Moldau: Fruchtbarer Boden für Agrarinvestoren

Rüben bis zum Horizont
Rüben bis zum Horizont

Die Südzucker AG ist nicht nur aus deutscher Sicht der prominenteste Name unter den wenigen ausländischen Investoren in Moldau. Auf den Schwarzerdeböden im Norden lässt der Mannheimer Konzern Zuckerrüben anbauen und zu Zucker weiterverarbeiten.

Als das erste ausländische Unternehmen überhaupt stieg Südzucker im Jahr 1998 in die Zuckerbranche Moldaus ein. Drei Jahr später, im Mai 2001, nahm die Landesgesellschaft Südzucker Moldova S. A., kurz SZM, auch offiziell ihren Betrieb auf. Im Mai des aktuellen Jahres durfte die Belegschaft auf das 15 Jahre Betriebsbestehen anstoßen.

SZM, an der der Mannheimer Mutterkonzern mit 84 Prozent beteiligt ist – den Rest halten die moldauische Agroindbank sowie eine Reihe von Kleinaktionären – produziert in zwei Fabriken nahe den Rübenanbaugebieten im Norden des Landes. In den Werken Drochia und Falesti erzeugte SZM im vergangenen Jahr 125.000 Tonnen Zucker, rund zwei Drittel der nationalen Gesamtproduktion.

Bildschirmfoto 2016-07-06 um 16.47.33Umgerechnet in die handelsübliche Ein-Kilo-Päckchen ergibt dies immerhin 125 Millionen Stück. Zum Vergleich: Im Jahr verzehrt jeder Deutsche durchschnittlich gut 33 Kilogramm Zucker. EU-weit wurden 2015 rund 14 Millionen Tonnen produziert, ein Drittel davon in den 29 Zuckerfabriken des Global Players Südzucker. In Süd- und Mittelosteuropa (außer Moldau und Polen, siehe Tabelle) ist im Übrigen die Konzerntocher AGRANA Zucker GmbH für Produktion und Vermarktung zuständig. Von Österreich aus verwaltet sie je eine Zuckerfabrik in Rumänien, Ungarn und der Slowakei sowie zwei in Tschechien.

Hinzu kommen je eine Raffinerie in Bosnien-Herzegowina und in Rumänien. Doch zurück nach Moldau: In Alexandreni und der Haupstadt Chişinău befinden sich die SZM-Verpackungs- und Distributionszentren, von dort aus gehen die süßen Kristalle in den Handel, nach Rumänien, Griechenland, in das Baltikum sowie nach Kasachstan und Belarus verkauft. So sichert Südzucker in den ansonsten extrem strukturschwachen ländlichen Gebieten Arbeit und Einkommen.

Die Schwarzerde macht`s

83 Prozent des Territorum Moldaus sind mit Schwarzerde bedeckt. Dieser tonhaltige Boden bietet vergleichsweise günstige Bedingungen für den Anbau der Zuckerrübe, auch Niederschläge und Temperaturen spielen in dieser Region Europas mit. Möglich sind daher relativ hohe Rübenerträge von guter Qualität. Dieser Bodentyp, „чернозём“ auf russisch, „Cernoziomul“ auf rumänisch, gehört zu den fruchtbarsten überhaupt. Man findet ihn entlang der Donau, so in der Wojwodina in Nordserbien, im kroatischen Slawonien, in Rumänien sowie auf weitaus größeren Flächen in der Ukraine, in Südrussland sowie im südlichen Sibirien.

Neben diesem natürlichen Gunstfaktor hat sprachen in den 1990er-Jahren auch marktstrategische Überlegungen für Moldau, wenige Jahr zuvor noch ein Teil der Sowjetunion. Die Südzucker-Manager hätten damals die geografische und politische Mittellage des Landes als entscheidendes Argument für eine Niederlassung betrachtet, erklärt ein Sprecherin des Konzerns auf Anfrage von Ost-West-Contact. Moldau habe sich zwischen der sich nach Osten und Südosten ausdehnenden EU auf der einen und den ehemaligen Bruderrepubliken auf der anderen Seite befunden, damit „herrschten im Land gute Vorbedingungen für die Erweiterung der Produktions- und kommerziellen Tätigkeit von Südzucker in Osteuropa“, so die Sprecherin weiter. Dass Moldaus Lohnniveau zudem bis heute zu den niedrigsten in Europa zählt – dahingestellt.

Investoren willkommen

Der in Moldau produzierte Zucker wird unter eigenen Handelsmarken verkauft.
Der in Moldau
produzierte Zucker wird unter eigenen
Handelsmarken verkauft.

Ende Mai empfing der Premier der Republik Moldau, Pavel Filip, das Südzucker-Vorstandsmitglied Thomas Kirchberg und den SZM-Chef Alexander Koss. Der Politiker, bereits der dritte im Jahr 2015 2015 vereidigte Ministerpräsident, dürfte sich dabei vor allem für die Investitionen der Deutschen interessieren haben. Diese hatten beispielsweise Anfang 2014 im Werk Drochia eine acht Millionen Euro teure Biogasanlage in Betrieb genommen, die bislang größte im Land. Sie verarbeitet den im Fachjargon „Rübenschnitzel“ genannten Teil, der nach der Extraktion des Zuckers übrig bleibt. In der Biogasanlage werden diesem Gehäcksel die letzten Reste an thermischer Energie ausgepresst.

Jahr für Jahr steckt der Konzern nach eigenen Angaben rund zwei Millionen Euro in die Verbesserung der Produktionsabläufe und die Senkung von Energie- und Produktionskosten. Wesentliche Investitionen in Höhe von jährlich rund einer Million Euro streut Südzucker auch über seine Tochtergesellschaft Agro-SZM. Dieser Anbaubetrieb bewirtschaftet derzeit rund zehntausend Hektar, einer Fläche so groß wie 150.000 Fußballfelder. Ungefähr sieben Tonnen Rüben werden für eine Tonne Zucker benötigt.

Alles für die Rübe

Mit einigen Anbaubetrieben in den nördlichen Rajons wie Drochia, Falesti oder Floresti unterhält Südzucker „langfristige strategische Partnerschaften“ – das bedeutet, dass der Konzern ihnen die Ernte garantiert abkauft. Den lokalen Pflanzern vermitteln dabei Berater des Konzerns Anbau- oder Managementmethoden. Eine spezialisierte Südzucker-Gesellschaft stellt zudem technische und finanzielle Unterstützung: So können die Betriebe und Höfe gleich auch noch ihre Finanzierung über die Tochter Agro Credit beschaffen.

Bildschirmfoto 2016-07-06 um 16.50.06Jährlich werden auf diesem Weg rund 100 Millionen Moldawische Lei, umgerechnet rund 4,5 Millionen Euro, als Kredit an die einheimischen Rübenbauern ausgezahl. Sowohl Konzern als lokale Landwirte profitieren davon: Die Pflanzer mieten sich bei Agro-SZM die für Aussaat und Ernte benötigten Taktoren, Maschinen und Fahrzeuge. Dieser Transfer wird von Agrarökonomen immer wieder als eine Methode genannt, mit der rückständige Agrarregionen wettbewerbsfähig gemacht werden können. In erster Linie handelt Südzucker aus betrieblichem Eigeninteresse – schließlich müssen Qualität und Mengen der regional produzierten Rüben stimmen. Und woher sonst sollen die Landwirte den benötigten, in der Anschaffung aber unerschwinglichen Fuhrpark bekommen?

Offenbar bringt die enge Bindung der Lieferanten beiden Seiten Erfolg: Nach Konzern-Angaben kommen die Kontraktpflanzer auf einen durchschnittliche Hektarertrag von zuletzt rund 52 Tonnen, mehr als das Doppelte des Ausgangswerts von 21 Tonnen pro Hektar. Allerdings liegt dieser Ertrag noch deutlich unter dem Gesamtleistung aller Rübenacker, die der Konzern in Europa bearbeiten lässt – 84 Tonnen pro Hektar. Doch gerade der regionale Vergleich deutet daraufhin, dass Moldaus Agrarsektor weiterer Mechanisierung und Modernisierung bedarf.