Schwacher Konsum in Russland bremst Erholung

Der russische Einzelhandel steckt noch tief in der Rezession. Die Krise drückt trotz langsamer Wirtschaftserholung weiter auf das Konsumverhalten der Bevölkerung.

Von Elena Matschilski

Leer gefegt: das Moskauer Kaufhaus GUM am Roten Platz

Die russische Wirtschaft erholt sich langsamer als gedacht. Im vergangenen Jahr schaffte Russland es nicht, aus der Rezession zu kommen. Wider Erwarten dürfte auch der Januar 2017 keine Besserung bringen, wie die Wirtschaftszeitung Wedomosti unter Berufung auf vorläufige Zahlen des russischen Ministeriums für Wirtschaftliche Entwicklung berichtete. Offizielle Daten des föderalen Statistikamts Rosstat werden für Anfang Februar erwartet.

Einzelhandel sinkt um 5,2 Prozent

Grund ist vor allem auch der verringerte Konsum in der Russischen Föderation. Laut Daten von Rosstat nahm der Umsatz im Einzelhandel im Jahr 2016 weiter ab. Er sank um 5,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf etwa 28 Billionen Rubel, das sind rund 322 Milliarden Euro. Zwischen November 2014 und November 2016 ist der Umsatz sogar um mehr als ein Viertel zurückgegangen. Auch der Verbrauchervertrauensindex, den das Marktforschungsinstitut Nielsen herausgibt und dessen Ergebnisse Ende Januar veröffentlicht wurden, ist im vierten Quartal 2016 auf 63 Punkte und damit auf das Niveau von Anfang 2016 zurückgefallen, nachdem er sich im Laufe des Jahres verbessert hatte. Die langsame Erholung der russischen Wirtschaft zum Ende des Jahres konnte den Konsum ebenfalls nicht ankurbeln, heißt es. Verglichen mit dem Vorjahr hat sich die negative Dynamik dennoch verlangsamt. 2015 waren die Umsätze im Einzelhandel noch um 10 Prozent gegenüber der Vorjahresperiode gesunken.

Keine gute Zeit für Einkäufe

Seit der Krise in Russland würden die Menschen mehr sparen und weniger ausgeben, erklärte das Ministerium für Wirtschaftliche Entwicklung. Auch Nielsen spricht davon, dass im vergangenen Jahr „eine Wende vom Verbrauch- zum Sparmodell“ zu beobachten war.

Dies sei vor allem auf die Negativdynamik der Realeinkommen zurückzuführen. Die Einkommen russischer Bürger schrumpften 2016 um 5,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. 2015 hatte der Rückgang noch 3,2 Prozent betragen. Dabei sind die Reallöhne im vergangenen Jahr sogar um 0,6 Prozent gestiegen, nachdem sie im Jahr zuvor um 9 Prozent im Vergleich zu 2014 zurückgegangen waren.

Es gebe aber auch andere Faktoren, die den Konsum drosseln, so Alexander Isakow von der VTB Kapital. Im gesamten Jahr 2016 sei der Anteil der Rücklagen am Einkommen der russischen Bürger gesunken. Zudem sei die Verschuldung von privaten Haushalten gestiegen und Bestimmungen bei der privaten Kreditvergabe strenger geworden. Wie die Tageszeitung Rossijskaja Gaseta unter Berufung auf Zahlen des „Vereinigten Kreditbüros“ (OKB) berichtete, stieg die Anzahl der verschuldeten Privatpersonen innerhalb eines Jahres von 2,1 Millionen auf 44,7 Millionen. Es gebe Regionen, in denen jeder Bewohner mindestens einen Kredit habe.

Dass die Rücklagen schrumpfen, ist den Experten bekannt. „Früher hat man auf Einkäufe verzichtet oder aber sich für günstigere Varianten entschieden – heute muss man beides tun“, so Lilija Owtscharowa, Direktorin des Instituts für Sozialpolitik an der Moskauer Higher School of Economics (HSE) laut Wedemosti. Dies bestätigt das Marktforschungsinstitut Nielsen, laut dem heute „keine gute Zeit für Einkäufe“ sei. So sei die Anzahl der Sparer innerhalb eines Jahres um 2 Prozentpunkte auf 75 Prozent gestiegen. Die Mehrheit spart bei Kleidung (61%), Freizeitaktivitäten (59%), 53 Prozent der Konsumenten sind auf günstigere Produkte bei Lebensmitteln umgestiegen.

Auch wenn der Einzelhandel noch in der Rezession steckt, deuten andere Bereiche auf weitere Erholung, vor allem die Industrie und die Landwirtschaft. So verzeichnete die Industrieproduktion im Gesamtjahr 2016 ein Plus von 1,1 Prozent, nachdem sie im Vorjahr noch um 3,4 Prozent gesunken war. Die Landwirtschaftsproduktion wuchs 2016 um 4,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Für 2017 rechnet das Ministerium für Wirtschaftliche Entwicklung mit einem Wirtschaftswachstum von 0,6 Prozent. Der Internationale Währungsfonds geht von 1,1 Prozent, die Weltbank von 1,5 Prozent aus. ema

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