Wirtschaftsentwicklung Georgien: Hoffen auf neue Märkte

Georgien-oa-2-08-oNKBERLIN. Georgien hofft, durch das Assoziierungsabkommen mit der EU neue Märkte zu erschließen. Perspektivisch könnte und sollte daraus ein nachhaltigeres Wachstum resultieren. Denn die Folgen der russischen Rezession und des Krieges in der Ost-Ukraine zeigen, wie anfällig die kleine Ökonomie für externe Schocks bleibt, wenn sie ihre Handelspartner nicht diversifiziert. Die nationale Statistikbehörde Geostat beziffert den Zuwachs des vergangenen Jahres auf 2,8 Prozent, internationale Beobachter wie das German Economic Team (GET) Georgia auf zwei Prozent. Wachstumstreiber waren Investitionen, vor allem in die Verkehrs- und Energieinfrastruktur sowie die sich weiter belebende Ernährungswirtschaft. Seit Mitte 2014 drosselt jedoch die schwindende Nachfrage Russlands und der Ukraine den Aufwärtstrend des Produktionssektors des Südkaukasuslandes. Die Wirtschaftskrise dieser Länder wirkt sich über geringere Rücküberweisungen georgischer Gastarbeiter negativ auf die Binnennachfrage aus. Ein Anstieg der Verbraucherpreise um 4,9 Prozent binnen zwölf Monaten verstärkt dies. Daher bleibt Georgiens Wirtschaft insgesamt hinter den Erwartungen zurück.

Statistik 2015
Bevölkerung: 3,7 Mio.
Fläche: 69,7 Tsd. km2
Nominales BIP: 12,4 Mrd. Euro
BIP pro Kopf: 3.351 Euro
BIP-Wachstum: 2,8%
Inflationsrate: 3,7%
Arbeitslosenquote: 15,0%
Quellen: Nationales Statistikamt, IWF

Abwertung als Rettungsanker

Tbilissi reagierte und wertete seit Ende 2014 in mehreren Schritten die Landeswährung Lari um 26 Prozent ab. Damit sollen das BIP und die Exporte stabilisiert werden. Die Anpassung war nicht zuletzt auch deshalb notwendig, weil alle regionalen Währungen gegenüber dem US-Dollar abwerteten.

2016 dürfte sich die Binnenkonjunktur an die externen Schocks der vergangenen Monate angepasst haben und damit einen höheren Zuwachs generieren. Die GET-Ökonomen erwarten hierbei ein Wachstum um drei Prozent, wodurch wiederum ein größeres Leistungsbilanzdefizit erwartet wird. Bereits im vergangenen Jahr war der Negativsaldo im Außenhandel auf elf Prozent angewachsen, ein noch höheres Defizit war duch die deutliche Abwertung verhindert worden. Gleichzeitig stieg dadurch die Staatsverschuldung, die zu einem erheblichen Teil aus Fremdwährungskrediten besteht. Die Verschuldung wird 2016 laut dem GET auf 45 Prozent des BIP anwachsen, bleibt aber in einem „verkraftbaren Rahmen.“ Auch der Staatshaushalt gilt als ausgeglichen. Laut der nationalen Statistikbehörde, die zwei unterschiedliche Erfassungsmethoden (GFS 1986 und GFS 2001) anwendet, beträgt das Budgetsaldo im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung plus drei Prozent beziehungsweise minus zwei Prozent. Die Inflationsrate bewegt sich mit drei Prozent ebenso auf einem geringen Niveau.

Gleichwohl dürfte das Assoziierungsabkommen mit der EU, das am 1. Januar 2016 in Kraft trat, Investitionen, Handel und Tourismus anschieben. Das Abkommen sieht unter anderem Erleichterungen für den Zugang georgischer Produkte auf die Märkte Europas vor. Im Gegenzug muss Georgien bestimmte EU-Standards einführen, unter anderem in den Bereichen Handel, Zoll, Steuern, Wettbewerbsrecht, Energiefragen sowie Umwelt- und Klimaschutz.

Visabefreiung in Aussicht

In einem „Fortschrittsbericht“ attestierte die Europäische Kommission im Dezember 2015 Tbilissi Erfolge bei der Korruptionsbekämpfung und der Justizreform. Georgische (wie auch ukrainische) Bürger sollen daher spätestens ab Juli 2016 ohne Visum in den Schengen-Raum einreisen dürfen. „Es hat sich gezeigt, dass der Visadialog zwischen der EU und Georgien ein wirksames Instrument ist, um Reformen voranzubringen“, so der offzielle Wortlaut aus Brüssel. Im März entscheidet das Europäische Parlament über die finale Einführung der Visafreiheit.

Hauptinvestor Aserbaidschan

2015 summierten sich die ausländischen Direktinvestitionen (FDI) auf 1,05 Milliarden US-Dollar, davon stammten 173 Millionen US-Dollar aus Aserbaidschan, der Rest verteilte sich auf die EU-Staaten Niederlande, Großbritannien und Tschechien sowie China und die Vereinigten Staaten. 2014 waren nach Angaben der georgischen Statistikbehörde FDI in Höhe von 1,76 Milliarden US-Dollar in das Land geflossen. Die wichtigsten deutschen Investoren sind die Firmen Knauf, HeidelbergCement und Hipp.

Außenhandel 2015

Kupfererz rückte im vergangenen Jahr auf Rang eins der georgischen Exportbilanz vor. Der Exportumsatz des Metalls erreichte 270,6 Millionen US-Dollar (+9,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr) und damit 12,3 Prozent des Gesamtexports. Dabei ist Georgien eher Händler denn Förderer, denn in der Berichtsperiode wurde Kupfer im Wert von 208 Millionen US-Dollar (+26 Prozent) importiert. Auf Platz zwei der Exportstatistik folgten Eisenlegierungen (194,5 Millionen US-Dollar, +24,3 Prozent), vornehmlich aus Mangan, von dem es ebenso große Vorkommen gibt. Auf dem dritten Platz rangierten Pkw, 2014 noch Exportgut Nummer eins. Georgien ist ein wichtiger regionaler Umschlagplatz für den Handel mit Gebrauchtwagen. Die weiteren Ränge belegten Nüsse (siehe Beitrag auf Seite 68) und Arzneimittel. Die wichtigsten Exportziele Georgiens sind die Nachbarstaaten Aserbaidschan, Armenien und Russland sowie Bulgarien. In der Gegenrichtung importierte Georgien vor allem Arzneimittel (745,4 Millionen US-Dollar, +137 Prozent), Erdöl und Benzin (-28 Prozent), Pkw (-36 Prozent) und Erdgas (+14 Prozent). Hauptlieferanten waren die Türkei, Russland, China, Aserbaidschan und die Ukraine. Deutschland rangiert mit 443 Millionen Euro auf Platz sechs. Insgesamt sank das Handelsvolumen um 13,3 Prozent auf 9,93 Milliarden US-Dollar.

Quellen: GET Georgia, Nationales Statistikamt, IWF, Europäische Kommission. Diese Wirtschaftsentwicklung erschien zuerst in Ost-West-Contact 3/2016.