Estland: Die digitale Republik

Smartphone-Anwendung für Energiesparzwecke made in Estonia © e-Estonia
Smartphone-Anwendung für Energiesparzwecke made in Estonia © e-Estonia

BERLIN/TALLINN. E-stonia – digitale Republik – digitaler Vorreiter der EU. Das sind die bekanntesten Attribute, mit denen Estland, der Staat im Norden des Baltikums, seit einiger Zeit in Verbindung gebracht wird. Der Internetzugang in Estland ist ein verfassungsmäßig garantiertes Grundrecht, 95 Prozent der Bevölkerung nutzen aktiv Online-Services. Seit 20 Jahren ist E-Government in Estland erfolgreich etabliert. Das Land hat europaweit die höchste Dichte an Start-ups. Das bekannteste IT-Produkt estnischer Herkunft ist die Telefonie-Software Skype, die 2003 durch eine Firma mit Sitz in Luxemburg übernommen und weiterentwickelt wurde. Seit 2011 ist das Programm eine einhundertprozentige Tochter des IT-Giganten Microsoft, der dafür 8,5 Milliarden US-Dollar zahlte.

Die estnische Erfolgsgeschichte wird fortgeschrieben. Tallinn etablierte sich inzwischen als Start-up-Zentrum des Baltikums. Immer mehr Entrepreneure aus Riga, Vilnius oder Kiew lassen sich in Estland nieder. Tallinn wird künftig auch für IT-Firmen aus anderen europäischen Staaten interessant, denn die estnische Hauptstadt ist unter den europaweit vernetzten, auf Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) spezialisierten Accelerator-Standorten gelistet. Hier fand Anfang Mai die zweite „Estonian ICT Week“ statt.

IKT-Start-ups können demnächst auch vom neuen Innovations- und Forschungs-Förderprogramm der Union – „Horizont 2020“ – profitieren. Von den insgesamt 77 Milliarden Euro stehen aus diesem Fördertopf 2,8 Milliarden Euro ausschließlich Start-up-Projekten zur Verfügung. Mit diesen nicht rückzahlbaren Zuschüssen werden alle Stufen der Wertschöpfungskette gefördert. Für diese Förderung müssen die jungen Firmen keine Unternehmensanteile an die EU abtreten. Eine große Chance für Gründer, die es wissen, dieses Instrument klug für sich zu nutzen. Laut einer Auswertung aus 2014 war Estland unter den erfolgreichsten Antragstellern für diese neue Start-up-Förderung der EU.

Unternehmergeist trifft günstige Rahmenbedingungen

Die Formel des estnischen Erfolgs lautet: Vorausschauende Innovationspolitik plus Mut, eigene Wege zu gehen. Doch womit sind die Innovationsbereitschaft und der unternehmerische Erfolg der Esten zu erklären? Auf die Frage liefert der Global Entrepreneurship Monitor (GEM) einige interessante Ansätze: Es ist in der Mentalität und positiven Einstellung der Esten zum Unternehmertum zu suchen. Die Menschen in Estland hatten bereits im Sozialismus den Mut, eigene Wege zu gehen. Erfolgsgeschichten wie Skype potenzierten die Gründungsbereitschaft noch weiter. Der GEM 2013 bescheinigt Estland eine dynamische Entwicklung, hohe Innovationsbereitschaft und kontinuierlich steigende Gründungsbereitschaft. Rund 13 Prozent der erwachsenen Bevölkerung sind Entrepreneure, 46 Prozent halten Unternehmertum für eine attraktive berufliche Alternative. Die junge Generation pflegt ausgeprägte unternehmerische Ambitionen. Diese Mentalität wird von einer vorausschauenden Innovationspolitik gefördert. Die landesweit exzellente digitale Infrastruktur schafft in Verbindung mit der Möglichkeit einer unkomplizierten E-Residency, die auch ausländischen Bürgern offensteht, günstige Startbedingungen für eine Unternehmensgründung. Zum Gesamtbild eines attraktiven Unternehmensstandortes tragen auch niedrige Steuern bei. Bei der Bereitstellung von Finanzierungsmitteln holt Estland ebenso auf. Für eine umfassende Wachstumsfinanzierung wurde „SmartCap“, eine Tochter des „Estonian Development Fund“, gegründet, das das Co-Investing mit lokalen Business Angels in Estland etablierte.

IT-affine Bildung

Estland investiert erhebliche Summen in die IT-affine Ausbildung und berufliche Sozialisation der nachrückenden Generation. Im Rahmen des landesweiten Gaming-Projektes „Bit by Bit“ lernen Schüler zwischen sieben und elf Jahren programmieren. Dabei werden sie auf eine spielerische Art und Weise mit Zukunftstechnologien vertraut gemacht. Eine fundierte IT-Ausbildung bietet die traditionsreiche Technische Universität Tallinn. Technikaffine Gründer können sich auch an der „European Innovation Academy“ (EIA) weiter qualifizieren. Dort werden die Kursteilnehmer in Fächern wie „Tech Entrepreneurship“ und IT-Innovation von namhaften Professoren der anerkanntesten Universitäten der Welt und Vertretern von Google, Orange oder Skype unterrichtet.

Synergien und „born-global“-Mentalität

Estland zeichnet sich ferner durch intensive Clustering-Aktivitäten aus. Die „Estonian Association of Information Technology and Telecommunications“ (ITL) initiierte die Gründung des „ICT Demo Center“, das in Kooperation mit den Gründungspartnern MicroLink, Santa Monica Networks und Datel 2009 realisiert wurde. Das Center mit Sitz in Ülemiste unterhält ein breites Netzwerk, unter anderem mit dem Microsoft Innovation Center. Um die Wettbewerbsfähigkeit der estnischen Firmen zu steigern, werden die Akteure der Informations- und Kommunikationstechnologie nicht nur innerhalb der Branche – wie im „Estonian ICT Cluster“ –, sondern auch mit anderen Branchen systematisch vernetzt. Intensiv gefördert wird auch der internationale Know-how-Transfer im Exportbereich. Das ist deshalb bemerkenswert, weil das Center genau da ansetzt, wo die meisten europäischen Start-ups scheitern, nämlich beim Markteintritt im Ausland. Zu Recht wurde das Center mit dem estnischen Preis „Best Idea 2008“ prämiert.

Estnische Start-ups gehen außerdem strategisch anders als ihre europäischen Konkurrenten vor. Sie gehen sofort gobal, das Management wird oft im Ausland, gerade in den USA, installiert, um ein dynamisches Wachstum zu generieren. Die interkulturell zusammengesetzten und global vernetzten Management-Teams sind der Garant für eine erfolgreiche internationale Etablierung wie das Mobile payment Start-up Fortumo oder der Newcomer eKool es bezeugen. Letzteres geht auch Partnerschaften mit Schulen in Silicon Valley ein, um das Projekt für den amerikanischen Markt vorzubereiten.

Ein Ausblick

Die schöpferische Kraft, das querdenkerische Potenzial der estnischen Menschen sowie die erfolgreiche Implementierung der visionären digitalen Innovationspolitik Estlands legen die Vermutung nahe, dass künftig noch mehr von diesem einzigartigen Start-up-Vorzeigeland zu hören sein wird.

Von Andrea Margitics

Die Autorin

Andrea Margitics ist Innovationsforscherin und selbständiger Coach in Berlin.

Dieser Beitrag ist erschienen in Ost-West-Contact 6/2015.