Smarte Visionen

Mit 30.000 Einwohnern pro Quadratkilometer gilt Hongkong als eine der am dichtesten besiedelten Städte der Welt. © iStock
Mit 30.000 Einwohnern pro Quadratkilometer gilt Hongkong als eine der am dichtesten besiedelten Städte der Welt. © iStock

 

Von Peter Tichauer

Hongkong, eine der dichtbesiedelsten Städte der Welt, will in den kommenden Jahren zu einer „Smart City“ werden. Damit kann die Stadt nicht nur Beispiel für andere Megametropolen werden, sondern auch neues Wachstum schaffen.

Die Asien-Pazifik-Konferenz der Deutschen Wirtschaft Anfang November in Hongkong hat einen Vorgeschmack geliefert, was „smart“ bedeutet. Über eine für die Konferenz eigens entwickelte App wurden die Konferenzteilnehmer in den Foren direkt in die Diskussion einbezogen, sie konnten ihre Fragen an die Pannellisten übermitteln und zu Entwicklungen, über die diskutiert wurde, abstimmen. Gedruckte Konferenz­unterlagen gab es nicht, alle notwendigen Informationen waren über die App abrufbar. Damit lag die Konferenz im Trend der Hongkonger Entwicklung. Denn die Stadt hat sich das Ziel gesetzt, in den kommenden Jahren zu einer „smarten City“ zu werden und sich damit auch als Wirtschaftszentrum mit neuen Entwicklungschancen zu positionieren.

Beispiel für andere Megametropolen

Das rund 1.100 Quadratkilometer große Hongkong gehört zu den dichtbesiedelsten Städten der Welt. Rund 60 Prozent der Fläche sind Landschaftsgebiete. Für die knapp acht Millionen Hongkonger stehen gerade einmal 24 Prozent für Wohnen und Arbeiten zur Verfügung – pro Quadratkilometer wohnen damit rund 30.000 Menschen, die zudem immer älter werden. Probleme, vor denen viele Großstädte in der Welt stehen, multiplizieren sich in Hongkong. Hongkongs Regierungssprecher Allen Yeung ist bewusst, dass jede Stadt ihren eigenen Weg gehen muss, um die jeweils spezifischen Herausforderungen der Urbanisierung zu lösen, glaubt aber, dass Hongkong aufgrund der hohen Bevölkerungskonzentration und der damit verbundenen Probleme ein Beispiel für die Welt sein kann. „Schaffen wir es, effektive und smarte Lösungen für die Urbanisierung zu finden und umzusetzen, kann dies auch zu einem ‚Exportschlager‘ werden.“ Allen Yeung verweist zum Beispiel darauf, dass die Staatliche Entwicklungs- und Reformkommission Chinas 284 Städte als Pilotprojekte für die Entwicklung als „Smart City“ definiert hat. Hongkongs Erfahrungen dürften aber auch für andere Metropolen in der Asien-Pazifik-Region und darüber hinaus wertvoll sein. So sei das Hongkonger Metro-Netz Beispiel für den Aus- beziehungsweise Neubau der U-Bahnen in Peking, Shenzhen oder auch London gewesen. Ganz abgesehen davon biete der nächste Schritt bei der Urbanisierung neue Geschäftsmöglichkeiten für global agierende Unternehmen und Hongkong selbst Wachstumsimpulse, die es dringend brauche.

Denn die weitgehend von der Außenwelt abhängige Wirtschaft ist nach dem durch die Lehman-Pleite 2008 ausgelösten „Tsunami“, wie die Hongkonger es nennen, längst noch nicht wieder auf dem Wachstumspfad. Benny Lui, Wirtschaftsanalyst der Hongkonger Regierung, konstatiert, dass das Wachstum im ersten Halbjahr dieses Jahres „eine Enttäuschung“ war: Um 0,8 Prozent legte die Wirtschaftsleistung im Jahresvergleich zu, prognostiziert hatten die Regierungsökonomen ein bis zwei Prozent. Er verweist auf die Unsicherheiten der Entwicklung in den USA und in Europa nach dem britischen Brexit-Votum sowie auf die jüngste Wirtschaftsprognose des Internationalen Währungsfonds, die für das kommende Jahr ein Plus der weltweiten Wirtschaftsleistung von 3,1 Prozent vorhersagt – „seit Jahren die niedrigsten Wachstumsaussichten“. „Einziger Lichtblick und Zeichen der Stabilisierung ist derzeit China, wo die Wirtschaft in den ersten drei Quartalen im Jahresvergleich um 6,7 Prozent wuchs.“ Nachdem Hongkongs Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal 2016 um 1,7 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres zulegte, im dritten Quartal sogar um 1,9 Prozent und auch im Handel wieder leichte Zuwächse zu verzeichnen sind, meint Benny Lui, dass „das Schlimmste erst einmal hinter uns liegt“. „Zumindest für dieses Jahr“, schränkt er jedoch ein. Wann die Stadt die magischen vier Prozent Wachstum wieder erreichen wird, vermag er nicht vorherzusagen.

Gerade deshalb ist es wichtig, neue Wege zu finden, um der Wirtschaft auf die Sprünge zu helfen. Innovation gehört dazu. Vor knapp einem Jahr wurde eine eigene Behörde gegründet, die Innovationsstrategien als Wachstumsmotor entwickeln soll, denn auf lange Sicht wird sich Hongkong nicht mehr ausschließlich auf die traditionellen Säulen der Wirtschaft – Handel, Finanz- und Unternehmensdienstleistungen und Tourismus – stützen können (siehe dazu auch die Juni-Ausgabe 2016 von ChinaContact). Von einer „neuen Säule“, einer sogenannten neuen „Pillar-Industry“, wollen die Hongkonger jedoch nicht sprechen. Vielmehr soll Innovation die Wirtschaft als Ganzes für die Zukunft revolutionieren und Hongkong so für globale Talente attraktiver werden, so Allen Yeung. „Und die Smart-City-Strategie ist ein Teil davon.“ Es gehe darum, die Stadt als Ganzes für die Zukunft aufzustellen und wettbewerbsfähiger zu machen und sich dabei die modernen Technologien zu Nutze zu machen.

Smart in die Zukunft

Hongkong hat dabei wie andere asiatische Regionen einen entscheidenden Vorteil. Die Menschen sind gegenüber neuen Technologien und der Art und Weise, wie sie unser Leben verändern, weit aufgeschlossener als beispielsweise viele Europäer. Dass technologische Sprünge zu Umbrüchen führen, ist nicht neu. Am Anfang der industriellen Revolution stand die Entwicklung der Dampfmaschine. Das Auto und später die Flugzeuge haben zu mehr Mobilität geführt und das Internet hat schon längst das globale Geschäft verändert. Mit dem Durchbruch des Smartphones hat die digitale Welt eine ganz neue Dimension erhalten, die Interaktivität in der Gesellschaft hat eine neue Stufe erreicht. „Das müssen wir noch stärker nutzen, um künftig unsere Städte besser und effektiver zu verwalten“, sagt Allen Yeung, „und die Menschen dabei mitnehmen und ihnen das Leben erleichtern.“ Oberstes Gebot sei dabei die Datensicherheit, nimmt er auf Ängste Bezug, die gerade unter Europäern zu Vorbehalten gegenüber dem „digitalen Leben“ führen. Dass den Asiaten die Sicherheit ihrer persönlichen Daten weniger wichtig sei und daher „smartes“ Leben leichter zum Durchbruch gelange, weist er entschieden zurück.

Wie aber Hongkong zu einer „Smart City“ werden kann, wohin die Reise gehen muss, darüber will sich Allen Yeung nicht so richtig äußern. Er erwähnt, dass die Lesesysteme für die Octopus-Card an den U-Bahn-Zugängen optimiert wurden. War bei der Einführung nur eine Frequenz von mehreren Minuten möglich, seien es heute nur Sekunden. „Wir haben keine Zeit zu warten“, sagt er, „Tempo ist Hongkongs Lebensstil.“ Das klingt eher nach Optimierung, weniger nach einem neuen Schritt in die „smarte“ Zukunft. Immerhin hat die Hongkonger Regierung eine Expertenkommission aus Regierungsvertretern, Wissenschaftlern und Unternehmern beauftragt, eine „Smart-City-Blaupause“ zu erarbeiten. Die Ergebnisse sollen 2017 auf dem Tisch liegen. Auch vom Einwand, dass die Regierung bestimmte Ideen im Kopf haben müsste, wenn sie eine Expertenrunde einsetzt, um konkrete Vorschläge zu erarbeiten, lässt sich der Regierungssprecher nicht beeindrucken: „Ich kann der Kommission nicht vorgreifen.“

Intelligente Lösungen finden

Schließlich bringt er doch noch ein Beispiel, wie durch „smarte“ Lösungen Investitionskosten gespart werden könnten. Die Alterung der Hongkonger Bevölkerung stellt das Gesundheitswesen der Stadt vor zunehmende Herausforderungen. Anstatt in den Bau neuer Kliniken zu investieren, könnten intelligente Lösungen wie digitale Überwachung des Gesundheitszustandes das Leben der Menschen erleichtern. Online würden sie bei kleinen Gesundheitsproblemen Rat erhalten, auch Rezepte, während die Krankenhäuser entlastet würden, werden sie doch nur noch bei schweren Erkrankungen und Notfällen aufgesucht.

Innerhalb von zwei Jahren hat sich die Zahl der in Hongkong zugelassenen Elektrofahrzeuge versechstfacht. © ChinaContact
Innerhalb von zwei Jahren hat sich die Zahl der in Hongkong zugelassenen Elektrofahrzeuge versechstfacht. © ChinaContact

Konkreter wird da schon Lawrence Poon, Chefberater für Automotive & Electronics beim Hong Kong Productivity Council, das die Regierung bei industriepolitischen Fragen berät. Gehe es um die „smarte“ Zukunft Hongkongs, müsse zuallererst an den Verkehr gedacht werden, sagt er. Dem Internet der Dinge komme dabei eine besondere Bedeutung zu. So könnte es beispielsweise eingesetzt werden, um 160.000 Laternen an den Hongkonger Straßen zentral zu überwachen und zu warten. Und selbst für Autofahrer – etwa 600.000 Autos sind in Hongkong registriert, ohne Busse, Taxen und Lieferfahrzeuge – könnte das Leben erleichtert werden, wenn die Fahrzeuge digital mit den Service-Stationen verbunden sind. Noch sei es so, dass die Fahrzeughalter Inspektionen lange im Voraus buchen und zusätzliche Wartezeiten in Kauf nehmen müssten, wenn Teile ersetzt werden müssen. Über eine digitale Überwachung könnten die Besitzer auf Mängel oder notwendige Reparaturen hingewiesen und die Termine für die Inspektion kurzfristig vereinbart werden, wobei die Ersatzteile im Vorfeld beschafft würden.

„Grün“ fahren

Lawrence Poon geht es aber um mehr. „Grüne“ Mobilität gehört seiner Ansicht nach dazu, wenn über eine „smarte City“ diskutiert wird. Dass „grün“ auch im Motorsport funktioniert, der eigentlich von aufheulenden Motoren und rauchenden Auspuffrohren geprägt ist, hat Hongkong im Oktober bewiesen, als dort das weltweit erste Formel-E-Rennen stattfand. „Ungewöhnlich war es schon“, erzählt Alexander Kaymer, Geschäftsführer der Kayro Solutions Ltd., „beim Boxenstopp wurden nicht Reifen, sondern Batterien gewechselt.“ Hongkong hat sich für die kommenden 23 Jahre die Lizenz für dieses Autorennen gesichert.

Dieses Hongkonger Parkhaus bietet Lademöglichkeiten für Elektrofahrzeuge © Peter Tichauer
Dieses Hongkonger Parkhaus bietet Lademöglichkeiten für Elektrofahrzeuge © Peter Tichauer

Sichere Stromversorgung, ein inzwischen breites Netz von 1.300 Ladestationen und die Tatsache, dass Hongkonger Autofahrer im Schnitt nicht mehr als 40 Kilometer pro Tag zurücklegen, seien gute Gründe, um Elektrofahrzeuge zu nutzen, sagt Lawrence Poon, ganz abgesehen davon, dass E-Mobilität auch dazu beitrage, die Luft in der Stadt zu verbessern, was den Hongkongern durchaus ein Bedürfnis sei. Er verweist darauf, dass sich die Zahl der Elektrofahrzeuge in Hongkong in den vergangenen zwei Jahren versechsfacht hat – etwa 6.000 sind derzeit registriert ­– und geht von einer fünfprozentigen Steigerung der Zulassungen in den kommenden fünf Jahren aus. Er stellt fest, dass die Verkaufszahlen von BMW und Audi A6 deutlich zurückgegangen sind, seitdem Tesla auf dem Markt ist. Dies dürfte auch der Tatsache geschuldet sein, dass für Elekt­roautos die in Hongkong übliche Verkaufssteuer für Neufahrzeuge entfällt. Die kann je nach Motorenstärke bis zu 100 Prozent des Kaufpreises betragen. Zudem ist das Laden der Batterien kostenfrei, „was aber eher symbolischen Wert hat, denn das Kilowatt Strom kostet ohnehin nur einen Hongkong-Dollar, knapp zwölf Euro-Cent“. Auch beim Ausbau der E-Mobilität komme dem Internet der Dinge künftig eine wachsende Bedeutung zu, erklärt Lawrence Poon. „Über eine App müssen die Fahrer Informationen über die nächstgelegenen Ladestationen erhalten, vor allem aber darüber, welche Ladestandards dort angeboten werden.“ Ladestandards zu vereinheitlichen, sei eine Aufgabe für die Zukunft, die Hongkong allerdings nicht allein bewältigen könne. Das Netz der Ladestationen müsse in der Stadt zudem gleichzeitig ausgebaut werden, denn da halte Hongkong mit dem Verkauf der Elektrofahrzeuge nicht Schritt. Im Prinzip habe sich die Zahl der Ladepunkte in den vergangenen zwei Jahren nicht wesentlich erhöht.

Gern würde Lawrence Poon auch im öffentlichen Verkehr mehr Elektrofahrzeuge sehen: 80.000 Taxen, 4.000 Minibusse und 7.000 Busse sind in der Stadt unterwegs. „Das sind alles private Gesellschaften, an die die Regierung nur Appelle richten kann.“ Immerhin hat die Regierung den Busgesellschaften 180 Millionen Hongkong-Dollar, etwa 21 Millionen Euro, für den Erwerb von E-Bussen zur Verfügung gestellt. Und das Umweltamt der Stadt hat vor drei Jahren einen 300-Millionen-Hongkong-Dollar-Fonds aufgelegt, um alte Lieferfahrzeuge durch elektrisch betriebene zu ersetzen. Die Hälfte der Anschaffungskosten können die Speditionen da­raus finanzieren, so Lawrence Poon, der allerdings feststellt, dass bisher nur ein Drittel der Mittel abgerufen wurde.

Dieser Beitrag ist erschienen in ChinaContact 12/2016.