Belarus: Langer Atem lohnt

MINSK. Das zweite Jahr in Folge sieht sich Belarus mit einer ernsten Rezession konfrontiert. Auch die wenigen ausländischen Unternehmen sind betroffen – je nach Produktionsschwerpunkt unterschiedlich stark. Die für Juli angesetzte Währungsreform ist aus ökonomischer Sicht geldpolitische Kosmetik, psychologisch könne sie jedoch einen Aufbruch signalisieren, meinte GET-Berater Robert Kirchner. Die Notenbündel werden dann etwas dünner.

Stadler liefert der belarussischen Staatsbahn neue Intercity-Züge. Sie sollen künftig auf der elektrifizierten Strecke Minsk-Gomel eingesetzt werden. © Stadler
Stadler liefert der belarussischen Staatsbahn neue Intercity-Züge für den Einsatz auf der neu elektrifizierten Strecke Minsk-Gomel. © Stadler

Der Industrie geht es schlecht. Der Output des traditionell wichtigsten Wirtschaftszweiges des Landes ist im vergangenen Jahr um 6,6 Prozent gesunken. Viele Kombinate produzierenauf Lager, Kurzarbeit ist mancherorts die Regel, unter anderem im Minsker Traktorenwerk MTS. Kurzfristig werde sich die Lage nicht bessern, meint Robert Kirchner, Projektleiter des German Economic Teams (GET) Belarus. Über das Transform-Nachfolgeprogramm der Bundesregierung durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie finanziert, steht das GET nach eigenen Angaben im Dialog mit reformorientierten Entscheidungsträgern der belarussischen Regierung.

Von der Mitgliedschaft in der krisengeplagten Eurasischen Wirtschaftsunion profitiere Belarus derzeit überhaupt nicht. Eher das Gegenteil sei der Fall: „Der EAWU-Binnenmarkt hat sich, gemessen in US-Dollar, seit Ende 2014 halbiert“, so Kirchner. Eingebrochen ist der Handel mit Russland und Kasachstan.

IWF-Verhandlungen unterbrochen

Das GET empfiehlt Minsk daher, die Verhandlungen über ein neues Hilfsprogramm des Internationalen Währungsfonds wieder aufzunehmen. Der IWF-Kredit würde in mehrerer Hinsicht helfen: Einerseits würde damit der Devisenbestand gestärkt und auch mehr Vertrauen westlicher Geldgeber oder Investoren geschaffen. „Wichtiger aber wären die damit verbundene Weiterführung der Stabilisierungspolitik sowie der Einstieg in tiefgreifende Strukturreformen.“ Doch ohne den ersten Schritt seitens Minsks, so Kirchner, würde nicht weiterverhandelt. Im März wurde zudem bekannt, dass der Entwicklungsfonds der Eurasischen Wirtschaftsunion dem Land ein Hilfspaket über zwei Milliarden US-Dollar schnürt. Belarus musste dem Geldgeber dafür weitere öffentliche Sparmaßnahmen zusichern.

Handel-EAWU-2015

Vier Nullen weniger

Ab 1. Juli verliert der belarussische Rubel vier Nullen, aus 10.000 wird dann einer. Mit der Währungsreform bringt die Zentralbank dann neue Banknoten und Münzen in Umlauf. Diese lagern bereits seit 2008 in den Tresoren, doch wegen der Wirtschaftskrise 2009 war die bereits damals beschlossene Währungsreform verschoben worden. Bis zum Jahresende werden sämtliche Preisschilder im Land den alten und neuen Preis ausweisen, bis dahin gelten auch die alten Rubelscheine als Zahlungsmittel. Ihr Umtausch ist bis Ende 2019 auf jeder Bank des Landes möglich.

„Das Hantieren mit großen Beträgen hat dann ein Ende“, begrüßt Kirchner. Zurzeit ist der höchstnotierte Geldschein, die 200.000-Rubel-Note, gerade einmal 8,75 Euro wert. Rundungs- oder Zählfehler waren vorprogrammiert. Gleichwohl sei die Reform nur eine „geldpolitische Kosmetik“, da der realen Wechselkurs letztlich gleich bleibe. Auch wenn weiterhin dicke Geldscheinrollen gezückt werden müssen, ist ein psychologischer Effekt – kleinere Beträge suggerieren einen stabileren Rubel – nicht abzustreiten.

Optimistisch trotz Auftragsnot

Waggonwerk in Fanipol © Stadler
Waggonwerk in Fanipol © Stadler

Einer der bekanntesten westeuropäischen Investoren im Land ist die Stadler Rail AG. Seit 2013 montiert das Schweizer Unternehmen Züge für die in den Ländern der GUS übliche Breitspur. Stadler investierte nach eigenen Angaben 50 Millionen Euro in das Werk, gut die Hälfte davon stammte aus einem Kredit der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD). Das Werk beschäftigt derzeit rund 500 Mitarbeiter, 50 weniger als noch im November 2015. Den Personalabbau begründet Phillip Brunner, Werksleiter und neuer Landeschef bei Stadler: „2016 werden wir wahrscheinlich nur 30 Prozent der technischen möglichen Auslastung von 120 Waggons erreichen.“ Vollauslastung bedeute dabei „einen guten Mix“ aus ein- und zweistöckigen Waggons.

Doch die Kunden im GUS-Raum bestellten seit dem Beginn der Krise im Windschatten des Ölpreisverfalls viel zu wenig. Auch bestehende Aufträge wie der des russischen Unternehmens Aeroexpress wurden nicht vollendet, bereits montierte Züge nicht ausgeliefert.

Seitdem der Kunde Aeroexpress im Juni 2015 Zahlungsschwierigkeiten gemeldet hatte, laufen laut Brunner Nachverhandlungen über den Preis. Aus den ursprünglich 26 bestellten Triebzügen mit je zwei Triebwagen, die zwischen den drei Flughäfen und dem Stadtzentrum von Moskau pendeln sollen, wurden elf. Doch auch diese elf Fahrzeuge sind immer noch nicht in die russische Metropole geliefert.

Baku statt Moskau

Fünf Züge aus dem Aeroexpress-Auftrag konnten mittlerweile nach Aserbaidschan verkauft werden. Weil sich die Züge dort bewährt haben, habe die aserbaidschanische Staatsbahn bereits Interesse an weiteren Bestellungen bekundet. „Doch konkrete Gespräche haben wir bislang noch nicht geführt“, so der Manager. Um eine Minimalauslastung des Werkes im Rajon Dscherschinsk südwestlich von Minsk zu sichern, „und die am Standort entwickelte Kompetenz zu erhalten“, wurden bereits „Wertschöpfungsanteile“ aus anderen Stadler-Werken dorthin verlegt.

Positives gibt es jedoch auch für Stadler zu vermelden: Noch im zweiten Quartal dieses Jahres soll die neu elektrifizierte Bahnstrecke zwischen Minsk und Gomel, der zweitgrößten Stadt im Lande, eingeweiht werden. Da hochrangige Politiker erwartet werden, werde der Termin relativ kurzfristig bekannt gegeben. Doch relativ sicher sei, dass Stadler zu diesem Anlass zwei Intercity-Züge mit je sieben Waggons an die Belarussische Staatsbahn übergegeben wird. Diese werde die beiden ICs laut Brunner auf dieser Strecke einsetzen.

Wie Brunner weiter berichtet, führt Stadler bereits Gespräche über die Lieferung neuer Metrozüge für die geplante Minsker Untergrundlinie „C“. Langfristig rechne man sogar damit, dass der komplette Metrofuhrpark ausgestauscht werden müsse – wohl mit einiger Berechtigung hoffen die Schweizer auf den Zuschlag.

Nicht alle ausländischen Investoren von der Krise betroffen

Bereits seit 1995 produziert die OOO „Zeiss-BelOMO“ hochpräzise opto-mechanische Erzeugnisse wie Mikroskope beziehungsweise Vorprodukte auf Basis einer Lohnveredelung. Entsprechend groß fiel die Feier zum 20-jährigen Bestehen des Joint Ventures im vergangenen September aus, berichtet Direktor Timofej Sawran. Im hauptstädtischen „Palast der Republik“ wurden dabei alle 350 Mitarbeiter aus Minsk sowie einige aus Deutschland ganz klassisch mit Blumen und Auszeichnungen geehrt.

Qualitätskontrolle von Mikroskoplinsen bei „Zeiss Belomo“ in Minsk © JV Zeiss-BelOMO
Qualitätskontrolle von Mikroskoplinsen bei „Zeiss Belomo“ in Minsk © JV Zeiss-BelOMO

Hinter dem Gemeinschaftsunternehmen steht die Carl Zeiss Jena GmbH mit 60 Prozent und die einheimische Staatsholding BelOMO mit 40 Prozent. Dieser Betrieb, in der Sowjetunion die Nummer zwei in der Entwicklung und Fertigung von optischen und feinmechanischen Geräten, beschäftigt heute in fünf Werken rund 2.000 Mitarbeiter. Auf dem Werksgelände in Minsk ist auch das Joint Venture mit dem deutschen Partnerunternehmen angesiedelt, das selbst wiederum Teil der Carl Zeiss AG ist, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus Jena, damals sowjetische Besatzungszone, in das baden-württembergische Oberkochem „übersiedelte“.

In Minsk werden Vorerzeugnisse in Serie gefertigt. Eine entsprechend hohe Priorität misst das deutsche Carl-Zeiss-Management daher der Erhöhung der Produktionseffizienz bei. Laut Sawran läuft seit 2013 die Umstellung des Minsker Betriebsteils auf „Lean Production“.  Prinzip dieser Produktionsmethode sind möglichst „schlanke“ Prozesse, die damit auch weniger störanfällig sind. Fast im Wochentakt reisten die Mitarbeiter aus Minsk, Jena oder Oberkochem zu Meetings und Stippvisiten, um sich von den Fortschritten zu überzeugen, berichtet Direktor Sawran weiter.

Doch auch nach 20 Jahren ist der Beitrag der Minsker Kollegen begrenzt: Erwirtschaftete die gesamte Zeiss AG im Geschäftsjahr 2014/15 einen Umsatz von 4,51 Milliarden Euro, trug  Minsk laut Sawran mit gerade einmal sieben Millionen Euro dazu bei.

Dieser Beitrag erschien zuerst in Ost-West-Contact 4/2016.

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