Polen: Ein gutes Jahr

BERLIN. Am 17. Juni 2016 jährt sich die Unterzeichnung des Vertrags zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit zum 25. Mal. Darin verpflichteten sich beide Länder, die gegenseitigen wirtschaftlichen Beziehungen auszubauen, vor allem bei Investitionen sowie der Zusammenarbeit polnischer und deutscher Unternehmer. Was das heute bedeutet, beschreibt Botschaftsrat Dr. Jacek Robak, Leiter der Abteilung für Handel und Investitionen der polnischen Botschaft in Berlin, in diesem Beitrag für das Polen-Special des Außenwirtschaftsmagazins Ost-West-Contact.

Fünfundzwanzig Jahre nach der Unterzeichnung des Vertrags können wir uns über den vollen Erfolg dieses Prozesses freuen. Ein großer Teil der dort formulierten Ziele ist entweder bereits realisiert oder wird weiterhin umgesetzt.

In diesen Jahren hat sich der deutsch-polnische Handelsumsatz um das 20-Fache erhöht. Deutschland ist seit vielen Jahren mit einem Anteil von über 25 Prozent der größte Handelspartner Polens. Stetig wächst die Bedeutung Polens im deutschen Außenhandel. Unser Land stieg im Jahr 2015 auf den fünften Platz der wichtigsten europäischen Handelspartner Deutschlands und auf Platz sieben der globalen Partner auf.

Die Struktur unserer Warenumsätze hat sich stark verändert. Heute werden verarbeitete Güter über die Grenze geschickt. Die wichtigsten polnischen Exportwaren nach Deutschland sind momentan Kraftfahrzeuge und Autoteile, Nahrungsmittel sowie Maschinen und Geräte. Die häufigsten polnischen Importe aus Deutschland sind Maschinen und Geräte, Kraftfahrzeuge und Autoteile sowie chemische Produkte.

30 Milliarden Euro deutsche Direktinvestitionen

In den vergangenen 25 Jahren wuchs auch die Zusammenarbeit im Bereich der Investitionen dynamisch. Deutsche Unternehmer stellen die größte Gruppe von Investoren dar, nach dem Umfang der Investitionen liegt Polen kontinuierlich auf dem ersten oder zweiten Platz. Das jüngste deutsche Bauvorhaben liegt im niederschlesischen Jawor. Hier wird Daimler-Benz Automotoren bauen.

Für das Jubiläumsjahr 2016 hat das Aus- wärtige Amt ein eigenes Logo kreiert.
Für das Jubiläumsjahr 2016 hat das Aus- wärtige Amt ein eigenes Logo kreiert.

VW Nutzfahrzeuge wird in diesem Jahr den Bau eines neuen Werkes in Wrzesnia abschließen, sodass ab September die neuen Modelle des VW Crafter in Polen gebaut werden. Zwei Beispiele, die zeigen, dass die gute Investitionszusammenarbeit weiter fortgesetzt wird.

Bisher sind aus Deutschland etwa 30 Milliarden Euro Direktinvestitionen nach Polen geflossen. Die Struktur der deutschen Investitionen ist sehr vielfältig. Sie umfasst ein breites Spektrum von Sektoren – Finanzen, Produktion und Dienstleistung. Große Investitionsprojekte finden sich in der Automobilindustrie (Volkswagen, Opel), im Finanzwesen (Deutsche Bank, Commerzbank) und bei Versicherungen (Allianz), im Maschinenbau, der Chemie (Beiersdorf, Bayer) sowie in der Energiewirtschaft (RWE, E.ON), Dienstleistung, Handel (Metro Real) und Bau (Hochtief). Mehrheitlich haben deutsche Unternehmen neue Fabriken auf der grünen Wiese gebaut (Greenfield Investments), nur ein kleiner Teil der Investitionen entfällt auf Akquisitionen (vor allem im Immobiliensektor) oder Investitionen im Bereich der Privatisierung staatlicher Unternehmen. Immer mehr deutsches Kapital fließt in den technologisch fortgeschrittenen Produktions- und Dienstleistungssektor sowie in Forschung und Entwicklung.

Polnische Investoren immer mehr sichtbar

Polnische Unternehmen werden auf dem deutschen Markt zunehmend sichtbar. Insgesamt haben sie über 1,2 Milliarden Euro investiert – nicht nur große Unternehmen wie der Ölkonzern Orlen oder diverse Informatikfirmen, sondern auch Hunderte von kleinen und mittleren Unternehmen. Zu den größten Investoren zählen PKN Orlen S.A. mit seinem Tankstellennetz in Deutschland, die Ciech Group (Erwerb der Soda-Fabrik im anhaltinischen Staßfurt), Azoty Tarnów (Kauf einer Polymere-Fabrik in Guben) oder Odratrans SA (derzeit OT Logistics SA). Die Firma Track Tec hat das ThyssenKrupp-Werk zur Produktionsanlage von Schienenweichen in Coswig übernommen. Die Arzneimittel-Fabrik in Märkische Heide gehört heute der Firma Farminę S.A. Die polnischen Firmen CCC und LPP betreiben eigene Geschäfte unter anderem in Berlin, Düsseldorf und Hamburg und vertreiben so ihre Eigenmarke direkt in Deutschland. Im vergangenen Jahr startete darüber hinaus eine der größten polnischen Banken, PKO BP, ihre Aktivität auf dem deutschen Markt.

Wrocław 25 Jahre nach dem Nachbarschaftsvertrag © Fotalia
Wrocław 25 Jahre nach dem Nachbarschaftsvertrag © Fotalia

Dynamik setzt sich fort

Das vergangene Jahr war ein weiteres Mal eine Bestätigung des dynamischen Wachstums unserer wirtschaftlichen Beziehungen. 2015 verzeichnete sowohl die polnische als auch die deutsche Wirtschaft erneut ein Wachstum (3,6 Prozent in Polen und 1,7 Prozent in Deutschland), was gute Bedingungen für intensive bilaterale Wirtschaftsbeziehungen schuf. Nach Angaben der polnischen Statistikbehörde erreichte der Außenhandelsumsatz einen Rekord von 88,5 Milliarden Euro, ein Plus von 9,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

48,5 Milliarden Euro entfielen auf Ausfuhren nach Deutschland, ein Zuwachs von 11,2 Prozent. Waren im Wert von 40,0 Milliarden Euro wurden aus Deutschland eingeführt (+7,8 Prozent). Damit erhöhten sich die polnischen Exporte nach Deutschland allein in diesem einen Jahr um etwa fünf Milliarden Euro. Das entspricht dem Gesamtwert der polnischen Ausfuhren in die USA und dem Vierfachen der Exporte nach Kanada.

Weiter in der Gunst der Investoren

Polen ist laut Umfrage der AHK Warschau vom Februar 2016 weiterhin der attraktivste Investitionsstandort für Ost- und Mitteleuropa. Mit der Bewertung von 4,8 Punkten (von sechs möglichen) lag Polen im Ranking des besten Investitionsstandortes vor Tschechien (4,4 Punkten), der Slowakei (4,3) und Estland (4,2).

Laut Wirtschaftsprognosen bleiben die Bedingungen für die erfolgreiche bilaterale Zusammenarbeit weiterhin sehr gut, der Wachstumstrend für polnische Ausfuhren auf den deutschen Markt wird sich 2016 fortsetzen.

In noch größerem Umfang sollten neue bilaterale Wirtschaftsbereiche erschlossen werden, vor allem im Sektor der Spitzentechnologien. Das Potenzial der polnisch-deutschen Zusammenarbeit auf dem wissenschaftlich-technischen Gebiet sowie im Bereich der Forschung und Entwicklung zwischen den Unternehmen, Instituten und Universitäten ist längst noch nicht ausgeschöpft. Man kann praktisch auf jedem Gebiet in Deutschland einen Partner zur Zusammenarbeit finden. In den kommenden Jahren werden wir besonders die Kooperation im Technologie- und Innovationsbereich fördern. Die Energieinfrastruktur in Polen und Deutschland erfordert die Modernisierung der Produktionskapazitäten und Vertriebsnetze. Das stellt ein interessantes Gebiet der künftigen Zusammenarbeit dar.

Polen will weiter von Deutschland lernen

Entwicklung des deutsch-polnischen Handels Quelle: Statistisches Bundesamt
Entwicklung des deutsch-polnischen Handels
Quelle: Statistisches Bundesamt

Von besonderer Bedeutung werden auch das technische Potenzial und die Erfahrung der deutschen Unternehmen bei der Nutzung der erneuerbaren Energien und der Umsetzung der dualen Berufsbildung angesehen. Die industrielle Zusammenarbeit mit der Bundesrepublik Deutschland unterstützt unsere Bemühungen zur Modernisierung der Infrastruktur, der Entwicklung erneuerbarer Energien, der Automobil-, Chemie-, Luft- und Raumfahrtindustrie, der Lebensmittelverarbeitung, des Bauwesens, der Informationstechnologie sowie des Umweltschutzes.