Interview: Alles im Plan beim russischen Airport Pulkovo

Andrea Pal, CFO, Northern Capital Gateway
Andrea Pal, CFO, Northern Capital Gateway

Vor fünf Jahren hat das Konsortium „Northern Capital Gateway“, an dem der deutsche Flughafenbetreiber Fraport mit 35,5 Prozent beteiligt ist, den Betrieb und die Entwicklung des drittgrößten russischen Flughafens Pulkovo, St. Petersburg, übernommen. Andrea Pal verwaltet die Finanzen in Pulkovo und ist seit 2010 Chief Financial Officer des internationalen Airports. Im Interview mit OWC erklärt die Managerin, wie weit die Entwicklung in Pulkovo fortgeschritten ist.

OWC: Fraport beziehungsweise das Konsortium Northern Capital Gateway LLC ist seit fünf Jahren in den Ausbau und die Modernisierung des Flughafens Pulkovo involviert, welche „Meilensteine“ wurden seitdem erreicht?
Pal: Nach der Unterzeichnung des Konzessionsvertrags war es wichtig, erst einmal so schnell wie möglich das Design des Flughafens zu erstellen und daraufhin einen Bauvertrag zu unterzeichnen, weil wir bereits eine Projektfinanzierung verhandelt hatten, eine sogenannte EPC – Engeneering Procurement Construction. Die Voraussetzung für die Finanzierung war, dass die Banken den Bauvertrag auch mit genehmigen. Die Risiken werden dabei alle vom Bauunternehmen getragen. Das ist eine Bauvertragsform, die es so heute in Deutschland gar nicht mehr gibt. Aber in unserem Fall haben die Banken darauf bestanden und es hat uns harte Arbeit gekostet, alle Unterlagen rechtzeitig fertig zu bekommen. Die vertragliche Vorbereitung hat uns bis Juni 2011 beschäftigt. Nach den Bauverträgen haben wir direkt die Finanzierungsverträge unterzeichnet.
Der nächste Meilenstein wurde erreicht, als wir 2013 ein neues Terminal eröffnet haben. Zur gleichen Zeit haben wir das alte Terminal für Inlandsflüge, Pulkovo I, geschlossen. Die Inlandsflüge wurden in dieser Zeit erst einmal in ein Übergangsgebäude verlegt. Und im Februar 2015 konnten wir dann auch das renovierte und modernisierte Inlandsterminal Pulkovo 1 wiedereröffnen. Im September dieses Jahres wurden alle Arbeiten abgeschlossen. Damit sind wir im Budget und sogar noch ein bisschen darunter. Jetzt planen wir
eifrig die nächste Phase.

OWC: Dann ist also alles im Plan geblieben? Zum Projektstart war für 2015 ja auch die Fertigstellung angekündigt.
Pal: Wir sind absolut im Plan. Mit dem neuen Terminal sind wir im Plan, beim Vorfeld gab es etwas Verzögerung, weil im Dezember 2013 der G20-Gipfel in Sankt Petersburg stattfand. Aus diesem Grund wurden die Arbeiten auf dem Vorfeld von den Behörden frühzeitig gestoppt. Die Sicherheit der Top-VIP musste garantiert werden und sie mussten auch alle landen können. Im Winter darauf konnten wir nicht am Vorfeld arbeiten, da ist es einfach zu kalt. Also hat sich die Fertigstellung der Arbeiten am Vorfeld um rund ein Jahr verschoben.

OWC: Wie haben Sie es geschafft, weitestgehend im Plan zu bleiben?
Pal: Es war eine Kombination aus verschiedenen Faktoren. Zunächst haben unsere russischen Kollegen alles getan, damit die Genehmigungen der russischen Behörden schnell kommen. Das allein ist ein sehr komplizierter Prozess, aber sogar Walentina Matwijenko, die damalige Gouverneurin von St. Petersburg, hat sich sehr dafür eingesetzt, dass alles zügig läuft. Außerdem haben wir ein türkisch-italienisches Bauunternehmen gehabt. Das türkische Unternehmen ist Fraport-Partner in der Türkei seit zehn Jahren – wir wissen, dass die schnell bauen können. Wir haben natürlich auch ein gutes Projektmanagement-Team hier von unserer Seite aus. Das hat vor allem geholfen, die Kosten und Nachträge unter Kontrolle zu halten. Es war also eine gute Zusammenarbeit von allen Seiten.

2013 wurde das neue Abfertigungsgebäude in Betrieb genommen. © Fraport
2013 wurde das neue Abfertigungsgebäude in Betrieb genommen. © Fraport

OWC: Können Sie noch einmal einen Überblick über die Veränderungen bei den Terminals geben?
Pal: Seit 1970 gab es das Terminal Pulkovo 1, dort wurden früher der Inlandsverkehr und auch einige Auslandsverbindungen abgewickelt. Sechs Kilometer weiter, auf der anderen Seite des Flughafens, war das Terminal für internationale Flüge, Pulkovo 2. Das spielt heute gar keine Rolle mehr, wir haben alles zentralisiert im neu gebauten Terminal.
Das Ziel war dabei vor allem, Umsteigeprodukte anbieten zu können. Vorher musste man wirklich, wenn man aus dem Ausland anreiste und im Inland weiterreisen wollte – oder umgekehrt –, von Pulkovo 2 mit dem Taxi sechs Kilometer einmal komplett um den Flughafen fahren, um dann ab Pulkovo 1 weiterfliegen zu können. Jetzt haben wir einen zivilisierten Prozess, der in ein und demselben  Gebäude stattfindet.

OWC: Haben sich die Passagierzahlen erhöht, seit sie die Terminals neu gebaut beziehungsweise modernisiert haben?
Pal: Oh ja, wir haben heute 55 Prozent mehr Passagiere als noch vor der Übernahme im Jahr 2010. Im vergangenen Jahr haben wir rund 14,3 Millionen Passagiere abgefertigt.

OWC: Die bauliche Entwicklung ist mit dem Neubau des Passagierterminals und der Modernisierung von Pulkovo 1 jetzt abgeschlossen?
Pal: Die erste Ausbauphase ist abgeschlossen. Wenn der Verkehr so wächst, wie wir glauben, dann müssen wir 2025 die nächste Phase abschließen, dazu gehören neben kleineren Infrastrukturmaßnahmen eine neue Check-in-Halle für Inlandsflüge und eine Erweiterung des Abflugraums Richtung Süden und wahrscheinlich auch Richtung Norden für die internationalen Abflüge.

OWC: Welche weiteren Ziele verfolgt Pulkovo?
Pal: Wir können nach dem Neubau und der Modernisierung eine andere Qualität anbieten. Auch laut Vertrag sind wir verpflichtet, einen IATA-Standard „C“ anzubieten, das bedeutet einen gewissen Komfort für die Passagiere, bestimmte Wartezeiten und -räume, und so weiter. Das ist natürlich auch das Bestreben für uns als Flughafenbetreiber, dass die Qualität gehalten beziehungsweise gesteigert wird.
Wir wollen natürlich alles bereitstellen, damit wir ein attraktiver Standort für die Fluggesellschaften sind. Das sind wir auf jeden Fall: St. Petersburg ist die zweitgrößte Stadt in Russland, wir haben den entsprechenden Einzugsbereich, also viele Passagiere, die reisen können. Laut UNESCO gehört St. Petersburg zu den zehn attraktivsten Reisezielen, viele Touristen wollen zu uns kommen. Außerdem ist St. Petersburg wirtschaftlich bedeutend für Russland – also ist auch diese Komponente gegeben. Im Prinzip gibt es keinen Grund, warum die Airlines uns nicht anfliegen sollten. Mit der Fertigstellung der Terminals können wir ihnen nun sogar noch ein Umsteigeprodukt anbieten.
Ein natürliches Ziel eines Unternehmens ist immer auch Wachstum, wobei ein Flughafen selbst immer nur sehr wenig für mehr Wachstum tun kann. Die Fluglinien sind diejenigen, die die Passagiere bringen.
Wir können sie mit unserem Angebot unterstützen, aber wenn es keine Fluglinien gibt, die den Airport ansteuern, gibt es auch kein Wachstum. An dieser Stelle kommt die Politik ins Spiel.

OWC: Welche Rolle spielt die Politik bei Ihrem Wachstum?
Pal: Im Moment sehen wir in der russischen Luftfahrt eine Monopolisierung auf Aeroflot. Aeroflot hat nur ein Ziel: Alle Flugverbindungen über Moskau laufen zu lassen, um ihre Wirtschaftlichkeit zu steigern. Aber es kann ja nicht sein, dass die Einwohner der zweitgrößten Stadt Russlands – und übrigens auch Europas – überall hin über Moskau fliegen müssen. Allgemein werden von internationalen Airlines kaum mehr die Regionalflughäfen angeflogen. Es geht alles über Moskau und wird von dort aus verteilt.
Dazu kommt die Vergabe der Landerechte – mit Russland gibt es ja kein Open-Sky-Abkommen, also keinen offenen Luftverkehrsraum. Das heißt die Fluggesellschaften können nicht selbst entscheiden, welche Strecken sie fliegen, von wo aus sie landen und starten können und welche Tarife sie erheben. Beispielsweise kann eine Airline aus der Türkei nicht zwischen Antalya und St. Petersburg fliegen, ohne dass es zwischen der Türkei und Russland ein bilaterales Abkommen gibt, das sicherstellt, dass genauso viele Verbindungen von russischen Airlines auf der Strecke geflogen werden, wie türkische geplant sind. Da existiert also eine starke Beschränkung des Marktes, bei der die russischen Gesellschaften geschützt werden sollen. In einer Situation, in der die Airlines trotz dieses Schutzes pleitegehen, wäre es natürlich an der Zeit, dass die Regierung auf die bilateralen Abkommen verzichtet und der Open-Sky-Regelung zustimmt, sodass die Airlines in der Lage sind – nicht nur für Touristen und Geschäftsreisende aus aller Welt, sondern auch für die russische Bevölkerung – vernünftige Flugverbindungen anzubieten.

Das Gespräch führte Grit Horn.

Dieser Beitrag ist erschienen in Ost-West-Contact 11/2015.