»Wir wollen deutsche Industriebasis werden« – Kunshan schaut nicht nur auf die großen Firmen

Kunshan soll nicht nur als Industriestandort attraktiv sein, sondern sich zu einem Ort entwickeln, in dem sich Chinesen und Ausländer wohlfühlen können, zu einem Ort, der ein vielfältiges kulturelles Angebot bereit hält und Bildungsmöglichkeiten bietet, zum Beispiel auch in der Zentralbibliothek Kunshan. © CC/pt
Kunshan soll nicht nur als Industriestandort attraktiv sein, sondern sich zu einem Ort entwickeln, in dem sich Chinesen und Ausländer wohlfühlen können, zu einem Ort, der ein vielfältiges kulturelles Angebot bereit hält und Bildungsmöglichkeiten bietet, zum Beispiel auch in der Zentralbibliothek Kunshan. © CC/pt

Auf halber Strecke zwischen Shanghai und Suzhou gelegen, hat sich Kunshan in den vergangenen Jahren als Industriestandort weiter gemausert. Deutsche Unternehmen sollen nach dem Willen der Stadtverwaltung die taiwanische Dominanz brechen und dazu beitragen, Kunshan zu einem modernen Industriestandort zu entwickeln. Dabei richten die Behörden ihren Blick nicht nur auf die großen Konzerne und heißen mittelständische Unternehmen ebenso willkommen.

Wirtschaftsdaten Kunshan 2015»Wir haben anders als Shanghai noch viel Platz für Neuansiedlungen.« Das sagt Wan Haoming, der in Kunshans German Industrial Park für die Ansiedlung von europäischen und amerikanischen Unternehmen verantwortlich ist. Und er betont einen Unterschied zu Shanghai: »Bei uns können Industrieunternehmen Landnutzungsrechte für 50 Jahre erwerben, in Shanghai sind es nur 20.« Dann verweist er auf die logistischen Vorteile der Stadt, die ein bedeutender Verkehrsknotenpunkt im Jangtsedelta ist. Thomas B. Cornelius, General Manager der Swoboda Kunshan Co., Ltd. fasst dies mit den Worten zusammen: »Von hier aus ist ganz China gut zu erreichen.« Hier kreuzen sich die wichtigsten Autobahnen und dank der Highspeed-Anbindung ist das ostchinesische Finanzzentrum Shanghai in nicht einmal 20 Minuten zu erreichen. Für Ausländer, die in Kunshan arbeiten, aber in Shanghai wohnen, sei dies ein wesentlicher Vorteil. Den hebt Jin Ming hervor, die seit Kurzem stellvertretende Bürgermeisterin von Kunshan ist. Eigentlich hätte sie es lieber, die ausländischen Manager würden nicht zwischen Kunshan und Shanghai pendeln, sondern in ihrer Stadt wohnen. Jin Ming war lange Zeit für Bildung zuständig und es ist zu spüren, was ihr besonders am Herzen liegt. Sie will, dass ihre Stadt nicht nur als Industriestandort attraktiv ist, sondern ein Ort wird, in dem sich Chinesen wie Ausländer wohlfühlen können, in dem es ein vielfältiges kulturelles Angebot gibt und Bildungsmöglichkeiten. Eine kanadische Schule gibt es bereits in Kunshan. Das nächste wäre eine deutsche Schule, schaut sie in die Zukunft, denn die Bürgermeisterin weiß, für Familien von in Kunshan tätigen deutschen Managern ist es wichtig, ihre Kinder in eine deutsche Schule schicken zu können. Mehr noch: Jin Ming will, dass noch mehr junge Chinesen Deutsch lernen. »Englischkenntnisse reichen nicht aus, wenn wir zu einer deutschen Industriebasis werden wollen«, sagt sie.

Gutes Mitarbeiterpotenzial

»Eine deutsche Industriebasis« zu werden – das ist Kunshans erklärtes Ziel. Bisher ist die Stadt noch so etwas wie ein »Taiwan Valley«. Rund 70 Prozent der etwa 40.000 Unternehmen sind taiwanisch investiert. Hier kommt Wan Haoming mit dem nächsten Vorteil, den Kunshan deutschen Investoren bietet: »Ein Personalproblem, wie es ausländische Unternehmen an anderen Standorten beklagen, gibt es bei uns nicht.« Die Taiwaner sind vor allem in der Elektronikindustrie engagiert und haben gut qualifiziertes Personal. Doch die Gehälter seien gering, die Arbeit in den Firmen eine »Schufterei«. Möglichkeiten in Unternehmen zu wechseln, die wie die deutschen ein besseres Arbeitsumfeld mit höheren Gehältern bieten, seien willkommen.

Swoboda-Manager Thomas B. Cornelius: Aus Kunshan ist ganz China gut zu erreichen. © CC/pt
Swoboda-Manager Thomas B. Cornelius: Aus Kunshan ist ganz China gut zu erreichen. © CC/pt

Das bestätigt Thomas B. Cornelius: »Die Taiwaner haben für die Qualifizierung des Personals viel getan, davon können wir profitieren.« Die taiwanischen Firmen bildeten die Mitarbeiter sehr schnell und intensiv aus, allerdings nur für ein begrenztes Tätigkeitsfeld. Und sie hätten im Unternehmen oft keine Entwicklungsmöglichkeiten. Swoboda, Zulieferer hochkomplexer Plastik-Metall-Hybridteile für die Fahrzeugelektronik »mit extremen Qualitätsanforderungen«, hat 2014 in Kunshan seine Produktion aufgenommen, eine »Greenfeld-Investition«, die erste des Wiggensbacher Unternehmens in China, wobei für jeden Auftraggeber maßgeschneiderte Produktionslinien aufgebaut werden. Die erste Halle ist inzwischen belegt, die zweite im Bau. Das Unternehmen sei unter anderem wegen der guten Personalsituation nach Kunshan gegangen, so Thomas B. Cornelius. »Allerdings ist der Wettbewerb um gute Mitarbeiter auch groß.« Anders als die Taiwaner setzt Swoboda auf eine langfristige Personalpolitik, genau das, was laut Wan Haoming chinesische Arbeiter und Angestellte schätzen. Der Swoboda-Manager stellt nur Mitarbeiter mit langjährigen Berufserfahrungen ein – in der Produktion etwa sechs bis acht, im Management sogar mehr als 15 Jahre. Das Leben als Swoboda-Mitarbeiter beginnt dann mit einer soliden Ausbildung, zum Teil auch im deutschen Mutterhaus. Anders als taiwanische Unternehmen setzt die Allgäuer Firma darauf, dass die Mitarbeiter so lange wie möglich im Unternehmen bleiben. »Dafür müssen wir ihnen eine Perspektive bieten«, so Thomas B. Cornelius. Und das bedeute mehr als nur ein Gehalt, das über dem derzeit für Kunshan festgelegten monatlichen Mindestlohn von 1.650 Yuan, etwa 225 Euro, liegt.

Die geringen Personalkosten waren für Swoboda ohnehin nicht der Grund, nach Kunshan zu gehen. Einer der großen Kunden des Unternehmens hatte deutlich gefordert, dass die Firma in China produziert. Inzwischen beliefert das Werk in Kunshan auch andere internationale Hersteller von Autoteilen in China und Thomas B. Cornelius geht fest davon aus, in naher Zukunft auch chinesische Auftraggeber zu haben, wenn sich die Anforderungen bei den Herstellern ändern. Er sagt: »Wir sind preiswert, aber nicht billig.« Noch setzten die chinesischen Firmen bisher mehr auf billig als auf hohe Qualität.

Hamberger-Manager Johannes Wiget: Ein Toilettensitz ist kein Smartphone oder Auto. Darüber wird nicht am Stammtisch diskutiert. © CC/pt
Hamberger-Manager Johannes Wiget: Ein Toilettensitz ist kein Smartphone oder Auto. Darüber wird nicht am Stammtisch diskutiert. © CC/pt

Auch das auf 150 Jahre Geschichte zurückblickende Rosenheimer Familienunternehmen Hamberger ist nicht nach Kunshan gekommen, weil es ein »billiger Standort« ist. Johannes Wiget, Geschäftsführer der Hamberger Sanitary (Kunshan) Co., Ltd., sagt: »In unserem Werk in Bulgarien sind die Produktionskosten noch geringer.« Wie bei Swoboda waren es auch bei Hamberger die Abnehmer, die auf eine nahe Produktion gedrängt haben. Das Unternehmen stellt Toilettensitze her und inzwischen haben die meisten Hersteller der Keramiken, die Hamberger beliefert, in China Produktionsstandorte. Hinzu kommt, dass die Einkaufsorganisationen der großen Baumarktketten zunehmend in China und Hongkong sourcen.

Es ist eine reine OEM-Produktion. Johannes Wiget beschreibt »seine« Toilettensitze als innovative Produkte, etwas, was beim chinesischen Verbraucher, dem trendbewussten wohlhabenden Mittelstand vor allem, der seine Wohnungen nach westlichem Standard gestaltet, durchaus auf Resonanz treffen dürfte. Allerdings schränkt er ein: »Ein Toilettensitz ist kein Smartphone oder Auto. Darüber wird nicht am Stammtisch diskutiert.«

Mittelstand willkommen

Bürgermeisterin Jin Ming: In fünf Jahren wollen wir 500 deutsche Firmen in Kunshan haben. © CC/pt
Bürgermeisterin Jin Ming: In fünf Jahren wollen wir 500 deutsche Firmen in Kunshan haben. © CC/pt

Bei Hamberger in Kunshan stehen dieselben automatischen Spritzgussanlagen wie im deutschen Mutterhaus. Das sind die Firmen, die in Kunshan willkommen sind. Die Stadtregierung unterscheidet sich zwar nicht von anderen Regierungen in China in ihrem Willen, so viel wie möglich Großkonzerne anzusiedeln. Jin Ming stellt aber schnell klar, auch kleine Unternehmen seien willkommen und würden dieselbe Unterstützung erhalten wie die »Großen«. Das unterscheidet dann wiederum Kunshan von Metropolen wie Shanghai oder Peking. Zwar ist die Bürgermeisterin stolz darauf, dass sich das Verhältnis von produzierendem Gewerbe und Dienstleistungsindustrie in den vergangenen fünf Jahren umgekehrt hat und der Dienstleistungssektor heute mehr zum Bruttosozialprodukt beiträgt als das produzierende Gewerbe. Auf die Nachfrage, ob das eine gesunde Perspektive für die Zukunft sei, sagt sie dann aber: »Nein, nein, Kunshan soll ein Industriestandort bleiben.«

Die Schwartz Heat Systems Asia (Kunshan) Co., Ltd., stellt hocheffiziente Wärmebehandlungsanlagen für das Presshärten im Karosseriebau her. Seit drei Jahren produziert die Firma aus Simmerath nahe Aachen in Kunshan mit inzwischen 30 Mitarbeitern für Kunden aus der Automobilindustrie, vor allem in China, aber auch in Korea, Japan und Vietnam. © CC/pt
Die Schwartz Heat Systems Asia (Kunshan) Co., Ltd., stellt hocheffiziente Wärmebehandlungsanlagen für das Presshärten im Karosseriebau her. Seit drei Jahren produziert die Firma aus Simmerath nahe Aachen in Kunshan mit inzwischen 30 Mitarbeitern für Kunden aus der Automobilindustrie, vor allem in China, aber auch in Korea, Japan und Vietnam. © CC/pt

Bei den Dienstleistungen denkt sie vor allem an solche, die die Industrie unterstützen. Logistikzentralen oder Bildungseinrichtungen zum Beispiel. Auch im Gesundheitssektor und in der Altenpflege lohne es sich zu investieren. Ansonsten seien in Kunshan moderne Industrien wie Präzisionsmaschinenbau besonders willkommen – Unternehmen wie die Schwartz Heat Systems Asia (Kunshan) Co., Ltd., die hocheffiziente Wärmebehandlungsanlagen für das Presshärten im Karosseriebau herstellt. Seit drei Jahren produziert die Firma aus Simmerath nahe Aachen in Kunshan mit inzwischen 30 Mitarbeitern für Kunden aus der Automobilindustrie, vor allem in China, aber auch in Korea, Japan und Vietnam. Harald Ohler, technischer Leiter in Kun-shan, sagt, es sei an der Zeit gewesen, nach China zu gehen, um die Kunden schneller beliefern zu können und möglichen lokalen Wettbewerbern zuvorzukommen.

Innovation wird gefördert

Bürgermeisterin Jin Ming erzählt, ihre Stadt habe gerade ein Programm aufgelegt, mit dem Unternehmen bei der Umrüstung und Stärkung der Innovation unterstützt werden sollen. Jährlich zwei Milliarden Yuan, rund 270 Millionen Euro, stünden dafür zur Verfügung. Auch ausländische Unternehmen könnten aus diesem Fonds Mittel beantragen – zuständig seien die Behörden, bei denen die Firma registriert ist. Swoboda-Manager Thomas B. Cornelius kennt dieses Programm nicht und meint: »Kunshan ist eigentlich satt.« Die Stadt tue zu wenig, um Unternehmen bei der Ansiedlung zu unterstützen. Dabei hat Jin Ming hochgesteckte Ziele: In fünf Jahren sollen 500 deutsche Unternehmen in Kunshan produzieren. Derzeit sind es 130. Ob die Bürgermeisterin in fünf Jahren die vorgegebene Bilanz ziehen kann, wird abzuwarten sein. Warum soll sie sich aber nicht hohe Ziele setzen? Vor allem muss und will sie besser wissen, was den deutschen Unternehmern in Kunshan auf den Nägeln brennt. Deshalb will Jin Ming schon bald einen Roundtable einberufen, um mit ihnen darüber zu diskutieren.

Blick auf die Startup Factory in Kunshans German Industry Park. © CC/pt
Blick auf die Startup Factory in Kunshans German Industry Park. © CC/pt

Andere haben da schon längst die Initiative ergriffen – und handeln. Die Gründung des Deutschen Industrieparks, in dem nicht nur deutsche Unternehmen ansässig sind, geht beispielsweise auf eine Initiative von Bernd Reitmeier zurück, der schon lange Kunshans Potenzial für die Ansiedlung mittelständischer Unternehmen erkannt hat. In dem Park hat er vor fünf Jahren auch seine Startup Factory gegründet, ein Geschäftsmodell, das gerade kleinen Familienunternehmen den Einstieg in den chinesischen Markt ermöglicht, indem er für sie den gesamten Oberbau managt, was Kosten spart. Das Modell hatte 2012 auch den Rosenheimer Toilettensitz-Hersteller Hamberger überzeugt. Inzwischen ist die Firma »groß geworden« und produziert seit Juni 2015 in einer eigenen Fabrik. »Wir können uns aber weiterhin auf die Expertise der Startup Factory verlassen«, so Geschäftsführer Johannes Wiget. Per Teilvertrag wird dort noch die Finanzbuchhaltung für Hamberger erledigt.

Ein guter Hightech-Standort

Kleinen Unternehmen werden in der Startup Factory maßgeschneiderte Produktionsflächen zur Verfügung gestellt, um die ersten Schritte im chinesischen Markt gehen zu können. So auch der Berger Precision (Kunshan) Co., Ltd., die Präzisionsdrehteile für Automobilzulieferer herstellt. CC/pt
Kleinen Unternehmen werden in der Startup Factory maßgeschneiderte Produktionsflächen zur Verfügung gestellt, um die ersten Schritte im chinesischen Markt gehen zu können. So auch der Berger Precision (Kunshan) Co., Ltd., die Präzisionsdrehteile für Automobilzulieferer herstellt. CC/pt

Die Berger-Gruppe aus Memmingen hat die Startup Factory noch nicht verlassen. Seit Oktober 2012 produziert die Berger Precision (Kunshan) Co., Ltd. dort Präzisionsdrehteile für in China ansässige internationale Autozulieferer. Auch Berger, vom Zwang zur Lokalisierung getrieben, war vom Startup-Factory-Konzept überzeugt. Es ist aber nicht allein der Zwang durch die Auftraggeber, der Berger zum Schritt nach China »getrieben« hat. Für einen Zulieferer, einen kleineren zumal, spielt auch der Zeitfaktor eine große Rolle. »Jetzt können wir schneller reagieren, besser kommunizieren.« Die Zeitverschiebung könne im Geschäft zu einem Hindernis werden, so Berger-Geschäftsführer Dieter Heubach.

Die Firma mit weltweit 2.500 Beschäftigten hatte verschiedene Standorte im Großraum Shanghai unter die Lupe genommen. Die wesentlichen Kunden des Unternehmens haben im Umkreis von 150 Kilometern ihren Sitz. Eines habe aber festgestanden: »Wir wollten nicht ins benachbarte Taicang.« Dabei gilt doch gerade Taicang als Eldorado der deutschen Industrie, das vor allem baden-württembergische Mittelständler für sich entdeckt haben. »Uns waren es zu viele deutsche Firmen«, meint Dieter Heubach. »Zudem gibt es bei der Startup Factory ein eisernes Prinzip: Keine konkurrierenden Unternehmen«, erklärt Axel Gruber, einer der vier Managing Partner der Startup Factory.

Ein guter Hightech-Standort sei Kunshan, sagt Dieter Heubach. Wer Hochtechnologien mitbringe, werde von der Stadt unterstützt. Auch der Berger-Manager, der inzwischen 35 Arbeiter im Dreischicht-Betrieb beschäftigt, hatte keine Probleme, gut ausgebildetes Personal zu finden und auch er sagt: »Die taiwanischen Unternehmen haben hier gute Vorarbeit geleistet.« Allein darauf will sich Bürgermeisterin Jin Ming nicht verlassen. Sie findet, dass Kunshan selbst noch stärker in die Ausbildung von qualifiziertem Personal investieren müsse und noch mehr technische Schulen, aber auch Zweigstellen von renommierten Hochschulen ansiedeln müsse. Dessen ungeachtet werden auch künftig ausländische Unternehmen viel tun müssen, um ihre Mitarbeiter zu qualifizieren, so wie es Swoboda oder Berger tun. pt

Dieser Beitrag ist erschienen in ChinaContact 09/2015.