Kongress Länderrisiken: Russland unter Beobachtung

Jutta Falkner moderierte den Russland-Workshop beim Coface Kongress © S. Sämmer
Jutta Falkner moderierte den Russland-Workshop beim Coface Kongress © S. Sämmer

MAINZ. Das Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und den USA wird eher nicht zustande kommen. Das prognostizierte Günter Verheugen, ehemaliger Vizepräsident der Europäischen Kommission und EU-Kommissar für Unternehmen und Industrie, in seiner Gastrede zum Kongress Länderrisiken der Coface am 8. Mai in Mainz. Vor allem der Agrarlobbyismus sowohl in den USA als auch in der Europäischen Union stünde einer Transatlantischen Handels- und Investitionspartnerschaft entgegen. Gute Chancen dagegen sieht Verheugen, Professor für Europa-Studien an der Europa-Universität Viadrina, für ein Freihandelsabkommen zwischen Japan und der EU. Auch sei es kein Problem, ein Abkommen zwischen der Zollunion, der Russland, Belarus und Kasachstan angehören, und der EU auf den Weg zu bringen. Wenn man es sich zutraue, solche Vereinbarungen mit den USA zu verhandeln, sollte ein Abkommen auch mit der Zollunion machbar sein, so Verheugen. Er mahnte an, dass man Russland einen angemessenen Platz in Europa geben müsse. Allerdings stünden „echte Sanktionen“ näher bevor, als man denke. Diese würden vor allem den Finanzsektor betreffen. Schon heute hätten die Sanktionen fatale wirtschaftliche Folgen.

Günter Verheugen rechnet nicht mit einer Einigung beim Freihandelsabkommen zwischen EU und USA. © S. Sämmer
Günter Verheugen rechnet nicht mit einer Einigung beim Freihandelsabkommen zwischen EU und USA. © S. Sämmer

Konkrete Auswirkungen der Ukraine-Krise
Auch im Workshop „Fairness: Hindernisse in Russland überwinden“, moderiert von OWC-Chefredakteurin Jutta Falkner, beklagten die Panel-Teilnehmer konkrete Auswirkungen der aktuellen politischen Auseinandersetzungen auf ihr Geschäft. Zu Beginn der Diskussion erläuterte Coface-Analyst Dirk Bröckelmann Aussichten für Russland. Das Land rangiert momentan in der Risikobewertung in der Kategorie B – im April hatte Coface Russland in der Länderbewertung auf Beobachtung mit negativem Ausblick gesetzt. Die Lage der Unternehmen sollte sich weiter verschlechtern, schätzte Bröckelmann ein, schon jetzt sei die Kreditaufnahme schwierig. Das private Bankensystem sei instabil und Coface nehmen eine verstärkte Verschuldung im privaten Sektor wahr. Insgesamt sehe Coface ein problematisches Geschäftsumfeld, es gebe Defizite beim Schutz von Eigentumsrechten und Schwächen im Bereich Infrastruktur. Beim Kampf gegen die Korruption liege Russland auf den hinteren Rängen.
Die Entscheidungen zur Übernahme von Exportkreditgarantien durch die staatliche Kreditversicherung Hermes würden gegenwärtig langsamer gefällt und die Projekte würden genauer geprüft, erklärte Elke Wurth-Weis, Direktorin im Bereich Financial Institutions & Structured Finance der Bayerischen Landesbank. Auch die Bayerische Landesbank habe Russland in der Risikoeinschätzung herabgestuft. Für die Ukraine würden momentan keine Exportkreditgarantien von Hermes übernommen.

Keine konkreten Ausstiegspläne
Rechtsanwalt Stanislav Rogojine, Leiter der Russian Business Group bei PwC, Berlin, sieht verstärkten Beratungsbedarf bei den deutschen Unternehmen, die in Russland aktiv sind. Inzwischen würden auch Exit-Strategien diskutiert, allerdings gebe es keine konkreten Vorhaben für einen Ausstieg deutscher Unternehmen aus ihren Investments in Russland im realen Sektor. Anders sehe das bei den institutionellen Investoren aus, die ihr Kapital natürlich aus dem Land bringen müssen, wenn eine bestimmte Risikobewertung unterschritten wird.
Uwe Gliemann, Generaldirektor des Messgeräte-Herstellers SICK Flow Solution Llc, Moskau, betreut gegenwärtig den Aufbau einer Produktion seines Unternehmens nahe Moskau. Da die Investitionsentscheidung bereits vor der Ukraine-Krise gefällt worden war, werde man das Projekt auch zu Ende bringen. Gliemann empfahl den deutschen Unternehmen, die Produkte in Russland verkaufen oder produzieren wollen, dem Zertifizierungsprozess große Aufmerksamkeit zu schenken. Gliemann machte darauf aufmerksam, dass sich viele Vorhaben verzögerten, weil die Zertifizierung sehr viel Zeit in Anspruch nehme.
Diskutiert wurden im Workshop auch Fragen der beruflichen Ausbildung in Russland, der Lokalisierung der Produktion und der Wettbewerbssituation.
Am Coface-Kongress Länderrisiken nahmen über 500 Manager teil. Im Mittelpunkt der Diskussion standen Fragen der Risikoeinschätzung einzelner Länder und Regionen sowie Finanzierungsfragen.