Agritechnica: Russische Traktoren für deutsche Landwirte

Um seine Traktoren auch in Deutschland zu verkaufen, hat sich RSM auf der Agritechnica den roten Teppich ausgerollt. © Messe Hannover
RSM präsentiert sich den Agritechnica-Besuchern auf dem roten Teppich. © Messe Hannover

HANNOVER. Mannshohe Reifen, 600 PS schwere Motoren und glänzende Monitore in GPS-gekoppelten Fahrerkabinen, die vier Meter über dem Boden schweben. Auf der Agritechnica in Hannover zeigten Mitte November 2.907 Aussteller, darunter 189 aus dem Osten Europas, den neusten Stand der Landtechnik. Neben den mächtigen Saat-, Ernte- und Zugmaschinen gehören dazu auch Melkstände und Stalltechnik, Düsen für Pflanzenschutzspritzen oder die sprichwörtliche Erbsenzählmaschine. Die weltgrößte Branchenmesse zählte in diesem Jahr rund 450.000 Besucher.

Landmaschinen dienen dazu, größere Flächen in kürzerer Zeit gründlicher und mit weniger „Arbeitskräftebesatz“ zu pflügen, zu bestellen und abzuernten. Wie geschaffen für eine solche Bewirtschaftung sind die endlosen Felder Russlands, Kasachstans und der Ukraine. Das landwirtschaftliche Potenzial plus der dort herrschende Modernisierungbedarf machen diese Länder zu bedeutenden Absatzzielen für Hersteller von Landtechnik aus aller Welt.

Im Investitionsstau

Auf 1.000 Hektar Feld kommen in Russland durchschnittlich nur 4,4 Traktoren zum Einsatz – in den USA sind es laut VDMA Landtechnik 25, in Deutschland 65. Der Grad der Mechanisierung muss jedoch steigen, will Russland sein enormes landwirtschaftliches Potenzial abrufen. „Die Industrie will dazu beitragen und dies forcieren“, sagt der John-Deere-Manager Dirk Stratmann, zugleich Ländersprecher Ukraine der Arbeitsgruppe Agrarwirtschaft im Ost-Ausschuss, auf einer Konferenz am Rande der Agritechnica.

Doch gerade in Russland bleiben derzeit viele Neuanschaffungen aus – trotz einer Rekordernte von 105 Millionen Tonnen Getreide im Erntejahr 2015 bei gleichzeitig hohen Getreidepreisen. Den Investitionsstau führt Hermann Grabers, der Vorsitzende des VDMA Landtechnik, vorrangig auf die starke Teuerung der importierten ausländischen Fabrikate nach dem Rubelabsturz zurück.

Andrang auf der Agritechnica 2015 © OWC/ Scholz
Andrang auf der Agritechnica 2015 © OWC/ Scholz

Russische und ukrainische Fabrikate können zumindest in Teilbereichen wie dem Pflügen, in denen weniger Präzision gefragt ist, adäquaten Ersatz bieten, weiß Christian Kowalczyk. Als Agrarberater ist der Bayer seit über zehn Jahren auf russischen Getreideäckern unterwegs.

„Sanktionen gehen, der Landwirt und das Getreide bleiben“, sagte Bernd Ludewig, Claas-Regionaldirektor Russland mit Hinblick auf die jüngste, massive Werkserweiterung in Krasnodar. Jedoch diskriminiere der russische Protektionismus die westlichen Anbieter, insbesondere seit dem Beginn der Sanktionenpolitik, unterstreicht Grabers gegenüber anwesenden russischen Ministerialbeamten.

Russland und Belarus: Export statt Import

Absatzinteressen bestehen auch in entgegengesetzter Richtung: Hersteller aus Ost- und Südosteuropa wollen die Agritechnica als Sprungbrett in den westeuropäischen Markt nutzen. Stark vertreten ist Polen mit 65 und Tschechien mit 24 Firmen. Zwischen zehn und 16 Herstellern sind aus Rumänien, Ungarn, der Slowakei, Serbien, dem Baltikum und der Ukraine nach Hannover gekommen. Diese präsentieren sich vor allem als Zulieferer. Traktoren und Erntemaschinen kommen dagegen aus Russland und Belarus.

Russische und belarussische Produzenten wollen in Deutschland in die Marktlücke für „robuste, zuverlässige und preiswerte“ Landtechnik stoßen, sagt Wilhelm Egenolf. Der Landtechnikhändler aus Limburg an der Lahn ist seit der letzten Agritechnica 2013 der deutsche Generalimporteur für Rostselmash (RSM). Den Mähdreschern und Häckslern aus Rostow, deren hochmoderne Fertigung am Messestand in 4D visualisiert ist, habe der TÜV Nord bereits die Allgemeine Betriebserlaubnis erteilt.

Den Markt für seine RSM-Erntemaschinen sieht Egenolf vorranging in den Neuen Bundesländern. Bislang habe er dort sechs Vertragshändler gefunden. Alle Ersatzteile seien innerhalb von 24 Stunden beschaffbar, für potenzielle Kunden ein Muss, gerade in der Erntezeit. RSM unterhält dafür ein zentrales Ersatzteilelager im ungarischen Györ. Bis 2018 will Egenolf in Deutschland einen Marktanteil von zwei Prozent erreichen, was 40 bis 50 Mähdreschern pro Jahr entspräche. Voraussichtlich acht Maschinen werde er bis zum Ende dieses Jahres verkauft haben.

Ein ausführlicher Report zur Agritechnica 2015 erscheint in der Dezember-Ausgabe von OST-WEST-CONTACT.