Asien: Wir wollen Start-up-Ökosysteme verbinden

Berlin als Start-up-Zentrum Deutschlands wird auch für asiatische Jungunternehmen immer interessanter. Kooperationschancen aufzeigen und Start-up-Ökosysteme miteinander verbinden, ist ein Anliegen der Asien-Pazifik-Wochen, so die Berliner Wirtschaftssenatorin Ramona Pop im Gespräch mit AsienPazifik.

Mit Ramona Pop sprach Peter Tichauer

Ramona Pop ist Bürgermeisterin und Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe. © Erik Marquardt
Ramona Pop ist Bürgermeisterin und Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe. © Erik Marquardt
Frau Pop, die Berliner Asien-Pazifik-Wochen blicken auf zwei Jahrzehnte Geschichte zurück. Welche Bedeutung hat die Veranstaltung für den Wirtschaftsstandort Berlin?

Die Asien-Pazifik-Wochen haben sich zur wichtigsten europäischen Veranstaltungsplattform für den Dialog und die Zusammenarbeit mit asiatischen Partnern entwickelt. Während sie vor 20 Jahren vor allem die Neugier der international noch recht unerfahrenen Berliner Unternehmen auf Asien wecken sollten, stehen heute konkrete Kooperationen im Mittelpunkt. Sie haben deshalb eine wichtige außenwirtschaftliche Bedeutung, öffnen Märkte, ziehen Investitionen an. Gegenüber unseren asiatischen Partnern, den Botschaften in Berlin genauso wie den Unternehmen und Institutionen im Fernen Osten, dienen sie als gut sichtbares Zeichen unserer Asienaffinität. Das war selbst in Zeiten der Asienkrise Ende der 1990er-Jahre so. Die Formate und Themen der Asien-Pazifik-Wochen wurden in den vergangenen zwei Jahrzehnten ständig angepasst und modernisiert. Während man sich 1997 mit sehr allgemeinen Fragen des Marktzugangs beschäftigt hat, widmen wir uns nun unter den Überschriften SmartCities, Start-ups, Digitalisierung und Nachhaltigkeit sehr konkret Zukunftsthemen. Im Rahmen der Asien-Pazifik-Wochen werden aktuelle geopolitische Megatrends genauso diskutiert wie Möglichkeiten der deutsch-asiatischen Zusammenarbeit von Startup-Ökosystemen. Kurz: Wir wollen mit den Asien-Pazifik-Wochen einen Ort der Debatte schaffen und zugleich Geschäftskooperationen ermöglichen.

Wie wichtig sind die Wirtschaftsbeziehungen mit den asiatisch-pazifischen Ländern für Berlin?

Die asiatisch-pazifische Region hat in den vergangenen Jahrzehnten weltweit das mit Abstand höchste Wirtschaftswachstum erzielt, von dem auch die Berliner Wirtschaft stark profitiert. So hat sich das Exportvolumen in die Asean-Länder im vergangenen Jahrzehnt mehr als verdoppelt und erreichte im vergangenen Jahr 412 Millionen Euro. Weitaus größter Handelspartner in Asien ist China mit Exporten von 912 Millionen Euro im vergangenen Jahr, was im Vergleich zu 2016 einem Zuwachs von 245 Prozent entsprach. Im selben Zeitraum sind die Berliner Lieferungen nach Malaysia um 358 Prozent auf 147 Millionen Euro und die Lieferungen nach Indien um 218 Prozent auf 140 Millionen Euro gestiegen.

Berlin profiliert sich zunehmend als Start-up-Zentrum in Deutschland. Kein Wunder also, dass auch in diesem Jahr Start-up-Kooperationen ein Thema der Asien-Pazifik-Wochen sind. Welche Sogwirkung hat die Stadt auf junge innovative Unternehmen aus der Asien-Pazifik-Region?

Tatsächlich ist der Ruf Berlins als spannende Stadt und Start-up-Zentrum inzwischen bis nach Asien gedrungen, und wir freuen uns über Gründer und Investitionen aus dieser Region. Wir wollen mit den Asien-Pazifik-Wochen allerdings nicht nur Unternehmen aus Asien nach Berlin locken, sondern auch Berliner Start-ups Möglichkeiten für Investitionen oder Mitarbeiterwerbung in Asien eröffnen. Sie sollen mit eigenen Produkten nach Asien expandieren können. Wir wollen also ganze Start-up-Ökosysteme verbinden, um alle Akteure zu vernetzen. Infolge der letzten Asien-Pazifik-Wochen hat beispielsweise ein chinesischer Angel-Investor eine Million Euro in ein Berliner Start-up investiert, das er nun auf den chinesischen Markt begleitet. Start-up-Unternehmer haben gegenüber klassischen kleinen und mittelständischen Unternehmen den Vorteil, dass sie in aller Regel sehr gut Englisch kommunizieren, also ohne Übersetzung direkt kooperieren können. Wir gehen davon aus, dass Berlin für asiatische Unternehmen als Standort für Aktivitäten in Europa weiter an Relevanz gewinnen wird.

Wie stark sind Jungunternehmer aus der Asien-Pazifik-Region in Berlin bereits vertreten?

Die Kooperationsbeziehungen für Jungunternehmer werden in Berlin durch zwei Plattformen unterstützt, in denen diese die Möglichkeit haben, die Potenziale der jeweils anderen Standorte kennenzulernen. Zum einen gibt es die StartAlliance, die bei Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie von der Start-up-Unit ins Leben gerufen wurde. Diese Initiative zielt auf eine Vernetzung von Berliner Start-ups mit Start-up-Metropolen auf der ganzen Welt und hat unter anderem eine Kooperation mit Shanghai gestartet. Von den drei Kooperationspartnern hat sich der Inkubator Techcode sogar bereits in Berlin angesiedelt. Mit der Kooperationsplattform StartUp AsiaBerlin, die meine Senatsverwaltung in Zusammenarbeit mit der GIZ und mit Förderung des BMZ initiiert hat, verbinden wir das Berliner Start-up-Ökosystem mit den asiatischen Start-up-Metropolen Bangalore, Manila und Jakarta. Beide Initiativen zielen auf den gegenseitigen Austausch und darauf, sowohl Berliner Unternehmen in der 
asiatischen Region zu verankern, als auch asiatische Unternehmen für Berlin zu begeistern. Ein interessantes Beispiel für das Engagement eines asiatischen Jungunternehmers ist GoEuro des indischen Gründers Naren Shaam, der in Harvard studiert hat. GoEuro vergleicht Züge, Fernbusse und Flüge von mehr als 300 Partnern für die schnellste und günstigste Verbindung und erlaubt entsprechende Buchungen. Der Reisevergleich für ganz Europa hat laut Crunchbase seit seiner Gründung 2012 bereits 147 Millionen US-Dollar einsammeln können. In der Niederlassung in Berlin beschäftigt GoEuro nach eigenen Angaben 180 Mitarbeiter. Insgesamt ist die Zahl von asiatischen Gründern in Berlin allerdings noch verhältnismäßig gering, da die meisten eigene große Heimatmärkte haben: China, Indien, Indonesien und die Philippinen gehören ja zu den bevölkerungsreichsten Ländern der Welt. Viele der asiatischen Start-up-Ökosysteme sind außerdem noch sehr jung und wenig international vernetzt. Gerade hier wollen wir mit unseren Aktivitäten wie den Asien-Pazifik-Wochen ansetzen.

Was müsste in Berlin geschehen, dass sich künftig noch mehr junge Unternehmer aus asiatisch-pazifischen Ländern entscheiden, in Berlin ein Geschäft aufzubauen? Zumindest scheint es ja so, dass Kaliforniens Silicon Valley noch eine größere Anziehungskraft hat.

Wie gesagt liegen die entscheidenden Hindernisse in einer derzeit noch wenig internationalen Ausrichtung von Start-ups aus Asien. Wenn sich diese internationalisieren, schauen sie in der Tat zunächst Richtung USA. Dort wird Englisch gesprochen, dort gibt es einen großen Markt und mit dem Silicon Valley ein bereits etabliertes und sehr bekanntes Start-up-Ökosystem. Vor allem junge Inder und Chinesen orientierten sich in den vergangenen Jahrzehnten an den USA, studierten in Harvard, gründeten im Valley. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass Berlin erst ist in den vergangenen fünf Jahren in die erste Liga von Start-up-Städten aufgestiegen ist. Inzwischen zeigt das Valley erste Erschöpfungszeichen. Vor allem ist es für viele (asiatische) Gründer viel zu teuer geworden, der Wettbewerbsdruck ist sehr hoch. Viele chinesische und indische Gründer kehren nun in ihr Heimatland zurück. Gerade unter dem derzeitigen US-Präsidenten wird es für viele Ausländer zunehmend schwierig. Bei ihrer Internationalisierung schauen sie zunächst auf ihre asiatischen Nachbarn, dann nach Europa. Hier gilt es den Blick auf den größten EU-Mitgliedsstaat Deutschland und dort selbstverständlich auf Berlin zu lenken. Mit ausgezeichneten englischen Sprachkenntnissen, einem internationalen und kreativen Arbeits- und Wohn­umfeld, günstigen Lebenshaltungskosten und dem Zugang zu einem großen Binnenmarkt können wir für die deutsche Hauptstadt werben. Beim Bürokratieabbau für Bürger und Unternehmen müssen wir unsere Rahmenbedingungen allerdings noch stark verbessern, selbstverständlicher in Englisch kommunizieren und viele Amtsgänge durch Online-Angebote (eGovernement) ersetzen.

In welchen Branchen sehen Sie vor allem Möglichkeiten für Neugründungen durch asiatisch-pazifische Jungunternehmer?

Im Grunde kommen alle Berliner Schwerpunktbranchen für asiatische Gründungen in Betracht, im Start-up-Bereich insbesondere E-Commerce, FinTech, Mobilität, Energie, Gesundheit/eHealth & bioTech, Werbung/adTech, Digitalisierung und Umweltwirtschaft/cleanTech.

Kooperation ist immer ein Nehmen und Geben. Was können Städte wie Berlin von Partnern wie etwa Peking lernen, gerade wenn es um innovative Lösungen geht? Wer in Asien lebt, hat ja oft den Eindruck, dass deutsche Städte den chinesischen bei der Digitalisierung des Alltags weit hinterherhinken.

Das ist in der Tat so, die Digitalisierung des Alltags insbesondere über Mobiltelefone ist in vielen asiatischen Städten, vor allem in China sehr viel weiter fortgeschritten. Hier bezahlt man praktisch überall bargeldlos mit AliPay oder WeChat online oder im Supermarkt. Bei Telekommunikationsendgeräten geht Huawei mit sehr großen Schritten voran. Die Verbraucher sind dort sehr viel offener für digitale Lösungen beim Bezahlen und in der Kommunikation als in Deutschland. Das muss bei uns nicht automatisch ebenso werden. Aber wir können davon ausgehen, dass die Digitalisierung im Verbraucherbereich auch hier stark zunehmen wird. Wir können in China viel für die SmartCity Berlin lernen – auch von negativen Erfahrungen. Während die Digitalisierung in Asien und besonders China vom Verbraucher aus gesehen und entwickelt wird, wird sie in Deutschland häufig vom Unternehmen aus betrachtet, das seine eigene Produktion digitalisiert und einerseits mit Zulieferern, andererseits mit Kunden vernetzt. Bei Industrie 4.0 sind unsere Unternehmen also in der Regel stärker digitalisiert als ihre chinesischen Wettbewerber.

 

Dieses Interview ist in AsienPazifik erschienen – ein OWC-Extra zu den Asien-Pazifik-Wochen in Berlin.

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