Polen: Ungewöhnliche Einigkeit mit den Industriebossen

Gewerkschaften ziehen bei der Modernisierung der Wirtschaft bedingungslos mit Unternehmensvertretern an einem Strang. Diese Solidarität ist sehr selten.

Die größte Gewerkschaft Polens steht hinter einer Modernisierung des Landes. © iStock
Die größte Gewerkschaft Polens steht hinter einer Modernisierung des Landes. © iStock

Polen hat eine ziemlich einfache Wirtschaft“, sagt Marek Lewandowski. „Die Produkte werden hier immer noch auf eine verhältnismäßig einfache Weise hergestellt“, führt der Gewerkschaftsvertreter weiter aus. Und gerade deswegen sind seiner Meinung nach die Löhne und Gehälter so gering. „Unsere Wirtschaft braucht aus diesem Grund die Hochtechnologie, die mit Sicherheit keine Bedrohung für die Arbeitsplätze ist, sondern eine Chance für uns“, erklärt Lewandowski auf Anfrage von OstContact.

Automatisierung als Chance

Der Arbeitnehmervertreter ist der Sprecher der NSZZ „Solidarnosc“ – der größten Gewerkschaft in Polen – und steht ganz klar hinter einer Modernisierung seines Landes. Polen setzt derzeit auf die Einführung der Industrie 4.0, um seinen Standort für internationale Investoren noch attraktiver zu machen. Es geht mitunter darum, die Produktion mit modernen Kommunikations- und Informationstechnologien zu verbinden. Seit Anfang des vergangenen Jahres fördert die polnische Regierung dieses Konzept mit einem besonderen Programm. Da die Unternehmen dabei die Herstellung zunehmend automatisieren und Roboter einsetzen, wurden im Land Stimmen laut, dass dadurch Arbeitsplätze gefährdet würden.

Hintergrund: Der britische Einzelhandelskonzern Tesco und die polnische Lebensmittelkette „Piotr i Pawel“ wollen im kommenden Jahr in ihren Filialen in Polen Selbstbedienungskassen einführen. Dabei handelt es sich um ein System, mit dessen Hilfe die Kunden die Waren alleine kassieren können, Wie das einheimische Fachportal für das Personalwesen, www.pulshr.pl, berichtet, könnten dann im Einzelhandel viele Arbeitsplätze entfallen.

Wo normalerweise vier Kassiererinnen notwendig sind, wird nur noch eine Arbeitskraft beschäftigt. Diese hat die Aufgabe, die Kassen zu überwachen und den Kunden Hilfestellung zu leisten, wenn es beim Kassieren Probleme gibt, schreibt die Publikation. Dies könnte für die gesamte Wirtschaft Polens von großer Bedeutung sein, weil der Einzelhandel eine spürbare Größe hat. Die Branche beschäftigt rund zwei Millionen Mitarbeiter – das sind 15 Prozent aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Polen. 250.000 finden in den ausländischen Ketten Arbeit. 60 Prozent davon sind Frauen, wovon wiederum ein Drittel über 50 Jahre alt ist.

Dass durch die Einführung von Selbstbedienungskassen im Land massenhaft Arbeitsplätze wegefallen könnten, hält Gewerkschaftssprecher Lewandowski allerdings für sehr übertrieben:
„Diese Argumentation erinnert mich an den Beginn der Industriellen Revolution im 18. Jahrhundert“, sagt hingegen Lewandowski. Seinen Ausführungen zufolge hat man damals Maschinen zerstört, aus Angst, diese könnten die Arbeitsplätze vernichten und damit die Mitarbeiter angeblich in die Katastrophe führen. „Doch ist das Gegenteil der Fall“, findet der Arbeitnehmer-Vertreter. „Die Einführung neuer Technologien könnte helfen, den demografischen Problemen entgegenzuwirken, die wir zunehmend in Polen haben“, so Lewandowski. Die polnische Gesellschaft altere immer mehr, sodass zukünftig schlichtweg viele jungen Mitarbeiter fehlen, um die Arbeit zu übernehmen. „Die Automatisierung kann hier eine Chance sein“, erläutert der Arbeitnehmervertreter.

Damit äußern sich die Gewerkschaften im einem ähnlichen Ton wie die Vertreter der Unternehmen. In Polen ist es sehr ungewöhnlich, dass beide so bedingungslos an einem Strang ziehen. Die Arbeitnehmervertreter können mitunter mit ihrem starken Einfluss gerade bei internationalen Investoren für unangenehme Überraschungen sorgen. Insgesamt sind 1,6 Millionen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den etwa 12.900 Einzelgewerkschaften organisiert.

Bergbauindustrie ist für Roboter

Am stärksten sind die Gewerkschaften in der Bergbauindustrie, wo 72 Prozent aller Beschäftigten Mitglied einer Arbeitnehmer-Vertreter-Organisation sind. In dieser Branche ist die Skepsis gegenüber der Privatisierung und freiem Unternehmertum dementsprechend am größten. Unvergessen ist immer noch das Jahr 2005, als die Kumpel zu Tausenden mit erhobener Spitzhacke versuchten, das Parlament in Warschau zu stürmen. Die damalige postkommunistische Regierung wollte ihnen ihre Rentenprivilegien nehmen, die den Staat außergewöhnlich viel Geld kosten. Erst als man schnell davon Abstand nahm, zogen sich die Bergleute zurück. Die Gespräche mit ihnen sind für keine Regierung angenehm.

Einige Bergwerke sind zwar schon privatisiert, eine grundlegende Modernisierung hat es hier aber aufgrund des heftigen Widerstands nie gegeben. Grundsätzlich betrifft die Modernisierung der Industrie auch die Zechen – und zwar besonders deswegen, weil ihre Ausrüstung als veraltet gilt. Und für Veränderungen haben die Kumpel eigentlich noch nie ein offenes Ohr gehabt. Deswegen ist die Unterstützung des Programmes Industrie 4.0 durch die Gewerkschaften ungewöhnlich. Und Lewandowski betonte noch einmal: „Dies bedeutet unsere Zukunft.“ sb

Dieser Beitrag erscheint in: OstContact 03/2017

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