Spacetaxi Sojus

Startvorbereitung einer Angara-Trägerrakete in der Basis Plesezk © GKNPZ Chrunitschew
Startvorbereitung einer Angara-Trägerrakete in der Basis Plesezk © GKNPZ Chrunitschew

BAJKONUR. Drei Astronauten, ein Russe, ein Amerikaner und ein Japaner, haben am 23. Juli die internationale Raumstation ISS erreicht. Sechs Stunden zuvor waren sie vom russischen Weltraumflughafen Bajkonur in Kasachstan mit einem Sojus-Raumschiff gestartet. Damit hat die Besatzung der ISS ihre Sollstärke von sechs Mann wieder erreicht. Der Flug, ursprünglich für Mai geplant, wurde nach einer Havarie einen Monat zuvor durch die russische Raumfahrtbehörde ausgesetzt. Ein umbenannter, bereits kur nach dem Start fehlgeleiteter Progress-Frachter war beim Wiedereintritt in die Erdumlaufbahn verglüht. Anfang Juli erreichte die ISS ein zweiter Progress-Transporter, von einer Sojus-Trägerrakete in die Umlaufbahn befördert.

Derzeit entfallen über 40 Prozent der weltweiten Starts auf russische Raketen. Dabei kommt es immer wieder zu Pannen unterschiedlichen Ausmaßes. Der Staat reagiert und versucht, die prestigeträchtige Weltraumbranche zu konsolidieren. Es war die Sowjetunion, die den ersten Satellit in das All und den ersten Mensch in eine Umlaufbahn brachte. Eine Reform des russischen Luft- und Raumfahrtwesens zielt darauf ab, die Kräfte am Boden zu bündeln und ambitionierte Vorhaben im Kosmos umzusetzen.

Bündelung der Kräfte am Boden

Mitte Juli unterzeichnete Präsident Putin ein Gesetz zur Gründung der Staatskorporation „Roskosmos“. Diese soll die bisherigen Akteure der russischen Raumfahrt, die „Föderale Weltraumagentur“ und die „Vereinigte Raketen- und Weltraumkorporation“ (ORKK) zusammenführen. Die neue Institution soll im Herbst ihre Arbeit aufnehmen – die Entwicklung der Weltraumtechnik für militärische, duale, wissenschaftliche und sozial-ökonomische Zwecke. Dadurch erhofft sich Russland, den Effizienzvorsprung der Amerikaner auf diesem Gebiet aufzuholen.

Generaldirektor von Roskosmos ist der bisherige Leiter des ORKK, Igor Komarow. Ihm zufolge werde es fünf bis zehn Jahre dauern, um die Reform der Weltraumbranche umzusetzen. Zunächst plant die Regierung die schnelle Zentralisierung von mehr als 80 Unternehmen, Konstruktionsbüros und Forschungseinrichtungen. In einem nächsten Schritt sollen öffentlich-private Partnerschaften eingeführt und dadurch die Finanzierungsbasis vergrößert werden. Kritiker fürchten dabei den „Ausverkauf“ der Raumfahrt an den Privatsektor.

Montage einer Proton-Trägerrakete © GKNPZ Chrunitschew
Montage einer Proton-Trägerrakete © GKNPZ Chrunitschew
Effizienzvorsprung aufholen

Die US-Raumfahrt sei neunmal effizienter als die russische, sagte der für Militär und Raumfahrt zuständige Vizepremier Dimitrij Rogosin. Beispielsweise sei GKNPZ Chrunitschew, wichtigster Hersteller von Raumfahrttechnik des Landes, mit seinen 17.000 Beschäftigten ungleich ineffizienter als das US-Pendant Orbital Sciences. Mit 1.300 Mitarbeitern erwirtschafteten die Amerikaner eine Jahresleistung je Mitarbeiter von fast 414.000 US-Dollar. Schließe Russland hier nicht auf, würden die Starts mit russischen Trägerraketen bald teurer sein als bei der westlichen Konkurrenz. Bei Starts mit Proton-Raketen aus der Chrunitschew-Produktion kam es in den vergangenen fünf Jahren zu sieben Havarien. Rogosin kritisierte, dass es angesichts der umgerechnet rund 400 Euro, die ein durschnittlicher Chrunitschew-Arbeiter im Monat verdient, unmöglich sei, gute Leute anzuwerben. Eine Modernisierung des überalterten Maschinenparks erschweren auch die westlichen Sanktionen infolge der Ukraine-Konflites. Besonders schwerwiegend sei das Exportverbot von weltraumtauglicher Mikroelektronik. Eine adäquate Produktion in Russland aufzubauen, würde viel zu lange dauern.

Ambitionierte Pläne
Startvorbereitung einer Proton-Trägerrakete © GKNPZ Chrunitschew
Startvorbereitung einer Proton-Trägerrakete © GKNPZ Chrunitschew

Für die Amerikaner sind die russischen Sojus-Trägerraketen seit dem Aus des Spaceshuttle-Programms im Jahr 2011 die einzige Möglichkeit, Astronauten zur ISS zu bringen. Rund 70 Millionen US-Dollar kostet der Shuttleservice pro Sitzplatz. Dennoch haben die Amerikaner mit Ausnahme der Raumstation ISS alle Raumfahrtkooperationen gekündigt. Mit europäischen Einrichtungen wie der Weltraumorganisation ESA oder dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) arbeiten die Russen weiterhin zusammen. Mit der ESA werden 2016 und 2018 die Exo-Mars-Missionen durchgeführt.

Bei dem Gipfeltreffen der BRICS-Staaten Anfang Juli in Ufa brachte die russische Führung den Vorschlag ein, eine neue, gemeinsame Raumstation in den Orbit zu schießen. Diese könnte auf zwei oder drei Module aufbauen, die ursprünglich das russische ISS-Segment vervollständigen sollten. Im Ergebnis erklärten die BRICS-Staaten, bei der Anwendung von Weltraumtechnik, bei der Satellitennavigation und der universitären Ausbildung enger zusammenzuarbeiten.

Dieser Beitrag ist erschienen in Russland-Aktuell, Ausgabe 32-33/2015.