Mittelfristige Rezession, langfristige Stagnation. Russland auf der Coface Country Risk Conference

PARIS. Russland steht vor einer Rezession. Dass diese allerdings weniger dramatisch sein wird, als viele Analysten voraussagen, ist ein zentrales Ergebnis der Country Risk Conference des Kreditversicherers Coface, abgehalten am 27. Januar in Paris.

Im Pariser Carrousel du Louvre fand die Coface Country Risk Conference 2015 statt.
Im Pariser Carrousel du Louvre fand die Coface Country Risk Conference 2015 statt. © OWC/MSc

Weil die russische Volkswirtschaft erstaunlich „widerstandsfähig“ sei, erwartet Coface ab der zweiten Jahreshälfte 2015 eine „deutliche Erholung“. Allerdings führten, so die Sicht des französischen Unternehmens, die infolge der westlichen Sanktionierung unterlassenen Investitionen in der Rohstoff- und Energieindustrie zu einer anhaltenden Phase der Stagnation. Obwohl das Russlandgeschäft von Coface gerade einmal vier Prozent zum Umsatz in der Geschäftsregion Nordeuropa beisteuert, war bei denen in den Carrousel du Louvre im Pariser Zentrum geladenen 1.200, mehrheitlich französischen Kongressteilnehmern, das Interesse an den Risikoprognosen für Russland sehr groß.

Optimistischer als IWF

Der Coface-Chefökonom Yves Zlotowski zeichnet ein optimistischeres Bild als die düsteren Januar-Prognosen des IWF oder der US-Ratingagenturen. Der frühere Diplomat mit Stationen in Moskau, Kiew und Teheran begründet Russlands „Widerstandsfähigkeit“ mit einer, trotz aller Rohstoffkonzentration, „diversifizierten Basis der russischen Industrie“. Anders als beispielsweise Saudi-Arabien sei Russland nicht ausschließlich von Öl- und Gasexporten abhängig. Der zweite Faktor, der das Land vor einer tiefen Rezession bewahre, ist die Ausdauer des privaten Konsums.

Beitrag des Privatkonsums

Auch wenn Made in Russia international kein konkurrenzfähiges Label sei, griffen die russischen Verbraucher gerade in Krisenzeiten verstärkt nach einheimischen Produkten – dahingestellt, ob aus solidarischem Nationalbewusstsein oder aufgrund wechselkursbedingt verteuerter Importgüter. Auch die geringe Sparneigung russischer Konsumenten spiele da eine Rolle, kommentiert Zlotowski. Zum Wachstum beitragen würden neue Sektoren im Dienstleistungssektor sowie längerfristig steigende Realeinkommen infolge des demografischen Wandels, durch welchen sich die Anzahl potentieller Arbeitnehmer verringere. Graham Hutchings, Consultant bei Oxford Analytica, weicht in diesem Punkt von der Prognosen Zlotowskis ab: Er sieht die Reallöhne sinken.

Auf Rezession folgt Stagnation

Deutlich pessimistischer ist Coface in ihrer mittelfristigen Prognose. Die Franzosen gehen davon aus, dass die weltweite Nachfrage nach Öl und Gas weiter steigen werde, die russische Energiewirtschaft diese jedoch nicht bedienen könne. Jetzt notwendige Investitionen in neue Anlagen, in die Exploration und Erschließung neuer Lagerstätten, beispielsweise im arktischen Russland, seien derzeit kaum realisierbar, angesichts der Sanktionierung von Fördertechnologien und des schlechten Investitionsklimas. Der Investitionsausfall in überholte Rohstoffförderanlagen basiert dabei auf einem Szenario , in dem die Rentabilität der westsibirischen Gas- und Ölfelder mittelfristig zu niedrig wird. Hinzu komme der gewaltige Kapitalabflusses von rund 151 Milliarden US-Dollar (2014).

Tobias Baumann, Direktor Ost- und Südosteuropa und Zentralasien beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) bewertet die ökonomische Lage um einiges kritischer. So hätten „nicht nur die ausländischen Marktteilnehmer das Vertrauen sowohl in den russischen Markt als auch Staat verloren“. Phillipe Pegorier, Alstom-Vorstand für Russland, Ukraine und Belarus sowie zugleich Russland-Präsident der Association of European Companies (AEB), will dies nicht unterschreibem. Er bezeichnete die westlichen Sanktionen in ihrer Wirkung als „vollkommen unfair”, griffen sie doch gegen die eigenen Unternehmen. Für Baumann bemerkenswert: lediglich rund 100 der 6000 deutschen Unternehmen hätten sich 2014 aus Russland zurückgezogen. Die Wachstumshindernisse in Russlands Ökonomie seien größtenteils hausgemacht.

Die Neuausrichtung des Rohstoffmarktes nach China hält Zlotowski ökonomisch für fragwürdig: Rentieren sich die enormen Baukosten der Pipeline Sila Sibirii, wenn sich das chinesische Wachstum und damit der Rohstoffbedarf abkühlen?

Hinsichtlich der am 1. Januar in Kraft getretenen Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) sind sich Hutchings und Zlotowski in ihrer Skepsis einig. Sie bezeichnen die EAWU als rechtlich und ökonomisch „unausgereift“: So sei die kasachische Wirtschaft „eine Miniaturversion der russischen“, mit identischen Exportsektoren und identischen (potentiellen) Abnehmern. Ohnehin würde sich der wirtschaftliche Effekt dieser Union marginalisiern, wenn Russland seine politische Stärke ausspielt, um das EAWU-Regelwerk zu eigenen Gunsten auszuhebeln, sagt Hutchings.

Globale Erholung 2015

Allgemein meint es die Konferenz gut mit 2015. Für die globale makroökonomische Lage in 2015 wird die Parole „Recovery“ ausgegeben – vor allem aufgrund der Konsumerholung im Vereinigten Königreich und den USA. Das Wachstum Chinas kühlt jedoch ab, berichtet Rocky Tung von Coface Hongkong.

Die EU-Staaten Mittelosteuropas befänden sich laut Zlotowski auf dem Erholungskurs. Vor allem Tschechien und Polen seien die Zugpferde eines konsumgetriebenen Wachstums. Jedoch berge die die Russland-Ukraine-Krise einen nicht zu unterschätzendes psychologisches Moment für die MOE-Länder.

Beachtenswert eine Randbemerkung Zlotowskis: Die häufige Bezeichnung der „emerging markets“ („aufstrebende Märkte“) sei nichtssagend und überflüssig. Man müsse sich von der Vorstellung verabschieden, so kategorisierte Volkswirtschaften („BRIC-Staaten“) tatsächlich vergleichen zu können. „Emerging“ bezieht sich lediglich auf die Anwesenheit dieser Ökonomien auf den internationalen Kapital- und Warenmärkten.