Künftig in Drittmärkten stärker kooperieren – Interview mit Martin Glatz

Angesichts der Schwierigkeiten in Ost- und Mitteleuropa, wo Österreichs Unternehmen traditionell sehr stark engagiert sind, gewinnt China an Bedeutung. Noch stärker rücken dabei Projekt-Partnerschaften mit chinesischen Firmen in Drittmärkten in den Mittelpunkt, so der Österreichische Wirtschaftsdelegierte in Peking, Martin Glatz, im Gespräch mit ChinaContact-Chefredakteur Peter Tichauer.

Martin Glatz ist Österreichischer Wirtschaftsdelegierter in Peking. © CC/pt
Martin Glatz ist Österreichischer Wirtschaftsdelegierter in Peking. © CC/pt

Herr Glatz, China will innovativer werden, die Wertschöpfung der eigenen Industrie erhöhen. Was bedeutet das für die Zukunft des österreichischen Engagements in China?

Das Bestreben Chinas, die Industrie neu zu strukturieren, kommt österreichischen Unternehmen entgegen. Denn unsere Maschinen- und Anlagenbauer, die schon heute den größten Anteil an unseren China-Exporten haben, bieten Nischenlösungen an, die sich erst auszahlen, wenn die Wertschöpfung eine gewisse Tiefe erreicht. Das werden auch Firmen nutzen, die bisher noch nicht nach China geliefert haben. Die Hoffnung ist allerdings auch, dass künftig für chinesische Käufer nicht nur der Preis die entscheidende Rolle spielt. Das zeichnet sich bereits ab. Denn Qualität spielt eine immer größere Rolle. Produktivität ebenso. Erhöht kann diese nur werden, wenn bessere Maschinen und Anlagen zum Einsatz kommen.

Die Zahl der österreichischen Unternehmen, die in China für den chinesischen Markt produzieren, ist in den vergangenen Jahren nicht deutlich gestiegen. Wie erklären Sie das?

Etwa 450 österreichische Unternehmen haben Niederlassungen in China. Aber es ist bei Weitem nicht so, dass nur diese Unternehmen Geschäfte mit China machen. Fakt ist, dass unser Büro in Peking jährlich mehr als 1.000 Unternehmen betreut – angefangen vom Markteinstieg bis hin zur Lösung konkreter Probleme im täglichen Geschäft. Diese Zahl ist im Vergleich zu den Vorjahren gestiegen und die Betreuungsintensität zeigt sehr deutlich den Trend: China wird für österreichische Unternehmen immer wichtiger. Das hat auch damit zu tun, dass Märkte, in denen Österreich traditionell stark vertreten ist, derzeit schwieriger werden. Ost- und Mitteleuropa beispielsweise. China weist ja mit sieben Prozent immer noch ein beachtliches Wachstum auf, ist aber auch nach wie vor kein einfacher Markt, den viele Unternehmen erst dann erschließen, wenn das Geschäft in anderen Märkten nicht mehr so richtig läuft.

Das heißt, österreichische Unternehmen richten sich aufgrund der Krisen in Ost- und Mitteleuropa, aufgrund des EU-Embargos gegen Russland stärker nach China aus?

Österreichs Wirtschaft ist vor allem mittelständisch geprägt. Selbstverständlich ist es für die Unternehmen einfacher, in die direkte Nachbarschaft zu liefern als in einen Fernmarkt wie China, für dessen Bearbeitung sehr viele Ressourcen notwendig sind. Zudem ändert sich hier in China auch die Nachfrage. Es werden Nischenprodukte gebraucht, für die es vor zehn Jahren noch keinen Bedarf gab.

Wenn Sie über Aufwand reden – was sind für österreichische Firmen die größten Herausforderungen im chinesischen Markt?

Der Markt ist weniger transparent als andere Märkte. Und er ist betreuungsaufwändig. Die Unternehmen müssen viel in den Aufbau von Beziehungen investieren. Es ist schwierig, verlässliche Marktdaten zu erhalten. Produkte müssen zertifiziert und unter Umständen angepasst werden. Das sind gerade für mittelständische Unternehmen große Herausforderungen. Es zahlt sich aber aus, sich diesen zu stellen. Das zeigt sich auch daran, dass sich Unternehmen, die im Markt sind, kaum wieder zurückziehen.

Österreich ist Wintersportland. China will 2022 die Olympischen Winterspiele ausrichten. Welche Chancen räumen Sie Peking ein, die Spiele zu bekommen, und welche neuen Geschäftsmöglichkeiten böten sich dann Österreichs Unternehmen?

Die Entscheidung für die Vergabe der Spiele fällt das IOC in wenigen Wochen. Bekommt Peking den Zuschlag, wäre dies ein Turbo für die Entwicklung des Wintersports in China. Und selbstverständlich hoffen wir, davon profitieren zu können. Es geht dabei nicht nur um Lieferungen für Sportanlagen, sondern auch um die Masterplanung von Ressorts und um Know-how, wie diese effizient betrieben werden.

Unabhängig davon entwickelt sich der Wintersport schon jetzt in rasantem Tempo. Neue Skigebiete entstehen, Unternehmen wie Wanda und Wanke investieren sehr stark in Wintersportresorts. Chinesen haben mehr Geld und Freizeit und sie sind bereit, in Freizeit zu investieren. Dabei haben sie auch den Wintersport entdeckt. Mit anderen Worten: Chinas Wintersport braucht Österreichs Wintersporterfahrungen, egal ob Peking die Winterspiele 2022 bekommt oder nicht. Im Bereich Wintersport und Freizeit sind österreichische Unternehmen schon seit Langem sehr erfolgreich in China tätig. Dabei geht es auch darum, chinesischen Touristen Österreich als attraktives Wintersportland nahezubringen.

Welchen Anteil haben österreichische Unternehmen an Chinas Investitionen im Bereich Wintersport?

Eine österreichische Domäne in China: Ausrüstungen für Sport- und Freizeitanlagen. © CC/pt
Eine österreichische Domäne in China: Ausrüstungen für Sport- und Freizeitanlagen. © CC/pt

Das ist relativ schwer zu quantifizieren. Es geht ja nicht nur um Lieferungen von Seilbahnen und Liften, wo österreichische Unternehmen in China sehr gute Geschäfte machen. Auch im Bereich Zutrittskontrollen dominieren österreichische Firmen. Dazu kommt ein großer Teil Beratung und Dienstleistungen, die in der Handelsbilanz nicht enthalten sind.

Das Volumen chinesischer Investitionen in Österreich ist mit etwa 150 Millionen Euro noch relativ gering. Was muss Österreich unternehmen, um für chinesische Investoren attraktiver zu werden?

150 Millionen Euro sind in der Tat nicht viel, insbesondere angesichts der Tatsache, dass China im vergangenen Jahr mehr im Ausland investiert hat als es ausländische Unternehmen in China taten. Übernahmen österreichischer mittelständischer Firmen durch chinesische Investoren sind selten, was sicherlich auch mit der Eigentümerstruktur zusammenhängt. Aber im Tourismus wächst das Interesse an chinesischen Investitionen, insbesondere weil Chinesen immer stärker den Erholungsurlaub in den Bergen für sich entdecken, ob im Winter oder im Sommer. Neu ist der sogenannte »Qualitätstourist« aus China, der individuell reist und länger bleibt, der sich ein maßgeschneidertes Angebot für seinen Aufenthalt zusammenstellen lässt und bereit ist, dafür auch mehr zu zahlen. Chinesische Anbieter wollen ihren Kunden in Österreich etwas Besonderes offerieren und sind bereit, dafür zu investieren.

Mit anderen Worten: Sie wollen in Hotels und Skigebiete investieren. Hat Österreich daran Interesse oder besteht nicht die Gefahr, dass sich die von Familienbetrieben geprägte österreichische Tourismuslandschaft komplett verändert?

Ja, vielleicht scheint es einfacher, sich ein Hotel »zu schnappen« als ein Unternehmen. Und unsere Tourismuswirtschaft ist selbstverständlich daran interessiert, die traditionellen Strukturen zu erhalten. Österreichische Skigebiete sind ja nicht auf der »grünen Wiese«, sondern über viele Jahre entstanden. Das macht deren Reiz aus. Schließlich dürften auch chinesische Reiseanbieter nicht wollen, Österreich in eine Art China zu verwandeln. Dann brauchten die chinesischen Touristen ja auch gar nicht nach Österreich zu fahren.

Was macht Österreich außerdem für chinesische Investoren interessant und vor allem welche Rolle kann es spielen, wenn chinesische Unternehmen noch stärker in Ost- und Mitteleuropa aktiv werden?

Österreichs Firmen haben eine sehr große Osteuropa-Kompetenz. Sie haben Erfahrungen und auch Strukturen, die chinesische Unternehmen in Kooperation mit unseren Firmen künftig noch stärker nutzen können. So gibt es die Plattform »16 plus 1« für die Zusammenarbeit zwischen 16 ost- und mitteleuropäischen Ländern und China und Ministerpräsident Li Keqiang hat Österreich wie Deutschland eingeladen, als Beobachter dabei zu sein. Unser Interesse ist es, diese Kooperation mit unseren Erfahrungen zu unterstützen. Immerhin ist Österreich in vielen dieser Länder ein Top-Investor und es gibt gute Chancen für österreichische Firmen, gemeinsam mit chinesischen Partnern in Ost- und Mitteleuropa aktiv zu werden. Im Übrigen sehen diesen Trend auch viele Unternehmen, die hier in China sind. Sie sind nicht mehr ausschließlich hier, um den chinesischen Markt zu bedienen, sondern sehen zunehmend die Chancen für gemeinsame Vorhaben auf Drittmärkten.

Da können wir noch einmal auf den Beginn unseres Gespräches zurückkommen. Müsste die Präsenz österreichischer Firmen mit Niederlassungen in China doch noch stärker werden?

Dies wird ein Grund sein, darüber nachzudenken. Zu Beginn der Reform- und Öffnungspolitik haben ausländische Unternehmen versucht, von den billigen Arbeitskräften in China zu profitieren, wobei sie ihre Erzeugnisse an dieselben Kunden verkauft haben, die sie auch vom Heimatmarkt aus erreicht haben. Später wurde dann in China für China produziert. Und heute wird es mehr und mehr darum gehen, mit chinesischen Unternehmen in der Welt Projekte zu realisieren. Damit gewinnt die Nähe zu den Entscheidungsträgern in China eine ganz neue Bedeutung. pt

Dieser Beitrag ist erschienen in ChinaContact 07/2015.