Budapest – Stadt im Wandel

Metropole am und im Fluss – Blick vom Burgberg auf die Hauptstadt Budapest © OWC/ Thümmel
Metropole am und im Fluss – Blick vom Burgberg auf die Hauptstadt Budapest © OWC/ Thümmel

In der Hauptstadt Budapest wurde in jüngster Vergangenheit eine Reihe städtebaulicher Maßnahmen umgesetzt. Für die Zukunft sind weitere Großprojekte geplant. Diese Maßnahmen verändern Struktur und Erscheinungsbild der Donaumetropole und stellen neue Anforderungen an Verkehr und Infrastruktur. Auf die lange Zeit schwächelnde Bau- und Immobilienbranche haben diese Projekte positive Auswirkungen.

Vor etwas über einem Jahr konnte das zentrale Projekt des öffentlichen Nahverkehrs in Budapest zum Abschluss gebracht werden. Nach zehn Jahren Bauzeit verkehrt seit Ende März 2014 die Metrolinie 4 auf der Strecke zwischen dem Kelenföld-Bahnhof in Buda und dem Bahnhof Keleti auf der Pester Seite. Insgesamt zehn Stationen wurden für die Linie neu gebaut – Gesamtkosten: rund 1,5 Milliarden Euro.
Im August 2014 beschloss die Stadtversammlung das nächste Metro-Projekt: Die Erneuerung der wichtigen Metrolinie 3. Das Vorhaben soll mit Finanzmitteln aus der EU-Förderperiode 2014 bis 2020 kofinanziert werden. Auch über eine Verlängerung in nördlicher Richtung wurde zwischenzeitlich diskutiert. Die Metrolinie, die schätzungsweise täglich von rund einer halben Million Menschen benutzt wird, hat dringenden Renovierungsbedarf. Die Erneuerung und Erweiterung des Metro-Netzes der Hauptstadt könnte zum wichtigen Impulsgeber werden, denn entlang der Strecken dürften in den kommenden Jahren neue Wohn- und Büroräume entstehen und die vorhandenen Räumlichkeiten von den Immobilienanalysten neu – sprich: höher – bewertet werden.

Der Széll Kálman tér im Stadtteil Buda wird derzeit umgebaut. © OWC/ Mittelhäuser
Der Széll Kálman tér im Stadtteil Buda wird derzeit umgebaut. © OWC/ Mittelhäuser

Unter und über Tage
Doch nicht nur „unter Tage“ verändert sich die Hauptstadt. Einige öffentliche Plätze werden umgebaut oder renoviert. Prominentes Beispiel im Stadtzentrum ist der neu gestaltete Kossuth Lajos tér am Parlamentsgebäude. Anderen Plätzen steht der Umbau noch bevor. Aktuell auf der Liste steht unter anderem die Erneuerung des Széll Kálman tér, ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt auf der Budaer Seite. Hier laufen die Metrolinie 2 sowie einige Straßenbahn- und Buslinien zusammen. Die Metrohaltestelle soll umgebaut, der Platz selbst optisch vereinheitlicht und insgesamt grüner gestaltet werden. Mit der Fertigstellung wird im kommenden Jahr gerechnet.

So soll der Széll Kálman tér nach Fertigstellung aussehen. © BKK Budapesti Közlekedési Központ
So soll der Széll Kálman tér nach Fertigstellung aussehen. © BKK Budapesti Közlekedési Központ

Megaprojekt „Liget Budapest“
Und dann ist da noch das Mega-Kulturprojekt „Liget Budapest“. Bis 2018 soll in der Parkanlage Városliget, deren südlicher Eingang der Hősök tere am Ende der Andrássy út bildet, ein neues Museumsquartier entstehen. Die Kosten werden auf 500 Millionen Euro geschätzt. Insgesamt fünf Museen sind vorgesehen, unter anderem die Nationalgalerie und das Architekturmuseum sollen hier neu entstehen. Dafür soll die „Magyar Nemzeti Galéria“, die derzeit noch hoch über der Donau auf dem Burgberg thront, vom jetzigen Standort in das sogenannte „Stadtwäldchen“ verlagert werden.
Der Burgberg selbst ist ebenso Schauplatz für ein aufwendiges Umbauvorhaben. Die Regierung hat Anfang Juni 2014 ein nationales Programm für die Erneuerung des Burgviertels und des Burgpalastes ins Leben gerufen. Der Várkert Bazár (Burggartenbasar),  zwischen Elisabeth- und Kettenbrücke am Fuße des Burgbergs gelegen, wurde bereits renoviert und Anfang April 2014 von Premier Orbán feierlich eröffnet.

Bausektor wieder stärker
Für die Bauindustrie in Ungarn sind die anvisierten Projekte eine gute Nachricht. Die Branche hat eine schwierige Zeit hinter sich. Im Büro- oder Einzelhandelsbereich gab es lange Zeit nur wenige Neuaufträge. Im Hausbausektor herrscht aufgrund der schwierigen finanziellen Situation der Haushalte, von denen viele weiterhin mit Hypothekendarlehen belastet sind, nach wie vor weitgehend Ebbe in den Auftragsbüchern. Dennoch konnte die Bauaktivität, nach ersten Zeichen der Belebung im Jahr 2013, im vergangenen Jahr wieder merklich zulegen. „Zentrale Impulsgeber waren eine Reihe von EU-geförderten Projekten im Infrastrukturbereich“, so János Gáspár, Executive Director bei Buildecon Ltd. Zum Ende der letzten Förderperiode konnte der Abruf von EU-Mitteln deutlich erhöht werden. „2014 war ein gutes Jahr für öffentlich finanzierte Infrastrukturprojekte“, betont Gáspár.

Der Hősök tere bildet das Tor zur Parkanlage Városliget. Auf dem Parkgelände soll ein neues Museumsviertel entstehen. © OWC/ Mittelhäuser
Der Hősök tere bildet das Tor zur Parkanlage Városliget. Auf dem Parkgelände soll ein neues Museumsviertel entstehen. © OWC/ Mittelhäuser

Viele öffentliche Gelder
Die Gesamtausgaben im Bausektor allein in Budapest werden für das vergangene Jahr auf 1,45 Milliarden Euro geschätzt. Die aktuellen Bauprojekte in der Hauptstadt seien alle öffentlich finanziert, die monetären Rahmenbedingungen mit einem sinkenden Leitzins günstig. Und: „Wir hatten 2014 ein intensives Wahljahr mit drei Wahlen. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass in Wahljahren die öffentlichen Ausgaben im Bausektor gestiegen sind“, ergänzt Gáspár.
Im vergangenen Jahr zeichnete der Bereich Hoch- und Tiefbau für die Hälfte aller Bauaktivitäten in Ungarn verantwortlich. Im Vergleich mit den anderen Visegrád-Ländern ein Spitzenwert. „Der Durchschnittswert für den Bereich im Zeitraum 2000 bis 2014 liegt in Ungarn bei 43 Prozent. Die anderen drei Länder kommen lediglich auf knapp 30 Prozent“, analysiert Gáspár. Den Abruf der EU-Mittel für weitere Bauvorhaben will die Regierung künftig weiter hoch halten. Öffentliche Gelder zur Finanzierung weiterer Bauprojekte seien in der Branche fest eingeplant, private Gelder ein Wunsch, so Gáspár.
Auch der Bau und die Entwicklung von Industrieflächen liefen gut. Dagegen entwickelten sich die Bereiche Einzelhandel und Wohnungsbau weiterhin zurückhaltend. „Der Büromarkt ist wieder lebendiger. Hier handelt es sich aber hauptsächlich um Renovierungsarbeiten, nicht um Neubauten“, so Gáspár. Ein weiteres wichtiges Thema für den Sektor ist der Bereich Energieeffizienz. Hier muss noch einiges getan werden, denn Ungarn hängt hinter den entsprechenden EU-Zielen für 2020 zurück. „Es gibt noch viel Renovierungsbedarf. Bei den zentralstaatlichen Immobilien beispielsweise sollen pro Jahr drei Prozent des Gebäudebestands energieeffizient modernisiert werden. Das bedeutet weitere Aufträge für die Branche“, so Gáspár.

Immobilienmarkt profitiert
Auch der lokale Immobilienmarkt der Hauptstadt dürfte von den aktuellen Bauaktivitäten profitieren. Nach längerer Durststrecke sendete dieser zuletzt wieder positive Signale. Das Maktforschungsinstitut GKI Gazdaságkutató Zrt. konstatierte bereits im vergangenen Jahr eine Stimmungsaufhellung unter den Akteuren. Nach Angaben von BNP Paribas Real Estate stieg die vermietete Bürofläche in Budapest 2014 auf 251.600 Quadratmeter und erreichte damit den höchsten Wert der letzten fünf Jahre.
Als besonders starke Flächennachfrager in der Hauptstadt erwiesen sich staatliche Unternehmen,  gefolgt von IT- und Telekommunikationsanbietern sowie Business-Service-Centern. Die Leerstandsquote reduzierte sich auf 16,2 Prozent. Trotz der im Vergleich zu den anderen Visegrád-Hauptstädten weiterhin hohen Leerstandsrate war Budapest im Vergleich zu Prag, Warschau und Bratislava die einzige Kapitale, die in den letzten drei Jahren eine durchgehend sinkende Leerstandsquote aufweisen konnte.

Neue Anforderungen
Der Budapester Immobilienmarkt war zwischenzeitlich etwas eingeschlafen, erläutert Tim Hulzebos, Managing Director bei Colliers Hungary. Aber jetzt sei wieder Leben in der Bude. „Vor allem der Büromarkt entwickelt sich lebendig. Die Mieten, die zuletzt auf einem Tiefstand waren, steigen allmählich, die Leerstandsraten sinken. Das liegt natürlich auch daran, dass zuletzt fast nichts mehr neu gebaut wurde“, so Hulzebos.
Aber auch die Anforderungen der Mieter ändern sich: „Allein in Budapest sind rund 40.000 Menschen in Shared-Service-Centres für internationale Konzerne tätig, etwa in den Bereichen Buchhaltung oder IT. Die zumeist jungen Leute wollen alle modern und in ,grüner Umgebung’ arbeiten, also mit Tageslicht und guter Luft“, erzählt Hulzebos. Deshalb sei das Thema Zertifizierung von Bürogebäuden, etwa nach BREEAM- oder LEED-Standard, ein wichtiges Thema. Auch am Wohnungsmarkt der Hauptstadt konnte zuletzt wieder ein wenig Bewegung registriert werden. Für einen gewissen Nachfragedruck sorgen hier vor allem die steigenden Touristen- und Studentenzahlen, so Hulzebos.

„Budapest 2030“
Neben Plätzen und Gebäuden werden sich in Budapest in den kommenden Jahren ebenso Verkehrsinfrastruktur und -aufkommen ändern. Die Verkehrsbetriebe Budapesti Közlekedési Központ (BKK) haben hierzu im vergangenen Jahr eine Verkehrsentwicklungsstrategie vorgelegt. Das Konzept sieht bis 2030 den Bau bzw. die Erweiterung des Metronetzes sowie den verstärkten Einsatz umweltschonender Fahrzeuge vor. Der Anteil des öffentlichen Verkehrs soll von 45 auf 50 Prozent erhöht, der Pkw-Anteil dagegen von 35 auf 20 Prozent verringert werden.
Statt bislang zwei Prozent sollen ab 2030 ein Zehntel der in Budapest zurückgelegten Strecken mit dem Rad absolviert werden. Unterstützt wird dies unter anderem durch die Einführung öffentlicher Fahrradverleihsysteme wie etwa MOL Bubi – letzteres steht für „Budapest bicycles“. Zu Beginn stehen 1.100 Fahrräder an 76 Leihstationen bereit. Nach Anlaufproblemen wegen eines Software-Fehlers sollen die grünen Drahtesel künftig dazu beitragen, Bürger und Touristen das Umsatteln vom Auto aufs Fahrrad zu erleichtern.

Weiterentwicklung von Stadt und Region
Der Bausektor profitiert ebenso von den anstehenden sportlichen Aktivitäten in der Hauptstadt. Für den Bau des neuen Puskás-Ferenc-Stadions etwa, als Mehrzweck-Arena konzipiert, sind Investitionen von rund 350 Millionen Euro geplant. Die Bauarbeiten sollen noch in diesem Jahr beginnen und 2018 abgeschlossen sein. Im März vergab der Schwimmweltverband (FINA) die WM-Titelkämpfe 2017 nach Budapest. Ursprünglich war die ungarische Hauptstadt für die WM 2021 vorgesehen. Für die vorgezogene WM sind Bauinvestitionen von insgesamt rund 35 Millionen Euro vorgesehen.
Auch der Flughafen Budapest hat sich in das Entwicklungskonzept der Hauptstadt eingeklinkt. Budapests Oberbürgermeister István Tarlós und Jost Lammers, Vorstandsvorsitzender der Budapest Airport Zrt., schlossen im Sommer 2014 eine Kooperationsvereinbarung im Bereich Infrastruktur und Tourismus. Im Einklang mit dem „Budapest-2030“-Konzept wollen beide Seiten bei der Weiterentwicklung der Stadt und Region eng zusammenarbeiten. So sollen beispielsweise Gemeinschaftsprogramme erarbeitet werden, um die Geschäftsreisebranche künftig noch stärker für Tagungsreisen zu gewinnen.
Das Flugangebot am Hauptstadtflughafen hat sich in den vergangenen Monaten weiter verbessert. 2014 konnte der Airport beim Passagieraufkommen einen Rekordwert erzielen. Die Hauptstadt erweist sich als Publikumsmagnet. Budapest rangiert unter den 30 meistbesuchten Städten der Welt. Neben den Bürgern werden auch die künftigen Besucher den Wandel der Hauptstadt hautnah miterleben.