Große Bühne für TurkStream in Paris

Die 26. Weltgaskonferenz der International Gas Union (IGU) fand vom 1. bis 5. Juni in Paris statt. © gh/OWC
Die 26. Weltgaskonferenz der International Gas Union (IGU) fand vom 1. bis 5. Juni in Paris statt. © gh/OWC

PARIS. Auf der Weltgaskonferenz (WGC) in Paris wurde in der vergangenen Woche erstmals das Pipeline-Projekt TurkStream der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Pipeline, die zuvor als „Turkish Stream“ bezeichnet wurde, ersetzt das South-Stream-Projekt, das im vergangenen Dezember öffentlichkeitswirksam von Russlands Präsident Putin gestoppt worden ist.
Wie in Paris bekannt wurde, beginnen die Bauarbeiten an der insgesamt 1.100 Kilometer langen Pipeline, die russisches Gas in die Türkei bringen soll, noch in diesem Monat. Die neue Leitung verläuft von der südrussischen Küstenstadt Anapa aus auf dem Boden des Schwarzen Meeres bis zum türkischen Ort Kiyiköy im europäischen Teil der Türkei und weiter über die Ortschaft Lüleburgaz bis nach Ipsala an der türkisch-griechischen Grenze.

Auf der WGC wurde die TurkStream-Pipeline erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. © gh/OWC
Auf der WGC wurde die TurkStream-Pipeline erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. © gh/OWC

Obgleich das TurkStream-Projekt bereits in den Startlöchern steht – die Verlegeschiffe des italienischen Unternehmens Saipem sind im Schwarzen Meer stationiert, die zum Teil vom deutschen Hersteller Europipe gefertigten Pipeline-Rohe liegen abholbereit in den bulgarischen Schwarzmeerhäfen Warna und Burgas –, fehlt der russischen Regierung noch ein zwischenstaatlicher Vertrag mit der türkischen Regierung über TurkStream. Derzeit stockt das Vorhaben, weil die Verhandlungen über den Preis für die russischen Erdgaslieferungen an die hochgradig rohstoffabhängige Türkei festgefahren sind.
Als Putin beim Staatsbesuch in der Türkei im Dezember vergangenen Jahres abrupt den South-Stream-Stopp verkündete, ließ sein türkischer Amtskollege Recep Erdoğan sich auf ein Memorandum ein, wonach die für South Stream geplanten Gaslieferungen nun in die Türkei umgeleitet werden sollen. Den Trumpf TurkStream will Ankara nun nutzen, um den überdurchschnittlich hohen Gaspreis zu drücken.
Auf der Pariser Konferenz auf die offenen bilateralen Fragen angesprochen, sagte Russlands Premier Dmitrij Medwedjew: „Alle Dokumente werden derzeit vorbereitet, diesbezüglich funktioniert alles.“ Russland habe sich mit der Türkei auf eine Grundsatzvereinbarung einigen können.

Harte Verhandlungen
Die Türkei, der zweitgrößte Einzelmarkt für russisches Gas nach Deutschland, fährt eine harte Linie bei den Verhandlungen. Im Februar konnten Ankara bereits einen Gaspreisrabatt von 10,25 Prozent heraushandeln, doch nun fordert die türkische Seite einen noch geringeren Preis. Der genaue Gaspreis für die Türkei ist nicht bekannt, jedoch kalkuliert Gazprom selbst mit einem durchschnittlichen Gaspreis für Europa – inklusive Türkei – von 242 US-Dollar pro 1.000 Kubikmeter Gas.
Gazprom plant am europäischen Ende von TurkStream einen Gashub an der griechisch-türkischen Grenze, von wo aus auch der Transit des TurkStream-Gases nach Europa realisiert werden soll.
Die Finanzierung der Verlängerung des russischen Pipeline-Projekts TurkStream nach Griechenland ist nach Angaben der Regierung in Athen bereits gesichert. Die Kostenfrage sei geklärt, sagte Energieminister Panagiotis Lafazanis Anfang Juni in Moskau. Die Kosten für die Infrastruktur werden auf etwa zwei Milliarden US-Dollar geschätzt. Beim alljährlichen Wirtschaftsforum Mitte Juni in St. Petersburg könne der Vertrag über den Ausbau der Pipeline unterzeichnet werden, hofft Lafazanis.
Ein Knackpunkt für den Gastransit nach Europa ist nach wie vor das Dritte Energiepaket der EU, das zur Liberalisierung der Energiemärkte in der Gemeinschaft beitragen soll. Dieses sieht unter anderem vor, dass jeder potenzielle Anbieter zur Durchleitung seines Gases in einer Pipeline auf EU-Gebiet berechtigt ist. Doch der Zugang für Drittanbieter war zumindest im Fall der South-Stream-Pipeline nicht vorgesehen. Zudem obliegt Gazprom als Lieferant der Turk-Stream-Pipeline auch das Leitungs-Management – eine Konstellation, die aus Wettbewerbsgründen für Brüssel nicht akzeptabel ist. Die Kommission betonte in Bezug auf TurkStream noch einmal, sie werde den Bau von Pipelines nicht verhindern, müsse allerdings darauf achten, dass Gaspipelines in Europa den Vorgaben des EU-Rechts entsprechen.

„Energiesicherheit gibt es für Europa nur mit Russland“, sagt Mario Mehren, der neue Vorstandsvorsitzende von Wintershall. © Wintershall
„Energiesicherheit gibt es für Europa nur mit Russland“, sagt Mario Mehren, der neue Vorstandsvorsitzende von Wintershall. © Wintershall

Wintershall-Chef stellt sich vor
Der deutsche Erdöl- und Erdgasproduzent Wintershall nutzte das weltgrößte Branchentreffen der Gasindustrie in Paris, um die Pläne seines neuen Vorstandsvorsitzenden, Mario Mehren, vorzustellen und um sich erneut zur Zusammenarbeit mit Russland zu bekennen. Mehren, der auf Rainer Seele folgt, war zuvor bereits im Vorstand zuständig für die Regionen Russland, Nordafrika und Südamerika. Der neue Wintershall-Chef betonte in Paris, es gebe nur Verlierer im Sanktionen-Spiel. Die russische Wirtschaft leide und zahlreiche deutsche Unternehmen hätten bereits Marktanteile in Russland verloren. Europa dürfe nicht vergessen, dass es für seine Energieversorgung auf russisches Gas angewiesen sei, so Mehren. „Energiesicherheit gibt es für Europa nur mit Russland“, sagte er: „Das sind nicht geopolitische, das sind geologische Fakten.“ Die IEA habe in einer aktuellen Studie festgestellt, dass russisches Gas den meisten anderen Quellen wirtschaftlich überlegen bleibe. „Wir brauchen also eine enge Kooperation mit den großen Energiefirmen Russlands. Wintershall praktiziert das“, so Mehren.
„Unsere russischen Joint Ventures produzieren insgesamt 28 Milliarden Kubikmeter Erdgas jährlich. Um das anschaulich zu machen: Das entspricht einem Drittel des jährlichen Bedarfs in Deutschland“, so der Wintershall-Vorstandsvorsitzende. Um dieses Niveau zu halten, werde Wintershall planmäßig bis 2018 in Russland rund 500 Millionen Euro in die bestehenden Projekte Achimgaz, Juschno Russkoje und Wolgodeminoil investieren. „Daneben sind wir aber auch offen für weitere Projekte in Russland“, erklärte Mehren in Paris: „Russland ist und bleibt für Wintershall die wichtigste Schwerpunktregion.“
Während der neue Wintershall-Chef sich in Paris zur Partnerschaft mit Gazprom bekannte, traf sich der alte Wintershall-Vorsitzende und neue Chef des österreichischen Energiekonzerns OMV, Rainer Seele, in Moskau mit Gazprom-Chef Alexey Miller, um die künftige Kooperation der Konzerne zu besprechen. Viel wurde nicht bekannt über das Treffen im Gazprom-Hauptquartier, jedoch zeigte sich Miller laut einer Unternehmensmitteilung überzeugt, dass Seele – der auch Vorstandsvorsitzender der AHK Russland ist –, „viel dafür tun wird, die Beziehungen zwischen Russland und Europa zu stärken“.
Die OMV ist der wichtigste Partner und Gasabnehmer von Gazprom in Österreich. Das Unternehmen war – genau wie Wintershall – auch Konsortialpartner im South-Stream-Projekt. Nach dessen Stopp hat Gazprom die Anteile der Konsortialpartner zurückgekauft und ist bei der Alternativ-Pipeline TurkStream nun alleiniger Investor.

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