Russland: Daimler baut

ST. PETERSBURG/STUTTGART. Autobauer Daimler steht offenbar kurz davor, einen Vertrag über den Bau eines Montagewerks im Moskauer Gebiet abzuschließen. Der Konzern spricht offiziell zwar weiterhin nur von Verhandlungen, in der russischen Politik ist man jedoch schon euphorisch.

Mercedes-Benz Werk Bremen © Daimler AG
Mercedes-Benz Werk Bremen © Daimler AG

So verkündete German Jeljanuschkin, Vizegouverneur des Moskauer Gebietes, im Rahmen des St. Petersburger Internationalen Wirtschaftsforums sei Mitte Juni eine Vereinbarung zwischen Daimler und der Regierung des Moskauer Gebietes über den Bau einer Pkw-Fabrik im Moskauer Gebiet abgeschlossen worden. Die Regierung des Gebietes unterstütze das Projekt und hoffe, dass die Produktion im Jahr 2019 aufgenommen wird. Gouverneur Andrej Worobjow erklärte, seine Behörden täten „alles Mögliche und Unmögliche“, um das Projekt zu realisieren.

Industriepark „Jesipowo“ im Gespräch

Eine nicht genannte Quelle im Unternehmen bestätigte der Nachrichtenagentur Interfax, dass Daimler entsprechende Verhandlungen mit den Behörden führt und dass als Produktionsort der Industriepark „Jesipowo“ im Moskauer Gebiet vorgesehen ist. Vizegouverneur Jeljanuschkin sprach vom Rajon Solnetschnogorsk – dort liegt Jesipowo. Der Industriepark liegt strategisch außerordentlich günstig: nur wenige Kilometer außerhalb der Moskauer Stadtgrenzen und direkt an der Autobahn Moskau-St. Petersburg.

Daimler und Claas erhalten „Spezinvestkontrakt“

Schon am 9. Juni hatte das russische Wirtschaftsministerium den Abschluss eines von Daimler beantragten Sonderinvestitionsvertrags mit Mercedes vorläufig genehmigt. Alle Details über den genauen Ort und die Produktionskapazitäten des neuen Werkes stehen im Antrag, der aber nicht veröffentlicht wurde. Die sogenannten „Spezinvestkontrakty“ gewähren ausländischen Konzernen, die ihre Produktion in Russland lokalisiert haben, die gleichen wettbewerbsrechtlichen Bedingungen wie russischen Produzenten. Im Autobereich betrifft dies etwa staatliche Subventionen wie Abwrackprämien. Daimler ist damit nach Claas der zweite deutsche Konzern, der einen Spezinvestkontrakt unterzeichnen konnte.

In einem Joint Venture mit dem russischen Lkw-Hersteller Kamaz produziert Daimler schon seit 2010 Nutzfahrzeuge. In der Fabrik bei Moskau sollen nun russischen Medienberichten zufolge 25.000 bis 30.000 Kleinwagen jährlich vom Band rollen. Über die geplanten Modelle gibt es bislang keine Angaben. Dem Handelsblatt zufolge hofft Daimler insbesondere darauf, durch die Lokalisierung der Produktion auch weiterhin bei Staatsaufträgen zum Zuge zu kommen.

Lange Vorgeschichte

Pläne für die Errichtung eines Werkes in Russland schmiedet Daimler schon seit dem Jahr 2000. Die Entscheidung kommt nun zu einem Zeitpunkt, an dem der russische Automarkt langsam seine Talsohle erreicht. Seit 2014 sinken die Neuwagenverkäufe dramatisch. 2015 gingen die Verkäufe um über ein Drittel zurück, auch im Mai lag der Rückgang im Vergleich zum Vorjahresmonat laut der Association of European Businesses (AEB) bei 14,5 Prozent. Verkauft wurden in diesem Monat nur noch 107.665 Neuwagen. Weniger hart getroffen vom Rückgang ist allerdings das Premium-Segment. Große Wettbewerbsvorteile bringt der schwache Rubel jedoch prinzipiell den lokalen Produzenten: Neun der zehn meistverkauften Modelle werden im Land produziert.

Erst im Mai hatte Daimler verkündet, rund 500 Millionen Euro in ein neues Motorenwerk in Polen zu investieren und mehrere hundert neue Arbeitsplätze zu schaffen. mog

Dieser Beitrag erschien zuerst in RUSSLAND aktuell.