Österreichs Bauindustrie in Europa und Übersee

Der Baukonzern Porr baut derzeit in Doha an der U-Bahn-Linie „Green Line“. © Porr
Der Baukonzern Porr baut derzeit in Doha an der U-Bahn-Linie „Green Line“. © Porr

Die beiden österreichischen Baukonzerne Strabag und Porr verfolgen in der Region Mittel- und Osteuropa unterschiedliche Strategien. Mit anspruchsvollen Spezialbauten sind beide aber auch auf globalen Märkten aktiv, beispielsweise in Nord- und Südamerika oder dem Nahen Osten.

„Wir haben keine ,Strategie CEE’, sondern Einzelstrategien je nach Land“, sagt Diana Neumüller-Klein, Sprecherin des größten Baukonzerns Österreichs, Strabag. „Unser Thema ist, dass nicht nur jedes CEE-Land eigenen Marktgesetzen gehorcht, sondern innerhalb jedes Landes ganz unterschiedliche Bauzyklen im Hochbau, Verkehrswegebau und sonstigem Bau herrschen.“ Strabag zählt mit 12,5 Milliarden Euro Umsatz im letzten Jahr und 73.000 Beschäftigten auch europaweit zu den ganz Großen. Das Engagement in den Ländern Mittel- und Osteuropas gehört seit Jahren zum Kerngeschäft des Konzerns.
So folgen den beiden größten Einzelmärkten Deutschland und Österreich auf den nächsten drei Positionen Polen, Tschechien sowie Russland inklusive Nachbarstaaten mit lokalen Umsätzen zwischen 790 und 560 Millionen Euro. Und auch Ungarn, die Slowakei und Rumänien rangieren nur wenige Positionen dahinter. Kumuliert werden in diesen Ländern deutlich höhere Bauleistungen erbracht als im hoch entwickelten Heimmarkt, trotz riesiger Projekte wie dem Hauptbahnhof Wien oder dem Koralmtunnel zwischen Graz und Klagenfurt, wo Strabag jeweils große Teile baut.

Viele Mitarbeiter in Osteuropa
Auch bei den Mitarbeiterzahlen sind die Relationen ähnlich: Den mehr als 7.000 Strabag-Beschäftigten in Österreich stehen 3.700 in Polen gegenüber, 2.700 in Tschechien, 1.900 in Russland, 1.600 in Ungarn und jeweils mehr als 1.000 in der Slowakei und in Rumänien. Die südosteuropäischen Landesgesellschaften in Serbien, Bulgarien oder Kroatien sind zwar vergleichsweise klein, aber auch diese Märkte werden konsequent bearbeitet.

Breites Leistungsangebot in der Region
So breit die Baugruppe in der Region auftritt, so breit ist auch das Angebot der Leistungen. Über die polnische Tochterfirma liest man im aktuellen Geschäftsbericht: „Das Unternehmen ist in ganz Polen aktiv und konzentriert sich auf den Hoch- und Ingenieurbau, die Umwelttechnik sowie auf den Verkehrswegebau. Strabag baut Schnellstraßen und Autobahnen, nationale und lokale Straßen, Geschäfts- und Freizeitzentren, öffentliche Gebäude, Lagerhallen, Logistikzentren und Wohnhäuser.“ Darüber hinaus werden Renovierungs- und Erhaltungsarbeiten an historischen Gebäuden durchgeführt, der Ingenieurbau errichtet Brücken und Tunnels, die Umwelttechnik beschäftigt sich mit der Errichtung von Abwasserbehandlungsanlagen, Abfallmanagementanlagen oder Wasserkraftwerken.
Das Portfolio in anderen Ländern sieht ähnlich aus, wenn auch teilweise schlanker. Einige Beispiele für das Ausmaß und die Vielfalt:

  • Tschechien: Derzeit ist Strabag an der Errichtung der Autobahnen D3, D47 und der Prager Umfahrung beteiligt. Im Bereich Hoch- und Ingenieurbau arbeitet das Unternehmen an den Projekten Bürogebäude OCP Gemini und dem Shoppingcenter Arkády Pankrác.
  • Rumänien: Neben dem Markennamen Strabag tritt der Konzern in Rumänien mit einer Vielfalt von Firmennamen auf: unter ARL, BHG, CARB SA, BITUNOVA, DRUMCO, MINERAL, SAT, STRABAG Facility Management, TPA, ZÜBLIN und DYWIDAG.
  • Russland: Hier ist Strabag bereits seit 1991 aktiv. Allein in Moskau wurden bislang ungefähr 1.500.000 Quadratmeter Fläche bearbeitet. Dabei handelt es sich um Bürogebäude, Banken und Wohnhäuser sowie um Geschäfts- und Shoppingzentren. Das Unternehmen kooperiert mit ungefähr 180 Subunternehmern sowie rund 120 Hauptlieferanten in der Russischen Föderation. Derzeit errichtet Strabag in Tjumen und Wjiksa in der Region Nishnij Nowgorod zwei metallurgische Werke. Die Division Züblin konzentriert sich auf Untertagebau sowie Energie- und Stromversorgungsprojekte. Freilich hatte man sich vom russischen Markt vor etlichen Jahren einen größeren Umsatzsprung erwartet, unter anderem mithilfe des Großaktionärs und russischen Unternehmers Oleg Deripaska. Doch diese Hoffnungen wurden enttäuscht, außer einigen Aufträgen in Sotschi hielt sich das Wachstum in engen Grenzen.

Konzentration auf einige wenige Märkte
Die zweite international tätige österreichische Baugruppe, Porr, hat sich selbst ein etwas engeres Korsett verschrieben. Ihre Strategie ist klar auf den mitteleuropäischen Heimmarkt ausgerichtet. Dieser umfasst Österreich, Deutschland, die Schweiz, Polen und Tschechien. „Dort bauen wir alles“, so CEO und Hauptaktionär Karl-Heinz-Strauss, „von Bürohäusern bis zu Autobahnen, von Hotels bis zu Brücken, Bahnlinien oder Thermen.“ In dieser Region erbringt Porr auch mehr als 90 Prozent der Leistungen – im letzten Jahr insgesamt 3,4 Milliarden Euro. Daneben gibt es eine Reihe von Exportmärkten in Mittel- und Südosteuropa, die man punktuell mit Spezialaufträgen beliefert. Das betraf etwa jüngst eine große Autobahnbrücke über die Save in Belgrad, die Modernisierung von Bahnstrecken in Rumänien oder den Bau eines Einkaufszentrums mit Büros in Bratislava.
Die aktuelle Strategie des Porr-Managements ist erst einige Jahre alt. Sie erfolgte nach der Übernahme des Vorstandsvorsitzes durch Strauss und nachdem er selbst den Aktienanteil der B&C-Holding der Bank Austria übernommen hatte. Gemeinsam mit der ebenfalls österreichischen Ortner-Gruppe kontrolliert er heute die Mehrheit am Baukonzern.
Außer dem Streubesitz hält noch die Vienna Insurance Group einen nennenswerten Anteil. „Wir haben überlegt, was in unseren Heimmarkt hineinpasst und was nicht“, erklärt Strauss. Ganz bewusst entschied man sich gegen Russland, gegen die Ukraine und gegen eine ganze Reihe kleinerer ost- und südosteuropäischer Märkte. „In manchen Ländern war uns das Potenzial zu klein, Aufwand wie Risiko schienen zu hoch.“

Hannes Truntschnig, Strabag-Vorstand für das internationale Geschäft © R. Engel
Hannes Truntschnig, Strabag-Vorstand für das internationale Geschäft © R. Engel

Von der Donau nach Arabien
Dabei kann Porr auf eine sehr lange Erfahrung in der Region zurückblicken, anfangs freilich noch unter dem Dach der Donaumonarchie. Gegründet worden war die Allgemeine österreichische Baugesellschaft 1869 für die lockenden Aufträge rund um den Prachtboulevard Ringstraße. Und sie baute in der Kaiserstadt unter anderem das Haus der Industrie, das Palais Ephrussi, wo lange die Casinos Austria ihre Zentrale hatten, oder etwas später die Österreichisch-Ungarische Bank, heute die Nationalbank. Außerhalb von Wien gehörte der Bahnhof von Brno zu den Vorzeigeprojekten, ebenso das Hotel Meranerhof in Südtirol oder die Bahnlinie von Rijeka (damals Fiume) nach Karlovac. Der heutige Name stammt von einer Fusion mit der auf Betonbau spezialisierten Firma A. Porr in den 1920er-Jahren.
Die Strabag wiederum geht ursprünglich auf eine regionale Kärntner Baufirma, Ilbau, zurück, die von Hans-Peter Haselsteiner systematisch zu einer erst nationalen, dann europaweit bedeutenden Gruppe erweitert wurde. Es begann mit dem Aufkauf österreichischer Konkurrenten, dann folgte der Zusammenschluss mit einer Raiffeisen-eigenen Baugruppe und schließlich die Übernahme der deutschen Strabag, die massive Probleme hatte. „Wir wollten damals eigentlich immer nur die Linzer Strabag“, erinnert sich der für das internationale Geschäft zuständige Strabag-Vorstand Hannes Truntschnig, „konnten diese aber nur durch Übernahme der ganzen Kölner Strabag akquirieren.“

Anspruchsvolle Großprojekte in aller Welt
Wenn es um anspruchsvolle Großprojekte geht, beschränken sich weder die Manager von Porr noch von Strabag auf Europa. Beide wurden im arabischen Raum aktiv, bauen dort Straßen, Häfen, U-Bahnen oder Raffinerien. Und im technisch komplizierten Tunnelbau sind auch Nord- und Südamerika durchaus in Reichweite der Österreicher. 2013 stellte die Strabag in Kanada ein besonders prestigeträchtiges Projekt fertig: Für das Kraftwerk an den Niagara-Fällen hatte das Unternehmen einen zehn Kilometer langen Wasser-Tunnel gegraben, mit 14 Metern Durchmesser noch etwas größer als jene Röhren, durch die Eisenbahnzüge fahren. Immerhin 900 Millionen Euro schwer war der Auftrag, der zeitgerecht fertig wurde und durch den die
Stromausbeute des bestehenden Kraftwerks noch einmal erhöht werden konnte. Derzeit arbeiten die Tunnelbauer des österreichischen Konzerns an einem anderen Wasserkraftprojekt in Übersee, im Norden Chiles. Die Auftragssumme für Tunnel am Kraftwerk Alto Maipó beträgt knapp eine halbe Milliarde Euro. Dieses soll die dortigen Kupferminen künftig mit Energie versorgen.
Den größten Einzelauftrag, den Porr je erringen konnte, bearbeitet der Konzern derzeit in Doha. Dort wird eine gesamte U-Bahn-Linie, die „Green Line“ errichtet. Der Auftrag umfasst 36 Kilometer Tunnelbau sowie eine ganze Reihe von Stationen. Allein für den Tunnelvortrieb im Muschelkalk schaffte man sechs mächtige Maschinen an, die dazu extra von einem deutschen Spezialisten maßgeschneidert werden. Das gesamte Projekt umfasst eine Größenordnung von etwa zwei Milliarden Euro. Porr hält an der Arge, die den Bau durchführt, einen 50-Prozent-Anteil, zweitgrößter Partner ist die saudiarabische Baugruppe Bin Laden mit 35 Prozent, danach folgt der örtliche Platzhirsch HBK mit 15 Prozent. Der Anteil der Porr an diesemProjekt entspricht etwa einem Viertel des aktuellen Gesamt-Auftragsstands – freilich wird die Leistung über mehrere Jahre erbracht. Reinhard Engel

Dieser Beitrag ist erschienen in Ost-West-Contact 12/2014.