Russland: „Ein bisschen schräg“

MOSKAU. Er wurde abgekanzelt wie ein kleiner Junge. Als Siemens-Chef Joe Kaeser im März 2014 – Männer in schwarzen Uniformen hatten gerade die Krim besetzt – Russlands Präsidenten Wladimir Putin besuchte, fragte ihn ZDF-Moderator Claus Kleber: „Was haben Sie sich dabei gedacht?“. Das Handelsblatt titelte mit „Der nächste Putin-Versteher“, und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel fand den Auftritt im ARD-Bericht aus Berlin „ein bisschen schräg“.

Am 11. April empfing Russlands Präsident Putin eine Delegation des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft. © Kreml
Am 11. April empfing Russlands Präsident Putin eine Delegation des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft. © Kreml

Dieser Medienschelte wollte der neue Chef des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, Wolfgang Büchele, Vorstandsvorsitzender der Linde AG, bei seinem Antrittsbesuch im Kreml entgehen. Es gab keine Informationen vorab, keine Statements hinterher, als Büchele am 11. April Wladimir Putin seine Aufwartung machte. Mit dabei waren Spitzenmanager der deutschen Wirtschaft, die sich im Ost-Ausschuss engagieren und seit Jahren gut im Russland-Geschäft vertreten sind: Manfred Grundke, Geschäftsführender Gesellschafter des Baustoffkonzerns Knauf, Catharina Claas-Mühlhäuser, Vorsitzende des Aufsichtsrates des Landmaschinenherstellers Claas, Olaf Koch, Vorsitzender des Vorstandes der Metro AG, Stefan Oschmann, Vorsitzender der Geschäftsleitung des Pharma- und Chemiekonzerns Merck, Joachim Rumstadt, Vorsitzender der Geschäftsführung des Energieunternehmens STEAG, Martin Herrenknecht, Vorstandsvorsitzender des Maschinenbauers Herrenknecht, Philipp Bayat, Geschäftsführer der Bauer Kompressoren, und Bernd Scheifele, Vorstandsvorsitzender der HeidelbergCement.

So war es nur zu verständlich, dass zwar von deutscher Seite Zurückhaltung geübt wurde, Putin selbst aber sehr wohl daran interessiert war, dass in die Öffentlichkeit gelangte, wie ihm die Crème de la Crème der deutschen Industrie die Hände schüttelt. Auf der Internetseite des Kremls wurden Fotos, ein Video und Putins Begrüßungsansprache veröffentlicht. Und die russischen Medien berichteten artig.

Warum auch nicht? Keiner der Anwesenden verstößt gegen irgendwelche Sanktionen. Die halbe Welt trifft sich mit Putin und auch Angela Merkel pflegt den persönlichen Kontakt. Selbst Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel konnte im vergangenen Oktober der Versuchung nicht widerstehen, dem zuvor von ihm gescholtenen russischen Präsidenten in dessen Residenz Nowo-Ogarjowo gegenüberzusitzen.

Es gibt für die deutsche Wirtschaft keinen Grund, sich für ihr Geschäft in Russland zu rechtfertigen. Im Gegenteil! Wie segensreich das Engagement der Wirtschaft gerade in Ländern mit politischen Systemen ist, die nicht unserer Vorstellung von Demokratie entsprechen, hat Otto Wolff von Amerongen zu einer Zeit vorgemacht, als es um Krieg und Frieden ging.

Auch heute geht es inzwischen wieder um Krieg und Frieden. Abgesehen vom wirklichen Krieg in der Ukraine – abgeschossene russische Kampfjets in der Türkei und russische Flugmanöver über amerikanischen Schiffen in der Ostsee lassen erahnen, wie nah wir uns am Rande bewegen.

Beruhigendes Händeschütteln

Da wirken Bilder, auf denen deutsche Spitzenmanager dem russischen Präsidenten die Hand schütteln, beruhigend. Und Putins Begrüßungsworte noch mehr: „Schwierigkeiten hat es immer gegeben. (…) Wir haben zahlreiche vielversprechende Projekte und ich hoffe, dass Ihr Interesse an der Kooperation mit Russland und mit Ihren russischen Partnern weiter wachsen wird und Sie die Möglichkeiten nutzen, die Ihnen der Markt bietet.“

Anstatt sich in den Kreml zu schleichen, sollte die deutsche Wirtschaft es laut hinausrufen: „Ja, wir wollen die Möglichkeiten nutzen.“ Sie tut es ja längst.

Russland ist für deutsche Unternehmen ein überaus attraktiver Markt. Auch wenn das Engagement der deutschen Wirtschaft gemessen an deren weltweiten Umsätzen in Russland gering ist – für einzelne deutsche Konzerne und Mittelständler – allen voran die Kremlbesucher – hat das Land inzwischen einen hohen Stellenwert.

Für die Linde AG zum Beispiel. Nicht umsonst hat sich deren Vorstandschef Wolfgang Büchele im vergangenen Herbst zum Vorsitzenden des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft wählen lassen.

Mit Linde-Beteiligung entsteht derzeit in der Amur-Region eines der größten Gasverarbeitungswerke weltweit. Im Bild: Anlage im norwegischen Kollsnes. © Linde AG
Mit Linde-Beteiligung entsteht derzeit in der Amur-Region eines der größten Gasverarbeitungswerke weltweit. Im Bild: Anlage im norwegischen Kollsnes. © Linde AG

Linde ist seit vielen Jahren in Russland aktiv. Mit der Fusion der schwedischen AGA und der Linde Technische Gase übernahm das Unternehmen auch die Besitztümer der Schweden in Russland: das Balshikha-Oxygen-Werk in der Moskauer Region und das Acetylen-Werk in Kaliningrad. Seit 2005 operiert der Konzern in Russland als Linde Gas Rus OJSC und ist heute ein führendes Unternehmen im Bereich der Herstellung industrieller und medizinischer Gase mit Werken von St. Peterburg bis Jekaterinburg.

Mit der Übernahme eines ehemaligen Chemieanlagenbauers in Dresden öffnete sich den Münchnern der russische Markt zusätzlich im Bereich Anlagenbau. 2012 wurden die Aktivitäten in der Linde Engineering Rus zusammengefasst. Es gibt kaum ein großes Projekt im Bereich Chemieindustrie, an dem der deutsche Technologiekonzern nicht partizipiert. Partner sind dabei die Schwergewichte der russischen Wirtschaft: Gazprom, Sibur und die TAIF Group.

Der jüngste attraktive Auftrag stammt vom strategischen Partner Gazprom. Der deutsche Konzern ist Lizenzgeber der Technologien für ein neues Erdgasaufbereitungswerk an der russisch-chinesischen Grenze – eines der größten Werke weltweit. Linde wird außerdem für die Beschaffung von Anlagen zuständig sein. Das Werk, das in fünf Phasen bis 2024 errichtet werden soll, wird Teil des Power-of-Siberia-Pipeline-Projektes, das die Erdgasfelder in Ostsibirien mit Nord­ostchina verbinden wird. Wie gut zu wissen, dass deutsche Unternehmen mitmischen, wenn Russland und China strategische Allianzen schmieden.

„Wir glauben an Russland und zeigen das mit unseren langfristigen Investitionen“, sagte der Linde-Chef während seines jüngsten Besuchs Ende April in Kasan im Interview mit Realnoe Vremya. Wie auch sollte man an solche Aufträge kommen, wenn man nicht an Russland glaubt.

Auch für Claas aus Harsewinkel hat das Russland-Geschäft große Bedeutung und ist dementsprechend Chefsache. Seit 2005 produziert – oder besser montiert – der Landmaschinenhersteller in Krasnodar. Um aus dem Montieren ein Produzieren zu machen und so den Lokalisierungsanforderungen der russischen Regierung zu entsprechen, wurde 2015 ein weiteres Werk eröffnet. Das Produktionsvolumen stieg auf 2.500 Mähdrescher und Traktoren pro Jahr. Damit zählt das russische Werk im Süden des Landes zu den vier größten der elf Claas-Fabriken weltweit.

Warten auf den Investitionsvertrag

Sei Jahren bemüht sich das Unternehmen, konkret in Person der Aufsichtsratschefin Catharina Claas-Mühlhäuser, um die Anerkennung als russischer Hersteller, denn nur dann kommt Claas wie sein russischer Konkurrent Rosselmasch in den Genuss einer finanziellen Förderung durch den Staat. Wenn sich Landwirte einen Mähdrescher „Made in Russia“ kaufen, schießt Väterchen Staat in nicht unbeträchtlichem Maße zu. Außerdem winken steuerliche Vergünstigungen.

Um ausländischen Unternehmen diese Vergünstigungen zu gewähren, hat Russland sogenannte Special Investment Contracts erfunden. Caterina Claas-Mühlhäuser war nicht zum ersten Mal bei Putin, um endlich einen solchen Vertrag unterzeichnen zu können. Aber in Russland mahlen die Mühlen langsam. Mehr als eine Absichtserklärung zur Unterzeichnung des notwendigen Investitionsvertrages haben die Harsewinkler noch nicht in der Tasche. Und auch alle anderen ausländischen Investoren warten. Auf einer Veranstaltung des Russian Direct Investment Fund für deutsche Investoren Ende April in Stuttgart erklärte Alexej Komissarow vom Fonds für industrielle Entwicklung des russischen Industrieministeriums, dass zehn solcher Verträge bis Ende des Jahres unterzeichnet werden sollen. Claas stünde nach dem japanischen Autobauer Mazda auf Platz zwei der Liste. Bis Ende Juni, davon ist der deutsche Landmaschinenhersteller überzeugt, ist der Vertrag unterschrieben.

Der Pharma- und Chemiekonzern Merck hat 2013 eine neue Russland-Strategie verabschiedet. 2013 beschäftigte das Unternehmen einhundert Mitarbeiter in Russland, heute sind es bereits 250. Und man will weiter wachsen.

Der Einzelhändler Metro Cash & Carry und die Baustoffproduzenten HeidelbergCement und Knauf gehören heute schon so fest zum russischen Markt wie Gazprom und Rosneft. Lokalisierung ist für diese deutschen Firmen kein neues Thema – ihr Geschäft macht nur Sinn, wenn es lokal betrieben wird.

Für den Tunnelbohrspezialisten Herrenknecht ist Russland ein El Dorado. Hier kann man Weltrekorde bohren. 2011 fertigte der Maschinenbauer im Auftrag der russischen Betreibergesellschaft NCC den weltweit größten Tunnelbohrer, der bei der Unterquerung der Newa in St. Petersburg zum Einsatz kam. Herrenknecht-Maschinen werden seit 30 Jahren in Russland verkauft, aktuell werden sie beim Ausbau der Metro in Moskau genutzt.

Für die Newa-Unterquerung hat Herrenknecht die größte Bohrmaschine der Welt gebaut. Aktuell kommen Herrenknecht-Bohrmaschinen beim Metrobau in Moskau zum Einsatz. © Herrenknecht AG
Für die Newa-Unterquerung hat Herrenknecht die größte Bohrmaschine der Welt gebaut. Aktuell kommen Herrenknecht-Bohrmaschinen beim Metrobau in Moskau zum Einsatz. © Herrenknecht AG

Das Familienunternehmen Bauer Group arbeitet mit dem Giganten Gazprom an der Gasifizierung Russlands – ein strategisches Vorhaben der Russen, unter anderem mehr Erdgas als Automobiltreibstoff zum Einsatz zu bringen. Für die Erdgastankstellen liefert das bayerische Unternehmen die Kompressoren zu. Bauer-Kompressoren werden heute in Russland überall eingesetzt, wo man sich höchste Qualität leisten kann.

Unter Federführung der STEAG GmbH, Essen, lief seit 2004 eines der großen deutsch-russischen Kooperationsprojekte: die Entsorgung alter russischer Atom-U-Boote. Spezialisten der Energiewerke Nord (EWN) in Lubmin, Mecklenburg-Vorpommern, bauten in der Saida-Bucht ein Langzeitzwischenlager für radioaktive Reaktorenteile. Im vergangenen Jahren wurde das Projekt abgeschlossen. Zu den weiteren Plänen in Russland gibt das Energieunternehmen keine Auskunft. Wenn der Vorsitzende der Geschäftsführung eine Einladung des russischen Präsidenten annimmt, darf man aber davon ausgehen, dass der Energiekonzern weitere Projekte in der Planung hat. Kommunizieren will man das aber nicht, zu Planungsvorhaben im In- und Ausland nehme man öffentlich grundsätzlich keine Stellung.

Den Nein-Sagern nicht das Feld überlassen

Russland-Geschäfte haben einen hohen politischen Stellenwert. Das ist gut, wenn die Politik dahintersteht – und schlecht, wenn sie den Unternehmen Steine in den Weg legt und damit die Vorlage für die negativen Russland-Schlagzeilen in den Medien liefert.

In guten Zeiten sonnt sich die Wirtschaft im Glanz der Mächtigen, in schlechten Zeiten darf sie sich nicht abducken und Kritikern und Nein-Sagern das Feld überlassen.

Sonst passiert, was mit TTIP und Nordstream passiert: Tausende demonstrieren anlässlich des Besuches von Barack Obaman zur Hannover Messe Ende April gegen das Freihandelsabkommen mit den USA. Der Ausbau der Pipeline durch die Ostsee macht negative Schlagzeilen, kaum dass die ersten Aufträge an Röhrenbauer in Deutschland und Österreich vergeben sind.

Bezüglich der Zusammenarbeit mit Russland gibt es keinen Grund zur kommunikativen Zurückhaltung. Wie eine Ende April veröffentlichte Umfrage von TSN Infratest im Auftrag der Körber-Stiftung ergab, sehen zwar die Hälfte der Deutschen und der Russen Russland nicht mehr als Teil Europas und mehr als die Hälfte der Deutschen hält die Politik der EU gegenüber Russland für angemessen. Nur in Teilen, so ergab die Umfrage, gibt es eine gemeinsame Wertebasis zwischen Russen und Deutschen. Aber wenn es darum geht, mit welchem Land in Zukunft eine stärkere Zusammenarbeit gewünscht wird, nennen die Deutschen Russland an zweiter Stelle hinter Frankreich. Und in Russland belegt Deutschland sogar den ersten Platz vor China. Angesichts dieser öffentlichen Meinung ist jede Zurückhaltung irgendwie schräg.

Dieser Artikel erscheint in Ost-West-Contact 05/2016.