Georgien: In Vino Opportunitas

BERLIN. „Georgien ist im Export von ausgewählten Agrarerzeugnissen in einigen spezifischen Märkten konkurrenzfähig“, weiß Agrarökonom Stephan von Cramon-Taubadel. Im Umkehrschluss bedeutet dies auch, dass sich Georgien bislang auf zu wenige Produkte und Zielländer konzentriert hat. 80 Prozent der Betriebe ernten bislang für den Eigenbedarf. Zu viele, um die seit der Lari-Abwertung noch wertvolleren Devisen nicht zu verschwenden.

Weinlese in der Kakheti-Region. 80 Prozent der Weinernte werden für den Eigenbedarf verwendet. © ADB
Weinlese in der Kakheti-Region. Gut 80 Prozent der Weinernte werden für den Eigenbedarf verwendet. © ADB

Das wichtigste Exportgut eines Landes, das rund 500 endemische Rebsorten wie den halbtrockenen Kindzmarauli oder den trockenen Mukuzani hervorgebracht hat, ist – Wein. Bereits um 6.000 vor Christus genoss man, nachweislich, auf heute georgischem Gebiet eine Urform des vergorenen Traubensafts.

Doch der Auslandsumsatz mit dem Wein aus dem Südkaukausland schwankt stark – mal politisch gewollt, mal krisenbedingt. Die im vorigen Jahr auf dem Kernmarkt Russland verkauften 18 Millionen Flaschen bedeuteten eine Absatzeinbruch von 51 Prozent. Kasachstan, Hauptabnehmer Nummer zwei, stand dem mit minus 56 Prozent in nichts nach. Insgesamt verkaufte Georgien nach Angaben der staatlichen Nationalen Weinagentur 36 Millionen Flaschen in 46 Länder und verzeichnete dabei mit 98,1 Millionen US-Dollar ein Umsatzminus von gut 45 Prozent.Rund ein Zehntel ging davon in die EU.

Mit knapp 500.000 Flaschen kaufte beispielsweise jeder zweite Este ein Flasche, auch in anderen ehemaligen Ostblock-Ländern weisen die Zahlen auf treue Trinker georgischen Weins hin. Ein Nischendasein hingegen fristet das georgische Nationalgetränk in den Ländern der westlichen EU mit Verkaufszahlen um jeweils 20.000 bis 50.000 Flaschen. Als Wachstumsmarkt gilt China, wo sich die Verkaufszahlen mit 2,6 Millionen Flaschen mehr als verdoppelten. Im Februar eröffnete die Nationale Weinagentur nach eigenen Angaben ein Marketingbüro im chinesischen Jiangxi.

Einseitigkeit macht verwundbar

Zu stark orientierten sich Georgiens Weinbauern bislang auf die GUS-Märkte und insbesondere Russland. „Diese Abhängigkeit macht die georgische Weinindustrie verwundbar“, sagte der Agrargökonom Stephan von Cramon-Taubadel von der Universität Göttingen. Dies zeigte sich bereits 2006, als Moskau nach Konflikten um die Grenzregionen Süd-Ossetien und Abchasien den Import von georgischen Weinen, von Spirituosen und Mineralwasser verbot. In der Folgezeit fiel der Weinanteil an den Gesamtexporten von fünf auf 1,5 Prozent. Nachdem das Embargo 2013 aufgehoben wurde, erholten sich die Weinexporte rasch – von 60 Millionen US-Dollar im Jahr 2012 auf knapp 180 Millionen US-Dollar zwei Jahre später.

Nachdem zu Jahresbeginn das vertiefte Freihandelsabkommen mit der EU vollständig in Kraft trat, sollen georgischer Wein, georgisches Obst und Gemüse sowie Nüsse verstärkt nach Europa verkauft werden, berichtet Wirtschaftsattachée Maka Khvadagiani. Dafür präsentiert sich Georgien auf Branchenleitmessen wie der Tourismusmesse ITB, der Grünen Woche, der Fruit & Logistica sowie auf Berliner Politforen wie dem East Forum. „Wir wollen alle Kanäle nutzen, unsere Bekanntheit zu erhöhen“, so Khvadagiani.

© Georgian Wine Society
© Georgian Wine Society
Großer Anspruch und zu kleinteilige Betriebsstruktur

Allerdings erfüllt der georgische Weinbau bislang nicht die Voraussetzungen an Quantität und Qualität, die für eine Think-big-Strategie notwendig sind, schreibt von Cramon-Taubadel in einer für das German Economic Team Georgia verfassten Expertise. Demnach werden über 80 Prozent der georgischen Trauben in Familienbetrieben angebaut, die im Durchschnitt über weniger als 1,5 Hektar Land verfügen und in erster Linie für den Eigenbedarf keltern. Obgleich Wein für 4,5 Prozent der Gesamtausfuhr im vergangenen Jahr stand, wurde in den letzten Jahren durchschnittlich nur rund ein Fünftel des produzierten Weins exportiert. Zu wenig angesichts des beträchtlichen Devisenpotenzials, findet der Wissenschaftler.

Daher sei es nun an den Georgiern selbst, die Abhängigkeit vom russischen Markt zu reduzieren und neue Exportmärkte zu erschließen. Alternative Zielmärkte wiesen ein deutlich größeres Wachstumspotenzial auf und würden schon jetzt größere Anteile teurerer georgischer Weine importieren. Dazu empfiehlt von Cramon-Taubadel, „eine strenge staatliche Qualitätskontrolle“ einzuführen und in Forschung in Weinbau und –herstellung zu investieren, beides mit Hinblick auf die im Freihandelsabkommen geforderten Qualitätsstandards bei Lebensmitteln. Drittens sollte in Qualifikation investiert werden, denn die aus Sicht ausländischer Investoren „unzureichende Ausbildung von Arbeitern ist ein ständiger Grund zur Beschwerde“, bemängelt der Forscher weiter. Über das Europäische Nachbarschaftsprogramm für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung (ENPARD) bemüht sich auch die Europäische Kommission, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Schulungen oder Investitionskredite für Landtechnik, Geräte oder Bewässerung sollen die Produktivität erhöhen, Kleinbetrieben in abgelegenen Gebieten zu mehr Effizienz verhelfen und Wertschöpfungsketten verlängern und verbreitern.

Auch Nüsse gehen gut

Neben Wein und Weinbrand finden vor allem Nüsse den Weg in das Ausland: Zwischen 2009 und 2014 entfielen gut ein Viertel aller Agrarexporte und 92 Prozent aller Exporte der Kategorie Obst und Gemüse auf frische und getrocknete Nüsse. Davon nahmen die GUS-Märkte zwei Drittel auf, weitere 5,6 Prozent gingen nach Deutschland, damit wichtigster Abnehmer außerhalb der GUS. Erst im Februar meldete die einheimische Firma Nutinvest in Zugdidi in der Region Samegrelo, einen neuen Verarbeitungsbetrieb für Haselnüsse aufzubauen. 50 Arbeiter sollen beschäftigt werden.Exporte-2015

Hohe Verarbeitungsdichte

Die Landwirtschaft trägt mit knapp zehn Prozent zur gesamten Wirtschaftsleistung Georgiens bei und bietet über der Hälfte der Erwerbstätigen Lohn und Brot. Sie produziert Rohstoffe für die lebensmittelverarbeitende Industrie, die wiederum zu etwa einem Drittel der Bruttowertschöpfung im produzierenden Gewerbe beiträgt. Dazu zählen auch das Werk des ehemals deutschen, jetzt Schweizer Herstellers von Babynahrung, Hipp, der in der Region Shida Kartli Frucht- und Gemüsekonzentrat abfüllt. Firmenlenker Claus Hipp, in Deutschland ein bekanntes TV-Werbegesicht, vertritt als Generalkonsul georgische Interessen und unterrichtete zeitweise Wirtschaftswissenschaften und(!) Malerei an der Universität von Tbilissi.

Defizit statt Überschuss

Von Cramon-Taubadel bezeichnet den hohen Anteil verarbeiteter Agrarprodukte, der typischerweise eher in einkommensstarken Ökonomien anzutreffen ist, als einen wichtigen Standortvorteil des Landes. Er rät, weitere Unternehmen in diesem Wirtschaftszweig anzusiedeln, etwa aus dem Verpackungssektor, der Logistik und der Qualitätskontrolle.

Dennoch hat das fruchtbare Land seit Jahren ein deutliches Agrarhandelsdefizit. Anstatt mit den wertvollen Deviseneinnahmen aus dem Verkauf von Rotwein, Mineralwasser oder Haselnüssen beispielsweise den Ausbau der sozialen Infrastruktur zu finanzieren, muss Georgien andere Lebensmittel im Ausland einkaufen. Angesichts der hervorragenden Böden müsste dies anders sein – zumal jetzt, in einer Phase, in der der Lari, die Währung des Landes, deutlich niedriger gegenüber Euro und Dollar steht. Von der Abwertung könnten die Weinexporteure doppelt profitieren. Einmal, indem der für georgische Verhältnisse teurere Wein das entsprechende europäischen Marktsegment besetzt und dort über den Preisvorteil seine Anteile realisiert und zweitens, indem die Profitspanne zusätzlich wechselkursbedingt steigt.

Insgesamt hängt das Los der georgischen Weinbauern davon ab, ob und wie gut Georgien die erforderlichen Qualitätsstandards für Lebensmittel einhalten kann. Dies werde nicht nur den Zugang zum europäischen Markt, sondern auch den Zugang zu anderen Märkten, die zunehmend ähnliche Standards einfordern, verbessern. Auch werde dies die Stellung der heimischen Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion gegenüber wachsender Importkonkurrenz stärken, fasst von der Agrarökonom Cramon-Taubadel abschließend zusammen.

Dieser Beitrag erschien zuerst in Ost-West-Contact 3/2016.