Spät gekommen, schnell aufgeholt

Tianjin gewinnt zunehmend an Bedeutung als Standort für moderne Industrie und Logistik. © iStock/ FrankRamspott
Tianjin gewinnt zunehmend an Bedeutung als Standort für moderne Industrie und Logistik. © iStock/ FrankRamspott

Von Peter Tichauer

Welche Rolle wird Tianjin in der bis 2030 entstehenden integrierten Wirtschaftsregion mit Peking und Hebei spielen? Als Standort für moderne Industrie und Logistik wird die Stadt jedenfalls an Bedeutung gewinnen.

Zu den großen Visionen, die China in den kommenden Jahren verfolgt, gehört neben der auf eine höhere Wertschöpfung der Industrie zielenden Wirtschaftsstrategie „Made in China 2025“ auch die Schaffung von großen integrierten Wirtschaftsräumen. Dabei geht es bei Weitem nicht darum, neue Megametropolen zu schaffen, sondern durch Integration und Arbeitsteilung neue Impulse für die wirtschaftliche Entwicklung zu setzen. So sollen bis 2030 die Städte Peking und Tianjin mit der sie umgebenden Provinz Hebei zu einem Wirtschaftsraum verschmelzen. Knapp 217.000 Quadratkilometer Fläche umfasst Jing-Jin-Ji (京津冀) – die Zeichen stehen für die Abkürzungen der drei Regionen – mit einer Bevölkerung von mehr als 111 Millionen Menschen und einem Bruttosozialprodukt (2015) von rund 6.936 Milliarden Yuan.

Dass eine „Arbeitsteilung“ zwischen den drei Gebieten sinnvoll ist, daran zweifelt keiner. Die Frage ist allerdings, wie sie aussehen wird und welche Ziele die jeweiligen lokalen Politiker verfolgen. Chinas Staatspräsident Xi Jinping hat ziemlich klar seine Erwartungen an die Zukunft von Jing-Jin-Ji zum Ausdruck gebracht: Er will die Hauptstadt auf ihre Hauptstadtfunktion reduzieren. Hier sollen Dienstleistungen, Forschung und Entwicklung sowie Kultur einen Platz haben, für Industrie soll es diesen künftig nicht mehr geben. Aber will sich Tianjin darauf reduzieren lassen, ausschließlich Industriestandort zu sein? Als Ausweichort für Unternehmen, die bisher in Peking produziert haben? Eher nicht. Jedenfalls sieht die Jing-Jin-Ji-Blaupause vor, dass Tianjin bis 2030 im Bereich moderner Industrien zu einem Zentrum für angewandte Forschung und Entwicklung von nationaler Bedeutung werden soll. Es soll zu einem internationalen Schifffahrtshub für Nordchina aufsteigen und gleichzeitig ein Platz für innovative Finanz- und Unternehmensdienstleistungen werden. Und mit der Pilotfreihandelszone zu einem Testfeld für weitere wirtschaftliche Reformen.

Tianjin ist inzwischen ein Begriff

Tianjin, ein „Nachzügler“ bei Reformen und Öffnung, was sicherlich auch der Tatsache geschuldet ist, dass Deng Xiaopings Reformpolitik zunächst im Süden ihren Anfang nahm und im Laufe der Jahre entlang der Ostküste Richtung Norden „gewandert“ ist, hat erst spät zum „großen Sprung“ angesetzt. Erst zum Ende des ersten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts nahm die Öffnung der Stadt richtig Fahrt auf. Ansiedlungen von Unternehmen wie Airbus und Volkswagen – der Wolfsburger Autobauer produziert in Tianjin Getriebe und 2016 hat Audi ebenfalls eine moderne Getriebefertigung eröffnet – haben auch dazu geführt, dass deutsche Mittelständler die Stadt als attraktiven Standort erkannt haben. „Seitdem ist Tianjin ein Begriff“, sagt beispielsweise der Geschäftsführer der Turck (Tianjin) Technology Co., Ltd., Christoph Kaiser.

Der bekennende Tianjiner arbeitet bereits seit mehr als eineinhalb Jahrzehnten in der Stadt und stellt ihren enormen Wandel fest. In den Anfangsjahren sei es wie „ein Zeitsprung von 20 bis 30 Jahren“ zwischen Tianjin auf der einen und Shanghai oder Peking auf der anderen Seite gewesen. In den vergangenen Jahren hat sich die Hafenstadt kräftig herausgeputzt. Die Skyline kann es inzwischen mit anderen Metropolen des Landes aufnehmen. Es gibt internationale Schulen und das Leben ist insgesamt internationaler geworden. Das koloniale Zentrum wurde restauriert. Die stolzen Gebäude aus den 20er-, 30er-Jahren geben Zeugnis davon, dass Tianjin einmal das „Shanghai des Nordens“ war. Und eigentlich möchten die Tianjiner auch gern daran anknüpfen und eben nicht nur der Ausweichort für Pekinger Industrieunternehmen sein.

Ob es aber wieder zu alter Größe aufsteigen wird, muss sich noch zeigen. Als Finanzplatz ist die Stadt bisher noch nicht die Option, auch wenn die Commerzbank schon seit Jahren eine Filiale dort unterhält, als eine der wenigen internationalen Banken. Auch wenn Christoph Kaiser in jüngster Zeit einen „abflauenden Run“ auf den Standort feststellt, glaubt er an die Zukunft Tianjins. 85 Mitgliedsunternehmen hat die Deutsche Kammer in Tianjin, laut Tianjiner Handelskommission gibt es in der Stadt 389 Unternehmen mit deutschen Investitionen. Insbesondere als Produktionsstandort sei die Stadt interessant und ist laut Doris Hohmann, die das Büro der Deutschen Handelskammer in Tianjin leitet, im Vergleich zu Peking günstiger. Das habe die gerade veröffentlichte Gehaltsstudie der Kammer deutlich gemacht: Gingen die Unternehmen 2015 für 2016 noch von 7,20-prozentigen Gehaltssteigerungen aus, erwarten sie 2017 lediglich ein Plus von 5,91 Prozent. Mit durchschnittlichen monatlichen Arbeitskosten pro Werktätigen von 14.924 Yuan liegen die Gehälter in der Stadt um 5,9 Prozent unter dem Landesdurchschnitt und 27 Prozent unter dem Durchschnitt für Peking, sind aber um 12,2 Prozent höher als der Durchschnitt für die nordostchinesischen Provinzen.

Christoph Kaiser ist jedenfalls davon überzeugt, dass Tianjin von den Jing-Jin-Ji-Plänen profitieren kann, vor allem als künftiger Standort für Hochtechnologie-Branchen. Denn es sollen ja nicht nur Produktionsunternehmen aus Peking umgesiedelt werden. Die namhaften Universitäten, in erster Linie die Fakultäten der technischen Wissenschaften, folgen den Unternehmen und haben in den verschiedenen Wirtschaftszonen bereits Zweigniederlassungen, die auf angewandte Forschung spezialisiert sind.

Gute logistische Anbindung ein Plus

Was die Rolle der Stadt als Logistikhub betrifft, ist Tianjin für ausländische Unternehmen schon heute ein idealer Platz. Ronny Laux, Geschäftsführer der BHS-Sonthofen (Tianjin) Machinery Co., Ltd., hebt die gute logistische Anbindung hervor. Tianjins Hafen gehört inzwischen zu den Top-Ten in der Welt: Im ersten Halbjahr 2016 wurden dort 3.557 Millionen TEU umgeschlagen, etwa genauso viel wie im Vergleichszeitraum des Vorjahres, obwohl das Außenhandelsvolumen um zwölf Prozent zurückgegangen ist. Das Volumen im Schüttgut-Umschlag ist im Jahresvergleich um 3,38 Prozent auf 185.580 Tonnen gestiegen. Hinzu kommen die beiden internationalen Flughäfen in Tianjin und Peking. Und wenn 2018 wie geplant im Süden der chinesischen Hauptstadt der neue Pekinger Großflughafen in Betrieb genommen wird, wird die Logistik noch einfacher, meint Ronny Laux, „nicht nur für uns als Fluggäste, sondern auch im Warenverkehr“. Und Christoph Kaiser ergänzt, dass Tianjin zudem in der Seidenstraßen-Strategie der chinesischen Regierung eine herausragende Rolle hat. Die Stadt hat sowohl für den Landweg nach Europa als auch für die maritime Seidenstraße eine strategisch günstige Lage.

Die BHS-Sonthofen produziert seit 15 Jahren in Tianjins Wuqing-Wirtschaftszone unter anderem Misch- und Zerkleinerungstechnik für die Baustoffindustrie. Hinzu kommen Recycling-Maschinen und -Anlagen, etwa für Haus- und Gewerbemüll und für Elektroschrott. Für Ronny Laux ist neben der Nähe von Zulieferern aus der Stahlverarbeitung die gut ausgebaute Logistik-Infrastruktur ein Plus des Standortes. Er sagt, das Jahr 2016 sei ein sehr gutes für sein Unternehmen gewesen: „Wir sind wieder auf dem Stand, den wir vor dem Ausbruch der Krise 2008 hatten.“ Konkrete Umsatzzahlen nennt Ronny Laux nicht, gibt aber an, dass der Umsatz 2016 im Vergleich zu 2015 um 30 Prozent gestiegen ist. In Tianjin produziert die BHS-Sonthofen nicht ausschließlich für den chinesischen Markt, sondern auch für die südostasiatischen Märkte, für Indien und Nordamerika. In China ist der Absatz um etwa 25 Prozent gestiegen, in Indonesien nahm er um etwa ein Drittel zu, in Indien um rund zehn Prozent. Während die ausländischen Unternehmen in China 2016 insgesamt als bisher schwierigstes Jahr einschätzen, sagt Ronny Laux für sein Unternehmen: „Die Branche boomt.“ In China gibt es beim Hausbau zwar nicht mehr die hohen Wachstumsraten wie in den vergangenen Jahren, aber beim Ausbau der Infrastruktur mit Hochgeschwindigkeitsbahnen und Flughäfen geht es weiter voran. Hinzu kommt die verstärkte Aktivität chinesischer Bauunternehmen im Ausland, sowohl beim Ausbau der Schienenwege wie etwa in Indonesien als auch bei der Erschließung erneuerbarer Energien, vor allem der Wasserkraft. Davon profitiert die BHS-Sonthofen ebenso wie von der Tatsache, dass chinesische Kunden in Sachen Qualität sensibler geworden sind. „In den Preiskampf mit chinesischen Anbietern können und wollen wir uns nicht begeben“, so der Manager. Damit ist er sich mit Björn Lindemann, General Manager der Haver Technologies (Tianjin) Ltd., einig, der unter anderem meint, dass es für deutsche Spitzentechnologie in China auch künftig einen guten Markt gibt, „wenn wir nicht die Technologie von gestern anbieten“.  Seit 2006 in China aktiv, produziert Haver seit zwei Jahren in Tianjin Verpackungsanlagen für Baumaterialien und Chemikalien. Auch Björn Lindemann spricht von gut gefüllten Auftragsbüchern für das laufende Jahr (siehe auch: „Die Kunden dort abholen, wo 
sie abgeholt werden wollen“, erschienen in CC 01/2017).

Wie der Haver-Manager blickt auch Christoph Kaiser positiv in die geschäftliche Zukunft seines Unternehmens, Hersteller von Automatisierungstechnik, die in allen Industriebereichen Anwendung finden. Er sagt, vom chinesischen Trend zur Automatisierung und zum verstärkten Einsatz von Robotern zu profitieren, und betont, dass es auch für mittelständische Unternehmen wie Turck wichtig ist, in China zu entwickeln, um im Markt erfolgreich zu sein. „Die Kunden verlangen anspruchsvolle Modifikationen, die wir nur in enger Kooperation mit ihnen entwickeln können“, so Christoph Kaiser. „Die Kunden erwarten von uns, dass wir unsere Technologiekompetenz auch hier haben.“

Hier sind wir nicht einer von vielen

In Tianjin gibt es eine ganze Reihe von Wirtschaftsentwicklungszonen. Ob TEDA, XEDA, Wuqing Wirtschaftsentwicklungszone, Airport Wirtschaftszone oder die neue Freihandelszone – die Entscheidung für einen Standort müssen die Unternehmen selber treffen, so Doris Hohmann. „Wir können sie bei der Entscheidungsfindung unterstützen.“ Jede 
Zone wirbt für sich, überall sind die Verwaltungen stolz darauf, wenn es ihnen gelingt, ein Unternehmen der sogenannten „Fortune 500“ anzusiedeln. Überall wird aber auch betont, dass mittelständische Unternehmen ebenso willkommen sind. In der Wuqing-Zone mag das intensiver sein als etwa in der TEDA. Cluster-Ideen werden zwar propagiert, am Ende scheinen diese Ideen aber egal zu sein, wenn ein Unternehmen sich ansiedeln will. Dabei könnte die Bildung von industriellen Clustern nicht nur dem Ziel dienen, Standorte für innovative Industrien zu entwickeln, sondern auch Synergien schaffen. Worauf lediglich zunehmend Wert gelegt wird, ist, dass die Unternehmen mit ihrer Technologie und Produktion die Umwelt nicht belasten, egal in welcher Zone.

Die Unternehmer in Tianjin stellen übereinstimmend ein anderswo nicht mehr so stark zu spürendes „Willkommen“ fest. Stellvertretend für sie sagt Christoph Kaiser: „In Peking oder Shanghai ist ein mittelständisches Unternehmen wie Turck nur eines unter vielen. In Tianjin ist das anders.“ Die Tianjiner wollen noch Investoren in ihre Stadt holen und die Kommission für Handel hat dabei sehr stark auch deutsche Unternehmen im Blick. Anfang des Jahres wollen sie erneut nach Deutschland auf Werbetour fahren, so Shi Chun, stellvertretende Direktorin der Abteilung für die Ansiedlung von ausländischen Investoren in der Handelskommission: Auf dem Programm stünden Hannover, Magdeburg und Berlin.

Unternehmen, die in Tianjin weiter investieren und ihre Kapazitäten ausbauen wollen stehen im Moment allerdings vor Problemen. Für Neubauten, auch schon begonnene, kam jetzt der vorläufige Baustopp. Die Unternehmer verstehen zwar, dass die Stadt Maßnahmen ergreift, um der Umweltbelastung Herr zu werden, und unterstützen das auch, stellen aber fest, dass der Stopp nicht für alle Vorhaben gelte. Bei U-Bahnen und Sportanlagen für ein Großevent in diesem Jahr gehe der Bau weiter. Unternehmen brauchen jedoch Planungssicherheit. Das gilt für Tianjin ebenso wie für andere chinesische Standorte, die an ausländischen Investitionen interessiert sind.

 

Dieser Beitrag ist erschienen in: ChinaContact 01/2017.

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