Eine neue Dimension

Die Nekropole "Shah-i-Zinda" in Samarkand © Fulvio Spada
Die Nekropole „Shah-i-Zinda“ in Samarkand © Fulvio Spada

Ende Februar wurde in Berlin der Deutsch-Usbekische Wirtschaftsrat gegründet. Ost-West-Contact sprach mit dem Vorsitzenden Jan-Hendrik Mohr über die Ziele der neuen Vereinigung, über das Engagement deutscher Unternehmen in Usbekistan und über die Pläne des Landmaschinenherstellers Claas zum Ausbau der Produktion.

OWC: Herr Mohr, Kasachstan hat seit mehreren Jahren einen Deutsch-Kasachischen Wirtschaftsrat, nun zieht Usbekistan nach. Warum wurde der Deutsch-Usbekische Wirtschaftsrat jetzt gegründet und welche Ziele verfolgt das Gremium?

Mohr: Die Initiative zur Gründung des Wirtschaftsrates kam von usbekischer Seite. Im Januar wurde ein umfangreiches Wirtschaftsprogramm verabschiedet, das das Land in eine neue Phase der wirtschaftlichen Entwicklung führen soll. 900 Projekte wurden zur Modernisierung der usbekischen Wirtschaft identifiziert, 60 Milliarden US-Dollar stehen für deren Umsetzung zur Verfügung. Wenn ein solches Vorhaben in wenigen Jahren realisiert werden soll, braucht es natürlich die entsprechenden Wirtschaftspartner. Deutschland steht mit seinen hochmodernen Technologien und Ausrüstungen hier ganz oben auf der Prioritätenliste. Mit der jüngsten Initiative zur Gründung des Deutsch-Usbekischen Wirtschaftsrates soll der Kontakt von Wirtschaft zu Wirtschaft, aber auch von Wirtschaft zur Regierung möglich sein.

OWC: Ein Investitionsprogramm von 60 Milliarden US-Dollar klingt sehr ambitioniert. Projektlisten zu Zentralasien kursieren seit vielen Jahren in der Community, ein Großteil der Vorhaben verharrt auf dem Papier. Wie realistisch ist die jetzige Liste?

Mohr: Einige namhafte deutsche Firmen sind ja seit einigen Jahren in Usbekistan aktiv: unser Unternehmen Claas, MAN, oder Deutsche Kabel. Diese Firmen wollen ihr Engagement erweitern. Am Rande der Gründungsveranstaltung des Wirtschaftsrates haben weitere Unternehmen Memoranden unterzeichnet, unter anderem BASF und Knauf. Die Basis der Aktivitäten deutscher Unternehmen wird also ständig erweitert. Vorhaben, die auf der jetzigen Investitionsliste zu finden sind, sollen mit den deutschen Unternehmen in Usbekistan umgesetzt werden. Hierzu gibt es schon sehr konkrete Vorstellungen. Ich denke, wir kommen mit dem neuen Wirtschaftsprogramm wirklich in eine neue Dimension. Angesichts des Engagements chinesischer und südkoreanischer Finanzinstitute wird auch eine Kooperation mit den Banken von uns angestrebt.

Die Vorsitzenden Jan-Hendrik Mohr und Vizepremier Rustam Azimov bei der Gründungsveranstaltung des Deutsch-Usbekischen Wirtschaftsrates in Berlin. © OWC
Jan-Hendrik Mohr und Vizepremier Rustam Azimov beim Gründungsakt des Deutsch-Usbekischen Wirtschaftsrates in Berlin © OWC

OWC: Was genau macht Claas in Usbekistan und welche Erweiterungspläne gibt es?

Mohr: Wir sind seit der Öffnung des Landes Anfang der 90er-Jahre mit Vertrieb und Service in Usbekistan aktiv. Vor fünf Jahren haben wir mit UzAgroPromMasch zwei Joint Ventures gegründet. Bei Claas-Agro werden Landmaschinen montiert, auch mit Komponenten, die wir im Lande einkaufen. ClaasService bietet an 13 Standorten Wartung und Reparaturen für unsere Maschinen an und kümmert sich um die Ersatzteile. Künftig wollen wir auch Traktoren der Baureihe AXOS in einer Drei- und einer Vier-Rad-Variante in Usbekistan produzieren. Die usbekische Seite hat sich verpflichtet, einen Zulieferbetrieb zu bauen, der Getriebe- und Achs-Komponenten für unsere Traktoren herstellt. So können wir einen Lokalisierungsgrad von 50 Prozent erreichen. Bis zum Spätsommer werden wir mit den Verhandlungen zum Abschluss kommen.

OWC: In Russland hat Claas bei der Suche nach Zulieferern keine guten Erfahrungen gemacht. Für Ihr Werk in Krasnodar haben Sie keine Unternehmen gefunden, die Komponenten in der erforderlichen Qualität zuliefern können. Warum sollte es in Usbekistan besser laufen?

Mohr: Wir nutzen ja auch für unsere Mähdrescherproduktion in Usbekistan schon Schweißgruppen aus der lokalen Produktion, und unsere Maschinen arbeiten zuverlässig im Feld. Andere Produzenten wie GM haben ebenfalls gute Erfahrungen mit lokalen Zulieferungen gemacht. GM zum Beispiel bezieht die Motoren aus einer neuen, riesigen Motorenfabrik. Also auch im Pkw-Bereich kann man in Usbekistan ordentlich mit lokaler Wertschöpfung produzieren.

Der Unterschied zu Russland: Russland ist privatwirtschaftlich organisiert, und es gibt kaum Unternehmen, die im Zulieferbereich tätig sind. Auf diesem Gebiet gibt es gar keine Strukturen. In Usbekistan haben wir es mit staatlichen Unternehmen zu tun, auch unser Joint-Venture-Partner ist staatlich. Er wird nun auch die Fabrik mit staatlichen Geldern bauen und die Komponenten unter unserer Aufsicht herstellen. Wir begleiten den Prozess technisch und bringen unsere Fertigungsprozesse inklusive der Qualitätssicherung ein. Damit kann auch ein lokales Unternehmen nach westlichem Standard in Usbekistan produzieren.

Ein Kalb wird durch Buchara transportiert. © Weltbank
Ein Kalb wird durch Buchara transportiert. © Weltbank

OWC: Wie gehen Sie mit dem Problem der Devisenbewirtschaftung um?

Mohr: Wir haben unser Geld am Ende des Tages immer bekommen. Aber es gibt natürlich Verbesserungspotenzial im finanziellen Bereich. Die Konvertierung ist ein schwieriger Prozess. Es läuft nicht perfekt, aber zufriedenstellend.

OWC: Warum sind bisher so wenige deutsche Unternehmen in Usbekistan aktiv?

Mohr: Vielleicht ist das Land zu wenig bekannt – obwohl es mit 31 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Land Zentralasiens ist. Wir hoffen natürlich, dass wir mit unserem Wirtschaftsrat zusätzlich Aufmerksamkeit erzeugen. Die Unterstützung auf staatlicher Seite ist wichtig.

OWC: Welches sind die nächsten Initiativen des Wirtschaftsrates?

Mohr: Zuerst brauchen wir eine interessante Internet-Präsenz. Dann müssen wir die Gründungsveranstaltung des Wirtschaftsrates auswerten. Immerhin haben 200 Gäste in der usbekischen Botschaft daran teilgenommen, und es gab großes Interesse am Gespräch mit dem Vizepremier Rustam Azimow, dem Vorsitzenden auf usbekischer Seite. In den nächsten sechs bis acht Monaten werden wir sicher eine Folgeveranstaltung in Usbekistan organisieren. Wichtig ist jetzt, dass die unterzeichneten Memoranden fruchten. Der Wirtschaftsrat lässt die Firmen nicht allein. Wir stoßen die Dinge praxisorientiert an und verfolgen sie weiter und helfen den Firmen, wo immer es nötig ist. Das eben ist der Vorteil unseres Gremiums. Wir unterstützen Business-zu-Business-Gespräche und Business zu Government – direkt. Wir hoffen natürlich, dass wir auch die entsprechende Unterstützung vom Bundeswirtschaftsministerium und vom Auswärtigen Amt erhalten. Das ist von usbekischer Seite gewünscht und gefordert. Außerdem brauchen wir die enge Zusammenarbeit mit der AHK Zentralasien, dem Ost-Ausschuss und anderen. Wir stehen nicht im Wettbewerb mit den Verbänden.

Dieser Beitrag erscheint in Ost-West-Contact 04/2015. Das Gespräch führte Jutta Falkner.