Die Brücke wird von beiden Seiten aufgebaut

Markus Wittmann
Markus Wittmann ist seit Sommer 2013 Leiter der Bayern-Vertretungen in China. © Wittmann

Bayern intensiviert seine Wirtschaftsbeziehungen mit China. Nachdem der Freistaat bereits seit fast zwei Jahrzehnten eine Vertretung in Shandong hat, wird in Kürze im südchinesischen Shenzhen eine zweite China-Repräsentanz eröffnet. Künftig soll vor allem das Engagement innovativer kleiner und mittlerer Unternehmen intensiviert werden, und zwar in beiden Richtungen, unterstreicht der Leiter der beiden Bayern-Büros in China, Markus Wittmann, im Gespräch mit ChinaContact-Chefredakteur Peter Tichauer.

Herr Wittmann, Bayern hat vor wenigen Wochen erklärt, die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit China weiter zu intensivieren. Worum geht es konkret?
Seit dem ersten China-Besuch von Franz Josef Strauß Mitte der 1970er Jahre verfolgt Bayern eine langfristige Strategie in der Zusammenarbeit mit China. Dabei haben wir uns auf zwei Partnerprovinzen konzentriert: Mit Shandong besteht die Partnerschaft seit 27 Jahren, mit Guangdong seit zehn Jahren. Inzwischen ist China für viele bayerische Unternehmen einer der wichtigsten Märkte, beispielsweise für Audi und BMW. Damit gewinnt das Land auch für die Zulieferer in der Wertschöpfungskette immer mehr an Bedeutung. Heute sind bereits rund 2.000 bayerische Unternehmen im chinesischen Markt aktiv und wir wollen in den kommenden Jahren insbesondere kleinen und mittleren Unternehmen helfen, die chinesischen Chancen besser zu erkennen und zu nutzen.

Vor welchen Herausforderungen stehen gerade die kleinen und mittleren Unternehmen, die in China aktiv werden wollen?
Sowohl aufgrund der Sprache als auch der rechtlichen Anforderungen müssen die Unternehmen nach wie vor eine sehr hohe erste Hürde nehmen, um im Markt erfolgreich zu sein. China ist kein leichter Markt. Und es hängt noch sehr viel von der Unterstützung durch zuständige Regierungsstellen ab. Daher sehen wir es als Regierungsvertretung in China als unseren Auftrag, bayerischen Unternehmen genau diese Unterstützung zu geben.

Chinas Wirtschaft befindet sich in einer Umbruchphase. Welche neuen Akzente müssen in der Wirtschaftskooperation unter diesem Aspekt gesetzt werden?
China hat begonnen, seine Wirtschaft radikal umzustrukturieren, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Das Land will nicht mehr nur »Werkbank der Welt« sein, sondern mit moderner Industrie und im Dienstleistungssektor wachsen. Dabei ist die Verbesserung der Bedingungen für kleine und mittlere Unternehmen ein wichtiges Anliegen der chinesischen Regierung, etwa indem der Zugang zu finanziellen Ressourcen erleichtert wird. Von dieser Politik werden in den kommenden Jahren sicherlich auch ausländisch investierte kleine und mittlere Unternehmen profitieren können, ebenso wie vom Bestreben, eine höhere Wertschöpfung in der Produktion zu erreichen. Wenn China beispielsweise moderne Hochgeschwindigkeitszüge nach Malaysia liefert, bieten sich auch Chancen für ausländische Zulieferunternehmen aus dem Hightech-Bereich. Das ist gleichzeitig eine Möglichkeit, China als »Sprungbrett« in die asiatischen Märkte zu nutzen. Sie müssen sich jedoch klar sein, dass die Hürden hoch sind und der schon sprichwörtliche »lange Atem« notwendig ist.

Welche Chancen ergeben sich aus dem stärkeren Engagement bayerischer Unternehmen in China für die Ansiedlung chinesischer Unternehmen in Bayern?

Aussenhandel Deutschland-China 2013
Aussenhandel Deutschland-China 2013

In den vergangenen Jahren haben wir über »Invest in Bavaria« mehr als 150 chinesische Unternehmen in Bayern angesiedelt und seit drei Jahren ist China der größte Einzelinvestor bei uns. Darunter sind wichtige Investitionen, die der Sicherung des Standortes Bayern dienen, wie die Kion-Übernahme durch die Shandonger Weichai Power. Das Unternehmen aus Weifang investiert in den Aschaffenburger Standort der Linde Gabelstapler Millionen Euro. Das tut uns gut. Und es ist ein ebenso qualitativ hochwertiges Investment wie die Ansiedlung des Europa-Forschungs- und Entwicklungszentrums des Telekommunikationsausrüsters Huawei in München. In Bayern beschäftigt Huawei mittlerweile mehrere Hundert hochqualifizierte deutsche und internationale Arbeitskräfte. Die chinesischen Investitionen sind damit auch für den bayerischen Arbeitsmarkt zunehmend von Bedeutung.
Wir stellen allerdings fest, dass chinesische Investoren oft noch mit falschen Erwartungen an das Marktpotenzial zu uns kommen. Sie unterschätzen die Wettbewerbssituation und sind von den längeren Anlaufzeiten überrascht, bis sie die Gewinnzone erreichen. Hier sehen wir mehr Beratungsbedarf – für uns wird das künftig ein noch wichtigerer Bestandteil unserer Arbeit sein.

Seit zehn Jahren unterhält Bayern partnerschaftliche Beziehungen zur Provinz Guangdong. Nachdem es seit Jahren bereits eine Repräsentanz in Shandong gibt, wird erst jetzt ein Büro in Shenzhen eröffnet. Warum so spät?
Wir sind zwar nicht als Freistaat, aber als Bayern in Guangdong schon länger präsent. Bereits seit 1997 gibt es eine Partnerschaft zwischen der Region Nürnberg-Erlangen-Schwabach und Shenzhen und auch eine Nürnberg-Vertretung in der südchinesischen Stadt, die fast ebenso lange eine Vertretung in Nürnberg unterhält.
Inzwischen sind mehr als 70 bayerische Unternehmen in Guangdong aktiv, so dass es allein aus logistischer Sicht immer schwieriger wird, die notwendige Beratung aus Shandong heraus zu sichern. Letzten Endes ist China groß und wichtig genug, um zwei Bayern-Büros zu haben, ähnlich wie in den USA, wo wir sowohl an der Ost- als auch an der Westküste mit einer Vertretung sind. Zudem können wir aus Guangdong leichter Sichuan, Yunnan und andere Provinzen im Südwesten und Süden des Landes erschließen.
Ich freue mich, dass nicht nur Bayern seine Präsenz in China verstärkt, sondern auch China seine Präsenz in Bayern. In München haben wir nicht nur seit vielen Jahren eine sehr erfolgreiche Vertretung Shandongs, sondern auch die gerade eröffnete Europa-Zentrale der Provinz Guangdong. Sie sehen, die Brücke wird von beiden Seiten aufgebaut.

Sie sind seit einem halben Jahr bayerischer Repräsentant in China und derzeit vor allem mit dem Aufbau des Shenzhener Büros befasst. Wo wollen Sie außerdem in den kommenden Jahren in Ihrer Arbeit Schwerpunkte setzen?
Wie erwähnt, ist es für mich wichtig, kleine und mittlere Unternehmen aus Bayern noch intensiver auf ihrem Weg nach China zu begleiten. Gleichzeitig wollen wir insbesondere in Südchina noch stärker für chinesische Investitionen in Bayern werben und dabei selbst aktiv auf potenzielle Unternehmen zugehen und nicht nur warten, bis diese bei uns anklopfen.
Und schließlich wollen wir bisher nur wenig beachtete Bereiche stärker in den Mittelpunkt stellen, vor allem den Dienstleistungsbereich, der auch angesichts der aktuellen chinesischen Wirtschaftspolitik für ausländische Unternehmen immer attraktiver wird. Hier haben wir erste Investitionen aus Bayern, wie die Gründung des Versicherungs-Joint-Ventures der Münchener-Rück-Tochter Ergo in Jinan. Mit der Steigerung der Qualität der chinesischen Produktion wächst zudem der Bedarf an modernen Industriedienstleistungen. Chancen sehe ich des Weiteren im Gesundheitsmarkt und nicht zuletzt in der beruflichen Ausbildung, die im aktuellen Fünfjahresprogramm für die wirtschaftliche Entwicklung eine hohe Bedeutung hat. Auch für deutsche Unternehmen wie Audi in Foshan ist die Aus- und Weiterbildung von Mitarbeitern ein großes Thema. Bayerische Bildungseinrichtungen sind in China bereits aktiv. Die Hanns-Seidel-Stiftung etwa oder die Beruflichen Fortbildungszentren der Bayerischen Wirtschaft. Ich glaube aber, dass wir gerade in diesem Bereich in den kommenden Jahren noch deutlich mehr tun können. pt

Dieser Beitrag ist erschienen in ChinaContact 03/2014.