China: Von Dalian aus den Nordosten erschließen

Gerade wurde der Startschuss für die Entwicklung der Pilot-Freihandelszone Liao­ning gegeben. Die Hälfte der Zone befindet sich in der Hafenstadt Dalian, die damit als Ausgangspunkt für die Erschließung des nordostchinesischen Marktes an Bedeutung gewinnt.

Von Peter Tichauer

Vom Aufbau der Freihandelszone erwarten die Dalianer neuen Schwung © iStock c8501089
Vom Aufbau der Freihandelszone erwarten die Dalianer neuen Schwung © iStock c8501089

„Wir werden Shanghai kopieren und es noch besser machen“, sagte vor drei Jahren Cui Wendong, der damals in Dalians Büro für Außenhandel und wirtschaftliche Kooperation für Grundsatzfragen verantwortlich war. Gemeint hatte er die gerade gegründete Pilot-Freihandelszone in der Huangpu-Met­ropole. Drei Jahre später können die Dalianer stolz berichten, Teil der Liaoninger Pilot-Freihandelszone zu sein, die zu den sieben der „dritten Reihe“ gehört, die vom Staatsrat genehmigt wurden. Am 10. April dieses Jahres wurde der offizielle Startschuss für die Zone gegeben, die insgesamt 120 Quadratkilometer groß sein und aus drei Teilzonen bestehen wird, die in Liaonings Provinzhauptstadt Shenyang sowie in den Hafenstädten Dalian und Yingkou angesiedelt sind. „Die Hälfte der gesamten Fläche haben wir.“ Mit sichtlichem Stolz stellt das die stellvertretende Pressesprecherin der Dalianer Jinpu-Wirtschaftszone, Zhang Yiqun, fest und fügt an: „Jetzt geht es mit der Arbeit richtig los.“ Cui Wendongs Aussage mag sie in dieser Diktion nicht wiederholen und verweist darauf, dass Shanghai immerhin als Symbol für ganz China stehe. Wer aber von Dongbei (东北), den drei nordostchinesischen Provinzen, spreche, denke zuallererst an Dalian, sagt sie selbstbewusst: „Wir sind das Tor in den Nordosten, von uns geht die Dynamik in der Region aus.“

Schwung für den Nordosten

Vom Aufbau der Freihandelszone erwarten die Dalianer neuen Schwung nicht nur für ihre eigene Stadt, sondern für den gesamten Nordosten. Denn der ist in den vergangenen Jahren im einstigen industriellen Herzen des Landes ein wenig auf der Strecke geblieben. Xia Deli, der stellvertretende Generaldirektor des Büros für Außenhandel und wirtschaftliche Zusammenarbeit Dalians, will das freilich nicht ganz so krass ausdrücken. Er spricht von strukturellen Problemen in der Region, die gelöst werden müssten und könnten. Als Zentrum des produzierenden Gewerbes habe der Nordosten nach wie vor Bedeutung für die Wirtschaft Chinas. Und Dalian im Besonderen. Dafür legt er Fakten auf den Tisch. So sei das Bruttoinlandsprodukt der Provinz Liaoning 2016 im Vergleich zum Vorjahr um 2,5 Prozent geschrumpft, Dalian dagegen habe mit 815 Milliarden Yuan, etwa 111 Milliarden Euro, seine Wirtschaftsleistung um 6,5 Prozent gesteigert. Damit habe die Stadt das höchste Wirtschaftswachstum des Nordostens erreicht und bleibe für ausländische Investoren nach wie vor ein attraktives Ziel. Dafür spricht laut Xia Deli, dass entgegen dem landesweiten Trend das Volumen der ausländischen Direktinvestitionen im vergangenen Jahr gegenüber 2015 um 300 Millionen auf drei Milliarden US-Dollar gestiegen ist, auch wenn die Gesamtzahl der neuen Investitionsvorhaben geringer ausgefallen ist. 2015 waren es 222, im vergangenen Jahr 206. Am Ende zähle aber das Investitionsvolumen mehr als die Zahl der Projekte, räumt er ein. Noch wichtiger sei, dass die Investitionen in den Aufbau von Produktionen mit hoher Wertschöpfung flössen. Dafür stehe vor allem das deutsche Engagement wie die Motorenproduktion von Volkswagen. Welchen Anteil deutsche Unternehmen an den gesamten ausländischen haben, vermag Xia Deli nicht zu sagen, beziffert aber die kumulierten deutschen Investitionen mit 1,76 Milliarden US-Dollar – die Hälfte aller europäischen Investitionen in Dalian.

Zu den deutschen Vorzeigeinvestitionen gehört auch das Joint Venture von thyssenkrupp und Ansteel, TKAS Steel Co., Ltd., das 2002 gegründet wurde und ein Jahr später die Produktion aufgenommen hat. Seitdem wurde die Kapazität von 400.000 Tonnen feuerverzinktem Stahlblech für die Autoindustrie auf 1,6 Millionen Tonnen erhöht, wobei die Hälfte davon auf den Produktionsstandort in der Jinpu-Wirtschaftszone entfällt. Weitere Produktionskapazitäten wurden 2015 in Chongqing und 2016 in Kanton in Betrieb genommen. Mit dem Prob­lem der Überkapazitäten in der Grundstoffindustrie, einschließlich Stahl, muss sich auch Simon Stephan, General Manager von TKAS, auseinandersetzen. Er verweist allerdings darauf, dass dies in erster Linie mittlere und geringe Qualitäten betreffe, nicht die Produktion der verzinkten Bleche seines Werkes, für die in der nach wie vor wachsenden Autoindustrie hoher Bedarf bestehe. „Wir produzieren innovative Spitzenqualität“, sagt Simon Stephan, „fast ausschließlich für den chinesischen Markt.“ Kunden seien mit Ausnahme der koreanischen alle internationalen Unternehmen, die in China Autos bauen, zunehmend aber auch chinesische Hersteller, die im internationalen Vergleich mitreden wollten und daher immer mehr auf Qualität setzten. Den chinesischen Autofirmen gehe es heute nicht mehr nur darum, billige Fahrzeuge auf den Markt zu bringen. Rostschutz, früher kaum ein Thema, werde heute von den chinesischen Kunden erwartet. Dazu müssten die Bleche verzinkt sein und für ein ebenes Lackbild die entsprechende Oberfläche haben.

TKAS ist zudem heute mehr als nur ein Stahlwerk. „Wir haben hier eine eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung und ein Zentrum für Anwendungstechnik“, erzählt Simon Stephan. „Wir verstehen uns als Service-Anbieter.“ Das heißt, TKAS hilft Kunden auch bei der Entwicklung der Fahrzeuge. Genau das ist es, was sich die Verantwortlichen in Dalian von den ausländischen Investoren wünschen.

Made in Dalian zum Begriff machen

Für Xia Deli ist ganz klar: „Wir haben hier eine lange Tradition in der industriellen Produktion und die Industrie muss auch künftig das Rückgrat unserer Wirtschaft bleiben.“ Gleichwohl hofft er, dass der Anteil des Dienstleistungssektors am Bruttoinlandsprodukt zunimmt. Dabei sind 46 Prozent gar nicht schlecht. „In Südchina sind es aber mehr als 50 Prozent“, gibt er das Ziel vor. Ja, auch er persönlich teilt die Auffassung, dass eine gesunde Volkswirtschaft auf einer starken Realwirtschaft basieren muss, weshalb in Dalian eine Reihe von neuen Industrieclustern im Entstehen ist. So soll etwa 120 Kilometer nordwestlich vom Stadtzentrum auf der 20 Quadratkilometer großen Xizhong-Insel ein Petrochemie-Cluster entstehen – mit einer Raffineriekapazität von wenigstens 15 Millionen Tonnen.

Wenn er von Dienstleistungen spricht, meint er durchaus auch die Finanzwirtschaft oder moderne Logistik, für die mit dem Aufbau der Freihandelszone ideale Rahmenbedingungen entstünden. So erwähnt Xia Deli, dass er gern eine Niederlassung der Bausparkasse Schwäbisch-Hall in seiner Stadt sehen würde. Vor allem denkt er aber an industrienahe Dienstleistungen, um moderne Industrien entwickeln zu können. Intelligente Maschinen und Anwendungen nennt er, erneuerbare Energien und Fahrzeuge mit alternativen Antrieben oder Internet-Dienstleistungen. „Wir brauchen ein Umfeld für Innovation“, sagt er, „das fehlt uns hier noch.“ Ihm schweben Cluster für Start-up-Firmen vor, wie es sie beispielsweise rund um Suzhou gibt. Immerhin habe Dalian in Anlehnung an die zentrale „Made-in-China-2025“-Strategie eine eigene Initiative verabschiedet, die darauf ziele, „Made in Da­lian“ zu einem Begriff zu machen.

Die CNC-Bearbeitungszentren der 2008 gegründete Da­lian Guangyang Science & Technology Group gehören zweifellos schon dazu. Das Unternehmen baut inzwischen auch Roboter, die diese Zentren bedienen können. Tian Zhaoqiang, Büroleiter des Generaldirektors des privaten Unternehmens mit 600 Mitarbeitern, darunter 200 in Forschung und Entwicklung, sieht seine Firma im direkten Wettbewerb mit deutschen Maschinenbauern, „von dem wir bei der Entwicklung nur profitieren können“. „Wir haben noch viel aufzuholen“, ergänzt er. „Aber wir entwickeln uns schnell.“ Im vergangenen Jahr hat das Unternehmen laut Tian Zhaoqiang einen Umsatz von mehr als 100 Millionen Yuan gemacht, knapp 14 Millionen Euro, wobei ausschließlich an Kunden in China geliefert wurde. An Lieferungen ins Ausland werde bei Guangyang derzeit nicht gedacht: „Wir müssen erst einmal den einheimischen Bedarf befriedigen. Da haben wir noch genug zu tun“, sagt der Manager, der sich aber einen noch engeren Austausch mit deutschen Maschinenbauern wünscht.

Zukunft mit innovativen Unternehmen

Wie TKAS befindet sich auch Guangyang in Dalians Jinpu-Wirtschaftszone, die zu den ersten Wirtschaftsentwicklungszonen gehört, die mit Beginn der Reform- und Öffnungspolitik Anfang der 1980er-Jahre vom Staatsrat genehmigt wurden. Inzwischen ist die Zone zur Dalian Jinpu New Area mit verschiedenen anderen Wirtschaftszonen zusammengewachsen, eine von 18 sogenannten „Neuen Gebieten“, die es in ganz China gibt. Eine Stadt in der Stadt mit knapp 1,6 Millionen Einwohnern, deren Bruttoinlandsprodukt im vergangenen Jahr sogar noch stärker zugelegt hat als das Dalians insgesamt: Sieben Prozent waren es. Li Daogang, stellvertretender Direktor des Büros für Entwicklung und Reformen in der Verwaltung der Zone, meint, in Jinpu schlage das Herz der im Nordosten im Allgemeinen und in Liaoning im Besonderen notwendigen Reformen, was sich unter anderem an der wirtschaftlichen Vitalität zeige. So seien allein von Januar bis zum 4. April dieses Jahres 5.708 neue Unternehmen in Jinpu gegründet worden, freilich inklusive Restaurants, Geschäften und kleinen Dienstleistern für den Alltag. Insgesamt gebe es in Jinpu 130.000 Unternehmen. Wichtiger sei aber, dass die Verwaltung in den vergangenen Jahren grundlegend umgebaut wurde, was für andere Standorte im Nordosten beispielhaft sei. Mit Verwaltungsaufgaben seien heute 30 Prozent weniger Menschen befasst als noch vor wenigen Jahren. „Weniger Menschen, höhere Effektivität“, fasst es Li Daogang zusammen, der erklärt, dass die Bearbeitungszeit für die Bewilligung von Investitionsvorhaben von 30 auf drei Tage reduziert wurde. Um als Unternehmen rechtlich wirksam agieren zu können, sind fünf Zertifikate und ein Firmensiegel erforderlich: „Die bekommen die Firmen bei uns an einem Tag ausgestellt, an einer Stelle.“

Außerdem würden innovative Unternehmen besonders gefördert, ergänzt die stellvertretende Direktorin des Wirtschaftsbüros der Zone, Ma Xiulian, und zählt wie ihr Kollege im Außenwirtschaftsbüro der Stadt dieselben Branchen auf, die in der Zone besonders willkommen sind. Es sollen Engagements sein, die den Umbau zu einem modernen, intelligenten Industriestandort voranbringen. Auch deshalb wollen die Dalianer noch mehr um europäische Investoren werben. Von ihnen wird gefordert, dass sie sauber produzieren, während die Zone in den vergangenen Jahren das Umfeld für die Investoren weiter verbessert hat. Dazu gehört der Ausbau der Infrastruktur, um eine stabile Wasser- und Energieversorgung zu sichern ebenso wie beispielsweise die Optimierung der Zoll-Abwicklung. Traditionell sind in der Stadt aufgrund der geografischen Nähe japanische und koreanische Investoren stark vertreten, die vor allem von den günstigen Kosten profitiert haben. Die Kosten sind auch in Dalian längst nicht mehr so günstig wie in den Anfangsjahren der Öffnungspolitik, was laut Xia Deli zu einer Abwanderung japanischer Unternehmen nach Südostasien geführt habe, wobei sie damit auch der japanischen Regierungsstrategie zu mehr Engagement in der Region gefolgt seien. Inzwischen kämen sie aber zurück, stellt Xia Deli fest, denn hier hätten die Unternehmen anders als in Südostasien stabile Zulieferstrukturen.

Und gut ausgebildete Arbeitskräfte. Für Dalianer ist es noch kein Makel, sich bei der Arbeit die Hände schmutzig zu machen, wie das in vielen Orten Südchinas der Fall ist. Wer anspruchsvolle Arbeit habe, bleibe hier seinem Unternehmen treu, stellt auch Simon Stephan fest. Grundsätzlich müssen sich aber auch Dalian und die Jinpu-Wirtschaftszone Gedanken darüber machen, wie sie dafür sorgen, dass Unternehmen Arbeitskräfte mit den entsprechenden Qualifikationen zur Verfügung stehen. Guangyang-Manager Tian Zhaoqiang erzählt, dass die Ausbildung derzeit vor allem auf den Schultern der Unternehmen liege. In seiner Firma werden die Mitarbeiter ein bis drei Jahre ausgebildet, was eigentlich mehr oder weniger ein Lernen beim Arbeiten ist. „Wir müssen noch mehr vom deutschen System der Berufsausbildung lernen“, sagt er. Wenn im Übrigen von mehr Dienstleistungen gesprochen wird, die in der Stadt gebraucht werden, geht es ebenso um Bildungsangebote wie um bessere medizinische Versorgung und Altenpflege. „Hier sollten sich künftig noch mehr ausländische Unternehmen engagieren“, sagt Xia Deli, der ebenso Potenzial beim Ausbau der städtischen Infrastruktur sieht. Weitere Wasser- und Abwasserwerke oder Müllentsorgungsbetriebe müssen in den kommenden Jahren in Dalian aufgebaut werden. „Da haben die Deutschen doch gutes Know-how.“ Konkret wird er nicht und verweist auf öffentliche Ausschreibungen. Ein Teil der Projekte könnte nach seiner Ansicht als sogenannte Built-to-Operate-Vorhaben ausgeschrieben werden.

Tor in den Nordosten

Ob Dalian in den kommenden Jahren „besser als Shanghai“ sein wird, bleibt abzuwarten. Ein Motor für den Nordosten ist die Stadt allemal. Ma Xiulian hat sicherlich mit ihrer Aussage Recht, dass Unternehmen, die neu nach China kommen, nicht als erstes an Dalian denken werden. „Wer aber das Potenzial des Nordostens heben will, sollte zu uns kommen.“ Und sie verweist darauf, dass Dalian nicht nur das Tor nach Nordostchina ist, sondern auch ein Standort, von dem aus sich sowohl der chinesische als auch der nordostasiatische Markt erschließen lässt.

Dieser Beitrag ist in ChinaContact 05/2017 erschienen.

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