An einem Strang: Highspeed-Projekt Rail Baltica nimmt Fahrt auf

Trassenverlauf der Hochgeschwindigkeitsstrecke Rail Baltica © OWC/uz
Trassenverlauf der Hochgeschwindigkeitsstrecke Rail Baltica © OWC/uz

Die geplante Hochgeschwindigkeitstrasse Rail Baltica entwickelte sich bislang im Schneckentempo. Brüssel fördert die Bahnstrecke im Rahmen der Transeuropäischen Transportnetze (TEN-T). Doch wegen nationaler Differenzen kam das Projekt bislang nicht recht vom Fleck. Dies soll sich ändern. Estland,  Lettland und Litauen haben die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens beschlossen und wollen sich künftig gemeinsam um EU-Mittel bewerben, um den Bau der Strecke voranzubringen.

On the Baltic slow train“ titelte die Zeitschrift „The Economist“ im Oktober 2013 über das Projekt Rail Baltica. Die neue Hochgeschwindigkeitstrasse soll nach Fertigstellung das Baltikum mit Polen und dem zentraleuropäischen Eisenbahnnetz verbinden. Und die Vision der Planer geht noch weiter: Sie träumen von einer durchgehenden Schienenverbindung von Berlin über Warschau bis nach Tallinn und weiter in die finnische Hauptstadt Helsinki. Um den Finnischen Meerbusen zu überwinden, ist ein rund 80 Kilometer langer Tunnel zwischen Tallinn und Helsinki im Gespräch. Damit soll die Metropolregion „Talsinski“ gefördert werden – diese ist Bestandteil des EU-Kooperationsraums Ostsee.

Schnelle Schiene
Die Idee für eine länderübergreifende Hochgeschwindigkeitsstrecke ist nicht neu. Bereits seit 1994 laufen entsprechende Planungen. Das Projekt findet in Brüssel viele Fürsprecher. Eine bessere Schienenanbindung der Baltischen Länder an Zentraleuropa, so die EU-Kommission, spiele eine zentrale Rolle für die weitere wirtschaftliche Entwicklung der Region und fördere obendrein die künftige Wettbewerbsfähigkeit. Zugleich werde mit der Trasse die Hinterlandanbindung der Ostseehäfen gestärkt, so die Einschätzung der Kommission. Dementsprechend üppig fallen die Finanzierungsmittel aus: Das Eisenbahn-Projekt könnte aus mehreren EU-Fonds kofinanziert werden – bis zu einer Höhe von 85 Prozent der Investitionskosten. Und die sind kein Pappenstiel: Insgesamt werden für die Rail Baltica rund 3,7 Milliarden Euro veranschlagt. Dies wäre das mit Abstand größte Infrastrukturprojekt im Baltikum. Ein weiterer Teil der Investitionssumme dürfte durch Kredite der Europäischen (EIB) und Nordischen Investmentbank (NIB) finanziert werden. So gewährte die NIB der litauischen Staatsbahn Lietuvos Geležinkeliai Mitte Juli ein Darlehen über 53 Millionen Euro.
Zu dem Vorhaben gehört neben der Schnellstrecke für den Personenverkehr auch eine Güterteilstrecke. „Das Projekt Rail Baltica unterteilt sich für uns eigentlich in zwei Phasen“, erklärt Vidmantas Tamulis, Leiter der Abteilung Eisenbahntransport beim Ministerium für Transport und Kommunikation in Vilnius. „Die Phase ,Rail Baltica 1’ wird derzeit umgesetzt. Sie umfasst die Umwandlung der bereits existierenden Strecke von der polnisch-litauischen Grenze nach Kaunas in eine Trasse für zwei Spurweiten.“ Die Erweiterungsarbeiten haben begonnen und sollen Ende 2015 abgeschlossen sein. „Bei der Schnellzugverbindung quer durch das Baltikum handelt es sich um ,Rail Baltica 2’“, so Tamulis.

Auch die litauische Hauptstadt Vilnius wird an die Trasse angebunden. © Vilnius Tourism
Auch die litauische Hauptstadt Vilnius wird an die Trasse angebunden. © Vilnius Tourism

Wieder die Spurfrage
Der Nord-Süd-Bahnverkehr im Baltikum spielte im grenzüberschreitenden Schienenverkehr bislang eine eher untergeordnete Rolle. Die Qualität des  vorhandenen Streckennetzes ist bescheiden. Die gefahrene Geschwindigkeit lässt zu wünschen übrig. Vor allem aber ist die Interoperabilität mit dem westlichen EU-Netz eingeschränkt. Dies liegt in erster Linie an der unterschiedlichen Spurbreite. Die wichtigsten Bahnlinien im Baltikum verlaufen vornehmlich in West-Ost-Richtung: etwa von den Ostseehäfen Klaipeda oder Ventspils in Richtung Russland und der GUS – mit der breiteren (russischen) Spurenvariante.
Zu Beginn des Rail-Baltica-Projekts stand deshalb auch die Spurfrage: Breit- oder Normalspur? Diese Frage ist mittlerweile geklärt: Die neue Strecke wird mit Normalspur ausgestattet. Auch wegen unterschiedlicher Sicherheitstechniken und Signalanlagen entschied man sich für eine komplett eigenständige Trasse.
In Tallinn hält man große Stücke von der neuen Verbindung: „Die Rail Baltica ist ein wichtiger Schritt, um Estland künftig besser mit Zentral- und Westeuropa zu verbinden“, betont Anti Moppel, Ministerieller Berater für den Bereich Transport und Logistik beim Ministerium für Wirtschaft und Kommunikation Estlands. „Historisch war Estland immer eine Verbindungsstelle auf der Ost-West-Schiene. Nun wird das Land zum Bestandteil einer wichtigen Nord-Süd-Verbindung. Das schafft neue Möglichkeiten für die Bereiche Produktion, Handel und Tourismus“, ergänzt er. In Kombination mit den zahlreich vorhandenen Fährverbindungen werde Tallinn so zu einem zentralen Anlaufpunkt für Reisende in die nordischen Länder oder nach Nordwestrussland.

Zugfahrt während der TEN-T-Days-2013 in Tallinn © European Union
Zugfahrt während der TEN-T-Days-2013 in Tallinn © European Union

Diskussion um Trassenverlauf
Deutlich länger als über die Spurbreite wurde über den Trassenverlauf diskutiert. Favorisiert wurde zunächst eine vergleichsweise gerade laufende Nord-Süd-Verbindung durch das Baltikum – mit dem Ergebnis, dass Vilnius als Station nicht vorgesehen war. Doch die litauische Seite bestand in den Verhandlungen darauf, dass neben Tallinn und Riga auch die Hauptstadt Litauens angebunden wird. Schließlich entschieden die baltischen Transportminister, Vilnius über eine Stichtrasse an die Strecke anzubinden. „Die litauische Regierung ist aktuell dabei, eine Machbarkeitsstudie zu den Möglichkeiten der Anbindung an die Schnellzugtrasse zu erstellen. Die Studie soll Ende des Jahres vorliegen“, so Vidmantas Tamulis vom litauischen Transportministerium.
Ein grenzüberschreitendes Infrastrukturprojekt wie dieses braucht Zeit – vor allem im politischen Abstimmungsprozess. Hinzu kamen Finanzierungsprobleme, die sich im Zuge der Wirtschaftskrise 2008/2009 und der problematischen Haushaltslage der baltischen Länder verstärkten. Mitte Juni dieses Jahres unterzeichneten die drei Parteien schließlich das Bauabkommen. Nun können die nächsten Schritte folgen. „Die Regierung in Riga erarbeitet derzeit eine Studie zu den technischen Details und den Umweltauswirkungen des lettischen Abschnitts. Die Studie wird 2016 abgeschlossen. Nach heutigem Stand rechnen wir mit der Fertigstellung der Rail Baltica im Jahr 2025“, so ein Sprecher des lettischen Transportministeriums. Zur Beschleunigung und Umsetzung des Projekts vereinbarten die drei Parteien die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens mit Sitz in Riga.

Vorarbeiten sind angelaufen
Auch in Estland laufen die Vorarbeiten auf vollen Touren. Derzeit wird der Plan für den genauen Verlauf der Trasse erarbeitet, ebenso die Umweltverträglichkeitsprüfung. „Dies ist die bislang größte Investition in die estnische Wirtschaft überhaupt. Das bedeutet neue Jobs und Einnahmen für das Land“, zeigt sich Anti Moppel zuversichtlich. Um das Projekt vernünftig managen zu können, will die Regierung noch in diesem Herbst eine Holding gründen. Diese soll den Anteil Estlands am Gemeinschaftsunternehmen übernehmen. „Unser Ziel ist es, bis zum Winter eine Einigung mit allen beteiligten Verwaltungsbezirken und Gemeinden über den exakten Verlauf der Trasse zu erzielen. Nach Annahme der jeweiligen Baupläne der beteiligten Länder soll die Strecke als Ganzes im ersten Halbjahr 2016 genehmigt werden“, ergänzt Moppel. Zu den eigentlichen Trassenarbeiten gesellen sich weitere Infrastrukturvorhaben. So werden beispielsweise die Bahnhöfe Kaunas-Palemonas, Panevežys, Riga Hauptbahnhof, Pärnu, Tallinn Airport und Tallinn Hauptbahnhof erweitert oder umgebaut. In Riga soll es Anbindungen zum Airport und zum Hafenterminal geben. Für die Finanzierung wollen sich die drei baltischen Länder gemeinsam um Finanzmittel aus der Connecting Europe Facility (CEF) bewerben. Im Rahmen der CEF stehen den EU-Ländern für den Zeitraum 2014 bis 2020 Mittel in Höhe von 26,25 Milliarden Euro zur Kofinanzierung von TEN-T-Projekten zur Verfügung.

Rail Baltica in Zahlen

Länge: 728 Kilometer
Kosten: ca. 3,7 Milliarden Euro
Reisezeit: Tallinn-Grenze Litauen/Polen – 4,13 Stunden
Höchstgeschwindigkeit: bis 240 km/h (Passagiere)
Durchschnittsgeschwindigkeit: 170 km/h
Fertigstellung: 2025
Quelle: Transportministerium Lettland

Modernisierung notwendig
Auch in Polen wird das Projekt positiv eingeschätzt. Die Rail Baltica läuft entlang der polnischen Eisenbahnlinie E75 und wird nach Ansicht des Ministeriums für Infrastruktur und Entwicklung in Warschau den Schienentransport in Richtung Baltikum deutlich attraktiver und effizienter machen. Die polnische Regierung beteiligt sich regelmäßig an den Konsultationen im Rahmen der „Rail Baltica Task Force“, die dem Informationsaustausch und der Koordinierung der Aktivitäten dient.
Die Modernisierung der E75 ist Bestandteil des „Masterplans für den Eisenbahntransport in Polen“. „Derzeit werden Modernisierungsarbeiten an dem 66 Kilometer langen Abschnitt Warschau Rembertów-Zielonka-Tłuszcz (Sadowne) durchgeführt. Die Kosten liegen bei rund 400 Millionen Euro, von denen etwa die Hälfte EU-finanziert ist”, so das Pressebüro des Ministeriums auf Anfrage. Vor allem der Ausbau des Abschnitts Warschau-Sadowne sei wegen des hohen Passagieraufkommens im Großraum Warschau von großer Bedeutung. Die weiteren Abschnitte der Trasse Richtung Litauen befinden sich in der Vorbereitungsphase. Die Strecke Sadowne-Białystok mit knapp 107 Kilometern Länge wird geschätzt rund 750 Millionen Euro kosten und soll im Zeitraum 2016 bis 2020 umgesetzt werden. Der Rest bis zur litauischen Grenze mit 186 Kilometern Länge schlägt mit rund 625 Millionen Euro zu Buche und ist für die Jahre 2017 bis 2020 anvisiert.

Attraktive Alternative
Die Unstimmigkeiten beim Rail-Baltica-Projekt sollen von nun an der Vergangenheit angehören. Alle Beteiligten wollen an einem Strang ziehen und den größtmöglichen Nutzen aus dem Projekt und den zur Verfügung stehenden Finanztöpfen ziehen. Die EU-Kommission sieht in der Schnellzugverbindung eine vielversprechende Perspektive für den Transportsektor in der Ostseeregion. Gemäß einer AECOM-Studie aus dem Jahr 2011 wird für 2030 mit einem Frachtaufkommen auf der Strecke von rund 13 Millionen Tonnen sowie fünf Millionen Passagieren im Jahr gerechnet. Auch der praktische Nutzen für die Reisenden wird herausgestrichen. Die Verbindung soll sich zu einer attraktiven Alternative zu Bus und Flugzeug entwickeln. Im Oktober 2013 war der „Rail Baltic Express“, mit dem die Öffentlichkeit auf das grenzübergreifende Eisenbahnprojekt aufmerksam gemacht werden sollte, von Vilnius nach Tallinn unterwegs. Rund zehn Stunden benötigte der Zug für die Strecke. Auf der neuen Trasse sollen die Reisenden in Zukunft die Strecke in gut vier Stunden schaffen – wenn bis dahin alle Weichen richtig gestellt sind.

Dieser Beitrag ist erschienen in Ost-West-Contact 10/2014.

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