Wirtschaftsentwicklung Russland: Einige Unwägbarkeiten

Karte von RusslandBERLIN. Russlands Wirtschaft hat die tiefe Rezession des ersten Halbjahres 2015 hinter sich gelassen und holt nun tief Luft – meinen russische Analysten. Internationale Beobachter rechnen dagegen auch 2016 mit einer Fortsetzung der Wirtschaftskrise – im besten Fall in Form einer Stagnation. Derweil leiden die Haushalte weiterhin stark unter den realen Einkommensverlusten. Prognostiziert wird ein Comeback bei den Investitionen.

Statistik 2015*
Bevölkerung: 143,7 Mio.
Fläche: 17,1 Mio. km²
Nominales BIP: 1.158 Mrd. Euro
BIP pro Kopf: 8.080 Euro
BIP-Wachstum: -4,0%
Inflationsrate: 10,5%
Arbeitslosenquote: 7,0%
*Schätzungen
Quellen: IWF, Raiffeisen
Research, BOFIT

Abwärtsspirale dreht sich langsamer

Für 2015 gehen Ökonomen von einem BIP-Rückgang von knapp vier Prozent aus. In seiner Jahrespressekonferenz am 17. Dezember im Kreml zeigte sich Wladimir Putin im Hinblick auf die weitere Entwicklung der russischen Konjunktur optimistisch. Wesentliche Wirtschaftsindikatoren zeigten in die richtige Richtung, betonte der Präsident. Für 2016 könne wieder mit einem Wachstum gerechnet werden.

Doch in diesem Punkt gehen die Einschätzungen der Konjunkturexperten aktuell auseinander. So prognostizierten die Analysten der DekaBank für 2016 zuletzt ein „Mini-Wachstum“, die Kollegen von Raiffeisen Research eine Stagnation der russischen Wirtschaft. Eher pessimistisch gibt man sich dagegen bei der UniCredit Bank. Hier rechnet man in diesem Jahr mit einem erneuten BIP-Rückgang in Höhe von 0,9 Prozent. Im kommenden Jahr könnte die russische Wirtschaft dann um 1,2 Prozent zulegen. Die Weltbank kommt in ihren am 6. Januar veröffentlichten „Global Economic Prospects“ zu einem ähnlichen Schluss. Für 2016 erwarten die Volkswirte in Washington einen BIP-Rückgang um 0,7 Prozent – für 2017 einen Zuwachs von 1,3 Prozent.

Anpassung an die 40-Dollar-Marke

Vor allem der Preisverfall beim Öl macht der russischen Wirtschaft weiter zu schaffen. Zuletzt kämpfte der Preis je Barrel (156 Liter) mit der 40-Dollar-Marke. Um den anhaltend niedrigen Preis zu kompensieren, hat Russland im abgelaufenen Jahr so viel Erdöl wie seit 25 Jahren nicht mehr gefördert. Die Produktion stieg auf mehr als 534 Millionen Tonnen, teilte das Energieministerium mit. Die russische Wirtschaft habe sich dem Ölpreis von derzeit knapp unter 40 US-Dollar bereits angepasst, meinen indes Analysten der Sberbank.

Auf der Grundlage dieses Preisniveaus gehen sie in ihrem Basisszenario für die russische Wirtschaftsentwicklung im Jahr 2016 von einem BIP-Wachstum zwischen null und 2,5 Prozent aus. Zudem soll das erwartete Haushaltsdefizit in Höhe von vier Prozent des BIP mit einer Kombination aus inländischer Kreditaufnahme und Überweisungen aus dem staatlichen Reserve-Fonds abgedeckt werden.

Hoffen auf 2017

Für 2017 rechnet die Sberbank bereits mit einem weit stärkeren Wachstum, angetrieben vor allem durch einen Anstieg von Nicht-Rohstoff-Exporten und Investitionen. Und schon für 2016 prognostiziert Sberbank ein Comeback bei den Investitionen. Derweil leiden die Konsumenten in Russland weiterhin stark unter den realen Einkommensverlusten – hervorgerufen durch die hohe Inflation. Zwar verlangsamte sich die Teuerungsrate zum Jahresende 2015 etwas, lag im Dezember aber immer noch 12,9 Prozent über dem Niveau des Vorjahres.

Das Inflationsziel der Nationalbank für das Jahresende 2016 liegt bei sechs Prozent. Doch nicht zuletzt wegen der weiter schwankenden Entwicklung des Rubels dürfte der Inflationsdruck vorerst bestehen bleiben. Die Haushaltsverschuldung nehme weiter zu.

Trotz geringerer Einnahmen sind die Unternehmensgewinne in den ersten drei Quartalen 2015 laut Sberbank stark gestiegen – vor allem aufgrund aufgeschobener Investitionskosten. Gerade die großen Ölfirmen hätten ihre „Kostenbasis in Bezug auf US-Dollar-Investitionen“ deutlich reduziert.

Quellen: DekaBank, Weltbank, Unicredit, Raiffeisen Research, Sberbank

Diese Wirtschaftsentwicklung erschien zuerst in Ost-West-Contact 1/2016