„Runner-up“ im Start-up-Business

Die Türkei bietet gute Voraussetzungen für eine wachsende Start-up-Szene. Bei Finanzierung und Rahmenbedingungen gibt es aber noch viel Luft nach oben.

Von Elena Matschilski

Internationales Flair für Jungunternehmer im Szene-Viertel Beyoglu, Istanbul.

Die Türkei ist ein junges Land. Das Durchschnittsalter liegt bei gerade einmal 31 Jahren. 73 Prozent der Türken leben in Städten. Hinzu kommen eine hohe Technik- und Internetaffinität und rund 46 Millionen Internetnutzer. Das sind 60 Prozent der Bevölkerung. Gute Voraussetzungen, um das Land zu einer potenziellen Start-up-Brutstätte zu machen. Die Metropole Istanbul wird laut dem „Global Startup Ecosystem Ranking 2015“ von Compass.co als einer der „Runners-up“ der europäischen Start-up-Szene gehandelt.
Im Westen Europas beobachtet man mit Interesse die Entwicklungen in der Türkei. Im vergangenen Jahr schlug ein deutscher Investor zu. Das Berliner Unternehmen Delivery Hero kaufte den türkischen Lieferservice Yemeksepti.com für 589 Millionen US-Dollar.

Innovationen brauchen Geld
Das Fundament für ein lebendiges Start-up-Ökosystem entstand vor allem zwischen 2010 und 2014. Damals erfuhr die Türkei ein steigendes Interesse ausländischer Institutionen und Investoren und damit auch Zugang zu Geld, so Rina Onur, Partner beim Venture-Fund „500 Startups“ in Istanbul.
Zeitgleich trieben öffentliche und private Universitäten auf Initiative des Industrie- und Handelsministeriums die Entwicklung von Technoparks, Labs und Inkubatoren voran.
Mit einer wachsenden Anzahl an Innovationsstätten stieg der Bedarf an privaten Investoren, die Jungunternehmen in ihrer Entwicklungsphase, der „pre-seed“ und „seed stage“, mit Kapital und Know-how versorgen. Türkische Beispiele solcher Business-Angel-Organisationen sind Galata Business Angels, BIC und Istanbul Startup Angels.
Auch eine staatliche Akkreditierung für Business Angels und eine eigene Plattform an der Börse Istanbul, dem „BIST Private Market“, helfen, Unternehmer und Investoren
zusammenzubringen. Der im November 2014 eröffnete Private Market ermöglicht jungen Unternehmen Zugang zu Geld ohne öffentliche Platzierung. Laut dem Start-up-Community-Netzwerk StartUs gilt er als einzige derartige Plattform weltweit. Zudem ist die Türkei eines der wenigen Länder mit einem Investitionsgesetz für Business Angels und stellt für solche Investoren die höchsten steuerlichen Anreize bereit.
Das weltweite Interesse an Tech-Start-ups und der Bedarf an Financiers, die auch in der Wachstumsphase für Kapital sorgen, befeuerten die weitere Entwicklung des Ökosystems.
Mit zunehmendem Fokus der Investoren auf die Wachstumsphase seien jedoch mittlerweile Early-Stage-Startups in Schwierigkeiten geraten, kritisiert Rina Onur. Diese Lücke versucht sie mit Mikrofonds zu füllen. 500 Startups Istanbul investiert kleine Beträge in viele Unternehmen, „um so vielen Early-Stage-Start-ups wie möglich die Chance zu geben“. Auch StartUs hält die Venture-Capital-Szene für unausgereift, insbesondere weil lokale Fonds wenig „technischen Background“ oder Verständnis für innovative Technologie haben.
Cigdem Toraman, Managing Director der Accelatoren-Organisation Startupbootcamp Istanbul, sieht das anders. Das türkische Start-up-Ökosystem biete per se ein ausgewogenes Spektrum an Finanzierung, „der Fokus scheint aber auf der Seed- und Early-Stage-Phase zu liegen“.

Die Türkei braucht eine tiefere Finanzierungskompetenz für mehr Kontinuität.

Heute unterstützen die türkischen Gründer laut Toraman insgesamt 41 Technoparks, 23 Accelatoren und 15 NGOs. Zur Investitionshilfe stehen 14 Business-Angel-Organisationen, 4 Tech-Accelatoren-Fonds, 12 Pre-Seed- und Seed-Fonds, 10 Early-Stage-Fonds, 6 Growth-Fonds sowie ein Dachfonds bereit.

Internationalität gefragt
Laut Cem Soysal, Manager des Tech-Start-ups Inventram, braucht die Türkei dennoch eine „tiefere Finanzierungskompetenz für mehr Kontinuität“. Serkan Ünsal, Gründer von Start-ups Watch, ist überzeugt, dass das türkische Start-up-Ökosystem sich auch in den nächsten Jahren gut entwickeln wird. Allerdings werde erst die Anzahl an erfolgreichen „Exits“ zeigen, wie gut es um den Standort Türkei bestellt ist.
„Internationalisierung“ sei das Stichwort, zitiert das Nachrichtenportal TechCrunch Joachim Behrendt, einen Angel-Investor in der Türkei. „Das Ökosystem und auch Gründer sind sehr auf die Türkei fixiert“, so Behrendt. Dies sei aber ein Problem, wenn Start-ups zu globalen Playern werden möchten. Die Türkei müsse vor allem die internationale Reputation des Standortes verbessern, um stärker ausländische Investoren ins Land zu ziehen und den eigenen Gründern denn Rücken zu stärken, wenn diese auf den internationalen Markt drängen. Hierfür müsse das Land auch an seinen rechtlichen Rahmenbedingungen arbeiten. Das türkische Recht und die Bürokratie seien bekannt dafür, langsam und ineffizient
zu sein, kritisiert StartUs. Zudem müssten laut türkischem Recht auf einen ausländischen Angestellten fünf türkische Arbeiter kommen. Auch an den Steuererleichterungen ließe sich arbeiten – und schließlich an der Unterstützung durch die Regierung.

 

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