Bei uns ist der Mittelstand König

Mittlerweile liegt die chinesische Währung auf Platz sieben der stärksten Zahlungswährungen der Welt © CC/pt
Mittlerweile liegt die chinesische Währung auf Platz sieben der stärksten Zahlungswährungen der Welt © CC/pt
Einen Traum hat Jörn Helms noch: Kredite und Dienstleistungen auch deutschen Firmen in China anbieten zu können. »Daran muss aber noch ordentlich gestrickt werden«, sagt der 41-jährige Hamburger. Jörn Helms ist Vizepräsident der privaten Bank of Taizhou in der Provinz Zhejiang und damit ein »Exot« unter den in China arbeitenden Ausländern. Weit und breit im Land gibt es keinen weiteren »echten« Ausländer, der im Vorstand einer chinesischen Bank sitzt.

Ungewöhnlicher Weg

Eigentlich hatte Jörn Helms in Greifswald Archäologie studiert, sein Jugendtraum, wie er sagt. »Aber schon während des Studiums habe ich gemerkt, dass dies doch nicht das ist, was ich mal machen möchte, und man als Archäologe auch nichts werden kann.« Hinaus in die Welt wollte er. Eine Karriere im Auswärtigen Dienst schien ihm geeignet, diesen Wunsch zu realisieren. Geklappt hat es aber nicht. Der Zufall wollte es, dass ein Freund, der Slawistik studiert und bei der IPC Consulting in Frankfurt am Main gearbeitet hat, ihm empfahl, sich bei dem Unternehmen zu bewerben. Mit Mikrofinanzierungsprojekten in Südamerika groß geworden, war die IPC zu diesem Zeitpunkt inzwischen auch in Osteuropa engagiert. Jörn Helms bekam nach einem Russisch-Intensivkurs und kurzer Einarbeitung in Kasachstan die Chance, in der Ukraine ein Mikrofinanzprojekt zu realisieren, »in einem kleinen Ort, tief im Wald«. Dort habe er das Geschäft von der Pike auf gelernt. »Meine Unwissenheit kam mir damals zugute«, sagt er schmunzelnd und ergänzt: »Manchmal ist es gut, nicht zu viel zu wissen.«

Dreieinhalb Jahre hat Jörn Helms in der Ukraine gearbeitet. Irgendwann erschien ihm das Leben dort »zu bequem«, es zog ihn in andere »Städte, hinter die sieben Berge«. Hier zieht er einen Vergleich zu Alexander Humboldts Feststellung, dass die Pflanzen bei Veränderungen des Klimas in andere Klimazonen »mitwandern«. So kam ihm zupass, dass die IPC weiter gen Osten gezogen ist, nach China, wo Weltbank und China Development Bank Projekte begannen, um den chinesischen Bankensektor für das Geschäft mit kleineren und mittleren Unternehmen, die Schwierigkeiten haben, an Finanzierungen zu kommen, fit zu machen. Die IPC hat ihr Osteuropa-Modell an die chinesischen Bedingungen angepasst. Und Jörn Helms ging Ende 2005 ins ostchinesische Taizhou, wo sich die dortige Bank für das Pilotprojekt beworben hatte. Schnell habe er gemerkt, dass das Bankgeschäft in China nach anderen Prinzipien laufe, dass Banken mit den Kunden anders umgehen. Den Kreditinstituten gehe es weniger darum, Darlehen auszureichen, als Einlagen zu bekommen. Kredite wurden genutzt, um »profitable« Kunden zu binden und die Banken konnten sich ihre Kunden auswählen. Ins Hintertreffen gerieten dabei die kleinen und mittleren Unternehmen, die nicht über die notwendige Bonität verfügten. Wichtig sei es daher gewesen, ein System der Risikoanalyse aufzubauen, das gerade dem Bedarf dieser Unternehmen gerecht wird. »Das ist eigentlich der wichtigste Baustein.«

Jörn Helms, 41, ist Vizepräsident der Bank of Taizhou © CC/pt
Jörn Helms, 41, ist Vizepräsident der Bank of Taizhou © CC/pt

Wandel als Mission

Bis 2008 lief das Projekt, dann kam vom Eigentümer der Bank of Taizhou das Vorstandsangebot. Jörn Helms hat zugegriffen. »Seine« Bank beschreibt er als »bodenständig und sparsam«. »Selbst der Chef fliegt nur Economy.« 1988 wurde sie als Finanzierungsgesellschaft gegründet, seit 2002 ist es eine Bank, an der der Kreis Taizhou nur symbolische fünf Prozent der Anteile hält. Die Eigenkapitalquote liegt bei 15 Prozent, drei Prozentpunkte über der staatlichen Vorgabe. Mit 100.000 Kunden und einem Kreditportfolio von 53 Milliarden Yuan »strotzen wir vor Kraft«. Deshalb denken die Inhaber derzeit auch nicht an einen Börsengang, wie es andere Privatbanken machen, um an frisches Kapital zu gelangen.

2010 begann die Bank ihren Expansionskurs in China, zunächst in der Provinz Zhejiang, später kamen Tochterbanken in Shunyi, einem Vorortkreis von Peking, in Chongqing, in Ganzhou in der Provinz Jiangxi sowie im südchinesischen Shenzhen hinzu. »Dorfbanken« nennt Jörn Helms die Niederlassungen scherzhaft und vergleicht sie mit den deutschen Volksbanken oder Sparkassen. Folgt nun als nächstes der Schritt ins Ausland? »China ist so groß, wir haben hier noch genug zu tun«, sagt der Banker und verweist auf die Mission der Bank of Taizhou: »Mit Finanzierungsangeboten für Kleinstunternehmen den chinesischen Finanzmarkt verändern«.

Das ist bitter nötig. Zwar zielen die jüngsten chinesischen Reformen auch darauf, kleineren Unternehmen den Zugang zu Finanzierungen zu erleichtern. Die Forderung sei aber nicht neu: »Ende 2005, Anfang 2006 war das schon einmal Programm, dann wieder 2009.« Geändert habe sich wenig.

Das Problem sind die Hürden für das Ausreichen von Krediten, die »Kreditkultur« generell. Die großen Banken reichen lieber an die staatlichen Unternehmen vermeintlich risikofreie Darlehen aus. Kleine private Firmen haben dagegen Schwierigkeiten, Sicherheiten vorzuweisen. Das Land besitzen sie nicht, selten haben sie eine Buchhaltung. Belastbare Aussagen über die Kreditfähigkeit zu erhalten, ist so schwierig. Die Bank of Taizhou geht da andere, personalintensive Wege. Mit 40 Prozent hat das Kreditinstitut viermal so viele Accounting-Manager wie andere Banken. »Unsere Mitarbeiter suchen die Kunden auf und erstellen durch Befragungen für die Bank verlässliche Bilanzen.« Jörn Helms sagt, dass sich die Bank of Taizhou selbstverständlich auch an die Vorgaben der Bankenaufsicht halten muss, »es gibt aber Grauzonen, die wir im Interesse der Kunden nutzen können«. Die Kredite – das Kreditvolumen für kleine Unternehmen umfasst fünf Millionen Yuan, die durchschnittliche Höhe der ausgereichten Kredite liegt bei 500.000 Yuan – würden damit zwar teurer, »doch für die Unternehmen ist dies immer noch günstiger, als sich in die Hände von Schattenfinanziers mit Wucherzinsen zu begeben oder gar keine Darlehen zu erhalten«.

»Regularien können nicht außer Kraft gesetzt, Grauzonen aber genutzt werden.«
Jörn Helms

Neben der Risikoanalyse kommt der Ausbildung der Mitarbeiter bei der Entwicklung des Bankensektors eine besondere Bedeutung zu. »Ich möchte nicht, dass die Mitarbeiter nur das vorschlagen, was der Chef will.« Kurzzeitig hatte Jörn Helms zwei ausländische Mitarbeiter in die Bank geholt, einen Deutschen und einen Singapurer. Mit ihren Vorstellungen über das Management einer Bank hätten die beiden für »Reibungen« gesorgt. Aus Sicht von Jörn Helms war das gut, »damit wir erwachsen und offener werden«.

Vor allem muss es aber darum gehen, dass die Mitarbeiter für die Kunden da sind und nicht umgekehrt, wie das bei vielen großen Banken in China heute noch der Fall ist. »Einfach, bequem, schnell« lautet das Motto. Die 7.000 Mitarbeiter sollen innovativ und ehrlich sein und hart arbeiten, so eine andere Forderung. »Wenn vor den Schaltern mehr als vier Kunden anstehen, öffnen wir einen weiteren«, sagt Jörn Helms. Wer weiß, wie lange in einer chinesischen Bank selbst die simpelsten Dinge dauern, wird das zu schätzen wissen. Künftig vielleicht auch das eine oder andere deutsche mittelständische Unternehmen in Zhejiang. pt

Dieser Beitrag ist erschienen in ChinaContact 11/2014.