Belarus: Der unterschätzte Markt

Volker Treier, stellvertretender DIHK-Hauptgeschäftsführer, im Interview mit der Reporterin des belarussischen CTV. © DIHK
Volker Treier, stellvertretender DIHK-Hauptgeschäftsführer, im Interview mit der Reporterin des belarussischen CTV. © DIHK

BERLIN. Deutsche Unternehmen unterschätzen das Potential des Investitionsstandortes Belarus. Das Land bietet insbesondere Unternehmen, die in die Eurasische Wirtschaftsunion liefern wollen, günstige rechtliche und steuerliche Voraussetzungen. So lautet das Fazit des Tages der belarussischen Wirtschaft, der am 22. Oktober im Haus der Deutschen Wirtschaft in Berlin stattfand.

Die Agenda der Konferenz mit rund 150 Teilnehmern orientierte sich dabei an den beiden Leitfragen: Warum gehen nicht mehr Unternehmen den Schritt nach Belarus? Was sollte die belarussische Seite tun, um für ausländische Unternehmen attraktiver zu werden?

Nachholbedarf bei FDI

Belarus weist eine geringe FDI-Dichte auf. Gemessen an der Zahl ausländischer Direktinvestitionen (FDI) in Ländern wie Tschechien oder Ungarn, die Anfang der 1990er Jahre eine vergleichbare Industriestruktur aufwiesen, erreicht Belarus gerade einmal 20 Prozent des regionalen Benchmarks. Die Zahl der deutschen Unternehmen, die zwischen Memel und Dnjepr mit einer Niederlassung oder Repräsentanz vertreten sind, ist seit 2006 von 375 auf 351 (2014) gesunken. Rund 70 davon produzieren im Land, sagte Viktor Alexandrow von der Belarussischen Wirtschaft.

Theoretisch seien die Voraussetzungen für ein stärkeres Engagement ausländischer Investoren gegeben, meinte Anton Kudasow, stellvertretender Wirtschaftsminister der Republik Belarus. Das Land habe eine hinreichend große industrielle Basis sowie qualifizierte und erfahrene Arbeitskräfte. Ein deutscher Unternehmer ergänzt, dass die „belarussische Mentalität für Deutsche angenehm und vertraut“ sei. Kudasow kritisiert indes die „zunehmende Politisierung der Handelsbeziehungen“.

Chinesische Wirtschaftsförderung

Ein Prestigeprojekt in chinesisch-belarussischer Regie ist die Sonderwirtschaftszone „The Great Stone“. In dem Industrieparkt, der in direkter Nachbarschaft zum Minsker Flughafen entsteht, sollen sich „innovative und wettbewerbsfähige“ Unternehmen aus den Bereichen High-Tech, Pharma und Life Sciences ansiedeln. „The Great Stone“ soll zudem Wohnhäuser, Einkaufs- und Freizeitzentren beherbergen. Das gesamte Gelände soll 80 Quadratkilometer umfassen.

Belarus attraktiv für IT und Anlagenbau

Bereits aktiv dagegen ist der High Technologies Park (BHTP). Diesem IT-Cluster gehören derzeit 144 Unternehmen mit rund 22.000 Beschäftigten an, darunter Branchengrößen wie EPAM und Sberbank Technologies. Ohnehin sei Belarus ein prädestinierter Standort für die Nahverlagerung von IT-Dienstleistungen, sagte Ulf Schneider, geschäftsführender Gesellschafter der SCHNEIDER GROUP.

„Für ausländische Unternehmen ist es in der Regel recht unkompliziert, in Belarus tätig zu werden“, sagte Dr. Tobias Kohler, Niederlassungsleiter Litauen und Belarus der Kanzlei Rödl & Partner. Gerade für Anlagenbauer und Anbieter von Industriemontagen sei das Land ein „potentiell attraktiver und unterschätzter Markt“, so Kohler weiter. Die Vielzahl an bürokratischen Fallstricken könnte mit den entsprechenden Vorkehrungen umgangen werden. Insgesamt habe das Land viel getan, um im Rechtsbereich westlichen Standards zu entsprechen. Die Rechtssicherheit habe sich deutlich erhöht, attestiert Kohler. Jedoch sollte die Regierung das Ansässigkeitsprinzip kippen, damit ausländische Unternehmen die Vorteile der eurasischen Zollunion noch besser nutzen könnten, forderte Sven-Boris Brunner, Geschäftsführer der Spedition Militzer & Münch GmbH. In Belarus hat Militzer & Münch zwölf Niederlassungen, 400 Mitarbeiter und eine Fuhrpark von 200 Lkw.