Insolvenzen in Polen gestoppt, aber für wie lange?

Die Insolvenzsituation in Polen hat sich im ersten Halbjahr 2014 verbessert. Insgesamt haben 402 Unternehmen Insolvenz angemeldet, 11,5 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Die Aussichten sind allerdings trübe. © Coface/OWC
Unternehmensinsolvenzen in Polen © Coface/OWC

PARIS. Generell hat sich die Insolvenzsituation in Polen im ersten Halbjahr 2014 laut einer aktuellen Studie des Kreditversicherers Coface verbessert. Insgesamt haben 402 Unternehmen Insolvenz angemeldet. Das sind 11,5 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Doch sieht es dabei für einzelne Branchen unterschiedlich gut aus.
Während dem Einzelhandel der harte Wettbewerb zu schaffen macht, hat sich die Lage in der Bauindustrie – lange Zeit eine Problembranche – entspannt. Die Aussichten für das auslaufende Jahr 2014 sind jedoch insgesamt getrübt. Externe Turbulenzen und ein abgeschwächter inländischer Konsum dürften das Insolvenzrisiko für polnische Unternehmen erhöhen.

Verhalten optimistisch
Das ausgehende letzte Jahr und das erste Quartal 2014 brachten in Polen – stimuliert durch den Arbeitsmarkt – nicht nur eine steigende Nachfrage nach Produkten des täglichen Gebrauchs. Auch die Aussichten für die wichtigsten Ausfuhrmärkte schienen positiv, wo sich die Eurozone allmählich erholte. Doch schon im zweiten Quartal schwächte sich der Aufwärtstrend im Euroraum wieder ab. In Deutschland, einem der wichtigsten Handelspartner, schrumpfte das Wachstum um 0,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Russland, ebenfalls ein bedeutender Absatzmarkt für die Polen, leidet unter einer lahmenden Wirtschaftsentwicklung. Die Schwierigkeiten werden noch verstärkt durch die politischen Risiken aus dem Russland-Ukraine-Konflikt und das Embargo der russischen Regierung auf landwirtschaftliche Produkte aus der EU.
Die Insolvenzstatistik für das erste Halbjahr 2014 zeigt aber, dass die Unternehmen diesen Widrigkeiten in ihren wichtigsten Absatzmärkten trotzen. Allerdings weiß Coface aus Erfahrung, dass die Insolvenzen der makroökonomischen Situation für gewöhnlich mit einer Verzögerung von ein oder zwei Quartalen folgen. Demzufolge weist die Statistik den Zustand Ende 2013, Anfang 2014 aus. In diesem Zeitraum wuchs die Inlandsnachfrage und erwies sich als Motor der Wirtschaft. Gleichzeitig waren die Risiken in den Exportländern relativ niedrig.

Bau: Licht am Ende des Tunnels
Die Zahl der Insolvenzen im Bausektor, über lange Zeit die Problembranche schlechthin, wuchs nicht mehr und sank im ersten Halbjahr im Vergleich zur ersten Hälfte 2013 sogar um 21 Prozent. Dabei ist zu berücksichtigen, dass in der Branche weniger Unternehmen aktiv sind als in den Jahren zuvor – auch wegen der vielen Insolvenzen in der Vergangenheit.

Einzelhandel: Vorsichtige Verbraucher und harter Wettbewerb
Die Insolvenzen im Einzelhandel nahmen um 27 Prozent zu. Die anhaltende Konsolidierung in der Branche ist geprägt vom enorm harten Wettbewerb und Druck auf die Gewinne. Trotz der Verbesserungen auf dem Arbeitsmarkt halten sich die Verbraucher bei ihren Kaufentscheidungen merklich zurück. Die schwache Nachfrage nach Gebrauchsgütern zeigt sich auch in einer der größten Insolvenzen dieses Jahres: Domex, Eigner der Avans-Läden.

Transport: Anfällig für externe Handelsstörungen
In der ersten Hälfte 2014 blieben die Insolvenzen in der Transportbranche auf dem gleichen Level wie im Vorjahreszeitraum. Dies könnte sich aber bald ändern. Aus zwei Hauptgründen: Zum einen könnten die aktuellen Störungen des Außenhandels in den nächsten Quartalen zu mehr Insolvenzen führen. Zum anderen zwingt der Wettbewerb die Unternehmen dazu, geringe Margen zu akzeptieren, obwohl sie hohe operative Fixkosten zu tragen haben.

Auswirkungen externer Turbulenzen
Die aktuelle Situation in den Auslandsmärkten bringt für die polnische Wirtschaft einige Risiken mit sich. Die Exporte aus Polen sind aufgrund der russischen Wachstumsdelle und der enttäuschend verlaufenden Erholung in der Eurozone beeinträchtigt. Letzteres stellt die noch größere Gefahr dar, da 53 Prozent der Ausfuhren in die Euro-Länder gehen, allein nach Deutschland 26 Prozent aller Exporte. Coface erwartet für die Eurozone 0,9 Prozent Wachstum im laufenden Jahr, Russland wird bei null Prozent sogar stagnieren. Wegen dieser Stagnation in den existenziell wichtigen Absatzmärkten rechnet Coface mit einer Zunahme der Insolvenzen in Polen um acht Prozent. Noch schlimmer könnte es kommen, wenn der Konflikt zwischen der EU und Russland sich verschärfen und/oder das Wachstum in der Eurozone noch weiter nachgeben sollte.
„Das Wachstum der polnischen Wirtschaft wird dieses Jahr mehr von der Inlandsnachfrage als vom Export getragen. Dennoch führen die externen Faktoren – schwache Erholung in der Eurozone und russische Embargos – zu einem höheren Insolvenzrisiko in Polen. Dies ist beispielsweise an der Transportbranche erkennbar, die aufgrund ihres hohen Auslandsanteils bereits unter der nachgebenden Auftragslage leidet. Zugleich belastet das russische Embargo nicht nur die Exporteure von landwirtschaftlichen Produkten. Es drückt auch auf die Inlandspreise, die ohnehin schon aufgrund der guten Ernte in diesem Jahr gefallen sind“, erklärt Grzegorz Sielewicz, Economist für Zentraleuropa bei Coface.

Die komplette Studie „Panorama: Poland Insolvencies“ finden Sie unter www.coface.de.