Ade, Iljuschin: Ural Airlines wirbt um deutsche Geschäftsreisende

Landung eines Airbus A320 von Ural Airlines in Prag © Jindrich Betak
Landung einer Ural-Airlines-Maschine in Prag © J. Betak

Die privat geführte Fluglinie Ural Airlines mit Drehkreuzen in Moskau-Domodedowo und Jekaterinburg hat in den vergangenen Jahren massiv investiert und zählt heute zu den modernsten Airlines Russlands. Mit europäischem Service und regelmäßigen Russland-Verbindungen ab München und Köln/Bonn will die Gesellschaft auch Touristen und Geschäftsreisende aus Deutschland gewinnen.
Für den ehemaligen Flugzeug-Navigator Aleksej Fomin war es ein trauriger Anblick: 2010 wurde die letzte Iljuschin Il-86 außer Dienst gestellt. „Mein Herz weinte, als ich zusah, wie das Flugzeug Stück für Stück in seine Einzelteile zerlegt wurde“, sagt der Vize-Chef von Ural Airlines. Er führt durch das moderne, 2009 neu erbaute Hauptquartier der Fluggesellschaft in Jekaterinburg. In den Büros zahlreicher Mitarbeiter erinnern Modelle der Il-86 an das erste sowjetische Großraumflugzeug. Doch die Iljuschin musste weg: Sie hat zu viel Treibstoff verbraucht und nach Europa durfte sie nach der Einführung neuer Lärm- und Abgasnormen seit 2004 ohnehin nicht mehr fliegen. Die Maschinen waren schlicht nicht mehr wirtschaftlich. Doch genau das mussten sie sein, denn die 1993 gegründete private Airline hatte einen schweren Start und stand um die Jahrtausendwende kurz vor dem Ruin. Als Nachfolger der Swerdlowsker Abteilung der Staatslinie Aeroflot, ausgerüstet nur mit Sowjetmaschinen, kam das Geschäft in den 90er Jahren nicht in Gang. Die Passagierzahlen sanken jährlich, die Gesellschaft machte Millionenverluste und stand 2000 vor der Versteigerung. Das Management versuchte eine Grunderneuerung – und die scheint gelungen. Heute gehören 30 moderne Maschinen zur Flotte, alle ausschließlich aus der Airbus-A320-Familie. Ural Airlines beschäftigt mittlerweile rund 2.000 Mitarbeiter, 900 davon gehören zur Kabinenbesatzung. Die soll in den kommenden Jahren weiter wachsen auf rund 1.500 Flugbegleiter, denn die Flotte wird weiter aufgestockt. Zwei bis drei neue Flugzeuge sollen allein in diesem Jahr hinzukommen.
In den zwanzig Jahren seit Bestehen hat Ural Airlines 25 Millionen Passagiere befördert, 2013 sind 4,4 Millionen Menschen mit dem Jekaterinburger Unternehmen geflogen. Besonders in den letzten drei Jahren verzeichnete die Airline ein starkes Passagierwachstum, von Jahr zu Jahr wurde etwa eine Million Menschen mehr befördert. 2013 hat Ural Airlines dadurch Erlöse in Höhe von 29,13 Milliarden Rubel (rund 590 Millionen Euro) erzielt.
Vor allem an der Effizienz haben die Jekaterinburger in den letzten Jahren gearbeitet. „Früher stand eine Maschine gern mal bis zu zwei Wochen am Boden. Heute kommen sie auf eine durchschnittliche tägliche Flugzeit von fast zwölf Stunden“, erklärt der Airline-Manager Fomin.

Die rund 430 Piloten von Ural Airlines trainieren mindestens einmal alle sechs Monate für acht Stunden im Simulator. © OWC
Die rund 430 Piloten von Ural Airlines trainieren mindestens einmal alle sechs Monate für acht Stunden im Simulator. © OWC

Eigenes Trainingszentrum
Beim Thema Service und Sicherheit legt Ural Airlines westliche Standards an. Im Gegensatz zu manch westlicher Airline und als eine von nur drei russischen Fluggesellschaften betreibt Ural Airlines ein eigenes Trainingszentrum. Gut 7,5 Millionen hat sich Ural Airlines das speziell für die Bedürfnisse des russischen Carriers angefertigte Zentrum kosten lassen und im Juli 2012 die Ausbildung seiner Piloten selbst übernommen. Einen hochmodernen Flugsimulator erwarb Ural Airlines vom weltweit größten Produzenten solcher Anlagen, Sim Industries, mit Sitz in den Niederlanden. Der Simulator läuft 20 Stunden am Tag, mindestens einmal alle sechs Monate trainiert jeder der rund 430 Piloten für jeweils acht Stunden. In diesem Jahr soll ein weiterer Flugsimulator hinzukommen, weil die Crew wächst und der Trainingsrhythmus auf vierteljährliche Trainings umgestellt werden soll. „Unsere Piloten gehören zu den besten im Land“, ist sich Nikolaj Charitonow, der Leiter des Trainingszentrums, sicher.

Heimatflughafen von Ural Airlines ist Kolzowo (Jekaterinburg). Der Airport zählte 2013 vier Millionen Passagiere. © OWC
Heimatflughafen von Ural Airlines ist Kolzowo (Jekaterinburg). Der Airport zählte 2013 vier Millionen Passagiere. © OWC

In die Sicherheit – und damit in das gute Image – investiert die Airline nicht nur bei ihrer Crew. Auch die Wartung der Maschinen soll weiter optimiert werden. 2013 haben die Bauarbeiten für einen neuen Hangar am Heimatflughafen Kolzowo (Jekaterinburg) begonnen, der im Frühjahr 2014 in Betrieb gehen soll. Dort können dann parallel bis zu vier Airbus A320 gleichzeitig gewartet werden. Später soll der Service auch anderen Gesellschaften angeboten werden, die Jekaterinburg anfliegen. Über diese Investition können sich nicht nur die Passagiere freuen: Das Wartungspersonal arbeitet bisher noch ohne Hangar an den Maschinen – bei Temperaturen von derzeit bis zu minus 30 Grad.

Unter den Top Ten
Auch mittels moderner IT-Systeme wurde die russische Airline wettbewerbsfähiger gemacht: Ural Airlines hat 2013 das europäische Reservierungssystem Amadeus eingeführt und war damit die erste russische Fluglinie, die das Programm zum Anlegen und Verwalten von Kundendaten nutzt. Außerdem hat Ural Airlines das US-amerikanische IT-System PROS Revenue Management implementiert, mit dem der Ticketverkauf kontrolliert und die Preisgestaltung optimiert werden können.

In diesem Jahr will die Airline einen zweiten Flugsimulator installieren, weil sowohl Flotte als auch Crew weiter wachsen sollen. © OWC
In diesem Jahr will die Airline einen zweiten Flugsimulator installieren, weil sowohl Flotte als auch Crew weiter wachsen sollen. © OWC

Zwischenzeitlich hat die Fluglinie außerdem das Vielflieger-Programm „Krylja“ (Flügel) aufgelegt, über das treue Kunden für jeden Flug „Bonusrubel“ bekommen, die sie für den nächsten Ticketkauf nutzen können. „Meilen oder Punkte interessieren unsere russischen Kunden weniger. Ein Cash-back-Verfahren kommt besser an“, erläutert Fomin. Weitere Bonusrubel können die Kunden bei den Partnern der Airline sammeln. Dazu zählen die Citibank, die Alfa-Bank, die Gazprombank oder die Uraler Entwicklungsbank UBRD. Auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB) Anfang März in Berlin soll eine neue Partnerschaft mit dem Mietwagen-Dienstleister Sixt bekannt gegeben werden.
Die Investitionen in die Modernisierung der Airline zeigen Wirkung. Als eine der wenigen rein privaten Gesellschaften – zu einem Großteil im Besitz des Firmenchefs Sergej Skuratow – gehört Ural Airlines mittlerweile zu den Top Ten der russischen Airlines. An der Spitze liegt der Staatsflieger Aeroflot, der von Januar bis November 2013 19,2 Millionen Passagiere beförderte, gefolgt von Transaero (11,7 Millionen) und Utair (7,6 Millionen). Ural Airlines transportierte im selben Zeitraum vier Millionen Passagiere und rangiert damit auf Platz sechs.

Wettbewerbsverzerrung
Im Wege stehen Ural Airlines vor allem die russische Regierung und deren Gesetzgebung, so scheint es. Von einem gleichberechtigten Markt könne in Russland nicht die Rede sein, sagt Fomin. Während den kleineren Airlines vor allem die hohen Importzölle auf ausländische Maschinen zu schaffen machen oder die Maßgabe, Flugzeuge aus russischer Produktion in die Flotte aufzunehmen, kann sich die staatseigene Aeroflot der Unterstützung aus dem Kreml sicher sein. Schnell wird da die Gesetzgebung mal den Bedürfnissen des Konzerns angepasst. „Das verzerrt den Wettbewerb völlig“, sagt Fomin.
Auch Aeroflot ist angehalten, russische Flugzeuge wie den Suchoi Superjet in die Flotte aufzunehmen. „Doch als Großkonzern können die es sich leisten, die russischen Maschinen am Boden zu lassen“, kommentiert der Manager von Ural Airlines. Denn: Auch Aeroflot setzt hauptsächlich auf Airbus.
Mit dem Kauf ausländischer Maschinen können die nicht staatlich subventionierten Fluggesellschaften wie Ural Airlines kaum konkurrenzfähig arbeiten. Daher setzt das Jekaterinburger Unternehmen auch auf Leasing. Doch der Leasing-Markt ist umkämpft, sagt Fomin. „Gerade als vergleichsweise noch wenig renommierte, wenig bekannte Airline war es für uns anfangs schwer, Unternehmen zu finden, bei denen wir Airbus-Maschinen leasen konnten“, sagt Fomin.

Warten auf die Allianz
Wettbewerbsfähige Angebote, effiziente und sichere Flüge sowie Service nach europäischem Standard – das ist die Strategie, die Ural Airlines auch in Deutschland verfolgt. Seit April 2012 bietet die Fluggesellschaft mehrmals wöchentlich die Verbindung von Köln/Bonn nach Moskau an. Von dort aus haben Reisende Anschlüsse in zahlreiche russische Städte wie Omsk, Tscheljabinsk, Jekaterinburg, Krasnodar, Nowosibirsk oder Rostow am Don. Seit drei Monaten verbindet Ural Airlines außerdem München mit Jekaterinburg. Die Flüge finden einmal wöchentlich jeweils am Samstag statt. Zusätzlich will sie ab April 2014 einmal pro Woche samstags von München nach Krasnodar fliegen. Mittelfristig plant Ural Airlines neben einem Ziel im Süden und in der Mitte Deutschlands auch noch eine Destination im Norden anzusteuern. Auf der ITB will Fomin unter anderem Gespräche mit dem Flughafen Bremen führen.
In eine Luftfahrtallianz wie die Star Alliance oder die oneworld Alliance, innerhalb derer mehrere Unternehmen strategisch miteinander unter anderem über Codeshare oder bei den Vielflieger-Programmen kooperieren, hat es Ural Airlines bisher noch nicht geschafft. „Wir können einer Allianz nicht einfach beitreten“, erklärt Fomin. Man wird eingeladen und muss dabei zahlreiche Standards einhalten. Die Jekaterinburger hoffen, dass bald eine Allianz anklopft. „Bis dahin“, sagt Fomin, „machen wir uns weiter attraktiv für sie.“ gh

Dieser Beitrag ist erschienen in Ost-West-Contact 03/2014.