Neue Ideen gefragt

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Angesichts der starken Abhängigkeit vom Rohstoffsektor ist die Förderung von Forschung und Entwicklung in Russland ein wesentlicher Zukunftsfaktor. Innovationen beeinflussen nicht zuletzt die sozio-ökonomische Entwicklung.

Ein Gastbeitrag von Leonid Gochberg

In den letzten Jahren erhielt die Innovationsförderung in der russischen Wirtschaftspolitik einen vorrangigen Platz und wurde in die wichtigsten strategischen Staatsziele aufgenommen. Der Aufbau der Institutionen zur Förderung der innovativen Entwicklung ist praktisch abgeschlossen: Russian Venture Company RVC, Skolkowo, Rosnano, der Fonds für Innovationsförderung, der Fonds für die Entwicklung der Internetinitiativen, der Fonds für die Industrieentwicklung und die Außenwirtschaftsbank VEB gehören dazu.
Die Russische Akademie der Wissenschaften wird umfassend reformiert, genauso wie die Unterstützung der Forschung an Universitäten, die Programme für die Anwerbung von ausländischen Wissenschaftlern, die Zusammenarbeit der Wissenschaft und Hochschulen mit Unternehmen oder die Einbeziehung des geistigen Eigentums in den ökonomischen Kreislauf.

Zu Innovationen „zwingen“
Man versucht, Großkonzerne mit staatlicher Beteiligung quasi zu Innovationen zu „zwingen“, indem man sie dazu verpflichtet, ihre Innovationsaktivität und die Ausgaben für Forschung und Entwicklung zu erhöhen und mehr mit Universitäten, Forschungseinrichtungen und kleinen Unternehmen zu kooperieren. In den Regionen werden mit einer Kofinanzierung aus dem föderalen Zentrum Programme für die Industrieproduktion und für die Förderung von Innovations- und Industrieclustern geschaffen.
Zudem wurden neue Instrumente der Innovationspolitik eingeführt: Steuerbegünstigungen für die Ausgaben für Forschung und Entwicklung, für die technologische Produktionsmodernisierung, eine verpflichtende Quote für den Einkauf von innovativen Erzeugnissen, Unterstützungsmaßnahmen für exportierende Unternehmen, Engineering-Zentren und ähnliches. Die vom Staat verfolgte Politik der Importsubstitution als Antwort auf die Begrenzung des Hightech-Imports aus dem Westen trägt entscheidend dazu bei, dass Investitionen in innovative Hochtechnologieprojekte steigen und damit die Wettbewerbsfähigkeit der Produktion zunimmt.

„Gewisse“ positive Ergebnisse
Alle diese Maßnahmen haben zu gewissen positiven Ergebnissen geführt. So kletterte Russland im Zeitraum zwischen 2014 und 2016 im weltweiten Global Innovation Index von Platz 49 auf Platz 43. Das ist in erster Linie auf die Dynamik bei der Entwicklung von Wissenschaft und Bildung, die hohe Qualität des Humankapitals und die wachsende Anzahl von Technikpatenten zurückzuführen. Die Statistik spiegelt außerdem den wertmäßigen Anstieg der Produktion von „innovativen Erzeugnissen“ wider: Die ist zwischen 2000 und 2015 von 154,1 Milliarden auf 3,3 Billionen Rubel gestiegen. Ihr Anteil an der Gesamtproduktion von Industriegütern ist von 4,4 auf 7,9 Prozent gewachsen. Noch stärker nahm der Export zu: Er stieg im selben Zeitraum von 32,7 Milliarden auf 845,3 Milliarden Rubel. Sein Anteil am Gesamtexport von Industrieerzeugnissen erhöhte sich von 5,8 Prozent im Jahr 2000 auf 13,7 Prozent im Jahr 2013. Danach folgte allerdings ein Rückgang; 2015 lag der Anteil bei 8,9 Prozent.

Radikale Veränderungen bleiben aus
Allerdings ist es noch nicht gelungen, wirklich radikale Veränderungen zu erreichen. Denn noch immer beeinflussen die innovativen Prozesse nur schwach den sozio-ökonomischen Fortschritt und werden mit strukturellen und institutionellen Problemen belastet. Die ungünstige makroökonomische Situation, die Marktstruktur, mangelhafte Effizienz der Institutionen des Innovationssystems und die niedrige Qualität der Unternehmensführung – all dies beeinträchtigt das Investitionsklima und drosselt die Dynamik und den Erfolg der Innovationsaktivität. Als Folge befindet sich Russland im Global Innovation Index lediglich auf Platz 97, was die Steuerungsqualität bei Innovationen betrifft, auf Platz 107 bei der Position „Investitionen in Innovationen“ und auf Platz 112 bei der Kooperation in diesem Bereich.

Bei Innovationen gibt es je nach Branche gewaltige Unterschiede.

Die Innovationsaktivität verzeichnet je nach Branche gewaltige Unterschiede. So beträgt sie in den hochtechnologischen Branchen wie Pharma, Telekommunikation, Medizintechnik oder Flugzeug- und Weltraumindustrie 28 bis 36 Prozent. In weniger technologischen Branchen wie Chemie, Elektrotechnik, Automobilindustrie oder der Erdölverarbeitung sind es 20 bis 22 Prozent. In anderen Branchen, etwa dem Maschinenbau oder in der Lebensmittel-, Textil- und Möbelindustrie beträgt der Anteil sogar nur 10 bis 13 Prozent. In der Rohstoffförderung, Stromwirtschaft und Kleidungsindustrie sind es 5 bis 6 Prozent. Gewiss mindert das die Wettbewerbsfähigkeit.

Es fehlt an Anreizen
Ein Großteil der russischen Industrieunternehmen ist auf lokalen Märkten aktiv. Diese zeichnen sich jedoch häufig durch ein niedriges Wettbewerbsniveau aus. Daher fehlt meist der Anreiz, in Innovationen zu investieren. Stattdessen wird lieber technologisches Know-how kopiert. Nur 9 Prozent der innovativen Industrieunternehmen verkaufen ihre Erzeugnisse auf dem Weltmarkt. Weitere 27 Prozent exportieren „Imitationserzeugnisse“, die auf fremden technologischen Entdeckungen basieren. Die Innovationsstrategien der übrigen Unternehmen bestehen darin, Maschinen und Anlagen zu erwerben. Das macht durchschnittlich die Hälfte der Ausgaben für technologische Innovationen aus.
Der Übergang zu einem innovativen Entwicklungsmodell ist für die russische Wirtschaft aber zwingend erforderlich. Es bedarf eines komplexen Programms, das nicht nur das nationale Innovationssystem, seine Teilnehmer sowie innere und äußere Wechselbeziehungen betrifft. Sondern gleichzeitig die Änderung der Rahmenbedingungen sowie der Institutionen, die Fiskal-, Steuer-, Wettbewerbs- und Handelspolitik mit einschließt.

Strategie „Innovatives Russland“
Dies war auch das Ziel der Strategie „Innovatives Russland“, die in diesem Jahr verabschiedet wurde. Darin sind die wichtigsten Herausforderungen und Ziele der Innovationsförderung, die Wege dorthin und die dazu notwendigen Politikinstrumente zu finden. Die Strategie sieht praktische Schritte vor, um erstens Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die den Wettbewerb, die Investitionsaktivität und die Verbreitung von Hochtechnologien einschränken, und zweitens mehr Anreize für Unternehmen zu bieten, damit diese ihre Innovationsaktivität ausweiten. Drittens sollen diese günstige Bedingungen für die Entwicklung neuer Märkte schaffen.

 

Leonid Gochberg
Professor an der Nationalen Forschungsuniversität „Higher School of Economics“ in Moskau