Linde in China: Langfristigkeit zahlt sich aus

2013 feierte Linde in Xiamen 20-jähriges Jubiläum. Insgesamt 100.000 Gabelstapler sind in den 20 Jahren in Xiamen vom Band gelaufen. © CC/pt
2013 feierte Linde in Xiamen 20-jähriges Jubiläum. Insgesamt 100.000 Gabelstapler sind in den 20 Jahren in Xiamen vom Band gelaufen. © CC/pt

Obwohl Xiamen, im Süden der Provinz Fujian direkt an der Taiwan-Straße gelegen, zu den vier Sonderwirtschaftszonen gehört, die zu Beginn der Reform- und Öffnungspolitik gebildet wurden, um ausländisches Kapital anzuziehen, ist das deutsche Engagement in der Stadt eher überschaubar. Größte deutsche Investition ist das Gabelstapler-Werk von Linde. Im vergangenen Jahr feierte das Unternehmen in Xiamen sein 20-jähriges Jubiläum, Linde selbst blickt auf eine 100-jährige Geschichte zurück. Ob das Produktionsvolumen im Xiamener Werk im globalen Linde-Geschäft im selben Verhältnis steht wie die Geschichte von Gruppe und Niederlassung in Xiamen, also ein Fünftel ausmacht, frage ich den Geschäftsführer der Linde (China) Forklift Truck Corp., Ltd., Quek Ching Pong. Das bringt ihn ins Grübeln. Über derartige Zahlen wird bei Linde nicht gesprochen. China ist aber neben den USA derzeit der wichtigste Treiber für das Geschäft mit Gabelstaplern. Im vergangenen Jahr habe das chinesische Marktvolumen bei knapp 250.000 Fahrzeugen gelegen, »ein Viertel des globalen Marktes«. Das Linde-Geschäft wächst in China seit Jahren im zweistelligen Bereich und unter den internationalen Anbietern ist das Unternehmen in China die Nummer eins.

Großer Fisch im kleinen Teich

Dafür dass Linde sich vor zwei Jahrzehnten für den Standort Xiamen entschieden hat, gibt es eigentlich nur einen Grund: Der Joint-Venture-Partner hatte seinen Sitz in der Stadt. Heute sagt Quek Ching Pong, der seit fast einem Jahrzehnt dem Unternehmen vorsteht, dass Xiamen ein idealer Platz ist, um nicht nur in China Geschäfte aufzubauen, sondern auch die Märkte in der Asien-Pazifik-Region zu erschließen. Er lobt die weltoffenen Behörden der relativ kleinen Stadt, die bereit sind, unkompliziert Probleme von Unternehmen zu lösen, egal ob sie klein oder groß sind. »Damit unterscheidet sich Xiamen von anderen Standorten, wo viel mehr deutsche Unternehmen sind.« Hier sei es leichter, die notwendigen Kontakte zu knüpfen, meint der Manager und fügt an: »Als großer Fisch im kleinen Teich wirst du mehr beachtet.« Der Ehrenbürger der Stadt Xiamen wirbt dafür, dass deutsche Unternehmen dies bei der Standortwahl berücksichtigen. »Kommen mehr deutsche Firmen, wird auch Lufthansa keinen Bogen mehr um die Stadt fliegen.«

Paten für das Joint Venture waren Helmut Kohl und Li Peng. Investiert wurden 1,7 Milliarden Yuan in die insgesamt 220.000 Quadratmeter große Fabrik. »Zur damaligen Zeit war dies ein großes Projekt«, sagt Quek. Viel wichtiger sei aber gewesen, dass Linde auf eine langfristige China-Strategie gesetzt habe. Daran hat sich auch nichts geändert, als sich die Joint-Venture-Partner 1999 entschieden haben, künftig getrennte Wege zu gehen und das Linde-Werk in Xiamen zu einer hundertprozentigen Tochtergesellschaft wurde.

1994 wurden gerade einmal 175 Fahrzeuge verkauft, bis 2008 waren es insgesamt 50.000, so viele, wie in den folgenden fünf Jahren produziert wurden. Wurden anfangs nur fünf Modelle aus zwei Serien gebaut, sind es heute 200 Modelle aus 31 Serien, macht Quek Ching Pong die Entwicklung seines Unternehmens deutlich.

Noch überwiegen Diesel-Fahrzeuge

Dabei überwiegen Diesel-Fahrzeuge im Vergleich zu elektrisch betriebenen zahlenmäßig. »In Deutschland ist das genau umgekehrt«, so der Manager, dem bewusst ist, dass auch in seinem Sektor der E-Mobilität in China die Zukunft gehören muss, allein aus Umweltgesichtspunkten sei das notwendig. Noch zögen chinesische Kunden die Diesel-Fahrzeuge vor. Das mag daran liegen, dass sie diese für verlässlicher halten, insbesondere dann, wenn sie auf schwierigem und unebenem Terrain eingesetzt werden sollen. Die Frage sei zudem, ob die Regierung bereit sei, auch für E-Gabelstapler Subventionen zu gewähren und damit ihren Einsatz zu fördern. Bei Autos macht sie es bereits. »Wir stehen jedenfalls ganz klar hinter umweltfreundlichen Technologien wie elektrisch betriebenen Gabelstaplern.«

Bei der Diskussion um dieses Thema wird deutlich, worauf der Erfolg eines Unternehmens wie Linde in China außerdem gebaut ist: Forschung und Entwicklung. Etwa 250 Entwicklungsingenieure arbeiten bei Linde in Xiamen. Ende des Jahres sollen es 300 sein. Inzwischen gibt es eine klare Arbeitsteilung, wobei es auch zu Synergien in der Arbeit kommt: Das Forschungs- und Entwicklungszentrum in Deutschland konzentriert sich auf die entwickelten Märkte, das in Xiamen auf die sich entwickelnden. Ging es anfangs noch darum, vor allem technische Unterstützung beim Technologietransfer zu sichern, wird heute für die Wachstumsmärkte entwickelt. Dabei seien mehrere Etappen durchlaufen worden, so der Manager: Von der Entwicklung in China für China über die Entwicklung in China für Asien bis zur heutigen Entwicklung in China für die Wachstumsmärkte. Bei der Fahrzeugentwicklung für die Wachstumsmärkte müssten andere Aspekte berücksichtigt werden als in entwickelten Märkten. In China sind das beispielsweise die Abgasnormen für Dieselmotoren: Seit Juli 2013 gilt die den europäischen Abgasnormen angepasste China-3-Norm, ab kommendem Jahr soll es bereits die China-4-Norm sein. »Die Entwickler müssen dicht an den Kunden sein, um auf deren Bedürfnisse reagieren zu können.« Dem Zeitfaktor kommt dabei eine besondere Bedeutung zu.

Das gilt für den Service ebenso. Die Produktion, weitgehend automatisiert, ist mit rund 750 Arbeitern »sehr schlank«. Das Gros der insgesamt 2.500 Linde-Angestellten in China ist im Service tätig, darunter 700 speziell ausgebildete Ingenieure. Über das gesamte Land wurde in den vergangenen Jahren ein dichtes Service-Netz gespannt. Die Kapazitäten reichen für 90.000 Fahrzeuge. Quek Ching Pong unterstreicht, dass Langfristigkeit auch bedeutet, für einen langen Lebenszyklus der von seinem Unternehmen produzierten Gabelstapler zu sorgen. Etwas blumig sagt er: »Ich betrachte jedes Fahrzeug als unser ›Baby‹. Welche Eltern wollen nicht, dass ihr ›Baby‹ lange gesund bleibt?« Die Dichte des Service-Netzes hat noch einen anderen Grund: Autos könnten in die Werkstatt gefahren werden, Gabelstapler müssten dagegen beim Kunden gewartet werden.

Ohne gut qualifiziertes Personal kann sowohl in der Produktion als auch in Forschung und Entwicklung oder im Service die Linde-Qualität nicht gesichert werden. Immerhin gelten die Gabelstapler von Linde als »Mercedes unter den Gabelstaplern«. Allein auf den lokalen Arbeitsmarkt kann sich das Unternehmen daher nicht verlassen, obwohl es in Xiamen eine Reihe guter technischer Ausbildungseinrichtungen gibt. »Wir haben daher von Anfang an das deutsche Duale System mitgebracht«, sagt Quek Ching Pong. Viele Facharbeiter, die bei Linde in Xiamen arbeiten, wurden im Unternehmen ausgebildet. Die Service-Mitarbeiter durchlaufen eine anderthalbjährige Ausbildung und mit den lokalen Hochschulen werden Lehrinhalte abgestimmt. Als Marktführer habe Linde einen Namen zu verteidigen, sagt der Manager. Bei der Ausbildung der Mitarbeiter fange das an. Und er ergänzt: »Als Unternehmen brauchen wir eine Entwicklungsperspektive. Die Mitarbeiter brauchen diese auch.« Auch diese Maxime gehört zu den Erfolgsrezepten von Linde in China. Peter Tichauer

Dieser Beitrag ist erschienen in ChinaContact 05/2014.