Kein großes Problem?

iStock @ TommL

Kommunikation ist ein zentraler Bestandteil zwischenmenschlicher Interaktion und  kann zwischen verschiedenen Kulturen stark variieren. Vor allem wenn ein Gesprächspartner Informationen implizit verpackt und der andere explizit.

Von Dennis Völzke

In Sachen Kommunikation lassen sich Kulturen mit einem indirekten und einem direkten Kommunikationsstil unterscheiden. Kulturen mit einem indirekten Kommunikationsstil sprechen problematische Themen selten an oder bringen diese nur codiert zum Ausdruck. Von Kindesbeinen an wird vermittelt, dass ein klares „Nein“ unhöflich ist und daher vermieden werden sollte. Auch aus Gründen der Gesichtswahrung tun sich Menschen einiger Kulturen schwer damit, einen Fehler zuzugeben oder etwas nicht leisten zu können. Oftmals wird genau das kommuniziert, was der andere gerne hören möchte.
In anderen Kulturen wird dagegen eine klare Position bezogen und Konflikte werden direkt angesprochen. Die Mitglieder dieser direkt kommunizierenden Kulturen äußern ihre Meinung – und insbesondere auch Kritik – explizit und offen. In direkten Kulturen sind Äußerungen daher meist wortwörtlich zu nehmen.

Die Zwischentöne sind oft aussagekräftiger als das eigentlich Gesagte.

Wahrnehmung hat zwei Gesichter
Deutsche, Niederländer und Norweger werden beispielsweise als Vertreter einer direkten Kultur oft für ihre Offenheit, Aufrichtigkeit, Glaubwürdigkeit und Verbindlichkeit geschätzt. Ein klares „Ja“ oder „Nein“ gibt Verlässlichkeit, verhindert Missverständnisse und Unsicherheiten und wirkt ehrlich. Sobald man jedoch über kritische oder heikle Angelegenheiten spricht, kann diese grundsätzlich positive Interpretation schnell ins Negative umschlagen. Direkte Kulturen werden dann oft als unfreundlich, autoritär oder herrisch wahrgenommen.
Vertreter indirekter Kulturen wie beispielsweise Brasilien, China, Indien, Japan oder Russland wirken im Gegensatz dazu schnell vage und unentschlossen, im schlimmsten Fall sogar unehrlich, schwer durchschaubar und mehr an einer Orientierung an der Person als an der Sache interessiert.

Indirektheit dekodieren
Um negative Botschaften, Ablehnung oder Widerspruch so schonend wie möglich zu vermitteln, greifen einige Kommunikationspartner oft auf subtile Hinweise zurück. „Wir arbeiten mit voller Kraft an dem Thema“, „das ist eine ziemlich schwere Aufgabe, aber ich bin mir sicher, wir managen es“ kann mitunter als „hier gibt es ein Riesenproblem“ verstanden werden.
Wenn auf Fragen, Bitten oder potenziell kritische Aspekte nicht reagiert wird, kann dies Ablehnung bedeuten. Auch in Verhandlungen können indirekte Kommunikationspartner Punkte auf der Agenda bei Bedarf überspringen oder auf bestimmte Fragen nicht reagieren. Hier sollte vorsichtig nachgefragt werden, um ein Gegenüber nicht in die Ecke zu drängen, das sich hierzu nicht äußern kann oder will. Auch wenn man selbst verzögert reagiert, kann der Gesprächspartner, der indirekt kommuniziert, dies relativ rasch als Ablehnung interpretieren.
Wenn man auf Fragen keine Antworten hat oder diese negativ beantworten muss, vertagt man in indirekten Kulturen gerne die Antwort. Wenn hierbei keine konkreten Gründe für die Verzögerungen genannt werden, kann meist davon ausgegangen werden, dass dies ein „Nein“ bedeutet und man entsprechend reagieren muss.
In jedem Fall sollte man sich bei Projekten und Verhandlungen immer bewusst sein, dass man mit Menschen zusammenarbeitet, die mit einem anderen Kontextverhalten kommunizieren. So sollte man immer feinfühlig sein und sich vor allem zu Beginn der Zusammenarbeit viel Zeit für Gespräche nehmen. Auch gut zuzuhören ist hier eine Tugend. Die Zwischentöne sind oft aussagekräftiger als das eigentlich Gesagte.

Dennis Völzke ist Berater Internationale & Interkulturelle Zusammenarbeit bei ICUnet.AG Passau.