Nach der Flut in Bosnien: Erste Bilanz der Schäden

Der Wiederaufbau ist bereits angelaufen. © AHK Bosnien
Der Wiederaufbau ist bereits angelaufen. © AHK Bosnien

Vor ein paar Tagen jährte sich das Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajewo, das schließlich den Ersten Weltkrieg auslöste, zum einhundertsten Mal. Mit zahlreichen Veranstaltungen und internationalen Gästen sollte dieser Gedenktag begangen werden. Doch ein anderes Ereignis ließ den Balkan in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit geraten. Schwere Niederschläge führten auf der Balkanhalbinsel im Mai zum schlimmsten Hochwasser seit den Wetteraufzeichnungen.
Von einer Jahrhundertflut ist die Rede. Dabei wurde das flussreiche Bosnien-Herzegowina schwer in Mitleidenschaft gezogen. Etwa ein Drittel des Landes stand unter Wasser. Laut Außenminister Zlatko Lagumdžija sind mehr als eine Million Menschen vom Hochwaser betroffen – gut ein Viertel der Bevölkerung. Eine erschreckende Bilanz: 78 Städte und Gemeinden unter Wasser, fünftausend Erdrutsche, zwei Dutzend Tote, mehr als fünfzigtausend Häuser und Gebäude zerstört. Die Wasserpegel sind inzwischen zwar gesunken sowie viele nationale und internationale Spendenaktionen angelaufen. Doch mit den Folgen des Hochwassers werden die Betroffenen noch Monate, wenn nicht gar Jahre zu kämpfen haben. Offizielle Angaben zu den Schäden gab es zuletzt noch nicht. Aber nach ersten Schätzungen der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) belaufen sich die durch Flut und Erdrutsche entstandenen Schäden allein in Bosnien-Herzegowina auf rund 1,3 Milliarden Euro. Die Versicherungen werden nur für einen äußerst geringen Teil der Schäden aufkommen, denn die wenigsten Opfer waren dagegen versichert.

Wirtschaftliche Implikationen
Über die wirtschaftlichen Implikationen der Jahrhundertflut wird noch diskutiert. Die Überschwemmungen werden sich auf das kurzfristige wirtschaftliche Wachstum auswirken. Die EBRD prognostizierte zuletzt für Bosnien-Herzegowina ein Wachstum von 1,8 Prozent. Analysten gehen davon aus, dass diese Zahl wegen der Flut schon bald nach unten revidiert wird. Schwer getroffen wurde die ohnehin wackelige Landwirtschaft, auf die etwa sechs Prozent des BIP entfallen. Viele Ackerflächen, insbesondere in den fruchtbarsten Gebieten des Landes, wurden vernichtet. Getreidefelder in Semberien und der Posavina sowie Obst- und Gemüseflächen stehen noch unter Wasser oder wurden völlig zerstört. Auch die Viehwirtschaft hat große Schäden erlitten. In manchen Teilen des Landes wird von einer Halbierung des Viehbestands gesprochen. Die wirtschaftliche Grundlage der landwirtschaftlich geprägten Regionen ist dahin. Auch die Infrastrukturschäden dürften enorm sein. Einige Städte, wie Maglaj, Doboj, Šamac und Bijeljina, wurden durch die Fluten heftig in Mitleidenschaft gezogen.

Das flussreiche Bosnien-Herzegowina wurde schwer in Mitleidenschaft gezogen. © wl.steinacker/pixelio.de
Das flussreiche Bosnien-Herzegowina wurde schwer in Mitleidenschaft gezogen. © wl.steinacker/pixelio.de

Ein Drittel der Wirtschaft ausradiert
Die Außenhandelskammer Bosnien-Herzegowinas meldet, die Flut habe ein Drittel der Wirtschaft ausradiert. Mehr als 100 produzierende Unternehmen sollen direkte Schäden erlitten haben. Viele haben die Produktion auf unbestimmte Zeit einstellen müssen. Es ist absehbar, dass es dadurch zu einem Exportrückgang kommen wird, wodurch das Land auch weniger fiskalische Einkünfte erzielen wird. Viele dieser Unternehmen sind finanziell belastet, einige Kreditraten sind dieser Tage fällig. Die Regierung in Sarajewo verhandelt deshalb mit den Banken über eine Lösung. Demnach sollen die Institute den Flutopfern bei der Rückzahlung bestehender Kredite ein Moratorium gewähren. Von einer „beispiellosen Katastrophe“ sprach auch der deutsche Außenminister Frank Walter Steinmeier, der Ende Mai für zwei Tage nach Bosnien gekommen war. Er sicherte zu, die deutsche Hilfe in Südosteuropa auf rund sieben Millionen Euro aufzustocken. Davon sollten fünf Millionen Euro geschädigten Kleinbetrieben möglichst rasch zugute kommen. Steinmeier sagte auch Hilfe bei der Räumung der Landminen zu.

Grundlage für Sanierungspläne
Die EU, Weltbank und die UN arbeiten gemeinsam mit den bosnisch-herzegowinischen Institutionen an einem Schadensbericht. Dieser soll spätestens im Juli vorgestellt werden und die Grundlage für alle weiteren Sanierungspläne und Mittelverteilungen bilden. Insgesamt 42 Millionen Euro aus den IPA-Fonds sind für die Sanierung der Schäden bereits gesichert. Mit der Weltbank wird noch über günstige Kredite verhandelt. Die internationale Gemeinschaft plant im Juli eine Spenderkonferenz für die Flutopfer in Bosnien und Serbien. International wurden bereits Hilfsaktionen gestartet. Dreißig Länder haben sich mit ihren Teams an den Hilfs- und Aufräumarbeiten im ganzen Land beteiligt. Dort, wo der Staat nicht rechtzeitig reagierte, konnten sich die Menschen schnell und unbürokratisch über die ethnischen und Entitätsgrenzen selbst organisieren. Die Bosniaken, Kroaten und Serben haben im Kampf gegen die Jahrhundertflut große Solidarität bewiesen.

Kontakt

Delegation der Deutschen Wirtschaft
in Bosnien und Herzegowina, Sarajewo

Tel.: +387 33 295910
info[at]ahk-bih.ba
bosnien.ahk.de

Große Herausforderungen
Viele internationale Organisationen im Land riefen ebenfalls zu Hilfsaktionen auf. So mobilisierten die Delegation der Deutschen Wirtschaft in Bosnien-Herzegowina und der eigens gegründete Wirtschaftsverein BiH, der mehr als siebzig Mitgliedsunternehmen mit Deutschlandbezug zählt, in den ersten Tagen nach der Flut im Rahmen eines humanitären Fußballturniers für die Flutopfer viele Firmen zu einer Hilfsaktion. Unter der Koordination der AHK wurden so Sachspenden im Wert von über zehntausend Euro gesammelt und in die betroffenen Städte Zepce, Maglaj, Modrica, Doboj und Šamac gebracht. Nur eine von vielen Hilfsaktionen, an denen sich die zum Teil selbst betroffenen Unternehmen beteiligten.
Wie schnell sich das ohnehin schon wirtschaftlich fragile Bosnien-Herzegowina von der Naturkatastrophe erholen wird, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Eine große Herausforderung wird es sein, nicht nur die entstandenen Flutschäden schnellstmöglich zu sanieren, sondern auch den nicht betroffenen und gut funktionierenden Unternehmen, die mit ihren Produkten und Kow-how auf den Weltmärkten wettbewerbsfähig sind, mittel- und langfristig Geschäftspartner im In- und Ausland zu sichern und neue Investitionen ins Land zu holen. Hier ist in erster Linie die Regierung gefragt. Allen interessierten deutschen Unternehmen steht natürlich weiterhin das Delegiertenbüro der Deutschen Wirtschaft in Sarajewo als Ansprechpartner für Informationen und Unterstützung beratend zur Seite.

Die Autorin
Lejla Hujić ist zuständig für Öffentlichkeitsarbeit und Marketing bei der Delegation der Deutschen Wirtschaft in Bosnien-Herzegowina in Sarajewo.

Dieser Beitrag ist erschienen in Ost-West-Contact 07/2014.