„Für die Zukunft gebaut“

Serra Sayman, General Manager des Herstellers von Antriebstechnik SEW Eurodrive, blickt zurück auf eine erfolgreiche Dekade und rechnet weiter mit starkem Wachstum – trotz zahlreicher Herausforderungen und Unsicherheiten.

General Manager von SEW Eurodrive in der Türkei Serra Sayman.

Frau Sayman, Sie arbeiten seit exakt zehn Jahren für SEW. 2012 haben Sie eine neue Anlage in Gebze eröffnet. Wie hat sich das Unternehmen entwickelt?
Sayman: Wir haben mit einem kleinen Büro und ein paar Vertriebsmitarbeitern angefangen – ohne Service oder Montage. 2007 stieß ich dazu. Die türkische Wirtschaft boomte, also entschied sich SEW zu investieren. Wir brauchten zwei bis drei Jahre, um alles zu regeln. In den Industriegebieten in der Türkei sind Zulassungen und Genehmigungen deutlich strikter. 2012 haben wir eröffnet. Wir haben jetzt alle Produktgruppen in unserem Portfolio vor Ort und ein recht großes Service-Team. Die Anlage misst 11.000 Quadratmeter, davon 2.500 Quadratmeter für das zweistöckige Bürogebäude, der Rest ist Werkhalle. Der erste Stock der Büros ist voll ausgelastet, wir haben gerade damit begonnen, den zweiten zu nutzen. Seit 2007 hat sich unser Umsatz verdreifacht. Wir haben hier für die Zukunft gebaut.

Unter Ihren Kunden gibt es viele ausländische Unternehmen. Wegen der derzeitigen Umstände in der Türkei überdenken viele ihre Investitionen. Wie sehen Sie die momentane Lage? Beeinträchtig sie Ihre Geschäfte?
Sayman: Natürlich haben wir viele große ausländische Unternehmen in der Türkei als Kunden. Aber im Vergleich zu den  türkischen Unternehmen ist ihr Anteil eher gering. Die Wirtschaft hat sich in der Vergangenheit rasant entwickelt. Letztes Jahr hatte sie das höchste Wachstum in Europa. Unser eigenes Wachstum war höher als wir geplant hatten. So wie ich das sehe, sind Kapitalanlagen derzeit etwas auf Halt. Aber in unserem Bereich steigen sie immer noch. Bisher hatten wir also keine Probleme.Wir haben viel OEM-Geschäft. Aber die stärksten Industrien in den vergangenen drei bis vier Jahren waren Maschinenbau und Services, vermutlich gefolgt von Tabak und Automotive. Auf der anderen Seite gab es nur wenige Branchen, die sich schlecht entwickelt haben, etwa Kohle. Dieses Jahr wird es vermutlich etwas schwieriger. Aber das ist nicht neu. Ich glaube, in der Zukunft werden wir immer noch Wachstum sehen. Aber es war noch nie leicht abzusehen, was in der Türkei passieren wird. Sie ist anders als andere Schwellenländer.

Wie gehen Sie mit diesem unsicheren Umfeld um?
Sayman: Wie sind solche Situationen in der Türkei viel stärker gewöhnt. Wechselkurse beschäftigen uns andauernd. Wir haben immer eine höhere Inflation als andere europäische Länder. Wir haben immer Schwierigkeiten mit Zöllen und Steuern. Es ist nicht einfach, einen Fünfjahresplan aufzustellen. Dennoch – in den letzten zehn Jahren gab es nur 2009 kein Wachstum. Schauen Sie, was damals passierte: Die Krise hatte uns weit weniger getroffen als Europa. Wir haben unsere Pläne und Berechnungen immer bereit, um uns anzupassen, an was immer geschieht.

Thema Euro: Wie gehen Sie mit den ständigen Währungsschwankungen um? Geben Sie Preissteigerungen an die Kunden weiter? Und wie reagieren die?
Sayman: Wir produzieren in Deutschland, die Preise werden in Euro ausgegeben. In der Türkei passen wir sie an. Alle türkischen Kunden wissen das. Sie sind es gewohnt. Sie importieren und exportieren selbst. Niemand wird dagegen Einwände haben, denn sie tun das in ihren Unternehmen ja genauso.

Unterstützt Ihr Headquarter in Deutschland Ihre Situation hier?
Sayman: Ich würde sagen, dass für uns „think global, act local“ wirklich funktioniert. Die Zentrale verfolgt unsere Situation, wir haben unsere Diskussionen und Pläne und agieren lokal, entsprechend den Markterfordernissen.

Wie ist der Wettbewerb in der Türkei?
Sayman: In unserem Produktbereich sind wir das größte internationale Unternehmen in der Türkei, mit einem Marktanteil von zirka 10 Prozent. Lokale Hersteller haben rund 50 Prozent. Die Türkei ist ein sehr kompetitiver Markt, besonders im mechanischen Teil unseres Geschäfts. Es gibt nicht wirklich viele chinesische Marken hier – in der Türkei gibt es eine Menge eigener Expertise und gute Ingenieure, plus günstigere Produktionskosten als in Europa. Sie sind sicher nicht auf demselben Level wie wir. Aber je nachdem was man braucht, etwa für einfache Aufgaben wie Fördersysteme, reicht es aus. Und diese Unternehmen machen einen großen Teil ihres Geschäfts in Europa. Das technologische Level türkischer Hersteller steigt, auch bei den Endnutzern. Vor zehn Jahren waren immer die einfachsten und günstigsten Lösungen gefragt. Heute nicht mehr. Wir haben viele Kunden, die uns unterschiedlichste Fragen stellen und wir helfen ihnen dabei, neue Maschinen oder solche, die sie ändern wollen, von Grund auf zu bearbeiten. Türkische Kunden sind noch nicht die Experten in Europa. Daher braucht es nicht nur Service, sondern auch Expertise.

Wo finden Sie qualifiziertes Personal, um Ihr Wachstum zu stützen?
Sayman: Bei unseren Produkten braucht es viel Zeit, das Personal zu schulen. Und unsere Produkte erfordern Leute in den Unternehmen. Wir haben keine Vertriebs-, Sales- oder Servicepartner. Wir verkaufen nicht nur Produkte, sondern Expertise, Seminare, Trainings. Einfach immer dieselben Produktgruppen zu verkaufen bringt kein Wachstum.

Wie sieht Ihre Planung für die kommenden fünf Jahre aus?
Sayman: Normalerweise würde ich sagen in den nächsten fünf Jahren sollten wir unseren Umsatz definitiv mehr als verdoppeln.

Das Gespräch führte Patrick Bessler.

Foto: (c) SEW Eurodrive