist, als Produktionsstandort wird Hongkong nicht wiederauferstehen. Die Unternehmen der Stadt haben die Chance der chinesischen Öffnungspolitik Ende der 1970er-, Anfang der 1980er-Jahre genutzt und Shenzhen zu dem gemacht, was es heute ist. Bei „Vision 2047“ herrscht aber Einigkeit, dass Hongkong trotz allem ein Industriestandort ist und bleiben wird – mit neuen, industrienahen Dienstleistungen, die nicht nur den Hongkonger Unternehmen auf der anderen Seite der Grenze angeboten werden können. Mit der guten Internet- und Telekommunikationsinfrastruktur bietet sich die Stadt geradezu dazu an, Zentrum für das zu werden, was in Deutschland „Industrie 4.0“ genannt wird. „Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die vierte Generation aus den Hongkonger Unternehmen auch bereit ist, in der Industrie zu arbeiten und den Unternehmergeist ihrer Vorfahren zu zeigen“, so Sarah Monks. Danach sieht es leider nicht aus.

Zweifelsohne wird Hongkong als globaler Handelsplatz weiter seine Bedeutung haben, auch wenn die Rolle als „Tor nach China“ für internationale Unternehmen weniger wichtig wird. Denn der direkte Weg nach China wird immer einfacher. Auch in dieser Frage müssen die Hongkonger umdenken. Gleichwohl bleibt Hongkong für chinesische Unternehmen auf absehbare Zeit ein „Sprungbrett“ für ihre globalen Expansionspläne. Die lange Tradition als liberaler und offener Markt ist ein wichtiges Plus der Stadt, das sie in Zeiten, in denen protektionistische Ideen um sich greifen, etwa in der neuen Trump-Administration oder als Folge des Brexit, hochhalten muss.

Dabei muss sich die Stadt allerdings auch auf die rapiden Änderungen, die sich im globalen Handel vollziehen, einstellen. Das Internet bestimmt heute im Wesentlichen die Entwicklung, sowohl im Business-to-Business- als auch im Business-to-Consumer-Geschäft. Darauf muss sich auch Hongkong einstellen, gerade im Handel mit dem chinesischen Festland. Für Alice Tsang gibt es keinen Zweifel daran, dass die Stadt dank ihrer langen Tradition und hohen Effizienz in der Logistik und dank der gemeinsamen Sprache und Kultur auch künftig einer der wichtigsten Umschlagplätze von und nach China für chinesische Unternehmen bleibt. Hinzu komme, dass Beschaffung heute nach anderen Mustern ablaufe und nicht mehr auf Vorrat gekauft werde. Insofern bleibe Hongkong als Freihafen ohne Einfuhrzölle weiter interessant. Das nutzten auch die großen chinesischen Online-Händler für Konsumgüter wie Jingdong, T-Mall oder Alibaba. Im Übrigen habe sich das Hong Kong Trade Development Council, der größte Messeveranstalter der Stadt, auch auf das veränderte Bestellverhalten eingestellt und biete auf seinen Beschaffungsmessen mit den sogenannten Small-Order-Zonen die Möglichkeit, geringe Mengen abzurufen, was vor allem für kleinere und mittlere Unternehmen interessant sei. „Als Messeplatz werden wir auch weiter Bedeutung haben“, sagt Alice Tsang selbstbewusst. Auch wenn die Unternehmen heute über das Internet handelten, brauchten sie nach wie vor direkten Kundenkontakt. Das bewiesen die Umfragen unter den Messeteilnehmern, die seit 2008 regelmäßig durchgeführt werden. Danach hat die auf Messen mögliche Pflege des Verhältnisses zwischen Herstellern und Käufern nach wie vor genauso hohe Priorität wie das Finden neuer Kunden.

Wer dieser Tage auf die Zukunft Hongkongs zu sprechen kommt, kommt nicht umhin zu fragen, wie es mit der Formel „Ein Land, zwei Systeme“ künftig bestellt sein wird. Für Peking ist die Sache eindeutig: Keine Abstriche. In Hongkong entsteht da eher der Eindruck, dass „früher die zwei Systeme stärker im Mittelpunkt standen, heute das eine Land“, wie es Elaine Pickering von „Vision 2047“ formuliert. Auf das „eine Land“ werde es ohnehin hinauslaufen, sagt Michael Zankel, Geschäftsführer des österreichischen Logistikunternehmens Gebrüder Weiss. Für ihn gibt es keinen Zweifel daran. Er betont aber, dass dann auch das „eine Land“ ein anderes sein werde, als es heute ist. Ein Land, das sich wirtschaftlich Hongkong angenähert habe.

Für Pessimismus über die Hongkonger Zukunft gibt es wenig Grund. „Es wird sich modernisieren“, sagt Wolfgang Niedermark. Hongkong bleibt dynamisch, auch wenn es nicht immer den Anschein hat. Patrick Cheung von „Vision 2047“ ist jedenfalls davon überzeugt. Für die künftige Entwicklung gebe es eine gute Grundlage, die Menschen müssten nur in die Lage versetzt werden, aktiv zu werden. Dem Markt zu folgen und nicht auf Weisungen von oben zu warten, ist Hongkongs Stärke. Die gilt es zu bewahren.

Dieser Beitrag ist in ChinaContact 06/2017 erschienen.

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