Chef des russischen Messeverbandes: „Nummer eins ist mittlerweile China“

Sergey Alexeev, Präsident des russischen Messeverbands RUEF, des Weltmesseverbands UFI und Vize-Präsident der ExpoForum International LLC
Sergey Alexeev, Präsident des russischen Messeverbands RUEF, des Weltmesseverbands UFI und Vize-Präsident der ExpoForum International LLC

Am 6. November 2015 hat Sergey P. Alexeev sein Amt als Präsident des Weltverbands der Messeindustrie UFI angetreten. Der Chef des russischen Messeverbandes RUEF und Vize-Präsident des St. Petersburger Messeveranstalters ExpoForum International ist damit der erste russische Präsident der UFI. Im Gespräch mit OWC berichtet er über die russische Messeindustrie in Zeiten der Wirtschaftskrise und zieht Bilanz für das neue Petersburger Messegelände ExpoForum.

OWC: Herr Alexeev, wie geht es der russischen Messebranche in Zeiten der Wirtschaftskrise?
Alexeev: Die Messewirtschaft erlebt in Russland gerade eine sehr schwierige Zeit. Die Wirtschaftskrise zwingt die russischen Unternehmen dazu, ihre Marketingbudgets zu kürzen. Gleichzeitig verkompliziert die angespannte politische Situation die Teilnahme ausländischer Aussteller an unseren Messen. Demzufolge ist die Zahl der heimischen wie auch der ausländischen Teilnehmer auf russischen Messen zurückgegangen. Der russische Messeverband RUEF hat die ersten drei Quartale 2015 mit denen von 2014 verglichen: Wir hatten 11,5 Prozent weniger Teilnehmer auf Messen in Russland und haben 12,5 Prozent weniger Fläche verkauft.

OWC: Wie hat sich die internationale Beteiligung an russischen Messen entwickelt?
Alexeev: Die Beteiligung der ausländischen Unternehmen ist in den ersten drei Quartalen 2015 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um fast 23 Prozent zurückgegangen. Nummer eins der ausländischen Beteiligungen ist mittlerweile China – nicht mehr Deutschland. China investiert mehr und mehr in Russland, die Beziehungen sind enger geworden, das merken wir auch auf unseren Messen.
Was St. Petersburg betrifft: Die Region versucht, ihre internationalen Beziehungen weiter zu stärken – trotz der Sanktionen. St. Petersburg konzentriert sich ganz aktiv auf die MICE-Industrie (Meetings, Incentives, Conventions, Events; Anm. d. Red.). Die Stadt bewirbt sich aktiv um große, internationale Wirtschaftsevents und will jährlich mindestens drei bis fünf solcher Konferenzen mit 3.000 und mehr Delegierten durchführen. Derzeit laufen zum Beispiel die Gebote für die Jahresversammlung der Europäischen Kardiologischen Gesellschaft oder den Weltgastronomiekongress.

OWC: Die russische Regierung reagiert auf die Wirtschaftskrise mit verschiedenen politischen und gesetzgeberischen Maßnahmen, zum Beispiel mit der Importsubstitution, mit der Russland den Anteil seiner Importe in bestimmten Branchen reduzieren will. Beeinflussen diese Initiativen auch die Themen der russischen Messen?
Alexeev: Ja, durchaus. Russische Unternehmen aus den unterschiedlichsten Branchen müssen sich derzeit mit der ernsten Herausforderung Importsubstitution auseinandersetzen. Deswegen bestimmt dieses Thema eigentlich jede einzelne Messe auf den Messeplätzen im ganzen Land.
Als Vertreter der Messe- und Kongressindustrie wollen wir die Unternehmen natürlich unterstützen. Dazu haben wir das Zentrum für Importsubstitution und Lokalisierung gegründet, die erste und einzige Plattform dieser Art in Russland, bei der sich bisher rund 3.000 Wirtschaftsvertreter registriert haben, und über die bis dato etwa 130 Veranstaltungen organisiert worden sind. Das Zentrum wurde als Netzwerk gegründet und präsentiert sich unter anderem auch auf mehr als 40 Messen und Ausstellungen, die vom ExpoForum und seinen Partnern organisiert werden.

OWC: Wie bewerten Sie das aktuelle deutsche Engagement auf dem russischen Markt?
Alexeev: Leider gehören deutsche Firmen nicht mehr zu den Top-Teilnehmern auf russischen Messen, ihr Anteil sank in den vergangenen neun Monaten um neun Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Dennoch halten wir nach wie vor einen sehr guten und engen Kontakt zu deutschen Unternehmen. In diesem Jahr haben zahlreiche Deutsche an unseren Ausstellungen und Konferenzen teilgenommen, wie zum Beispiel an den Veranstaltungen „Big City Ecology“, „Russian Housing and Public Utilities“, „Energy and Power Engineering” oder dem „St. Petersburg International Health Forum“ sowie am „St. Petersburg International Gas Forum“. Nebenbei bemerkt, auf dem Gas Forum präsentierte sich Deutschland nicht nur als Aussteller, es nahmen auch mehr als 100 Delegierte am Konferenzprogramm teil.
Als ExpoForum International erweitern wir unsere Partnerschaft mit dem Messeveranstalter Messe Düsseldorf, sie sind Mitorganisatoren des „St. Petersburg International Health Forum“. Außerdem arbeiten wir eng mit dem AUMA zusammen. Im Mai dieses Jahres wurde ich zu einem AUMA-Event eingeladen und ich war beeindruckt vom Interesse der deutschen Kollegen an der künftigen Zusammenarbeit mit uns.

Das neue Messegelände Expoforum wurde im Herbst 2014 eröffnet. © ExpoForum
Das neue Messegelände Expoforum wurde im Herbst 2014 eröffnet. © ExpoForum

OWC: Wie geht es Ihrem Unternehmen, dem ExpoForum International? Wie hat sich das Geschäft rund ein Jahr nach der Eröffnung des neuen St. Petersburger Messezentrums entwickelt?
Alexeev: Insgesamt haben wir 2014 etwa 125 verschiedene Events auf dem neuen ExpoForum-Messegelände und dem alten Lenexpo-Messegelände durchgeführt, darunter rund 70 Messeprojekte. Dabei konnten wir gut eine Million Besucher begrüßen sowie 4.000 Aussteller aus 36 Ländern. In den ersten drei Quartalen 2015 haben wir 105 Veranstaltungen organisiert, viele davon haben mit Rekordzahlen abgeschlossen. Dazu zählt etwa die Nationale Russische Agrarindustrie-Messe „Agrorus“, bei der wir 120.000 Besucher begrüßen konnten.
Auf dem neu gebauten ExpoForum-Messegelände fanden 2014 bereits 13 Events statt. Die große Erstveranstaltung war das „St. Petersburg International Gas Forum“, an dem 1.500 Delegierte aus 25 Ländern sowie 5.000 Branchenexperten teilgenommen haben.
In diesem Jahr haben wir bereits 34 Events auf dem neuen Gelände durchgeführt, sowohl Eigenveranstaltungen als auch Gastevents.

OWC: Welche Projekte sind für 2016 geplant?
Alexeev: In der aktuellen Situation ruhen wir uns nicht auf unseren Lorbeeren aus – ganz im Gegenteil: Wir planen neue Veranstaltungen und bauen unsere alten aus. Wir wollen weiterhin die großen Petersburger Events veranstalten, bei denen sich bis zu 7.000 Teilnehmer versammeln. Dazu gehören das „St. Petersburg International Gas Forum“, das „Russian International Energy Forum“ und natürlich das „St. Petersburg International Economic Forum“, das in diesem Jahr auf unser neues Messegelände umziehen wird.
Wir haben uns um die Austragung der 80. Eishockey-Weltmeisterschaft beworben, die im Mai 2016 in Russland ausgetragen wird. Die Spielorte sind Moskau und St. Petersburg. Die Ausschreibung haben wir gewonnen, wir werden Gastgeber der Spiele sein, die in St. Petersburg ausgetragen werden.
Künftig wollen wir generell unser Sport-Portfolio stärken und ein umfangreiches Spektrum an Events im neuen Gelände anbieten – vom Tennis-Turnier bis zur Extrem-Sport-Weltmeisterschaft. Wir sind bereits mit verschiedenen Sport-Vereinigungen im Gespräch und haben beispielsweise vorgeschlagen, das Weltcup-Finale der Springreiter auszurichten, die FMX-Weltmeisterschaft (Freestyle Motocross, Anm. d. Red.) oder Fecht-Wettbewerbe. Für einen der Pavillons wurde uns bereits ein Konformitätszertifikat als multifunktionale Sportarena ausgestellt und demnächst werden wir auch ins nationale Register der vom Sportministerium anerkannten Sportstätten eingetragen.

Das Gespräch führte Grit Horn.

Das Interview ist erschienen in Ost-West-Contact 12/2015.