„Kirgisistan bleibt Nische“

Zum zweiten Mal trafen sich deutsche und kirgisische Wirtschaftsvertreter und Politiker in Bischkek. OstContact sprach mit Jörg Hetsch, dem Delegierten der Deutschen Wirtschaft in Zentralasien, über Chancen und Potenziale in Kirgisistan.

Jörg Hetsch, Delegierter der Deutschen Wirtschafft für Zentralasien und Vorsitzender des Verbandes der Deutsche Wirtschaft in der Republik Kasachstan

Herr Hetsch, wie ist der Tag der Deutschen Wirtschaft in Kirgisistan verlaufen?
Hetsch: Beim Tag der Deutschen Wirtschaft in Bischkek standen die Themen „Lebensmittelproduktion und Landwirtschaft“ sowie „Energie und Innovation“ im Mittelpunkt. Behandelt wurden auch Themen wie „Wirtschaftsförderung made in Germany“ und Projektfinanzierung Es war aus meiner Sicht eine gute Veranstaltung, die deutschen und kirgisischen Unternehmern viel Raum für Gespräche untereinander und mit staatlichen Entscheidungsträgern ließ. Von deutscher Seite nahm eine Wirtschaftsdelegation unter Leitung von Hans-Joachim Fuchtel, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, teil. Die  kirgisische Seite war unter anderem durch den Vize-Premierminister für Wirtschaft und Investitionen, Abuglasijew Muchammetkalyj, hochrangig vertreten.

Energieeffizienz ist ein großes Thema in Kirgisistan.

Mit einem BIP von rund 6 Milliarden US-Dollar ist das zen-
tralasiatische Land mit seinen 8 Millionen Einwohnern eher arm. Im Vergleich zu Kasachstan sind die Gas- und Erdölvorkommen Kirgisistans eher unbedeutend. Was hat das Land zu bieten?
Hetsch: Sie haben recht, Kirgisistan mit einem Exportvolumen von 52 Millionen Euro nach Deutschland  fällt natürlich im Vergleich zu Kasachstan (rund 1,1 Mrd. EUR) weit zurück. In Kasachstan ist allein durch die Erd- und Gasvorkommen mehr Geld im Land. Die meisten deutschen Unternehmer mit Zentralasien-Aktivitäten sind darum in Kasachstan aktiv. Ich würde sagen, dass Kirgisistan ein Nischenmarkt in Zentralasien bleibt. Diejenigen, die herkommen, sehen einen Bedarf bei der Lieferung von Maschinen und Anlagen unter anderem für Lebensmittelproduktion, Technologien für Energieerzeugung und -effizienzsteigerung, Landtechnik et cetera, müssen sich aber gemeinsam mit ihren lokalen Partnern intensiver um Finanzierungsmodelle kümmern, als dies beispielsweise in Kasachstan der Fall ist. Von den rund 360 deutschen Firmen in Kasachstan ist leider nur eine Handvoll in Kirgisistan tätig.

In welchen Bereichen sind deutsche Unternehmen in Kirgisistan aktiv?
Hetsch: Zum Beispiel im Energiesektor. Die Schmidt Group hat beispielsweise im letzten Jahr bei Bischkek eine Produktion von Photovoltaikanlagen aufgenommen. Ebenso bietet die Agrarindustrie einen interessanten Markt für deutsche Firmen, die Maschinen und Anlagen verkaufen. Die große Frage ist und bleibt aber die nach der Finanzierung.

Wie viel weiteres Potenzial gibt es in diesen Bereichen für deutsche Unternehmen denn?
Hetsch: Energieeffizienz ist ein großes Thema. Wir haben es gewählt, nicht nur weil es gerade Trend ist, sondern weil in Kirgisistan ein Wasserkraftpotenzial vorhanden ist, das bei rund 140 Millionen Megawattstunden liegt. Ebenfalls ist die Frage, wie in Kirgisistan Energieverluste vermieden werden können,  auf großes Interesse der Teilnehmer gestoßen. Das Potenzial ist vorhanden. Im Bereich Elektrotechnik ist das Marktpotenzial schwieriger zu bewerten.

In Europa setzen Maschinen- und Anlagenbauer auf die Digitalisierung. Wie bewerten Sie die Entwicklung in Kirgisistan?
Hetsch: Das ist sicher eher ein Zukunftsthema für Kirgisistan. Hier müssen erst einmal Grundlagen geschaffen werden wie gesicherte Finanzierung und Investitionen in moderne Anlagen. Ich beobachte aber zum Beispiel ein ernsthaftes Ansinnen der kirgisischen Unternehmen, Maschinen und Anlagen zu importieren, um dann selbst eine Produktion aufzubauen. Hier hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass es nur in sehr ausgewählten Nischen für deutsche Investoren interessant ist vor Ort zu produzieren. In Kirgisistan wartet man natürlich auch gern auf Investoren, ist aber mehr als bereit, selbst und aus eigener Kraft zu produzieren.
 
Vor welchen weiteren Herausforderungen steht die kirgisische Wirtschaft?
Hetsch: Obwohl reichlich Interesse an Geschäften in Kirgisistan vorhanden ist, hapert es, wie bereits mehrfach erwähnt, oftmals an der Finanzierung. Das hat man hier in Unternehmerkreisen auch ganz genau begriffen und versucht,  auch den kirgisischen Staat in die Pflicht zu nehmen, die hiesigen Unternehmen mit günstigen Krediten und Finanzierungen zu unterstützen. Bisher ist die Zahl der in Kirgisistan tätigen deutschen Unternehmen leider mehr als überschaubar. Dennoch gibt es Möglichkeiten. Dies war die Botschaft des 2. Tages der Deutschen Wirtschaft in Kirgisistan.

Das Gespräch führte Dominik Vorhölter.

Foto: AHK Zentralasien (c) Rinderspacher