Geschichten aus dem Wiener Haus

Das Wiener Haus in Moskau © OWC
Das Wiener Haus in Moskau © OWC

Das Wiener Haus in Moskau gehört keinem österreichischen, sondern einem russisch/Schweizer/deutschen Unternehmen. Und das allergrößte Firmenschild am Eingang des Wiener Hauses hat kein österreichisches, sondern ein deutsches Unternehmen angebracht. Wiener Charme mag man dem Geschäftshaus im Zentrum Moskaus nicht unbedingt zusprechen. Zwar prangt unter dem Dach des fünfstöckigen Gebäudes der Schriftzug „Wiener Haus“. Eingangstor und Wechselsprechanlage aber sind sehr russisch. Um Charme geht es den Unternehmen, die von diesem Bürogebäude aus ihre Geschäfte führen, auch nicht.

Im Wiener Haus arbeiten in Russland erprobte Manager. Der älteste von ihnen, Ger­hard Gritzner, ist vor 25 Jahren nach Moskau gekommen und hat das Wiener Haus zu dem gemacht, was es heute ist: Heimstätte vor allem für österreichische Unternehmen. In den Jahren 1995 und 1996 baute Gritzner, nachdem er in Libyen, im Irak sowie in der damaligen Tschechoslowakei sein Leben als Expatriat gestartet hatte, das Russland-Geschäft für das österreichische Bauunternehmen Strabag auf. Das Ergebnis: Strabag ist heute ein führender internationaler Baukonzern mit einer maßgeblich russischen Beteiligung.
Die russische Tochter ZAO Strabag hat zahlreiche Referenzen zwischen Smolensk und Wladiwostok vorzuweisen. Insgesamt 2,5 Millionen Quadratmeter Fläche hat Strabag in Russland geschaffen: darunter Bürogebäude, Banken, Shoppingcenter, Wohnhäuser – und auch das Wiener Haus, das heute von der OOO Strabag Property and Facility Services verwaltet wird, wurde von der Strabag umgebaut und modernisiert.

Vom Universitätsgebäude zum Geschäftshaus
In diesem ehemaligen Universitätsgebäude eröffnete Gerhard Gritzner 1995/96 einen Supermarkt und nannte ihn ВЕНСКИЙ ДОМ, Wiener Haus. Betrieben wurde der Supermarkt – einer der ersten westlichen Märkte in Moskau überhaupt – von dem Unternehmen „VIENNESE HOUSE“. Einen Bezug zu Wien sollten sowohl der Supermarkt als auch Gritzners Unternehmen haben.
Dem Supermarkt war jedoch kein langes Leben beschieden. Der Markt machte schnell dem ersten Österreicher Platz, der seine
Produkte im Wiener Haus präsentieren wollte. Der Büromöbel-Hersteller Bene mietete zunächst Flächen für einen Showroom, begnügte sich aber schon bald mit einem normalen Büro im Wiener Haus.
Heute hat die Raiffeisen International, die größte ausländische Bank in Russland, eine Filiale im Wiener Haus.
Insgesamt 13 österreichische Unternehmen gehören neben russischen und deutschen Firmen zu den Mietern in der Petrowka Uliza.

Interesse am permanenten Business
Philipp Heindl, Generaldirektor der SKIDATA Russland, schätzt vor allem die zentrale Lage des Bürohauses, die Funktionalität und Kompaktheit. Luxus brauchen wir nicht, sagt Heindl. „Die Kunden kommen selten zu uns, meist gehen wir zu den Kunden. Unser bester Demoraum sind erfolgreich installierte Projekte im Bereich Stadien, Parkhäuser und Skiresorts.“
Obwohl in Russland momentan weniger als früher investiert wird, geht es dem Unternehmen SKIDATA gut. Erst kürzlich gewannen die Österreicher eine Ausschreibung zur Ausstattung des Fußballstadions von ZSKA Moskau mit neuen Zugangssystemen – der vierte große Fußballstadion-Deal allein in Moskau. Insgesamt hat SKIDATA rund die Hälfte aller Clubs in der ersten russischen Liga unter Vertrag. Auch das Stadion von Spartak Moskau gehört dazu – eine Sportstätte, in der auch Spiele des Fußball-Großereignisses 2018 ausgetragen werden. Es wird nicht das letzte Stadion sein, für das das Salzburger Unternehmen die Zugänge modernisieren und dafür sorgen wird, dass sie während des Events und auch danach zuverlässig funktionieren.
SKIDATA ist seit Beginn der 2000er Jahre auf dem russischen Markt aktiv, 2009 wurde mit der lokalen eigenständigen Präsenz begonnen. „Wir sind das einzige ausländische Unternehmen in unserer Branche, das in Russland mit einer eigenen Tochter vertreten ist, die alle Geschäftsbereiche abdeckt“, erklärt Heindl. „Das bringt uns große Vorteile, weil wir kontinuierlich mit unseren Kunden arbeiten können. Uns interessieren nicht die einmaligen Events, sondern das permanente und langfristige Business.“
SKIDATA hat heute rund 25 Skiresorts, 50 Parkhäuser und Parkanlagen sowie 10 Stadien und Arenen in Russland unter Vertrag. Das heißt: Nicht nur die Ausrüstung wurde geliefert. Die Österreicher bieten den Pre- und After-Sales-Service, Software-Updates und liefern auch die notwendigen Ersatzteile und Ticketmaterialien.
Ein Thema für SKIDATA ist auch die Lokalisierung. Einige Komponenten für die Zugangssysteme zu Stadien, Parkhäusern und Skigebieten, wie Fiskaldrucker und Einbausätze für die Automaten, bezieht das Unternehmen bereits aus Russland. Künftig will Heindl die lokale Wertschöpfung weiter erhöhen.

Energieeffiziente Deckenstrahlplatten
Die Firma Krobath Gebäudetechnik aus Feldbach gründete 2011 eine Tochtergesellschaft in Russland. Krobath Rus ist im Bereich der Gebäudeausrüstung (Heizung, Lüftung Klima, Sanitär und Sprinkleranlagen) tätig. Vor allem Industriegebäude und Industriehallen werden mit Heiz- und Klimasystemen ausgestattet.
Gegenwärtig reist Markus Massenbichler, seit 2011 Generaldirektor der OOO Krobath Rus, oft nach Gagarin in die russische Provinz Smolensk. Dort baut das österreichische Unternehmen Egger ein Spanplattenwerk – Krobath rüstet die Hallen mit Gebäudetechnik aus. Zum Einsatz kommt dort auch ein eigenes Produkt: die KGT Deckenstrahlplatte aus Stahlblech und Stahlrohren. Dieses System garantiert eine optimale Übertragung der Wärme vom Rohr auf das Strahlungsblech – eine technologische Neuentwicklung mit einer 40-prozentigen Energieeinsparung.
Dieses Produkt wurde bereits beim Projekt Egger sowie in zwei Garagen von privaten Villen in Russland verbaut. In Russland werden die Deckenstrahlplatten bereits seit drei Jahren verwendet. Dieses Jahr wurde dieses Produkt auch erstmalig auf der ClimaExpo 2015 in Moskau präsentiert.
Auch für Krobath gilt: „Wir verkaufen das System, nicht nur das Produkt. Wenn ein russisches Planungsbüro mit uns arbeiten will, bieten wir auch die Deckenstahlplatte gegenüber konventionellen Luftheizsystemen an. Das kommt bei den Ingenieurbüros und Architekten gut an“, so Massenbichler.
Der erfahrene Russland-Manager ist mit dem Geschäft in Russland durchaus zufrieden. Im Wiener Haus hat er ein kleines Büro gemietet. „Unser Geschäft ist nicht personalintensiv“, erklärt Massenbichler, „wir haben nur drei Mitarbeiter.“ Im Wiener Haus kann man Büros ab 20 Quadratmeter anmieten, Besprechungsräum je nach Bedarf benutzen. Das passt für Krobath, wo schlanke Strukturen auch ein Teil der Firmenphilosophie sind.

2015 besser als erwartet
Auch Johannes Ausserer, Inhaber der Ausserer & Consultants, braucht keine großen repräsentativen Büroräume. Der junge Tiroler lebt und arbeitet seit 2008 in Moskau. Er baute eine Consulting-Firma auf, die internationale Unternehmen beim Geschäftsaufbau, der Buchhaltung und der Berichterstattung in Russland unterstützt. Etwa 20 Kunden hat Ausserer heute, das Hauptgeschäft ist die Buchhaltung. „Momentan haben wir allerdings auch gut mit der Umstrukturierung von Unternehmen zu tun“, sagt Ausserer. „Zunehmend greifen die Firmen auf ein Interimsmanagement zurück, um Kosten zu sparen.“
Auch die österreichischen Unternehmen spürten die Wirtschaftskrise in Russland deutlich. Die Exporte nach Russland gingen von Januar bis August dieses Jahres gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 37, 9 Prozent zurück – ein Absturz in einer ähnlichen Größenordnung, wie Deutschland ihn erlebte. Der Neueinstieg in den russischen Markt laufe eher zögerlich, erklärt Ausserer, obwohl gerade jetzt mit dem schwachen Rubel und den günstigen Immobilienpreisen die Zeit günstig sei.
Für sein Unternehmen sei 2015 positiver gelaufen als anfangs gedacht. „Mit der Erfahrung vom 18. Dezember, als der Rubel ins Bodenlose stürzte, haben wir wenig von diesem Jahr erwartet. Nach einem schwierigen Start lief das Geschäft ab März/April aber wieder besser“, so Ausserer.
Mit seinen Beziehungen in die österreichische und deutsche Community ist Johannes Ausserer einer der besten Verkäufer für Flächen im Wiener Haus, einer sogenannten B-Immobilie. Diese Kategorie ist in Moskau sehr begehrt – da gut gelegen und trotzdem noch bezahlbar. Gegenwärtig, so schätzt Ausserer, sind etwa 20 Prozent der Flächen der B-Immobilien in Moskau nicht vermietet, bei den Immobilien der höchsten Klasse liegt der Leerstand bei 30 Prozent.

Empfehlung mit gutem Gewissen
Vor allem wenn Unternehmen neu in Russland ankommen und ein kostengünstiges Büro suchen, kann Ausserer guten Gewissens eine Empfehlung für das Bürogebäude an der Petrowka Uliza 27 abgeben. Der einzige kleine Makel:
Über die Petrowka Uliza 27 kommt man nicht ins Wiener Haus. Zwar halten die Taxifahrer genau vor dieser Adresse, dort aber befindet sich ein großes, verschlossenes Tor.
Der Besucher muss sich daher zunächst als echter Kundschafter bewähren, um den Eingang zum Gebäude zu finden. Dieser liegt einmal um die Ecke im Strastnoj Boulevard.
Jeder Mieter findet für dieses Problem eine eigene Lösung. Die Firma Krobath, die über Ausserer & Consultants in das Wiener Haus kam, gibt in ihrer E-Mail-Signatur als Geschäftsadresse an: Strastnoy Boulevard, Haus Nr. 16, oder Petrowka Uliza 27. Der Besucher hat die Wahl. Das hat dann doch Wiener Charme.

Dieser Beitrag ist erschienen in Ost-West-Contact 12/2015.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here