Russland: AvtoVAZ sucht sein Heil in Deutschland

Putin pro Lada: Der Präsident ist überzeugt, dass die Marke den
Westen erobern wird.

Die politischen Konflikte mit der EU haben dazu geführt, dass die Autokonzerne in Russland in den vergangenen Jahren stark in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Russlands größter Hersteller setzt aufs Exportgeschäft.

„Wir wollen auch die Limousine Lada Vesta nach Deutschland exportieren“, kündigte Jan Ptacek an, der leitende Vizepräsident des russischen Auto-Riesen AvtoVAZ. „Wir haben dort bereits einen Partner, der schon andere Modelle für uns vertreibt“, sagte der 47-jährige Manager, der für den Verkauf und das Marketing zuständig ist.
Hintergrund: Der Lada Vesta gehörte 2016 zu den fünf populärsten Fahrzeugen in Russland. Die russischen Auto-Hersteller verstärken den Export, weil der einheimische Markt insgesamt sehr unter Druck steht.

Ausweichen nach Deutschland

Wie die internationale Unternehmer-Vereinigung Association of European Business (AEB) berichtet, sind die Verkaufszahlen in Russland im vergangenen Jahr im Vergleich zum Vorjahr um 11 Prozent auf 1,42 Millionen Fahrzeuge zurückgegangen. Zum Vergleich: Die Autokonzerne aus der gesamten EU haben sich 2016 wesentlicher besser als die Unternehmen in Russland entwickelt und ein Plus von 6,8 Prozent auf 14,6 Millionen Fahrzeuge verzeichnet. Die russischen Produzenten werden nach wie vor von den anhaltenden politischen Spannungen zwischen der EU und Moskau belastet. AvtoVAZ und andere Unternehmen konzentrieren sich daher verstärkt auf den deutschen Markt, den größten Standort innerhalb der EU. 2016 hat AvtoVAZ seinen Absatz in Deutschland um 43 Prozent erhöht. Mit nur 1.700 Fahrzeugen allerdings von einem niedrigen Niveau aus. Die Russen verkaufen dort bereits die Limousine Lada Granta, die im Niedrigpreissektor angesiedelt ist und vorwiegend in Kasachstan hergestellt wird, sowie den Sport- und Nutzwagen (SUV) Lada Taiga 4×4. „Unser Verkauf ist dort bereits im vergangenen Jahr stark gestiegen“, unterstrich Verkaufs- und Marketingvorstand Ptacek, der eigentlich vom französischen Allianz-Partner Renault stammt und erst im Juli 2016 diesen Posten bei den Russen übernommen hat, um die Position des Konzerns am Markt zu stärken. Ladas Exporte waren in den vergangenen Jahren stark rückläufig. 2016 hat sich die Zahl der Ausfuhren im  Vergleich zum Vorjahr um rund ein Drittel auf knapp 20.000 Wagen verringert. Die Erwartungen, die der Konzern an Ptacek stellt, sind hoch. Dabei sieht es nach mehr als einem halben Jahr so aus, dass der tschechische Unternehmenslenker, der bereits für Renault in anderen Ländern wie Tschechien und Frankreich erfolgreich die Geschäfte organisiert hat, dem großen Druck standhält, der auf ihm lastet. AvtoVAZ, mit einem Marktanteil von rund 20 Prozent die Nummer eins in Russland, gehört derzeit zu den Unternehmen, die noch vergleichsweise gut mit den Problemen fertig werden, welche die gesamte Branche belasten.

Russische Fahrzeuge gefragt

Die Statistiken sprechen für den Konzern mit Hauptsitz in der westrussischen Stadt Toljatti: Im Dezember des vergangenen Jahres hat er 18 Prozent mehr Fahrzeuge der Marke „Lada“ unter die Kunden gebracht als noch zwölf Monate zuvor. Laut AEB-Zahlen haben die Russen insgesamt 27.630 Wagen verkauft. Damit gehören sie zu den Herstellern mit den größten Zuwächsen. Die Nummer zwei, Hyundai, erhöhte ihre Absatzzahlen um zwölf Prozent auf mehr als 14.000. Renault, der französische Partner von AvtoVAZ aus der gemeinsamen Allianz, vergrößerte seine Verkäufe um 15 Prozent und landete mit fast 13.800 Wagen auf dem dritten Rang.

Diese positive Entwicklung der drei größten Hersteller führte dazu, dass der Markt im Dezember insgesamt seine Rückgänge eindämmte, die er das gesamte Jahr hinweg verkraften musste. Letztlich ging die Absatzzahl aller Hersteller im letzten Monat des Jahres im Vergleich zum Vorjahreszeitraum nur um ein Prozent auf fast 145.700 zurück. Im gesamten Jahr waren die Verkäufe um 11 Prozent auf 1,4 Millionen eingebrochen.

Der Großteil der deutschen Hersteller profitierte allerdings nicht von dieser jüngsten positiven Entwicklung: VW, die Nummer sechs am Markt, verringerte im Dezember seine Verkäufe um vier Prozent auf fast 7.600 Wagen. Im Gesamtjahr stand ein Rückgang von 5 Prozent auf etwa 74.200 Fahrzeuge in den Büchern.

Ähnlich verlustreich liefen auch die Geschäfte von Mercedes-Benz: Im gesamten Jahr reduzierten sich die Verkäufe um 11 Prozent auf fast 37.000. Immerhin dämmte der Konzern im Dezember die Rückgänge auf 6 Prozent ein, sodass unterm Strich mehr als 2.600 Fahrzeuge in der Bilanz standen. Einzig und allein BMW musste keine Rückgänge verkraften: Der Münchner Hersteller stagnierte 2016 bei etwa 27.500 Wagen. Im Dezember gab es dann sogar ein Plus von neun Prozent und notierte knapp 2.400 Fahrzeuge in den Verkaufsbüchern.

Weitere Entspannung erwartet

Allerdings rechnen Branchenvertreter damit, dass sich die Geschäfte im laufenden Jahr wieder verbessern. „Der Markt hat das Potenzial, 2017 die Durststrecke mit Rückgängen zu beenden, die bislang seit vier Jahren andauert“, sagte Jörg Schreiber, Vorstandsvorsitzender der Branchenvereinigung AEB. Seinen Aussagen zufolge könnte es wieder ein moderates Wachstum geben.

„Die Gesamtverkäufe dürften im Land im Vergleich zum Vorjahr wieder um fünf Prozent steigen“, erklärte der CEO von AvtoVAZ, Nicolas Maure. „Die Wirtschaft wird insgesamt wieder verstärkt wachsen.“  Dass sich der russische Markt wieder verbessern könnte, ist für seinen Kollegen im Vorstand Ptacek, der sich ums Auslandsgeschäft kümmern soll, allerdings weniger wichtig. „Wir wollen 2017 unseren Export mindestens um 50 Prozent erhöhen“, so der Verkaufs- und Marketingvorstand optimistisch. sb

Dieser Beitrag erscheint in: German Mittelstand in Russland 2017

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