Sloweniens Botschafterin Marta Kos Marko im OWC-Interview

Marta Kos Marko © Botschaft Slowenien
Marta Kos Marko © Botschaft Slowenien

Slowenien erholt sich nur langsam von der tiefen Finanz- und Wirtschaftkrise. Nicht nur im Rahmen des Privatisierungsprogramms wirbt die Regierung verstärkt um deutsche Investoren. Ost-West-Contact sprach mit Marta Kos Marko, der neuen Botschafterin Sloweniens in Deutschland, über die Reformen der Regierung, die wirtschaftlichen Beziehungen zu Deutschland und dem Westbalkan und den Vorteil dreigeteilter Mentalitäten.

OWC: Die slowenische Wirtschaft steckt immer noch in der Krise. Wie sind die Erwartungen für 2014?
KOS MARKO: Wir waren alle überrascht, als wir im Januar die Daten für das letzte Quartal 2013 bekommen haben, weil alle Vorhersagen von einer weiteren Verschlechterung ausgegangen waren. Aber das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg im Schlussquartal um 2,1 Prozent, und auch die ersten Wirtschaftsdaten für Januar und Februar waren positiv. Wir erhalten also das Signal, dass die Maßnahmen der Regierung greifen. Unsere Regierungschefin hatte übrigens schon Anfang Januar prognostiziert, dass wir im Gesamtjahr 2014 wieder ein positives Wachstum verzeichnen können. Die EU-Kommission hat die Prognose inzwischen immerhin auf -0,1 Prozent angehoben.

OWC: Welche Maßnahmen hat die Regierung zur Überwindung der Wirtschaftskrise getroffen?
KOS MARKO: Wir haben zum Beispiel als erstes EU-Land einen Banken-Stresstest durchgeführt und die Banken anschließend rekapitalisiert, sodass diese die Wirtschaft wieder mit Krediten versorgen können. Außerdem haben wir die Staatsausgaben gekürzt und Steuern erhöht. Unsere Staatsschulden sind mit 72 Prozent des BIP immer noch niedriger als in anderen EU-Ländern, auch in Deutschland. Die Regierung hat außerdem Strukturreformen durchgeführt, zum Beispiel eine Rentenreform oder die Einführung eines neuen Insolvenzrechts. Zudem wurden die Bedingungen für Volksentscheide verschärft, die in der Vergangenheit häufig dazu genutzt wurden, Reformen zu blockieren.
Darüber hinaus wurde die Privatisierung angegangen. Slowenien hatte in der Vergangenheit an Glaubwürdigkeit verloren, weil Privatisierungen angekündigt, aber nicht durchgeführt wurden.
Ende letzten Jahres haben wir Investitionskonferenzen – unter anderem in Düsseldorf – veranstaltet, wo 15 große Privatisierungsprojekte präsentiert wurden. Inzwischen sind zwei der 15 Firmen an österreichische und US-amerikanische Investoren verkauft. Zuletzt wurden die Ausschreibungen für den Flughafen Ljubljana und die slowenische Telekom veröffentlicht.

Slowenien: Vom „Musterschüler“ zum „Sorgenkind“? Im Bild: Die Hauptstadt Ljubljana © Britt/pixelio.de
Slowenien: Vom „Musterschüler“ zum „Sorgenkind“? Im Bild: Die Hauptstadt Ljubljana © Britt/pixelio.de

OWC: Slowenien hat in den vergangenen Jahren einen Imagewandel vom „Musterschüler“ zum „Sorgenkind“ erlebt. Was bedeutet dies für das Land?
KOS MARKO: Zunächst einmal haben wir uns selbst dafür geschämt, dass uns so etwas geschehen ist. Vielleicht hatten uns die Erfolge nach der Unabhängigkeit – wie der reibungslose EU-Beitritt – verwöhnt. Wir befanden uns in einer Komfortzone, in der wir uns zurückgelehnt haben. An dem Imageverlust sind wir selbst Schuld, weil wir sehr oft etwas versprochen haben, was wir nicht halten konnten. Unsere Regierungschefin hat es als ihren größten Erfolg bezeichnet, dass uns die internationale Gemeinschaft wieder glaubt. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat kürzlich beim Finanzministertreffen in Athen die Frage verneint, ob Slowenien EU-Hilfe benötigt. Das bedeutet für unser Image sehr viel.
Seit die Maßnahmen der Regierung erste Erfolge zeigen, sind auch die Bedingungen für die Kreditaufnahme Sloweniens an den internationalen Märkten viel besser geworden. Wir haben zeitweilig sechs Prozent Zinsen zahlen müssen, Deutschland 0,5 Prozent. Dies zeigt die Rolle des Images und der Psychologie. Viele hatten Angst, Slowenien könnte zahlungsunfähig werden.

OWC: War das „Musterschüler“-Image unberechtigt?
KOS MARKO: Die Slowenen wurden schon zu jugoslawischen Zeiten als „jugoslawische Schwaben“ bezeichnet. In der Krise war die Verschuldung der Privathaushalte zum Beispiel nie besonders hoch. Ich denke, dass wir eine dreifache Mentalität haben: Ein Drittel unserer Mentalität ist deutsch, das heißt, wir sind fleißig, haben gut ausgebildete Fachkräfte und wollen immer die Besten sein, das zweite Drittel ist mediterran – wir können das Leben genießen –, und das dritte Drittel ist der balkanische Einfluss, den ich gar nicht negativ sehe: Wir können besser improvisieren als die Deutschen, die unglaublich gut organisieren können. Unsere Improvisationskünste haben uns zum Beispiel nach der Wende geholfen, uns schnell auf die Westmärkte zu orientieren: Vorher gingen 60 Prozent unserer Exporte nach Jugoslawien. Plötzlich brach dieser Markt weg, und heute gehen 70 Prozent unserer Exporte in die EU.

OWC: Welche Bedeutung hat Deutschland heute als Wirtschaftspartner für Slowenien?
KOS MARKO: Deutschland hat eine große Bedeutung für Slowenien. Alle Entwicklungen auf dem deutschen Markt bekommen wir zu spüren: Wenn sich die Nachfrage in Deutschland positiv entwickelt, steigt unser Export. Ein Fünftel unserer Ausfuhren geht dorthin. Zwischen 2001 und 2013 ist der bilaterale Warenaustausch um drei Viertel auf 8,7 Milliarden Euro gestiegen. Dabei haben wir einen Außenhandelsüberschuss mit Deutschland. Das zeigt, dass wir etwas produzieren können, was auf dem deutschen Markt Abnehmer findet. Slowenien ist ein wichtiger Zulieferer für die Automobil-, Elektro- und chemische Industrie.

OWC: Wie sieht es bei den Investitionen aus?
KOS MARKO: Deutschland ist nur auf dem vierten Platz unter den Herkunftsländern ausländischer Investitionen hinter Österreich, der Schweiz und Italien. Nicht einmal sieben Prozent aller Auslandsinvestitionen in Slowenien kommen aus Deutschland. Es gibt jetzt aber viel mehr Möglichkeiten zum Beispiel im Rahmen unseres Privatisierungsprogramms. Ich wünschte mir, dass es noch mehr Investoren aus Deutschland gäbe. Bisher hat sich gezeigt, dass Unternehmen, die von deutschen Firmen übernommen wurden – zum Beispiel von BSH oder Hella – bis heute sehr gut arbeiten. Wenn die Deutschen sich überlegen, nach Slowenien zu kommen, machen sie das aus einem ernsthaften Interesse, sich dort zu engagieren.

OWC: Wie entwickeln sich die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen mit Ex-Jugoslawien, insbesondere nach dem EU-Beitritt Kroatiens im Vorjahr?
KOS MARKO: Wir freuen uns sehr, dass Kroatien Mitglied der EU geworden ist, und wir werden uns noch mehr freuen, wenn alle ex-jugoslawischen Staaten EU-Mitglieder sind. Mit dem westlichen Balkan teilen wir die Sprachkentnisse und Mentalität, und ein Vierteljahrhundert nach der Auflösung Jugoslawiens sind die politischen Verhältnisse für unser Land geklärt. Slowenien unterstützt Serbien und Montenegro auf dem Weg in die EU. Von unseren Exporten gehen 14 Prozent ins ehemalige Jugoslawien. Darüber hinaus entfallen 70 Prozent unserer Auslandsinvestitionen auf den westlichen Balkan, das sind fast vier Milliarden Euro.

OWC: Welche Rolle spielt Slowenien als Eingangstor auf den westlichen Balkan?
KOS MARKO: Ich kann mir gut vorstellen, dass deutsche und slowenische Unternehmen gemeinsam die Märkte Ex-Jugoslawiens erschließen. Dazu kommt: Die Krise um die Ukraine zeigt die Bedeutung eines stabilen politischen Umfelds. Slowenien ist zwar klein, aber es bietet als EU-Mitglied ein sicheres Investitionsumfeld und ist damit ein idealer Ausgangspunkt für Investitionen im ehemaligen Jugoslawien – ein Potenzial, das noch lange nicht erschöpft ist.

Das Gespräch führte Christian Himmighoffen.

Dieser Beitrag ist erschienen in Ost-West-Contact 05/2014.