Zeit für Landwirtschaft 4.0?

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Die russische Landwirtschaft hat sich in den vergangenen drei Jahren überdurchschnittlich entwickelt. Die größten Umwälzungen in Gestalt von „Smart Farming“ stehen ihr allerdings noch bevor.

Ein Gastbeitrag von Tadzio Schilling 

Die russische Landwirtschaft hat in den vergangenen Jahren eine beeindruckende Entwicklung zollzogen. Während die Wirtschaft 2015 und 2016 um minus 3,7 Prozent beziehungsweise minus 0,6 Prozent einbrach, nahm die landwirtschaftliche Produktion um 3 Prozent beziehungsweise 1,9 Prozent zu. Diese Entwicklung, in erster Linie eine Folge des im August 2014 eingeführten Agrarembargos sowie der Rubelabwertung, verliert jedoch zunehmend an Schwung.
Zum einen ist unklar, ob das Agrarembargo über 2018 hinaus weitergeführt werden soll und zum anderen hat die Inflation anfängliche wechselkursbedingte Produktivitätsgewinne zu einem großen Teil wieder ausgeglichen. Obschon sich das Wachstum nach 2020 wieder erholen dürfte, bedarf es eindeutig eines neuen Ansatzes, um die positiven Errungenschaften der vergangenen Jahre nicht zu verlieren und im internationalen Vergleich nicht zurückzufallen.

Ungebrochener Modernisierungsbedarf
Zwar zeigt die Politik der Importsubstitution in der Landwirtschaft durchaus Wirkung. So ist der Anteil der Einfuhren in den wichtigsten Lebensmittelkategorien stark zurückgegangen und die meisten der im Rahmen des Regierungsprogramms zur Entwicklung der Landwirtschaft 2013 bis 2020 gesteckten Ziele konnten vorzeitig erreicht werden. Auch ist die Produktivität in der Landwirtschaft in den vergangenen Jahren schneller gewachsen als in anderen Sektoren, dennoch liegt Russland im Vergleich mit führenden Agrarnationen weiter zurück. So bearbeitet etwa ein Traktor in Russland im Schnitt eine Fläche von 247 Hektar, in den USA sind es 38 Hektar und in Frankreich gar nur 14 Hektar pro Traktor. Um die Modernisierung voranzutreiben, sieht das erwähnte Regierungsprogramm einen jährlichen Investitionszuwachs von mindestens 3 Prozent vor, ein Wert, der bisher jedoch nur 2013 erreicht wurde.

Es bedarf eines neuen Ansatzes, um nicht zurückzufallen.

Beginnende Digitalisierung des Agrarsektors
Vor diesem Hintergrund hat Vize-Premier Arkadij Dworkowitsch im vergangenen Oktober die Ministerien für Landwirtschaft, für Industrie und Handelsowie für Kommunikation damit beauftragt, einen Aktionsplan zur Digitalisierung der Landwirtschaft auszuarbeiten. Zwar werden gegenwärtig nach Schätzung von Alexander Sisow von Sovekon nur 10 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche mit Spitzentechnologie bearbeitet, dennoch wurden bereits zahlreiche zukunftsweisende Projekte in die Wege geleitet.
So soll bis 2018 im Rahmen des Projekts „Agropolis“ in der Sonderwirtschaftszone Innopolis in Tatarstan ein vollautonomer Mähdrescher gebaut werden und in Kaluga kommen bereits heute Precision Farming Technologien zum Einsatz, welche einen ressourcenoptimierten Einsatz von Saatgut, Wasser, Düngemitteln und Pestiziden ermöglichen. Daneben sind zahlreiche Regionen bereits dabei, den kompletten landwirtschaftlichen Fuhrpark an das russische Satellitennavigationssystem anzuschließen, um eine effizientere Auslastung zu erzielen.

Ausländische Unternehmen mit Startvorteil
Es überrascht kaum, dass ausländische Hersteller das Potenzial dieses in vieler Hinsicht noch in den Kinderschuhen steckendenden Zweigs der russischen Landwirtschaft bereits erkannt haben. So gehört etwa die deutsch-russische Agrarholding EkoNiva zu den Pionieren des Precision Farming in Russland. Im vergangenen Jahr lancierte der deutsche Landmaschinenhersteller Claas zusammen mit dem russischen Mobilfunkanbieter MTS ein Projekt, bei dem Mähdrescher Telematikdaten nahezu in Echtzeit an Kontrollserver übermitteln.
Und im Februar 2017 kündigte Bayer an, gemeinsam mit dem Fonds für die Entwicklung von Internet-Initativen (FRII) auf dem Gebiet der Digitalisierung der Landwirtschaft tätige Start-ups auszuwählen und sowohl finanziell als auch ideell zu fördern. Ohne Zweifel verfügen ausländische Unternehmen dank technologischen Vorsprungs und globaler Erfahrung über einen Startvorteil bei der Einführung und Förderung von Smart Farming Methoden, der ihnen auch in einem schwieriger gewordenen Marktumfeld gute Wachstumschancen eröffnen dürfte.

 

Tadzio Schilling 
ist Associate Director bei Ernst & Young (CIS) B. V.