Regionalporträt: Für die Zukunft nach Tambow

Die Region Tambow liegt rund 400 Kilometer südlich von Moskau. © OWC
Die Region Tambow liegt rund 400 Kilometer südlich von Moskau. © OWC

Ende März reiste der neue Vorsitzende des Deutsch-Russischen Forums (DRF), Matthias Platzeck, mit einer zehnköpfigen Delegation auf Einladung der Arbeitsgruppe Zukunftswerkstatt des Petersburger Dialogs nach Tambow. Zur Tagung ging es von Moskau aus im russischen Schlafwagen. Für alle Mitreisenden war Tambow unbekanntes Terrain.
Tambow ist eine Provinzhauptstadt wie jede andere in Russland, mit einer großen Leninstatue auf dem Leninplatz, von dem die Karl-Marx-Straße abgeht, mit neuen Geschäftsgebäuden neben alten Holzhäusern, modernen Wohnsiedlungen am Stadtrand, einer Administration auf der Suche nach dem richtigen Weg in die Zukunft, Taxifahrern, die finden, dass früher alles besser war, und Menschen, die stolz sind auf ihre Heimatstadt.
Ende März, als die deutsche Delegation des Petersburger Dialogs in Tambow eintraf, waren die Krim von Russland bereits annektiert und die ersten beiden Sanktionsstufen der Europäischen Union bereits in Kraft gesetzt. Die Schlacht in den Medien um die Deutungshoheit der Ereignisse war in vollem Gange. Aber Gouverneur Oleg I. Bentin ging in seiner Begrüßungsrede nicht auf die aktuellen Auseinandersetzungen ein. Er sagte nur: „Es ist wichtig, dass man den Dialog fortsetzt. Die jetzige Periode kann uns weiterbringen. Härtere Rahmenbedingungen schweißen zusammen.“
Und das war ein geschickter Übergang zu den Äpfeln in seiner Region. Auch die neue Apfelsorte, die Anfang des vergangenen Jahrhunderts gezüchtet wurde, habe sich den härteren Bedingungen angepasst, sagte Bentin. Die Administration fördere innovative Technologien in der Landwirtschaft – Tambow habe die fruchtbarsten Böden in ganz Russland.

 

Der Leninplatz im Stadtzentrum von Tambow © OWC/jf
Der Leninplatz im Stadtzentrum von Tambow © OWC/jf

Gute Zuwachsraten in der Landwirtschaft
42 Prozent der 1,1 Millionen Einwohner der Region leben auf dem Land. Die Region ist einer der führenden Hersteller von Zucker, Alkohol, Apfelsaftkonzentrat und Tabakwaren in Russland. Beim Treffen der Zukunftswerkstatt sprachen die Tambower Delegationsmitglieder lieber über die Agrarwirtschaft als über die Krim.
Die Landwirtschaft der Region erwirtschaftete im vergangenen Jahr 16 Prozent des Regionalproduktes. Es gibt 328 Agrarbetriebe, 2.500 Farmen und 276.000 private Bauernhöfe. Früher wurden 35 Prozent der Böden nicht bewirtschaftet, viel Geld sei in den Bereich geflossen und war dann verschwunden, erklärt Alexander A. Korentschuk, Leiter der Abteilung Innovation und internationale Zusammenarbeit der Administration. Jetzt seien alle Böden verkauft – entsprechend gut entwickelt sich die Branche. 2013 wurden drei Millionen Tonnen Getreide geerntet, die Produktion von Raps und Mais als Futter für die Viehwirtschaft wird Jahr für Jahr gesteigert. Die Fleischproduktion ist im vergangenen Jahr um 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr gewachsen, in diesem Jahr erwartet man einen Zuwachs von 30 Prozent. Große Summen werden in den Aufbau der Fleischproduktion gesteckt, 2015 sollen 500.000 Tonnen Fleisch in der Region Tambow produziert werden, 2,5-mal mehr als 2012.
„Früher haben wir Getreide exportiert und alles daran gesetzt, diese Exporte zu erhöhen“, sagt Korentschuk. „Heute sehen wir die Sache anders: Wir brauchen keine Exporte, wir versorgen Russland und bauen Pflanzen zum Verfüttern an, damit wir eine ordentliche Viehwirtschaft in Tambow aufbauen können.“
Die Agrarinstitute der Region kooperieren seit einigen Jahren mit dem Agro-Forschungsinstitut in Güstrow. Allerdings: „Wir können die Erfahrungen der Deutschen nicht direkt übernehmen, aber der Dialog ist wertvoll“, so Korentschuk.

Seit zehn Jahren auf der Grünen Woche
Seit zehn Jahren nimmt die Region Tambow an der Grünen Woche in Berlin teil. Genauso wie in Deutschland ist man auch in Tambow auf dem Bio-Trip. Aber in der russischen Provinz studieren nicht junge, gutverdienende Eltern die Inhaltsstoffe auf den Verpackungen – in Tambow ist biologischer Anbau Staatsdoktrin. „Man braucht gesunde Bürger“, erklärt der Gouverneur und beruft sich auf den Dichter Edmund Vernatzky, der erklärt habe, man müsse alles für die Gesundheit der Bürger tun.
Trotz Messe-Teilnahme und Bio-Produktion – bisher importieren die Deutschen keine Landwirtschaftsprodukte aus Tambow. Lediglich die Franzosen kaufen in Tambow Honig ein. Tambow ist berühmt für seinen Honig – drei Bienen im Wappen der Stadt zeigen, dass die Imkerei schon lange und erfolgreich in Tambow betrieben wird.
Die wichtigsten Außenhandelspartner der Region waren von Januar bis September 2013 die Ukraine mit einem Anteil von zehn Prozent vor Usbekistan, Aserbaidschan und Turkmenistan. Über die Hälfte der Lieferungen sind Maschinenbauprodukte. Die chemische Industrie hat einen Anteil von etwa 19 Prozent, die Landwirtschaft bringt es auf 14 Prozent.

 

Treffen der AG Zukunftswerkstatt im Theater der Stadt © OWC/jf
Treffen der AG Zukunftswerkstatt im Theater der Stadt © OWC/jf

Umfangreiche Förderung für den Mittelstand
Über die Landwirtschaft können die Deutschen nicht reden, nur ein Teilnehmer kommt aus der Branche: Michael Ritter, der Finanzchef des Landmaschinenherstellers OOO Claas in Krasnodar. Zur Delegation gehören neben Alexander Rahr, Forschungsdirektor im Deutsch-Russischen Forum und Vorsitzender der Arbeitsgruppe Zukunftswerkstatt, der die Reise organisierte, Anwälte, Consulter, ein Öl- und Gasexperte sowie Journalisten. Ratschläge geben sie trotzdem: „Wenn man die Landwirtschaft fördern will, braucht man ein funktionsfähiges Versorgungs- und Zuliefersystem.“
Beim Thema Mittelstand sind die Deutschen dann prädestinierte Partner. Schließlich gibt es in Deutschland 1.300 Hidden Champions. In Russland: wahrscheinlich keinen. In Tambow beschäftigen 27.900 kleine und mittelständische Firmen 26,3 Prozent der Erwerbstätigen.
Michael Harms, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der AHK Russland, zählt auf, welche Rahmenbedingungen für die Entwicklung eines mittelständischen Unternehmens vorhanden sein müssen, und Matthias Platzeck gibt seine Erfahrungen als Ministerpräsident des Landes Brandenburg zum Besten. Er spricht von Inkubationszentren an der Universität als Keimzelle für den innovativen Mittelstand. Die neuen Bundesländer, so Platzeck, wären ein guter Partner für den Erfahrungsaustausch mit Tambow.

Technische Universität, Inkubationszentren, Start-ups
Auch Tambow hat eine Technische Universität mit Inkubationszentren und zahlreichen Ausgründungen. Der Gouverneur hat Gründer zum Gespräch eingeladen, Start-ups, die den Deutschen ihre Unternehmensgeschichte erzählen und über das Fördersystem für den russischen Mittelstand in der Region berichten. Alexander Rusajew hat nach seinem Studium an der Technischen Universität Tambow 2010 mit zwei Kommilitonen das Unternehmen TN Group gegründet. Damals war er 21 Jahre alt. Er entwickelt Navigationssoftware und stellt inzwischen auch eigene Hardware im Bereich Monitoring her. Einen großen Teil seines Geschäftes macht der Kundendienst aus. Zum Start seines Businesses erhielt er 250.000 Rubel, etwa 5.000 Euro, als Zuschuss und kostenfrei Räumlichkeiten in einem Business­zentrum, dem Regional Center for Management and Cultur in Tambow. Zehn bis 15 Firmen residieren hier, vorrangig IT-Unternehmen, erzählt die Managerin Olga Lapzowa. Bevor ein Student oder Absolvent mit seiner Firma in ihr Reich darf, müsse er eine Prüfung zu Marketing und Finanzierungsfragen bestehen. „Danach nehme ich die Unternehmen unter meine Fittiche und gebe ihnen das Wissen, das sie brauchen, um erfolgreiche Unternehmer zu werden.“

TN-Group-Gründer Alexander Rusajew (r.) und Mitarbeiter © OWC/jf
TN-Group-Gründer Alexander Rusajew (r.) und Mitarbeiter © OWC/jf

Russische Zulieferfirmen fehlen
Rusajew hat heute einhundert Mitarbeiter und erwirtschaftet einen Umsatz von etwa vier Millionen US-Dollar – mit einem Profit von 20 Prozent. Nach dem ersten Zuschuss, den die TN Group vor vier Jahren vom Staat erhielt, gab es noch einmal eine Förderung in Höhe von zwei Millionen Rubel, etwa 40.000 Euro. Die jungen IT-Spezialisten wollen Marktführer im Bereich Monitoring in Russland werden. Ihre Tage im Business Center sind gezählt, denn wenn die Firmen erfolgreich laufen, müssen sie sich andere Räumlichkeiten auf dem Immobilienmarkt suchen.
Auch die anderen Jungunternehmer unterstrichen die gute Zusammenarbeit mit der Adminstration – vor allem die Fördermittel der Regionalregierung. Vitali Kulagin, ehemals Vertriebsmitarbeiter der Sparte Traktoren der Kirow-Werke in St. Peterburg, kam nach Tambow, um hier sein eigenes Geschäft – nahe am Kunden – aufzubauen. 2007 hat AgroTexMasch Terrion ein Grundstück erhalten, heute produziert das Unternehmen drei verschiedene Traktoren-Modelle. Prob­leme gibt es nicht mit der Region, sondern mit fehlenden russischen Zulieferfirmen – fast alle Teile werden für teures Geld importiert –, mit der Gesetzgebung und der Quotenregelungen des russischen Staates, die einzelne Landmaschinenhersteller im Lande begünstigen.
Kleine und mittelständische Unternehmen erwirtschaften heute 25 Prozent des Regionalproduktes von Tambow. Das größte Unternehmen der Region, so der Vizegouverneur, bringt es auf einen Umsatz von gerade einhundert Millionen US-Dollar. „Ist das nicht auch Mittelstand?“, fragt er die Deutschen.

Politik als Störfaktor
Beim Abendessen wird auf die Freundschaft getrunken. Matthias Platzeck fühlt sich sichtlich wohl. „In Deutschland ist es momentan nicht ganz einfach, sich als Freund Russlands zu bezeichnen“, erklärt er mit Blick auf die Medienschelte, die er nach seiner Wahl zum Vorsitzenden des Deutsch-Russischen Forums für seine Bekenntnis zu Russland einstecken musste. Bei den Trinksprüchen lässt man die Freundschaft hochleben, das Vertrauen, den Dialog. Den Trinkspruch auf die Frauen vergisst man an diesem Abend.
Am anderen Tag wollen die Russen dann doch noch über die Krise reden. Unterschiedliche Sichten werden ausgetauscht, aber es wird kein Streitgespräch. Die Teilnehmer – nicht nur Matthias Platzeck – sind Russland zugetan. Alle arbeiten seit Jahren mit russischen Partnern zusammen.
Man diskutiert lange. Jeder kann mitreden, wenn es um Frieden, Völkerrecht und die Medien geht. Als man feststellt, dass die Zeit zu weit fortgeschritten ist, um dem Traktorenhersteller AgroTexMasch einen Besuch abzustatten, bedauert man zutiefst, dass die Krise diese Zeit gestohlen hat. Zwei Stunden bleiben für eine Tour zu einer Schule mit landwirtschaftlicher Ausrichtung, die im September 2012 eröffnet wurde. Der Gouverneur hat sie als Berufsschule angepriesen mit den Schwerpunkten Chemie, Biologie, Agrotechnik und Soziologie. Die Deutschen sind Feuer und Flamme, in der Hoffnung, hier die Wurzel für ein duales Ausbildungssystem zu finden. Tatsächlich handelt es sich aber um eine normale Schule von der 5. bis zur 11. Klasse. Allerdings gibt es große Schulgärten, Pflanzen verschönern die Klassenzimmer, für die Erstklässler stehen Schlafräume für den Mittagsschlaf zur Verfügung. Schon früh dürfen die Schüler auf einen Traktor steigen und den Führerschein erwerben. 30 solcher Schulen existieren in der Region. Die Schüler aus den umliegenden Dörfern finden hier zusätzliche Angebote, um später im Landwirtschaftsbereich leichter Fuß fassen zu können. Für die Eltern wurden Beratungsstellen für Ackerbau und Viehzucht an der Schule eingerichtet. Wer Fragen hat zum Maisfeld hinter dem Hof oder zur Aufzucht der Kälber – in der Schule geben Experten Antwort. Politik der Regionaladministration ist es, Traditionen auf dem Lande zu bewahren, wie Korentschuk erklärt. Und das sollen schon die Jungen spüren. Ob aus den Schülern tatsächliche erfolgreiche Agraringenieure oder Bauern werden, bleibt abzuwarten. Die Redakteurin der Schülerzeitung jedenfalls, Irina Kolumlina, hat mit Landwirtschaft nicht viel am Hut. Sie sieht ihre Zukunft eher beim Fernsehen. Als sie Matthias Platzeck fragt, ob es solch moderne Schule wie die ihre auch in Deutschland gibt, muss er verneinen. Ob denn ein Schüleraustausch möglich sei? Platzeck will sich kümmern.
Als die Gäste in den Nachtzug von Tambow nach Moskau stiegen, hatten sie eine Menge über die Region gelernt. Ob sich daraus Kooperationsprojekte ergeben, wie die russische Seite sicher hofft, bleibt abzuwarten. Eine gute Basis für die Zukunft, so wie man es für eine Zukunftswerkstatt erwartet, war das Kennenlernen allemal.

Dieser Beitrag ist erschienen in Ost-West-Contact 05/2014.