Russland: Zug um Zug nach China

Der chinesische Ministerpräsident Li Keqiang, Handelsreisender in Sachen High-Speed-Train, und sein russischer Amtskollege Dimitrij Medwedjew auf dem Moskauer Forum für innovative Entwicklung „Open Innovations“. © Open Innovations
Der chinesische Ministerpräsident Li Keqiang, Handelsreisender in Sachen High-Speed-Train, und sein russischer Amtskollege Dimitrij Medwedjew auf dem Moskauer Forum für innovative Entwicklung „Open Innovations“. © Open Innovations

Russlands Wirtschaftsbeziehungen zu China haben im Oktober einen weiteren Schub erhalten. Beim Besuch des chinesischen Regierungschefs Li Keqiang in Moskau anlässlich der 19. chinesisch-russischen Regierungskonsultationen wurden 40 bilaterale Verträge unterzeichnet – darunter zahlreiche Finanz-, Handels- und Energieabkommen.

Anfang dieses Jahres erst hatten sich acht deutsche Bahntechnik-Unternehmen unter Schirmherrschaft der AHK Russland in einer Hochgeschwindigkeitsinitiative zusammengeschlossen, um bei der Vergabe lukrativer Aufträge beim Bau von Highspeed-Trassen in Russland bessere Karten zu haben. Der Besuch des chinesischen Regierungschefs lässt ahnen, wie hart der Wettbewerb werden wird. Das russische Verkehrsministerium und die russische Eisenbahn RZD unterzeichneten mit dem Staatlichen Komitee für die Entwicklung und Reform der Volksrepublik China und China Railways ein Memorandum zum Ausbau des eurasischen Hochgeschwindigkeitskorridors Moskau-Peking inklusive der Magistrale Moskau-Kasan, die wegen der bevorstehenden Fußball-WM 2018 prioritär behandelt wird. Vorbei die Zeiten, da Siemens in Russland hofiert wurde. Wer zahlt, bestimmt die Musik. Die chinesische Seite ist bereit, sich an dem Projekt in Form einer öffentlich-privaten Partnerschaft zu beteiligen sowie einen Teil der Finanzierung in Form einer direkten Investition und eines Darlehens bereitzustellen. Das berechtigt sie, so die Vereinbarung,  entsprechende Technologien und die Lokalisierung der Produktion von Schienenfahrzeugen und Ersatzteilen auf russischem Territorium anzuregen. Ausdrücklich zeigt sich die russische Seite bereit, den Einsatz von chinesischer Technologie im Hochgeschwindigkeitsverkehr wie auch im Baubereich und bei der Herstellung von Ausrüstungen zu erörtern.

Russische Importe nach Herkunftsländern © Russland-Analysen/OWC
Russische Importe nach Herkunftsländern © Russland-Analysen/OWC

Chinesischer High-Speed-Train auf Innovationsmesse in Moskau
Und so präsentierte Li Keqiang natürlich auch gleich den chinesischen High-Speed-Train CRH380A auf dem 3. Moskauer Forum für innovative Entwicklung „Open Innovations“. Ministerpräsident Medwedjew fand warme Worte für die chinesische Antwort auf ICE und TGV, zumal er bei seinem letzten China-Besuch damit eine Spitztour von Peking nach Tianjin machte.
Die verstärkte Hinwendung Russlands nach China hat nicht nur mit den Sanktionen zu tun. Schon als Deutschland und Russland noch Modernisierungspartner waren, zum St. Petersburg International Economic Forum 2013, hatte Präsident Putin angekündigt, den Fernen Osten des Landes nunmehr zu entwickeln und einen Teil des Nationalen Wohlfahrtsfonds, Investitionen in Milliarden-Höhe, in den Ausbau der Infrastruktur zu stecken. In erster Linie geht es hierbei um die Erschließung und den Transport der dort lagernden Rohstoffe. Dass China als Nachbarland mit einem ausgemachten Rohstoffhunger hierbei Partner Nummer eins ist, liegt in der Natur der Sache. Dass China bereit ist, hierfür Geld in die Hand zu nehmen, macht die Partnerschaft mit dem Reich der Mitte für Russland noch attraktiver. Und dass China nicht zur Koalition der Sanktionswilligen gehört – nun, das macht die Verbindung perfekt. So wurden die russisch-chinesischen Kooperationsprojekte in den vergangenen Monaten Schlag auf Schlag vorangetrieben.

Vertragsunterzeichnung bei den 19. chinesisch-russischen Regierungskonsultationen © government.ru
Vertragsunterzeichnung bei den 19. chinesisch-russischen Regierungskonsultationen © government.ru

Energiekonzerne vertiefen Zusammenarbeit
Im Mai 2014 hatten China und Russland nach zehnjährigen Verhandlungen einen Gasliefervertrag im Wert von 400 Milliarden US-Dollar mit einer Laufzeit von 30 Jahren geschlossen. Dieser sieht vor, dass ab 2018 jährlich 38 Milliarden Kubikmeter Gas nach China verkauft werden. Das Gas soll über die neue Pipeline Sila Sibiri (Kraft Sibiriens) fließen, deren Bau bereits im September 2014 öffentlichkeitswirksam begonnen wurde. Die Baukosten dieser östlichen Pipeline nach China belaufen sich auf etwa 50 Milliarden Euro.
Im November dieses Jahres soll ein zweiter Deal, das sogenannte Projekt „Altai“ unterzeichnet werden. Hierbei geht es um  die Lieferung von insgesamt 30 Milliarden Kubikmetern Gas für die nächsten 30 Jahre. Nach einem Besuch in Peking erklärte Gazpromchef Alexej Miller, dass ein Vertrag über die Gasversorgung Chinas über eine westliche Pipeline vorbereitet werde.
Der Ölkonzern Rosneft will seine Kooperation mit dem chinesischen Partner CNPC ebenfalls vertiefen, die Unternehmen haben während des Besuches von Li Keqiang eine strategische Zusammenarbeit bei Projekten zur Erdgasverflüssigung vereinbart.
Auch im Automobilsektor sind die Chinesen in Russland zunehmend aktiv. Der chinesische Automobilkonzern Great Wall hat Ende August den Grundstein für ein Werk im Industriepark „Uslowaja“ im Gebiet Tula gelegt. 520 Millionen US-Dollar will das Unternehmen investieren, das Werk soll den gesamten Produktionszyklus umfassen. Ein zweites Werk ist in Kaluga geplant.
Lifan Industry aus Chongqing will ein Werk mit komplettem Produktionszyklus für etwa 300 Millionen US-Dollar in der Sonderwirtschaftszone des Lipezker Gebiets bauen. Eine Investitionsvereinbarung wurde Mitte Oktober 2014 mit der Gebietsverwaltung unterzeichnet. Der Bau des neuen Werks soll 2015 beginnen. Bereits seit 2007 werden Lifan-Modelle bei Derways in Karatschai-Tscherkessien montiert. Dort lassen die Chinesen derzeit jährlich rund 20.000 Fahrzeuge fertigen.
Auch im Maschinenbau weiten die Chinesen ihren Marktanteil aus. Zwar war Deutschland mit einem Anteil von 19,2 Prozent der russischen Maschinenimporte 2013 noch immer größter Zulieferer der Branche, 2004 aber hatte dieser Anteil bei 29,6 Prozent gelegen. Aus China dagegen kamen 2004 gerade 1,9 Prozent der russischen Maschinen­importe, im vergangenen Jahr waren es nach VDMA-Angaben 15,2 Prozent. Es sollte nicht verwundern, wenn China in diesem Jahr größter Maschinenlieferant Russlands wird – vor Deutschland. Denn im ersten Halbjahr sind die deutschen Exporte gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 19,4 Prozent gesunken.

Bestehende und geplante Infrastruktur in Sibirien © OWC
Bestehende und geplante Infrastruktur in Sibirien © OWC

China stützt sanktionierte Banken
Im Finanzsektor bringen die von der EU und den USA verhängten Sanktionen die Partner einander näher. Einige von den westlichen Sanktionen betroffene Banken erhalten künftig Kredite aus China. Profitieren werden davon die zweitgrößte russische Bank VTB und die staatliche Entwicklungsbank VEB. Die beiden Kreditinstitute unterschrieben Ende Oktober jeweils Rahmenabkommen mit der chinesischen Import-Export-Bank, wonach sie Kreditlinien in Höhe von je zwei Milliarden US-Dollar für Handelsgeschäfte erhalten sollen. Die VTB möchte damit unter anderem den Import von chinesischen Lebensmitteln und Technologie finanzieren. Die VEB nutzt den Kredit, um mehr Investitionen ins Land zu holen.
Auch der Landwirtschaftsbank Rosselchosbank wurden Kredite aus China zugesagt. Des Weiteren vereinbarte der russische Mobilfunkanbieter Megafon mit der chinesischen Entwicklungsbank ein Finanzierungsgeschäft von umgerechnet 500 Millionen US-
Dollar.
Außerdem haben die beiden Zentralbanken in Moskau eine engere Kooperation vereinbart: So einigte man sich auf Währungswechsel in Höhe von umgerechnet fast 20 Milliarden US-Dollar – mit dem langfristigen Ziel, den US-Dollar im bilateralen Handel zwischen Russland und China künftig zu umgehen. Die beiden Notenbanken haben sich dabei auf einen fixen Kurs geeinigt, mit dem die Währungs­swaps in den kommenden drei Jahren getätigt werden sollen. Diese Unterstützung des russischen Finanzmarktes dürfte nicht ganz selbstlos sein. China hat großes Interesse am Kauf des russischen Raketenabwehrsystems SS-20. Bisher zierte sich die russische Führung, dieses Waffensystem ins Ausland zu verkaufen.
Vor allem Indien, der größte Abnehmer für russische Militärtechnik, stellt sich gegen diesen Deal. Es sollte nicht verwundern, wenn die neue russisch-chinesische Freundschaft nun so weit geht, alle Bedenken zur Seite zu schieben.

Probleme zwischen Moskau und Brüssel kosten Marktanteile
Fakt ist – die politischen Probleme zwischen Moskau und Brüssel kosten die europäischen Unternehmen schon jetzt Marktanteile. China hatte Deutschland schon 2008 als größter Zulieferer Russlands vom Thron gestoßen. Das Reich der Mitte hatte im vergangenen Jahr einen Anteil von 16,7 Prozent an den russischen Importen, Deutschland brachte es auf 11,9 Prozent. In diesem Jahr werden die deutschen Firmen weiter an Boden verlieren. Während die deutschen Lieferungen nach Russland im ersten Halbjahr 2014 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um über 13 Prozent schrumpften, stiegen die chinesischen Exporte um 3,4 Prozent. In diesem Jahr wollen die Chinesen beim Handelsvolumen mit Russland die 100-Milliarden-US-Dollar-Marke knacken. Im Jahr 2020, so das beiderseits ausgesprochene Ziel, sollen Waren im Wert von 200 Milliarden US-Dollar über die russisch-chinesischen Grenze gehen.
Ob die deutsche Unternehmen DB International GmbH, Emch + Berger Holding GmbH, ETC Transport Consultants GmbH, OBERMEYER Planen + Beraten GmbH, RAIL.ONE GmbH, Schüßler Plan Ingenieurgesellschaft mbH, Siemens AG, Vössing GmbH und die Vossloh AG, die sich in der Interessengemeinschaft  zusammen­geschlossen haben, bei dem Projekt zum Zuge kommen oder der Zug Richtung China abgefahren ist, bleibt abzuwarten. Auf einem Gebiet zumindest hat Deutschland beim Bahnverkehr die Nase vorn: Auf der bestehenden, 1954 eröffneten Direktverbindung zwischen Moskau und Peking fahren derzeit zwei Züge pro Woche, zwischen Moskau und Berlin gibt es eine tägliche Direktverbindung.

Dieser Beitrag ist erschienen in Ost-West-Contact 11/2014.