Champagnerlaune adé? Wie deutsche Unternehmen mit Russland im Krisen-Modus umgehen

In Russland kann immer jemand die Korken knallen lassen. © Rainer Sturm  / pixelio.de
In Russland kann immer jemand die Korken knallen lassen. © Rainer Sturm / pixelio.de

Minus 30 Prozent – diese Zahl charakterisiert den Zustand der deutsch-russischen Handelsbeziehungen im Jahr 2015. Der Handel ist im ersten Halbjahr um 30 Prozent eingebrochen, die Umsätze der deutschen Unternehmen in Russland sind um 30 Prozent zurückgegangen.
Und dann sitzt ein junger Manager am Freitagabend im Flieger von Moskau nach Berlin und bestellt Champagner.
„Geschäfte in Moskau gut gelaufen?“
„Ja, kann nicht klagen.“
„Champagnermäßig gut?“
„Ja.“
„Welche Branche?“
„Bekleidung.“
„Luxus?“
„Höherwertige Bekleidung, international eben.“
Laut Statistik ist der Konsum im Juli im Vergleich zum Vorjahresmonat in Russland um 9,2 Prozent zurückgegangen. Aber einige deutsche Handelsketten machen trotzdem gute Umsätze – und zwar mit importierten Waren, nicht mit „Made in Russland“. In Russland hergestellte Bekleidung gibt es eigentlich nicht. Entweder werden die Hosen, Röcke oder Schuhe über Kirgisistan oder China nach Russland eingeführt und auf den Märkten zu niedrigen Preisen verkauft – oder die westlichen Ketten füllen ihre Stores mit aus dem Westen importierten Kleidern und Hemden. Jedenfalls gehen die Russen gern shoppen – gespart wird nicht bei schicken Klamotten. 2014 wuchs der Handelsumsatz bei Bekleidung und Schuhen um 8,4 Prozent – trotz Wirtschaftskrise.
Der Jahresbeginn 2015 gestaltete sich zwar weniger glanzvoll. Die internationale Schuh- und Bekleidungsszene konnte das aber nicht schrecken – man schlürft Champagner. Der Markt bereinigt sich, schwache Unternehmen verschwinden und machen Platz für die glanzvollen internationalen Marken. Mindestens 35 neue Brands erschienen von Januar 2014 bis Juni 2015 auf dem Moskauer Parkett, unter ihnen der Schuhhersteller Deichmann aus Deutschland, Sinsay aus Polen, Superdry aus Großbritannien und das Outletcenter Lefties aus Spanien. „Ja, natürlich musste man sich der Rubelentwicklung anpassen und die Preise hochsetzen, in allen 76 Stores“, erklärt der zufriedene Manager. Aber das hätten die Kunden locker weggesteckt, besonders in der Provinz, wo es kaum Wettbewerb gebe.
Wie überall auf der Welt sagen Statistiken nur die halbe Wahrheit, erst recht in Russland.

Russland gibt man nicht auf
Zur Präsentation der Umfrage der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer zum Geschäftsklima in Russland Ende August in Berlin verkündete Präsident Rainer Seele die schlechtesten Werte seit zehn Jahren. Kein einziges der befragten 158 deutschen Unternehmen bezeichnet die aktuelle wirtschaftliche Situation Russlands als gut. Wie auch – der Ölpreis fällt und fällt, die Währung ist volatil, das Staatssäckel leert sich, Finanzsanktionen bringen Zinssätze von über zehn Prozent und würgen die Kreditvergabe ab. Aber nur drei Prozent der befragten Unternehmen ziehen einen Rückzug aus Russland als eine mögliche Reaktion auf die katastrophalen wirtschaftlichen Bedingungen in Betracht.
Einen Markt wie Russland geben die Deutschen nicht einfach so auf. Viel zu hoch waren in den vergangenen Jahren die Renditen, viel zu gut ist der Ruf deutscher Wertarbeit.
Das hat auch die Bundesregierung begriffen. Im ersten Halbjahr 2015 lag Russland mit einer Deckungssumme von 2,5 Milliarden Euro wieder auf Platz eins der in Deckung genommenen Exporte. In den Genuss der Hermesbürgschaften kamen in jüngster Zeit unter anderem die Linde AG mit einer Ethylenanlage, die ThyssenKrupp Industrial Solutions AG mit einer Polypropylenanlage, die SMS Siemag mit der Modernisierung einer Kaltwalzanlage, die ZAB Zementanlagenbau GmbH Dessau mit der Errichtung einer Klinkerproduktion und natürlich Airbus mit der Lieferung mehrerer Flugzeuge.
Auch jetzt lässt es sich im Putin-Land noch wirtschaftlich arbeiten. Fast alle Firmen haben Mitarbeiter entlassen, was nicht wirklich weh tut, weil man die Unternehmen in den guten Jahren ohnehin hat zu fett werden lassen.
Wer Investitionen in der Pipeline hatte, brachte sie zu Ende. 2014/ 2015 wurden deutsche Werke wie eh und je eröffnet. Allerdings ging, anders als in den Boomjahren, oft nur ein Teil der Anlagen in Betrieb. Vor allem die Kfz-Hersteller und –Zulieferer leiden. Über eintausend Autohändler werden in diesem Jahr ihre Filialen schließen müssen, prognostiziert Wladimir Moschenkow, Präsident des russischen Verbandes der Autohändler. Die Verkaufszahlen sind in der ersten Jahreshälfte 2015 um 36 Prozent im Vergleich zum Vorjahreswert eingebrochen.
Wer jetzt denkt, die Branche weint, der irrt.
„Wir würden natürlich gern mehr in Russland machen“, sagt Jaron Wiedmaier, Chef des Reifenherstellers Continental in Russland, „aber die aktuelle Situation ist auch keine Katastrophe. Continental realisiert weniger als ein Prozent des weltweiten Umsatzes in Russland. Unsere Investitionen waren von Anfang an langfristig gedacht – da muss man mit Ups and Downs rechnen.“
Anfang September fanden in Moskau zwei internationale Messen statt: Die Comtrans, eine russische IAA für Nutzfahrzeuge, und die Zuliefermesse MIMS Automechanika. „Russland ist ein riesiger Markt für Nutzfahrzeuge“, sagt Eugen Alles, Geschäftsführer der Messe Frankfurt in Moskau. „Aber gegenwärtig sind die Finanzierungen gekappt, Leasing­angebote sind so gut wie nicht auf dem Markt.“ Dementsprechend verkaufte der Veranstalter ITMF, eine Tochter der Messe Frankfurt und der ITE, in diesem Jahr 25 Prozent weniger Fläche als im Vorjahr.
Auch die Messe MIMS Automechanika, die Ende August in Moskau stattfand, musste Federn lassen und schrumpfte flächenmäßig um 25 Prozent. 1.107 Unternehmen aus 36 Ländern nahmen teil, so viele wie im Vorjahr. Die Chinesen mieteten 6.000 Quadratmeter Fläche – es war der größte chinesische Gemeinschaftsstand auf einer Messe in Russland überhaupt. Auch die Türkei präsentierte sich herrschaftlich auf einem Gemeinschaftsstand von über 2.000 Quadratmetern. Das Autoland Deutschland kam mit einem Gemeinschaftsstand von 200 Quadratmetern deutlich bescheidener daher. Allerdings präsentierten sich die großen Namen wie Bosch, Mercedes-Benz Rus, Schaeffler oder ZF Friedrichshafen auf eigenen Messeständen.
Für internationale Kfz-Zulieferer ist der russische Markt nicht eben attraktiv – zu viele Hersteller mit zu kleinen Stückzahlen – Präsenz aber zeigen inzwischen fast alle. In diesem Jahr wird der Automobilmarkt nach Angaben des Ministeriums für Industrie und Handel um 24 Prozent schrumpfen. Zum Internationalen Automotive Forum IMAF, das in Zusammenarbeit mit der Association of European Businesses stattfand, waren die Statements dann auch eindeutig: Abspecken, Abwarten und Durchstarten, wenn es wieder aufwärts geht.

Der Ölpreis allein bestimmt
Wann es wieder aufwärts geht, weiß in der Tat niemand. Das hängt auch nicht von Russland ab. Der Ölpreis allein bestimmt noch immer über das Wohl und Wehe des größten Landes der Erde. Denn die Träume von der Diversifikation, von Modernisierung und Reformen haben sich nicht erfüllt. Wegen des niedrigen Ölpreises ging die Sowjetunion Ende der 80er-Jahre krachen – und der niedrige Ölpreis erodiert auch das Putin-System. Die Abdankung von Wladimir Jakunin als Chef der russischen Eisenbahn RZD, einem der engen Vertrauten Putins, Ende August öffnet die Türen für Spekulationen über mögliche Veränderungen im Machtgeflecht des Kremls. Mit Wonne enthüllt eine russische Zeitung nach der anderen gegenwärtig das Ausmaß der Bereicherung russischer Beamter – auch im nahen Umfeld von Präsident Putin. Fotos einer Yacht tauchen im Internet auf, die sich Putins Pressesekretär Dmitry Peskov für 500.000 US-Dollar pro Woche gemietet haben soll. Verschiedene Zeitungen echauffieren sich über die frühzeitige Entlassung der wegen Korruption zu fünf Jahren Haft verurteilten Ex-Geliebten des Ex-Verteidigungsministers. Der Nationalismus mag ein Volk eine Zeit lang von der Wirtschaftskrise ablenken – auf Jahre funktioniert das nicht. Auch den Russen ist das Hemd näher als der Rock.
Fakt ist, dass die Wirtschaftssanktionen, die im Zuge der Besetzung der Krim von den USA und der EU verhängt wurden, nicht einfach aufgehoben werden können, so lange die Krim russisch ist. Und daran wird sich wohl auf absehbare Zeit nichts ändern. Die Finanzsanktionen hängen am Minsk-Vertrag. Ob und wie dieser erfüllt wird, lässt zumindest Raum für Interpretation.

Steinmeier will „echte Perspektive“
Außenminister Frank-Walter Steinmeier forderte auf dem Wirtschaftstag der Botschafterkonferenz des Auswärtigen Amtes am 24. August in Berlin eine „echte Perspektive“ für das deutsch-russische Verhältnis. Die Lösung des Ukraine-Konflikts sei nicht nur für die Ukraine wichtig, sondern auch im Interesse unseres Verhältnisses zu Russland, denn „Sanktionen können nicht die letzte Antwort bleiben“.
Solche Sätze streicheln die geschundenen Seelen der als „Russland-Versteher“ in deutschen Talk-Shows abekanzelten Russland-Community.
Auf den Sommerfesten, zu denen deutsche Unternehmen wie eh und je gern auf ihre Dachterrassen einladen, wird heftig über die Politik diskutiert. Dabei steht –anders als bei den Debatten der Politiker – nicht Russland am Pranger. Die Hauptverantwortung für die jetzige politische Situation schieben viele deutsche Firmenvertreter den USA zu. Amerika sei an der Schwächung Russlands interssiert. Außerdem wissen sie, dass die Amerikaner weiter auch Dual-Use-Güter nach Russland liefern, während sich die Europäer, allen voran die Deutschen, brav an die Sanktionen halten. Konkrete Beispiele kann keiner nennen.
Als Hauptprofiteur des ganzen Schlamassels gilt China. Es herrscht geradezu Gewissheit, dass die Chinesen den Deutschen jetzt in der Krise Marktanteile abjagen. Tun sie das wirklich? Ja, das tun sie, aber das hat nichts mit der Krise zu tun. China hat Deutschland schon 2010 von der Spitze der größten Handelspartner des Landes verdrängt.
Die Krise trifft beide Länder gleichermaßen. Normalerweise wollten Russland und China in diesem Jahr ein Handelsvolumen von einhundert Milliarden US-Dollar erreichen. Im ersten Halbjahr sank der Handel aber um 30 Prozent – gerade 31 Milliarden US-Dollar stehen zu Buche.
Im Maschinenbau geben die deutschen Mittelständler nicht erst seit dem vergangenen Jahr Anteile an die chinesischen Wettbewerber ab. Während die Deutschen 2004 noch 29,6 Prozent der nach Russland importierten Maschinen lieferten, waren es 2013 nur noch 19,2 Prozent. Der Anteil der chinesischen Maschinenlieferungen dagegen wuchs im selben Zeitraum von 1,9 auf 15,4 Prozent.
„Zehn Prozent ist nicht so viel“, sagt Reinhold Festge, der Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer. „Nicht die Chinesen sind das Problem, sondern der Protektionismus. Wir schneiden uns mit unseren Sanktionen vom Markt ab, und das tut uns weh.“ Kaum eine Branche war von der aktuellen Entwicklung so getroffen wie der Maschinenbau. Nach einem Minus von 17 Prozent im Vorjahr schrumpften die Exporte von Januar bis Mai 2015 noch einmal um fast 30 Prozent. Nicht wegen der Chinesen. Wohl auch nicht wegen des Protektionismus. Die Finanzierung fehlt.
Hier haben die Chinesen eindeutig die besseren Karten, denn chinesische Investitionen werden oft politisch flankiert. Vor allem bei Großprojekten fahren die Chinesen den Deutschen in die Parade. Kaum ein größeres Infra­strukturvorhaben, bei dem die Gelder nicht aus China zugesagt werden. Die Zusammenarbeit mit dem Reich der Mitte ist eine übergeordnete Strategie der russischen Regierung – „irreversibel“, wie Rainer Seele sagt. Das sei durchaus legitim – schließlich sei China ein wichtiger Absatzmarkt für russisches Erdgas. Entsprechend wird beispielsweise der Pipelinebau in Sibirien vorangetrieben. Allerdings laufen einige Projekte auch schleppend. Die zweite Pipeline gen China über das Altai-Gebiet kommt nur langsam voran. Der Baubeginn der groß angekündigten Investition des chinesischen Autobauers Great Wall in Tula ist erst für Sommer nächsten Jahres vorgesehen, die Inbetriebnahme für 2017.
Und obwohl die Chinesen beim Bau der Hochgeschwindigkeitsstrecke der Eisenbahn zwischen Moskau und Kasan eingestiegen sind, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die deutschen Bahnunternehmen hier doch noch in dieser oder jener Form zum Zuge kommen. Zur Eisenbahnmesse Expo 1520 Anfang September in Moskau jedenfalls standen die Deutschen den Chinesen nicht nach. Siemens und Deutsche Bahn waren wieder die größten Sponsoren. Und solche Gesten wissen die Russen zu schätzen.
„50 Prozent der deutschen Unternehmen spüren keine Veränderungen im Verhältnis zu ihren russischen Partnern“, erklärt AHK-Präsident Seele stolz die Umfrageergebnisse. Deutsche und Russen sind sich noch immer nah. Auch die langjährigen Geschäftspartner von Rainer Seele, die Gazprom-Vorstände, bleiben dem deutschen Spitzenmanager verbunden. In der Zeit, als Seele Vorstandsvorsitzender der Wintershall AG war, entwickelte sich Deutschlands größter Öl- und Gaskonzern zu einem wichtigen Partner von Gazprom. Beide Unternehmen förderten im Ural erfolgreich Gas, beteiligten sich an der Gaspipeline Nord Stream, betrieben gemeinsam Joint Ventures in Deutschland und planten als krönenden Höhepunkt der Kooperation einen Asset Swap, der im vergangenen Jahr vollzogen werden sollte. Kurz bevor der Deal Realität werden sollte, wurde er abgesagt. Jetzt wird der Vollzug für Ende 2015 vermeldet.
Für Überraschungen ist Russland immer gut. Erst verkündet Gazprom-Chef Miller seinen westlichen Partnern das „Aus“ für South Stream, wenige Monate später unterzeichnet er mit ihnen einen Vertrag zur Erweiterung der Nord Stream. Trotz der Turbulenzen, die Seele mit den Russen schon erlebte, hat sich seine Sicht auf Russland nicht verändert. Im Gegenteil. Seit Anfang Juli ist der 54-Jährige Vorstandschef des österreichischen Öl- und Gaskonzerns OMV. So wie die Zusammenarbeit mit Russland der Wintershall Gewinne bescherte, sieht Seele auch für Österreichs größtes Unternehmen die Zukunft in einer integrierten Kooperation mit Gazprom. Die OMV ist bei Nord Stream mit im Boot und  im Tauschgeschäft gegen Anteile will das Unternehmen nun auch in der Achimov-Formation in Urengoi in die Gasförderung einsteigen. „Wir bereiten uns vor, in Russland in die Gasproduktion zu investieren“, sagt Seele an dem Tag, an dem der Ölpreis unter 40 US-Dollar pro Barrel liegt. Ein klares Commitment – wahrscheinlich weiß er mehr als jeder Analyst.
Alle Geschäftsleute in Russland stellen sich auf eine lange Durststrecke ein, aber der Glauben an das Land ist ungebrochen. Und das sind nicht nur Lippenbekenntnisse. Volkswagen Rus eröffnete Anfang September ein neues Motorenwerk in Russland, der Mähdrescherhersteller Claas wird am 1. Oktober neben dem Montagewerk in Krasnodar ein Produktionswerk mit Metallbearbeitung, Schweißen, Farbgebung und Montage in Betrieb nehmen. Allerdings entstehen deutsche Produktionsstätten in Russland nicht immer unter dem Gesichtspunkt der Wirtschaftlichkeit. Viel mehr sind sie das Resultat der Putinschen Politik der Importsubstitution. Die Automobilindustrie ist schon seit einigen Jahren zur Lokalisierung gezwungen, hier gab es von Anfang an klare Vorgaben. Bei Landwirtschaftsmaschinen war die Lage komplizierter. 2012 wurde eine Verordnung veröffentlicht, die den Zugang zu staatlicher Förderung beim Kauf regelt. Immerhin erstattet der Staat 25 Prozent des Kaufpreises, wenn ein Traktor oder Mähdrescher „Made in Russia“ erworben wird. Die Bedingung: Der Hersteller von Mähdreschern musste eine Vielzahl von Fertigungstechniken und Pflichtbaugruppen nachweisen, die in Russland produziert werden. Das aber kann ein Ausländer nicht, denn die Liste ist praktisch die Einkaufsliste des größten russischen Herstellers RostSelMasch. Kein Ausländer ist bisher in den erlauchten Kreis der russischen Hersteller aufgenommen worden. RostSelMasch dominiert den Markt. Mit dem neuen Produktionswerk von Claas soll sich das nun ändern.

Importsubstitution als Schlagwort des Jahres
In Sachen Importsubstitution ziehen andere Branchen nun nach. Mit dem im Juli in Kraft getretenen Gesetz zur Industrialisierung (siehe Seite 54) wird ein Herkunftszertifikat verlangt, um bei öffentlichen Ausschreibungen erfolgreich zu sein. Allerdings bleibt vieles vage.
„Importsubstitution ist das Schlagwort des Jahres der russischen Regierung 2015“, sagt Michael Harms, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer. „Die deutsche Wirtschaft unterstützt natürlich den Prozess der Lokalisierung, aber der stark politisch getriebene Ansatz stört.“
Die administrativen Vorgaben seien nicht zu erfüllen, zum Teil wurden bis zu eintausend Positionen vorgeschrieben, wie und wo sie gekauft werden sollen. „Das ist dann schon Planwirtschaft“, sagt Harms.
Die AHK Russland kämpft in den verschiedenen Gremien um Erleichterungen für die Wirtschaft. Indes: Es wird nicht einfacher. Mit Wonne versetzen die Behörden den ausländischen Firmen immer wieder Nadelstiche. Manchmal fußen die Aktionen auf der Dummheit eines einzelnen Beamten, manchmal steckt System dahinter.
Ende August zum Beispiel forderte die russische Verbraucherschutzbehörde Rospotrebnadzor den Einzelhandel auf, Haushaltschemie und Waschmittel einiger westlicher Anbieter aus dem Sortiment zu nehmen. Explizit betroffen waren Produkte der Konsumgüterkonzerne Henkel, Procter &Gamble, Colgate-Palmolive und Clorox. Angeblich verstießen die Konzerne gegen Gesundheitsvorschriften. Zusätzlich kontrollierte die Gesundheitsbehörde das Henkel-Waschmittelwerk in Perm, eines der ersten Vorzeigewerke erfolgreicher deutscher Investitionen in Russland. Die AHK Russland forderte die Regierung auf, diese Aktion schnellstmöglich zu überdenken und zurückzunehmen. Es sei wenig wahrscheinlich, dass Unternehmen, die in einigen Hundert Ländern der Welt handeln, nur in Russland die Anforderungen an Qualitäts- und Verbraucherschutz nicht erfüllten.
In der Regel klären sich solche Sachverhalte schnell auf und alle Beteiligten kehren zur Normalität zurück. Aber der Schaden ist enorm, denn es werden Schlagzeilen produziert. Wenn ein deutscher Top-Manager liest, was da wieder in Russland los ist, zweifelt er an der Rechtsstaatlichkeit des Landes. Zu Recht.

Lokalisierung in den verschiedenen Ausführungen
Zur Importsubstitution findet jedes Unternemen seine individuelle Lösung. Für den deutschen Pumpenhersteller Wilo SE ist Russland ein wichtiger Markt. Zehn Prozent der Produktion werden in Russland verkauft. Auch Wilo baut ein neues Werk. Aber man lässt sich Zeit. Bereits 2013 wurde im Industriepark Noginsk bei Moskau der Grundstein gelegt, 2016 soll die Produktion eröffnet werden. Ob die später in Noginsk produzierten Pumpen den Anforderungen der russischen Behörden genügen werden, um „Made in Russia“ zu sein, hat für Wilo keine große Bedeutung. Es gibt keinen russischen Hersteller von Hocheffizienzpumpen, insofern ist man gegenüber den Pumpen „Made in Germany“milde gestimmt. Mehr noch:  Man einigte sich, dass die Wilo-Pumpen unter dem Brand „German Engineering Made in Russia“ firmieren. Das klingt gut und das läuft gut.
Der Fensterhersteller Schüco hat schon vor einigen Jahren den Protektionismus erfahren und sich damit arrangiert. Um keinen Sonderzoll auf aus der EU importierte Aluminiumprofile zur Fertigung von Fenstern, Türen und Fassaden zu zahlen, lässt das Unternehmen nahezu alle Schüco-Aluminiumprofile für den russischen Markt von russischen Presswerken herstellen. Damit ist gewährleistet, dass russische Fensterbauer auf Basis von Schüco Aluminiumsystemen „Made in Russia“ für ihren Heimatmarkt produzieren. „Wir sehen daher aktuell keine Einschränkungen für unsere Produkte in Russland“, heißt es auf Nachfrage von OWC.
So einfach freilich sind russische Hersteller nicht zu finden. „Es gibt viel Öl hier, aber keine Plastikteile für die Automobilindustrie in Russland“, sagte Marcus Osegowitsch, Generaldirektor der Volkswagen Rus, zum Automobilforum der MIMS Automechanika. Für 2015 erwarten die deutschen Autobauer einen Umsatz wie 2009. Ausgerechnet 2009. In diesem Jahr hatten Wladimir Putin und VW-Vorstandschef Martin Winterkorn gemeinsam das Signal zum offiziellen Produktionsstart des VW-Werkes in Kaluga gegeben. Damals war man in Champagnerlaune. Die dürfte erst einmal verflogen sein.
Bei Porsche sieht das anders aus. Die Nobelmarke verkaufte im Juli dieses Jahres 75 Autos mehr als im Juli 2014. In Russland kann eben immer jemand die Korken knallen lassen.

Jutta Falkner

Dieser Beitrag ist erschienen in Ost-West-Contact 09/2015.